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CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018
CARGO 41 erscheint am 22. März 2019

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Bang Bang
Auf DVD: La Vida Loca (2009) von Christian Poveda

Seine Beobachtungen unter Gang-Mitgliedern in Salvador bezahlte der Dokumentarfilmer Christian Poveda mit dem Leben: «La Vida Loca» zeigt das wilde Leben von Mitgliedern der Mara 18.

Von Bert Rebhandl  

 

Mit dem anthropologischen Phänomen der Bandenbildung habe ich mich bisher nie eingehend beschäftigt. Ich weiß allerdings noch genau, wie klar es für uns Kinder in einem oberösterreichischen Straßendorf in den siebziger Jahren war, dass wir uns zu einer Bande zusammentun mussten – nicht unbedingt, um damit gegen eine konkurrierende Bande stark zu sein (denn in Rading gehörten im Grunde alle immer zu unserer Bande, als Rivalen konnten allenfalls die ein wenig älteren Grassecker- oder Schöngruber-Buben gelten, die aber stärker Clan-Strukturen unterlagen). In der österreichischen Filmgeschichte gibt es einen ganz großartigen Bandenfilm: Ministranten von Wolfram Paulus, in dem ich viel von meiner eigenen, beschützten Kindheit wiedererkennen kann.

Von der Kindheit in einem mexikanischen Slum erzählt hingegen der amerikanische Regisseur Cary Joji Fukunaga in Sin Nombre, einem Migrationsdrama an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, in dem die Gang „Mara Salvatrucha“ eine veritable ästhetische Drohkulisse bildet: die martialischen Tätowierungen der Maristas rufen eine Tradition auf, die Mel Gibson in Apocalypto schonungslos auf den rituellen Kern des Menschenopfers zurückgeführt hat. Zu Sin Nombre gibt es so etwas wie einen dokumentarischen Zwilling, der nach kurzem Kinoeinsatz auf DVD vorliegt: La Vida Loca von Christian Poveda berichtet von Mitgliedern der Gang Mara 18 in San Salvador, der Hauptstadt von El Salvador. Zu Menschenopfern kommt es hier zwar nicht im unmittelbaren Sinn, doch auch hier steht ganz deutlich ein Totenkult im Mittelpunkt. Die Maristas versammeln sich immer wieder um die Särge von Mitgliedern, die durch die Polizei oder, häufiger, durch konkurrierende Gangs zu Tode gekommen sind.

Besonders prominent neben der Mara 18 ist die Mara Salvatrucha, die in Sin Nombre im Mittelpunkt steht. Es wäre relevant und interessant gewesen, die vielfachen Zusammenhänge zwischen den lokalen Gangs und denen in Los Angeles (zu denen sie gewissermaßen Filialen bilden) herauszuarbeiten, und vermutlich wird auch der jahrzehntelange Bürgerkrieg in El Salvador noch in irgendeiner Form mit der anhaltenden Gewalt in diesem Land zu tun haben (linke Guerilla gegen rechte, von den USA geförderte Paramilitärs, das war das Muster in nahezu ganz Zentralamerika in den 80er Jahren).

Christian Poveda ging darauf allerdings nicht ein. La Vida Loca geht ganz in der Unmittelbarkeit seiner Beobachtungen auf, und stellt auf diese Ebene ein bemerkenswertes Dokument von direktem Kino dar: auf einer Geburtstagsfeier für einen führenden Maristas beginnt eine Frau zu strippen, Joints gehen herum, Poveda ist mit seiner Kamera mittendrin. Den Verdacht, er mache sich vielleicht zu schnell mit den Maristas gemein, kann er nur durch Dramaturgie entschärfen.

Er erzählt die Geschichten von einigen Salvadorianern, die entweder der Mara 18 angehören oder Schwierigkeiten haben, sich deren Einfluss zu entziehen. Erick, ein Teenager mit unabgeschlossener Schule, wird mehrmals einer Jugendrichterin vorgeführt, die überprüft, wie er sich durchschlägt. Er muss schließlich doch ins Gefängnis, konvertiert dort zu einer christlich-evangelikalen Sekte, und hält Jesus für die Lösung aller seiner Probleme. Sein Betreuer sieht die Sache ohne Illusionen: Jesus gerät nach der Entlassung schnell in Vergessenheit. Ericks Chancen stehen aus einem anderen Grund nicht ganz so schlecht: Er hat sich nie tätowieren lassen, hat also das stolz getragene Stigma der Maristas nicht angenommen und könnte deswegen auf eine Reintegration in die Zivilgesellschaft hoffen.

Ganz anders ist das bei Ana Griselda, die gerade zum zweiten Mal Mutter geworden ist (und daraufhin sofort sterilisiert wurde, ganz klar wird nicht, ob auf eigenes Verlangen oder auf „gutes Zureden“ von wem auch immer). Sie trägt eine fette 18 quer über die Stirn, und muss im Verlauf von La Vida Loca zweimal ins Gefängnis. Besonders eingehend erzählt Poveda die Geschichte von „Janet“, die bei Gang-Auseinandersetzungen ein Auge verloren hat und nun operiert werden soll – die letzte Einstellung von ihr zeigt, wie sie sich stolz die wiederhergestellten Lider schminkt. Dann schneidet Poveda, in der nächsten Szene ist Janet tot. Bang Bang.

Die Informationen über die näheren Umstände, die in diesem Moment unterbleiben (was durch den Latino-Rap von Sebastian Rocca geradezu überspielt zu werden scheint), deuten an, dass La Vida Loca unter gefährlichen Umständen entstanden ist und in der vorliegenden Form auch eher ein Work in Progress ist, dessen Fortschritt allerdings jäh unterbrochen wurde. Christian Poveda wurde am 2. September 2009 tot in seinem Wagen einige Kilometer außerhalb von Salvador aufgefunden. Man hatte ihm von hinten durch den Kopf geschossen.

Er hinterlässt einen starken, kontroversen Dokumentarfilm über ein Thema, mit dem sich eingehende Beschäftigung auch deswegen lohnt, weil man nur so die Funktionalisierung der Maristas als Terror-Folklore deutlicher erkennen kann, die in Sin Nombre zu beobachten ist, in dem einzelne Szenen aus La Vida Loca fast identisch wiederkehren, nun aber eingebettet in eine sehr stereotyp auf Schließung drängende Erzählung. In La Vida Loca hingegen hinterlässt das Bang Bang des Soundtracks ein Unbehagen, das nur durch weitere Information ein wenig beruhigt werden kann.

 

La Vida Loca (2009) von Christian Poveda (DVD bei Ascot Elite 59 8 0113, deutscher Titel: La Vida Loca. Die Todesgang