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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

«Der Titel ist schon mal gut»
Zur René-Vautier-Werkschau im Zeughauskino

Von Matthias Dell  

Humor ist nicht das erste, was man mit politischem Aktivismus verbindet. Insofern ist die Entdeckung erstaunlich, die bei der Eröffnung der René-Vautier-Werkschau im Berliner Zeughauskino am Mittwoch zu machen war: dass man sich köstlich amüsieren kann über die Trockenheit, ja Lässigkeit, mit der ein Vertreter des Cinema militant seine Überzeugungen darlegt.

In der NDR-Filmclub-Trouvaille «Ohne Genehmigung. Selbstportrait eines engagierten Regisseurs» von 1974 ist die gesamte Inszenierung zuerst unfreiwillig komisch (wobei man natürlich nicht umhinkommt zu denken, was öffentlich-rechtliches Fernsehen, das als seine Aufgabe betrachtet, das Werk von wichtigen Dokumentaristen der Zeit vorzustellen, einmal gewesen ist) – der Ansager Gerhard Lippert vor Studio-Hintergrund, der in seiner Ansagerernsthaftigkeit einen radikalen Verfechter anti-kolonialer Bewegungen ankündigt und dabei in einer Mischung aus telepromptergleicher Aufsagesicherheit und panischen Blicken auf den viel zu großen Handzettel agiert. Und dann ein Interview, bei dem nur Vautier zu sehen ist, der wohlformulierte Fragen aus dem Off gestellt bekommt, die er scheinbar spontan mit einem Deutsch beantwortet, dass er von DIN-A4-Blättern abliest. Ein Dokument, das man umgehend für Jürgen Kuttners Videoschnipsel-Interpretationen einreichen möchte.

Und das den Schalk von Vautier schon erkennen lässt: Auf die Frage, wie er sich gewandelt habe, dass aus dem polizeilich verfolgten Regisseur (der Filmemacher hatte 21-jährig für Beobachtungen des afrikanischen Alltags unter französischer Kolonialverwaltung in AFRIQUE 50 gegen Auflagen verstoßen) ein Wettbewerbsteilnehmer beim Festival von Cannes (LES TROIS COUSIN, AVOIR 20 ANS DANS LES AURÈS) werden konnte, antwortet Vautier schelmisch – «Wieso nehmen Sie an, dass ich mich geändert habe?»

Noch bemerkenswerter ist allerdings LE REMORD (GEWISSENSBISSE), ein kurzer Film von 1973. Vautier spielt darin einen Regisseur, der nach Hause kommt, um seiner Frau von einem rassistischen Vorfall in einem Café zu erzählen. Er bezieht die Geschichte konsequent auf sein eignes Unwohlsein, obwohl die Frau (Micheline Welter) berechtigterweise nach dem Schicksal des von der Polizei drangsalierten Algeriers fragt. Der Filmemacher aber steigert sich in sein Selbstbeschäftigtsein mit der eigenen Scham hinein, und als die Frau fragt, ob er darüber nicht einen Film machen sollte, setzt er zu einer Erklärung seiner bürgerlichen Lebensbedingungen an, die er dafür opfern müsste – ein subtil und detailversessenes Elaborat («und du müsstest wieder als Sekretärin arbeiten, obwohl du die Stenografie lange verlernt hast»), dessen wahnwitzigen Übertreibungsgestus Thomas Bernhard nicht besser hätte aufschreiben können. Am Ende bleibt die Aussicht, in fünf Jahren einen Film darüber zu machen, dass er als Filmemacher eigentlich nichts sagen kann mit dem Titel LE REMORD. «Der Titel ist schon mal gut.» Feiner, indirekter und böser kann man das eigene Programm von Kino als Möglichkeit der Intervention nicht darstellen.

 René Vautier. Ohne Genehmigung. Eine Werkschau im Berliner Zeughauskino, noch bis 10. Dezember