10. März 2010, Woche 10/2010        Blog
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CARGO Film/Medien/Kultur Magazin
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Aktuelle Ausgabe: CARGO Film/Medien/Kultur 04 vom 10. Dezember 2009

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CARGO 04/2009 Cover «Mad Men»
CARGO 05 erscheint am 25. März 2010.

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  • Inhaltsverzeichnis von Heft 04/2009
  • Editorial


Inhalt

  • Farber on Film: Polito/Patterson
  • Hunter Hurry Sundown
  • Hesitant to Say
  • Blick in den Abgrund
  • Gegen die Wand
  • Schrader/Farber
  • Glückwunsch
  • Levinson Haneke
  • Die Vergangene Woche (KW 44)
  • Dominik Graf: Texte
  • Die Vergangene Woche (KW 42)
  • Alexis Tioseco & Nika Bohinc
  • imdb-Kommentatoren
  • PanelPicker
  • Cineaste
  • Seeßlen
  • Delorme macht's
  • Sarrisiana
  • Aufhörenkönnen
  • Filmkritik, statistisch gesehen
  • Abschied von der Filmkritik
  • Funsy!
  • Kritiker im Film
  • Nolot etc. (Indielisboa 2)
  • Kevin Lee in Berlin
  • Lunch With David Simon
  • Neoneo in USA
  • Cahiers Crap
  • Sicinski on Petzold
  • Ärger in New York
  • Positif in New York
  • Better Than
  • Filmkrant Rotterdam
  • Mein Mann in Cannes
  • Shooting Down Pictures
  • Trouble Everyday
  • Bestenlisten
  • Drei gegen drei
  • Apokalyptik (Forts.)
  • Nachgelesen: Opera Jawa
  • Pere Portabella: El Sopar
  • Filmkritik und Unterhalt des Lebens
  • Zum Tod von Peter W. Jansen (1930-2008)

Feed

CARGO Container Filmkritik

  • Farber on Film: Polito/Patterson

    Heft Update.

    22.02.2010, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Das trifft sich gut mit unserer Farber-Strecke im aktuellen Heft: Patrica Patterson (Farbers Mitarbeiterin und Witwe) und Robert Polito (Herausgeber von "Farber on Film") über Manny Farber (via film studies for free). Das ist in englischer Sprache, natürlich, aber der Youtube-Clip hat - auf der Originalseite, hier also - diese irren neuen Funktionen (auf das rote cc klicken), die erstens das Audio ins Englische transkribieren und dann die automatische Übersetzung des Transkribierten ins Deutsche (neben vielen anderen Sprachen) ermöglichen. Da steht neben Verständlichem auch viel Gibberish, ich könnte trotzdem stundenlang Untertitel gucken.


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  • Hunter Hurry Sundown

    Filmkritografisches.

    14.01.2010, Ekkehard Knörer in: Fernsehen, Filmgeschichte, Filmkritik, Regisseure

    Tim Hunters Spielfilme Tex (1982) und River's Edge (1986) haben einen hervorragenden Ruf (letzteren habe ich vor langer Zeit einmal gesehen und weiß nur, dass er mir gut gefiel), er ist aber trotzdem nicht zum großen Hollywood-, sondern zum Premium-TV-Regisseur geworden (Folgen u.a. von: Twin Peaks, Homicide, Mad Men, Dexter). Hunter studierte in den Sechziger Jahren in Harvard und veröffentlichte in der Studentenzeitung "Crimson" Filmkritiken. Danach studierte er u.a. mit Terrence Malick, Paul Schrader und David Lynch am AFI Center for Advanced Film Studies. Das alles nachzulesen in einem Blogeintrag von Girish Shambu, der sich für die Infos wiederum bei Adrian Martin bedankt. Noch besser: Die Texte von Hunter aus "Crimson" sind online und erweisen sich als sehr lesenswert. Sehr schön eigenwillig ist seine Auswahl der besten Filme des Jahres 1967. Darunter findet sich etwa Otto Premingers  Hurry Sundown:

    With European detachment, Preminger stands outside the tense and ugly world, watching with carful scrutiny without allowing his camera to enter and take part. In Preminger's films, there are no point-of-view shots; Preminger never cuts to what a character sees, instead putting both the watcher and the watched in the same shot. Though Preminger tends to ignore the dramatic world of his films, his camera defines the personality and function of a character by the amount of space placed around him, and by the way he is moved with relation to the frame. The more space Preminger has to work with, the more complex his films become, and predictably, Preminger is a master of wide-screen cinematic technique. At best, Preminger creates a network of conflicting spatial relationships from the many people in his best-seller-based sagas, and his films work on a level far transcending the dramatic material. From this specialized, perhaps perverse, point-of-view, Hurry Sundown is close to Preminger's best film.

    Premingers Hurry Sundown wird allgemein wenig geschätzt, auf DVD gibt es ihn bislang nicht. Dafür aber seit kurzem auf Youtube, und zwar nicht in ganzer Pracht, aber voller Länge:


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  • Hesitant to Say

    Schauspieltheorie

    28.12.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Dr Brendan schreibt gelegentlich über Filme bei IMDB - und er macht das irgendwie toll:

    So, how great is his acting? Well, there's no character, because it's just Mickey Rourke. You can say that he's using his own personal experiences to bring a performance that is very close to home, but the thing is, it's way to close to home. It would be like me saying I was acting if Charlie Kaufman made character for me, who was ashamed of himself, used humor as a defense, continued to be awkward with women, not that attractive, and was unsure of where -if anywhere- he was going. If he made that character for me, I would "act" out that part until it bled but, thing is, that's who I am. Mickey Rourke is Randy "The Ram" Robinson and because he is that character along with the fact that there really wasn't any character at all in the film, JUST Mickey Rourke I'm hesitant to say that he knocks the character out of the park.

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  • Blick in den Abgrund

    Verbandstagung.

    12.12.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Internet

    filmkritikIch hatte versprochen, von der gestrigen Tagung des Verbands der deutschen Filmkritik zum Thema "Flüchten oder Standhalten" zu berichten. Ich war da, viele andere waren es nicht. Die Fox hatte, an der Tagung des Verbands offenkundig komplett desinteressiert, die der Allgemeinheit der Berliner Filmjournalisten zugängliche Avatar-Pressevorführung auf Freitag halbelf gelegt (am Montag war schon eine für die Prominenz bzw. die Interviewjournalisten) und damit das Vormittagsprogramm ganz überschattet. Dass dann, nachmittags, post Avatar, der Andrang spürbar größer gewesen wäre, wird man nicht sagen können.

    Es begann mit einem Blick von weit oben und von den konkreten Problemen des Filmjournalismus auch recht weit weg. Von Leif Kramp bekam man eine Tour d'Horizon über die Lage der Dinge zwischen der Malaise von Print und den geringen Anlässen zu ökonomischer Hoffnung, die die Online-Zukunft so bietet. Powerpoint, 15 Thesen, schon okay, aber für niemanden, der sich ein bisschen für die Zusammenhänge interessiert, etwas Neues. Es folgte ein Podiumsgespräch, bei dem sich Freitag-Verleger Jakob Augstein nicht zum ersten Mal durch seinen Chefredakteur-Avatar Philipp Grassmann vertreten ließ, der freilich erzählte, was Augstein bestimmt auch erzählt hätte.

    Die für mich interessanteste, weil mir bislang unbekannteste Tatsache im Zusammenhang war: um ein Exemplar einer Zeitung am Kiosk zu verkaufen, druckt man im Schnitt (also für alle Zeitungen!) sechs bis acht. Der erkleckliche Rest endet als ungelesene Makulatur. Weiter teilte Grassmann mit, dass der Freitag trotz vergleichsweise eifriger Community nicht im Traum daran denken kann, sich über die minimalen Werbeeinnahmen im Netz zu finanzieren. Eine realistische Refinanzierungsaussicht sieht er doch: In den nächsten fünf Jahren müsse die Zahl der Abonnements von derzeit 10.000 auf dann rund 30.000 steigen. Ich habe gewisse Zweifel an der Plausibilität dieser Aussicht, aber vielleicht verstehe ich einfach nichts von diesem Geschäft.

    Rüdiger Suchsland erklärte, anspruchsvolle Filmkritik sei nun einmal ein Minderheitenprogramm. Mehrfach wurde die Klage laut, es erschiene, weil das Kino so populär sei, den übergeordneten RedakteurInnen wirkliche Expertise auf diesem Gebiet am ehesten noch verzichtbar. Es würde darum nicht etwa bei den, wie jede Leserbeobachtung erweise, von viel engeren Kreisen nur rezipierten Kritiken zu Theater und Oper gespart und gestrichen, sondern beim Film, weil da immer auch fachfremde Redakteure bereit stehen, etwas zu einer Sache zu sagen, die die ihre bei näherem Hinsehen dann eben nicht ist. Gerhard Midding machte die Berliner Zeitung namhaft für diese Tendenz. Beklagt wurde auch der Raubbau am Platz, den die Umstellung der Frankfurter Rundschau aufs Tabloid-Format für die Texte bedeutet.

    Am Nachmittag gab es Berichte zum ökonomischen und institutionellen Stand der Dinge für die deutsche Filmkritik. Zusammenfassend lässt sich sagen: Es klang alles schauderhaft deprimierend. Eine Umfrage unter Verbandsmitgliedern brachte zutage, dass die Lage für Freie - nur ein fest angestellter Redakteur schickte den Fragebogen zurück - seit einem Jahrzehnt nicht besser wurde, sondern, und ganz rasant seit dem Herbst 2008, immer schlechter. Wenige leben vom Schreiben über Film. Einer arbeitet bei der Post, der kam mehrmals vor. Viele andere schlagen sich durch, so oder so, und blicken mit gehörigem Pessimismus in die Zukunft. Einzig, wer sich beizeiten ein Haus gebaut hat auf dem Gebiet der Öffentlich-Rechtlichen, hat, so schien es, keinen Grund zu vergleichbarer Klage.

    Florian Vollmers, langjähriger Freier für Filmthemen beim Bremer Monopolblatt Weser-Kurier, gab Einblick in die Vorgänge in Regionalzeitungs-Kulturredaktionen. Auf breiter Front werden Stellen gestrichen, Freien die Türen zugeschlagen, redaktionell erstellte Texte durch in den Pauschalen inbegriffenes Agenturmaterial ersetzt. Das sei, meinte in der anschließenden Podiumsdiskussion Andreas Kilb von der FAZ, ja professionell, aber steril. Gerade das Unerwartete in Herangehen, Textform, Ideen mache doch aber Kritiken aus. Da finde man im Netz inzwischen mehr als im Print. Nun da er als Nicht-Mehr-Film-Redakteur seiner Zeitung (Kilb ist inzwischen Kulturkorrespondent aus Berlin) nicht mehr souverän die von ihm zu besprechenden Filme aussuchen könne, denke er ernsthaft daran, dies dann eben in einem Blog zu versuchen. Er sei hiermit ermutigt.

    Sascha Westphal, der im Ruhrgebiet arbeitet und lebt, machte auf die schlichte Tatsache aufmerksam, dass nur ein Bruchteil der in den überregionalen Feuilletons besprochenen Filme in Dortmund oder Bochum je anläuft. Die Lage der Programmkinokultur in der Breite sei längst katastrophal. Dietmar Kammerer hatte, was die Freiheit zur Themenwahl und Komplexität seiner Texte betrifft, bei seinen hauptsächlichen Auftraggebern Standard und taz nicht den mindesten Grund zur Klage. Leben freilich könne man von den Honoraren wiederum nicht - darum bewege er sich stets schon zwischen Filmjournalismus und Universität. Die Diskussion führte nirgendwo hin. Zum optimistischen Ausblick reichte die Kraft aller Beteiligten nicht.

    filmkritik2


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  • Gegen die Wand

    Head On / Heads Up.

    10.12.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Internet

    *Es geht los, die Türen im Netz schlagen wieder zu. Variety, das wichtigste Film-Branchenblatt, errichtet um seine Online-Präsenz eine Bezahlwand (hier die Meldung). Zunächst wird sie noch ein bisschen löchrig sein, fünf Artikel im Monat darf, wer sich registriert, frei lesen. Danach ist Schluss und wahrscheinlich macht Variety nach ein wenig LeserInnentesten die Wand dann ganz zu - jedenfalls die zum wirklich redaktionellen Inhalt. Oder stellt fest, dass sich das nicht rechnet, wird man sehen, ein Experiment. Oder es bleibt bei so schön als "Freemium" bezeichneten Mischkalkulationen: Basics umsonst, wer mehr will, muss zahlen. Kostenpunkt: 248 $ im Jahr. Dafür bekommt man dann aber alles, Print, Online, the whole shebang.

    *Als Journalist, der zugleich immer Leser ist, bin ich ein wenig hin- und hergerissen bei diesen Meldungen. Das Netz muss doch frei sein! Aber wie soll man als Betreiber einer Website davon leben? Branchendienste haben es dabei sicher noch vergleichsweise gut: mit einer verlässlichen Zielgruppe, die sich die Ausgaben von den Chefs gleich wieder bezahlen lässt. Aber wie refinanziert man sich im Netz? Schon gar als Bespieler einer Nische, wie es Kultur sowieso ist? Ruft man nach einer Kulturflatrate? Aber wie lässt sich die so einrichten, dass auch jene, die sich auf möglichst hohem Niveau an entsprechend kleine Minderheiten richten, davon profitieren? Also zum Beispiel mit Filmkritik? Also, nur zum Beispiel, wir hier, mit Cargo? Um Fragen wie diese geht es nicht zuletzt bei der alljährlichen Tagung des Verbands der deutschen Filmkritik. Sie findet morgen statt, im Filmhaus Berlin, von 11 Uhr bis 16 Uhr 30, und steht unter der Überschrift: Flüchten oder Standhalten – Die ökonomische Situation und Perspektive des Filmjournalismus. Das Programm (und ich werde von der Veranstaltung berichten):

    11.00 Uhr
    Begrüßung

    Rainer Rother (Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek/Filmmuseum Berlin)
    Gerhard Midding (Verband der deutschen Filmkritik)
    Was wird sich bezahlt machen? Medienlandschaft im WandelImpulsreferat von Leif Kramp (Journalist/Medienwissenschaftler Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg)

    Podiumsdiskussion mit:
    Jakob Augstein (Verleger, Der Freitag)
    Michael Hirschler (Deutscher Journalisten Verband)
    Leif Kramp (Journalist und Medienwissenschaftler)
    Rüdiger Suchsland (Deutschlandfunk, Filmdienst, Telepolis)
    Moderation: Barbara Schweizerhof (epd Film)

    14.15 Uhr
    Zwischen Lebensentwurf und Luxus- Politische Stellungnahmen zur Situation des Journalismus- Die Ergebnisse unserer Umfrage
    Referat von Gerhard Midding (Berliner Zeitung)

    14.35 Uhr
    Die bedrohte Vielfalt
    Referat von Florian Vollmers (Schnitt, Szene Hamburg, Weser-Kurier)

    Kommt es noch darauf an? Die professionellen Standards des Filmjournalismus
    Podiumsdiskussion mit: Dietmar Kammerer (Der Standard, Die Tageszeitung, Tip Magazin) Andreas Kilb (Frankfurter Allgemeine Zeitung) Sascha Westphal (mehrtheater.de, Ruhr Nachrichten, Die Welt) Moderation: Gerhard Midding


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  • Schrader/Farber

    Bildbetrachtung.

    09.12.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Kunst

    Ist mir glatt durchgerutscht vor ein paar Tagen, aber jetzt beim Manny-Farber-Stöbern bin ich doch noch darauf gestoßen: Zwischen den durchweg sehr lesenswerten Manny-Farber-Artikeln bei The Auteurs (heute etwas über Farbers nie geschriebenes Buch über die Münchner Regisseure von Fassbinder bis Herzog) findet sich auch ein bei Youtube gehosteter Film, den Paul Schrader 1995 über Farber gedreht hat. Bzw. über ein von ihm angekauftes Farber-Gemälde mit dem Titel "New Blue". Seltsam anrührend, sogar die Philipp-Glass-Musik passt fast dazu; besonders schön der Schwenk kurz mit dem Blick aus dem Fenster. (Mehr zu Farber, und von Farber, auch und gerade über Herzog, in der neuen, morgen herauskommenden CARGO. Übrigens.):


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  • Glückwunsch

    Filmkultur.

    17.11.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Wolfram Schütte, langjähriger Film- und Literaturkritiker bei der FR, und zwar in deren größter Zeit, den Siebzigern (mit Gertrud Koch, Karsten Witte), heute im Unruhestand als restlos unabhängiger Kolumnist beim Titel-Magazin, auch ansonsten allzeit zur Einmischung bereit, hat den Filmkulturpreis beim diesjährigen Filmfestival Mannheim-Heidelberg erhalten. Wir gratulieren.


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  • Levinson Haneke

    11.11.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Fernsehen, Filmkritik, Regisseure

    Barry Levinson hat für den US-Bezahlsender Showtime einen Doku-Essay mit dem Titel Poliwood gedreht,  über die Conventions der Republikaner bzw. Demokraten 2008. Alessandra Stanley hat für die New York Times eine unfreundliche Kritik zu Levinsons Film geschrieben. Und Barry Levinson lässt sich das nicht gefallen. In der Huffington Post - ausgerechnet, könnte man sagen - schreibt er ausführlich zurück. Die einzelnen Argumente finde ich, solange ich den Film nicht kenne, nicht so interessant, sehr viel mehr schon das, was er grundsätzlich dazu schreibt, wie sich MacherInnen und KritikerInnen zueinander verhalten:

    As I write this, I realize I am about to do something that, for the most part, is never done. I am going to criticize a critic. Filmmakers are never supposed to respond to a critic about their work. It's an unspoken rule of engagement.

    Mag schon sein, dass das eine Regel ist; aber dann ist sie blöd. Ich jedenfalls bin sehr dafür, von FilmemacherInnen zurückkritisiert zu werden. Klar, zu Schlammschlachten soll sich sowas nicht auswachsen, aber hinter dieser ganzen Idee, dass man über Kritik drüber stehen sollte, steckt eine Konsens- und Harmonie-Ideologie, die Diskurse nicht befördert, sondern im Keim erstickt. Ich hab auch schon zu hören bekommen, dass man die Namen von KritikerInnenkollegen, mit denen man uneinverstanden ist, nicht nennt. Ich halte von solcher Vornehmheit jedenfalls nichts. Und mag Widerspruch, auch der unfreundlichen Art, schon deshalb, weil ich selbst ja nur in den seltensten Fällen wirklich zu hundert Prozent meiner eigenen Meinung bin. Im Erkennen der teilweisen Uneinverstandenheit mit sich selbst wird man doch allemal nichts als schlauer. (via scannersblog)

    ***

    Und hier noch, wo ich schon einmal einen Eintrag aufgemacht habe, ein Zitat aus einem interessanten Interview, das Alexander Horwath mit Michael Haneke für den amerikanischen Film Comment geführt hat. Und zwar genau zur Frage, wie sich die Lektüre- und Denkarbeit zwischen Filmemacher und Zuschauerin verteilt:

    I always look for the places in a story where leaving things open can become really productive for the viewer. I often compare filmmaking with building a ski jump; the actual jumping should be done by the audience. For the filmmaker, this is pretty hard—it’s much easier to do the jump yourself, to do it for the viewer. Because there’s always the fear of frustrating them. What do I have to indicate? What do I leave out? How much can I not spell out when constructing a film and still not frustrate the audience? Such strategies have become widely accepted in modern literature, but much less so in cinema. That’s a bit sad.

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  • Die Vergangene Woche (KW 44)

    Highlights.

    23.10.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmgeschichte, Filmkritik, Fotografie, Regisseure, Videospiele

    Sihanouk: Apsara

    Still aus Norodom Sihanouks Spielfilmdebüt Apsara

    Vor nicht allzu langer Zeit hat Tilman Baumgaertel, Filmwissenschaftler und Kritiker, die Philippinen verlassen - und lehrt jetzt an der Royal University of Phnom Penh. Das war zwar einerseits ein herber Schlag für die Berichterstattung über das philippinische Kino - im Moment eines der spannendsten der Welt -, andererseits ein großer Gewinn für diejenigen, die sich fürs kambodschanische Kino interessieren. Baumgaertel bloggt nämlich fleißig weiter und berichtet im Moment gerade von einer Retrospektive mit demTitel Golden Reawakening (ein dazugehöriges Blog). Im jüngsten Eintrag - übrigens taucht in einem der vorigen aus heiterem Himmel Detlev Buck auf - geht es um die Filme des international bekanntesten kambodschanischen Filmemachers, Norodom Sihanouk. Bekannt ist der natürlich weniger als der produktive Regisseur, der er war, denn als König. Baumgaertel weist darauf hin, dass man auf der Website von Sihanouk selbst Ausschnitte aus seinen Filmen sehen und downloaden kann. Er schreibt dazu:

    A longer analysis of his films has to wait for the time being, so it needs to suffice here to say that his films were subject of some controversy when they were released. While much of the monarchist press praised them for obvious reasons, others were less enthralled. While some argue that these films were a way of reaching out to an audience that was often illiterate and knew little about the history of their own country, other see them as self-indulgent self-portraits of a tiny upper class that lived a live of luxury very detached from the realities of the average Cambodian.

    Zum Thema philippinisches Kino passt wiederum die Nachricht, dass Quentin Tarantino an den von uns kürzlich video-interviewten Regisseur Brillante Mendoza einen Brief (hier im Wortlaut) geschrieben hat, in dem er dessen in Cannes gezeigten Film Kinatay lobt.

    ***

    Vor ein paar Tagen ist hier in Berlin das 2. Asian Women's Film Festival zuende gegangen. Es ist mir aus Zeitgründen nicht gelungen, auch nur einen der Filme des hoch interessanten Programms zu sehen. Was ich aufrichtig bedaure. Besonders spannend schien der Einblick, den man dabei in die nordkoreanische Filmproduktion erhielt, die natürlich aus auf die eine oder andere Weise propagandistischen Filmen besteht. Momus hatte in seinem Blog schon vorausgeblickt, und kommt in einem anderen Kontext noch einmal darauf zurück:

    I must say I'm enjoying immensely the North Korean films at the Asian Women's Film Festival (ongoing here in Berlin). What I find so refreshing in these films is precisely their propagandistic intent. Rather than disrupting or engaging in dialogue, they lay out as didactically as Brecht's Lehrstücke the ideology of the party. They also transform this ideology into a code of ethics to live by, and a system of family, work and community relations.

    Bei Momus verlinkt ist auch ein Ausschnitt aus einem der gezeigten Filme, The Flower Girl, nach einer Oper, geschrieben vom großen Führer King Il-Sung:

    Lukas Foerster hat auch ein paar der Filme gesehen, aber bisher  leider nur kurz getwittert dazu ("a bellflower: nordkoreanisches propaganda-melo, sehr evokativ, die farben des real existierenden konfuzianistisch-faschistischen sozialismus")

    Und, zum Thema passend: Eine Bildergalerie von recht trostlosen Eindrücken aus einer nordkoreanischen Videospiel-Arcade.

    Weitere Links, Hinweise etc.

    Der Manny-Farber-Gesammelte-Filmtexte-Band der Library of America ruft weiter Reaktionen hervor: Duncan Shepard schreibt über Manny Farbers Schreiben, während Glenn Kenny die sehr schöne Idee hatte, sich einmal Farbers erklärte Lieblingsfilme des Jahrs 1951 anzusehen - und zu erproben, wie haltbar die Urteile nach mehr als einem halben Jahrhundert sind. Er beginnt mit Charles Marquis Warrens Little Big Horn.

    Wiederum Glenn Kenny hat ein zweites Mal Spike Jonzes Boxoffice-Anführer Where The Wild Things Are gesehen - und mag ihn noch weniger als beim ersten Mal.

    Sascha Westphal porträtiert für die Welt den zwischen deutschem Fernsehen (Tatort) und amerikanischer Independent-Szene und eigenen kriminalliterarischen Werken sowie zwischen Los Angeles und Berlin aufs Ungewöhnlichste pendelnden Regisseur und Autor Buddy Giovinazzo.

    Das Blog Bioscope berichtet ausführlich - und in Gestalt eines anonymen Gastautors - vom Stummfilmfestival im italienischen Pordenone. Hier der jüngste Eintrag, unten die Links zu den vorhergehenden.

    Screendaily erklärt, warum der japanische Markt für ausländische Independent-Filme (wie in geringerem Maß auch für Hollywood-Filme) mehr oder weniger zusammengebrochen ist.

    Janko Roettgers beim immer lesenswerten NewTeeVee mit einer aufschlussreichen Interpretation von Statistiken, die darauf hinzuweisen scheinen, dass Streaming (von YouTube bis zShare) dabei ist, Filesharing als beliebtestes Instrument des Online-Bewegtbildkonsums abzulösen.

    National Geographic hat eine Bildergalerie mit Aufnahmen des für seine Kriegsfotografien weltberühmten Fotografen James Nachtwey zum Thema Islam in Indonesien. (Problematisch wie alles von Nachtwey, finde ich. Aber sehen Sie selbst.)

    Update: Ah, glatt vergessen, wollte ich aber auf jeden Fall noch verlinken. Christoph Hochhäusler freut sich auf kommende Filme, auf die wir uns mindestens ebenso freuen.

    Und noch was: Bei Movies & Sports eine interessante Liste der gesamteuropäisch erfolgreichsten Filme des Jahres. (Dort auch, sehe ich jetzt, der Tarantino-Brief an Mendoza im Scan.)


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  • Dominik Graf: Texte

    Jetzt als Buch.

    23.10.2009, Ekkehard Knörer in: Bücher, Filmkritik, Regisseure

    Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen DingenJetzt erschienen: Die Sammlung "Schläft ein Lied in allen Dingen" mit zuvor verstreut veröffentlichten Filmtexten des Regisseurs Dominik Graf. Keine Kritiken, sondern Essays als Dokumente einer geradezu unendlichen Entdeckungslust, Zeugnisse einer Begeisterungsfähigkeit, die einen bei der Lektüre sehr unmittelbar ansteckt.

    Herausgegeben vom gelegentlichen Graf-Ko-Autor und Ko-Regisseur und Texte-In-Auftrag-Geber Michael Althen (FAZ-Redakteur, Mitglied des CARGO-Rating-Teams), auch das Vorwort, das nicht zuletzt interessante Einblicke in den Mail- und Briefwechsel zwischen Redakteur und Regisseur und somit in die Entstehungsbedingungen vieler Text gibt, stammt von ihm.

    Aus dem Verlagstext: "Dominik Graf schreibt über Filmklassiker- und Entdeckungen aus Osteuropa, England, Frankreich, Italien, Amerika und Deutschland, über Filmkarrieren und Musik im Film. Seine Auseinandersetzung reicht von populären Fernsehserien und B-Movies über Friedrich Wilhelm Murnau, Max Ophüls, Robert Aldrich, Rainer Werner Fassbinder, Roberto Rossellini bis Jean-Luc Godard, Steven Spielberg und Robert Altman. "

    Zu bestellen ist das Buch natürlich überall und zu kaufen im gut sortierten Buchhandel, hier der Link zur Verlags-Bestellseite. Es kostet 19,9 Euro. [Korrektur der Korrektur: Das ist richtig. Siehe Kommentare.] Das Foto auf dem Cover stammt vom viel zu früh verstorbenen Kameramann Helge Weindler - über ihn, von dem Graf dem eigenen Bekunden nach Entscheidendes gelernt hat, steht auch ein Text im Buch.


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  • Die Vergangene Woche (KW 42)

    Rückblick.

    09.10.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Festival, Filmkritik

    Manny Farber

    Manny Farber

    Bereits letzte Woche hatte ich ein wenig populisches Grummeln angesichts der angeblich zu cinephilen Auswahl fürs New York Film Festival (NYFF) erwähnt. In dieser Woche zielte eher überraschender Weise auch A.O. Scott von der New York Times in diese Richtung. Scott ist sicher kein Populist und wenn ihm jemand etwas vorwirft, dann höchstens - unsinnigerweise - mangelnden Stallgeruch, weil er von der Literatur zum Film kam. Man kann seine Bedenken, die er auf den Begriff des "Festivalismus" bringt, also nicht einfach abtun. Das Argument, bzw. die Argumentkette, ist ziemlich konsistent, ich zitiere etwas ausführlicher, um darauf eingehen zu können:

    What was once a wide and crowded middle ground between popular taste and high art has eroded, and that territory has frequently been demarcated and defended by institutions like the Film Society. Ideally and at its best, the kind of high-minded middlebrowism represented by the New York Film Festival could provide a bridge for curious patrons, a path from the familiar and the fun toward the rarefied and the difficult, as well as a yearly sampling of world cinema in all its protean abundance.

    But festivalism lives in a high castle, surrounded by a moat not entirely of its own construction. Today’s festival system, which assiduously scouts new locations and sponsors despite economic trouble, promotes a transnational fraternity of directors, journalists and, well, festival programmers. This is not a bad thing, but it is a mixed blessing. The festival world is gratifyingly cosmopolitan — so many movies from so many places! — yet it can also feel narrow, small and self-regarding.

    Erstens konstatiert Scott, dass sich die gesamte Stratifizierung der Filmszene verändert hatte: aus einem dreigliedrigen in ein weitgehend zweigliedriges System. Mit dem "Mittelbereich", von dem er spricht, meint er wohl kaum die bestenfalls nicht weiter schmerzhaften, in aller Regel aber doch sehr uninteressanten Arthaus-Filme, die in deutschen Großstädten die Programmkinos füllen und vor allem dadurch auffallen, dass sie keinerlei ernsthafte Kunstanstrengungen unternehmen. (Das ist die eine Sorte Film, die bei uns im Ranking nicht auftaucht.)

    Eher meint er, so würde ich es jedenfalls verstehen, Filme von Regisseuren, die den interessierten Teil eines nicht speziell kinobegeisterten Publikums ansprechen. Das, was zuletzt vielleicht Kaurismäki und Almodóvar und früher noch Woody Allen einmal waren (bevor sie zur Marke und etwas langweilig wurden), vielleicht auch noch Kiarostami, in den späten Neunzigern: Autoren, die einen mittleren Grund mit gemeinsamem Nenner für Cinephile und allgemein Kulturinteressierte bildeten.

    Und ich glaube, er hat da in einer Hinsicht nicht unrecht. Dieser gemeinsame Nenner existiert kaum noch. Pedro Costa, Bruno Dumont, Bong Joon-Ho, sogar Claire Denis und auch Jacques Rivette (alle beim NYFF dieses Jahr) sind - nicht nur in Deutschland - Namen, die außerhalb sehr überschaubarer Zirkel keinem (mehr) etwas sagen. Die Ursache sind aber weniger diese Filme, denke ich - denn keiner wird sagen können, dass das Werk von Michelangelo Antonioni oder Ingmar Bergman per se "zugänglicher" war; und keiner wird sagen können, dass Maren Ades Alle Anderen sonderlich unzugänglich ist (in Deutschland war er übrigens vergleichsweise recht erfolgreich - US-Verleih hat er aber nach wie vor keinen). Die Ursache liegt vielmehr darin, dass es ein größeres Publikum, das im Ernst für Kunstanstrengungen aufgeschlossen ist, nicht mehr gibt. (Und zwar weder eines bildungsbürgerlichen noch popkulturellen Zuschnitts. Und schon gar nicht eines Zuschnitts, der beides selbst noch einmal zu vermitteln verstünde.)

    Obwohl ich die Diagnose also in einer Hinsicht teile, glaube ich, dass der "Festivalismus"-Vorwurf das Pferd von der falschen Seite her aufzäumt. Festivals sind die Orte, an denen solche Filme gezeigt, gesehen, diskutiert werden genau deshalb, weil man sie anderswo kaum noch zu Gesicht bekommt. Schuld sind nicht diese Filme, Schuld ist jene Schrumpfung eines an diesen Filmen, den an sie angekoppelten Diskursen etc. interessierten Publikums. Eine Entwicklung, die natürlich auch ein Projekt wie CARGO, das sich das Kino als wie auch immer ausdifferenzierte und zerstreute Form eines großen Ganzen vorzustellen versucht, bei allem Widerstreben am eigenen Leib spürt.

    Links, Hinweise, etc.

    In den USA ist soeben in der Library of America - also einem allerdings viel offener angelegten Äquivalent der französischen Pleiade oder des deutschen Klassiker-Verlags - ein fast tausendseitiger Band mit den gesammelten Texten Manny Farbers zum Film erschienen. Ausführliche Rezensionen gibt es bislang schon von Jonathan Rosenbaum und im Blog "The Phantom Country". Auch Glenn Kenny schreibt darüber und verspricht mehr. Im jüngst erwähnten iranischen Blog "Notes on Cinematograph" stellt Ehsan Khoshbakht übrigens regelmäßig Farber-Texte ins Netz. (Mehr zu Farber dann in CARGO #4.)

    Die Los Angeles Times berichtet über die gewaltige Krise, in die die Hollywood-Studios geraten sind.

    Daniel Kasman interviewt die Avantgardefilmerlegende Ernie Gehr (Auteurs), David Hudson mit einer Linkliste von Filmblogs etc., (wir danken für die Aufnahme; auch bei den Auteurs)

    Bei newfilmkritik schreibt Rainer Knepperges über den Hollywood-Regisseur Leo McCarey

    Lukas Foerster ist begeistert vom Film Bioscope des indischen Regisseurs K.M. Madhusudhanan und findet das selbst etwas verdächtig (Dirty Laundry)

    Die ausgewiesene Israel-Kritikerin Vanessa Redgrave sowie Julian Schnabel und Martin Sherman haben an die New York Review of Books einen Protestbrief geschickt, in dem sie gegen die Proteste gegen den Tel-Aviv-Schwerpunkt des Festivals von Toronto protestieren (Michael Sicinski hatte in diesem Blog darüber geschrieben)

    Gerade heute reingekommen: Lars von Trier möchte jetzt ein Disaster Movie drehen, Titel Planet Melancholia. Wahlspruch: “No more happy endings!”  (Hab' ich da zuletzt bei Antichrist was falsch verstanden?) Gedreht und postproduziert wird wieder, da wird sich der deutsche Kulturnationalismus freuen, in Deutschland und Schweden.

    Roman Polanski sitzt noch immer in einer Gefängniszelle in Zürich.


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  • Alexis Tioseco & Nika Bohinc

    04.09.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Internet, Nachruf

    Ich kannte Alexis Tioseco nur als Blogautor bzw. Herausgeber des Online-Magazins Criticine. Seine Freundin Nika Bohinc kannte ich gar nicht - wobei sie, es ist eine kleine Welt, beim diesjährigen Indielisboa-Festival nur ein paar Zimmer von mir entfernt gewohnt haben muss. Beide sind nun vor ein paar Tagen unfassbarer Weise in Manila ermordet worden. Axel Estein, der nur wenige Straßen von der Wohnung der beiden entfernt wohnt, schrieb mir als Addendum zu einem Artikel über das philippinische Kino, den wir in ein paar Tagen hier veröffentlichen werden, das Folgende:

    Am späten Abend des 1. Septembers 2009 wurde der Filmkritiker Alexis Tioseco zusammen mit seiner aus Slovenien stammenden Lebenspartnerin, der Filmjournalistin und Filmfestivalorganisatorin Nika Bohinc bei der Rückkehr in ihr Haus in Quezon City, Metro Manila, von drei unbekannten Räubern erschossen. Möglicherweise handelte es sich um einen nur vorgetäuschten Raubüberfall, und Alexis und Nica wurden zu Opfern in einem kurz vor der Klärung stehenden Streit um eine Immobilie. Trotz seiner erst 29 Jahre war Alexis ein hervorragender Kenner der philippinischen Filmgeschichte und einer der leidenschaftlichsten, artikuliertersten, differenziertesten und intelligentesten Kommentatoren des gegenwärtigen Filmschaffens seines selbstgewählten Heimatlandes. Nicht nur für die philippinische Filmgemeinde ist Alexis' Tod ein großer Verlust.

    Bei den Auteurs hat Gabe Klinger einen sehr persönlichen Nachruf auf beide veröffentlicht. Darin erwähnt er auch einen großartigen Text, den Alexis Tioseco für das Online-Magazin Rouge geschrieben hat. Jonathan Rosenbaum erinnert sich in seinem Blog. Noel Vera widmet ihm ebenfalls einen Eintrag. Der philippinische Regisseur Raya Martin hat Fotos bei Twitpic ins Netz gestellt. Und von Apichatopong Weerasethakul kommt ein kurzer Film, For Alexis:

    For Alexis from Kick the Machine on Vimeo.

    Update:

    Und hier noch eine Hommage auf Youtube:


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  • imdb-Kommentatoren

    Fund.

    31.08.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Internet

    Von Zeit zu Zeit und viel zu selten stößt man in den IMDB-Kommentaren auf interessante Stimmen; Leute, die schreiben können und Witz besitzen und filmhistorisch beschlagen sind. Also KommentatorInnen, die man einfach gerne liest. Heute habe ich mal wieder jemanden entdeckt, Benutzernahme cooper1963 (1963 ist das Geburtsjahr, das geht aus einigen Texten hervor). Cooper1963 schreibt kurze Sätze, beobachtet genau und ist oft recht geistreich. Hier, zum Beispiel, über den mir unbekannten Film Leave Her to Heaven von John M. Stahl dies:

    We get hints of incest along the way. Abortion. And even murder. Rain arrives to wash away any bad karma or spiritual residue that had been built up around the immaculate homes and set pieces depicted in the film. It seems to me that every stick of furniture and prop was pulled from a Spiegal Catalog. Clean as a whistle. Every locale in the movie is named or located by a body of water: Warm Springs, Spring Lake, Bar Harbor, for example.

    Oder über Jane Fonda und Barbarella:

    Jane Fonda (I bet) loves to watch this one late at night. Alone. A guilty pleasure? Perhaps. But just a hunch on my part. No longer constrained by the social concerns and politics of the sixties, she gazes at her past-self flickering away in the story's future, 40,000A.D., a woman of youth and beauty, and says simply: " God, you WERE a looker once." Perhaps I'm wrong about this scenario. I hedge. But maybe not. Maybe I'm soaring through velvet space toward infinity, with my good friend, Pygar (John Phillip Law), for wing support. Barbarella, on the other wing, is "a wonder...wonder woman." I'll bet Miss Fonda's last stitch of clothing on that thought. Double swear.

    Und dann noch das über Dark Passage von Delmer Daves:

    Sadly, or perhaps not, most condemned prisoners do not have a dame, a dude, and a plastic surgeon around to break their falls when they escape. But when Bogart busts out of the big house, San Quentin, the Good Samaritans start popping up like dandelions. His method of escape is to throw himself down a steep incline in a steel barrel. The cameraman rides tandem and becomes his eyes and point-of-view. Bogart hitches a ride with a nosy fellow I've seen before in the movies. He has deep-set eyes and a divot in his chin. Bogart quickly dispatches the mug to dreamland and ventures out into an uncertain landscape of creeps and coppers.

    Die Übersichtsseite über sämtliche bislang 76 Kommentare von cooper1963 ist hier.

    P.S.: Was man keinesfalls tun sollte, ist, einmal nachzusehen, was einer wie cooper1963 in den Messageboards so zu Nicht-Film-Themen zu sagen hat. Er könnte sich nur allzu leicht als rechter, Obama-hassender Vollidiot erweisen.


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  • PanelPicker

    Stand der Dinge.

    31.08.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmkritik, Internet

    Duncan Jones: MoonDas Musik- und Filmfestival SXSW, das jedes Frühjahr in Austin, TX stattfindet, ist mehr als nur ein Musik- und Filmfestival. Ein riesiges Event, das die ganze Stadt zum Konzert-Venue macht: das etwa auch. Ans Festival angegliedert ist außerdem eine Konferenz, zu Film-, Musik- und Interactive-(also: Internet im weitesten Sinn)-Themen. Die Panels des nächsten Jahres stehen im Moment (und noch ein paar Tage) basisdemokratisch zur Auswahl. Man konnte, wie bei einem wissenschaftlichen Call For Papers, Vorschläge zu Vorträgen/Diskussionen einreichen. Und du und ich können nun darüber abstimmen, was von Interesse ist.

    Die Übersicht über die - bislang 148 - eingereichten Vorschläge des Filmpanels ist eine spannende Sache. Es bildet sich darin ja durchaus etwas wie der Reflexionsstand der Dinge in Sachen Indie-Film und Film/Online-Zusammenhänge ab. Ganz basale Fragen tauchen auf wie: "Why Filmschool?" (Michael Chaney) - aus dem Text: "Are film schools cranking out hacks, skilled at the art of regurgitating formulaic content, or are there havens for the development of original artistic voices?" Am anderen Ende des Spektrums möchte Duncan Jones, Regisseur des viel beachteten Moon (und, ja, Sohn von David Bowie) erklären: "How to successfully make an indie sci-fi film": "Duncan Jones will discuss all aspects of his production Moon, from his early meetings with Sam Rockwell and finding a budget to shooting, post-production and finding distribution."

    Irgendwo dazwischen liegen Vorschläge wie "The Intersection of Hollywood and Porn" oder "Legal and Business Issues in Film and Filmmaking". Aber auch und gerade um das Interface von Film/Filmkritik/Online geht es recht häufig: Der Filmblogger Chuck Tryon möchte über "Film Blogs as Contagious Cinephilia: Amateur Criticism and Movie Culture" diskutieren. Erik Childress adressiert ein Problem mit "Hyperbole in Film Criticism & Analysis". Und, aus meiner Sicht vielleicht der spannendste Vorschlag: Efe Cakarel, Gründer der Auteurs, würde gerne über seine Erfahrungen als Online-Programmkino-Betreiber berichten: "Nobody wants to watch your film: realities of online film distribution."


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  • Cineaste

    Neue Ausgabe.

    25.08.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmkritik, Filmwissenschaft

    In the Electric Mist

    Das jüngste Heft der Filmzeitschrift Cineaste ist raus. Und manches davon ist online, etwa Rahul Hamids Porträt des iranischen Filmemachers Mohsen Makhmalbaf und die Besprechung eines Bandes mit den gesammelten Texten des 1984 verstorbenen Filmkritikers Andrew Britton. Sehr interessant nicht zuletzt die Web Exclusives, etwas das Interview mit Bertrand Tavernier. Dessen exzellenter jüngster Film In the Electric Mist läuft übrigens (etwas absurder Weise) gerade beim Fantasy Film Fest. Ebenfalls lesenswerte Online-Texte: David Sterritt über die DVD mit Chris Markers Grin Without a Cat und die Besprechung eines Sammelbandes zur Geschichte der Filmwissenschaft - rezensiert vom hochgeschätzten, auch für CARGO schreibenden Michael Sicinski. Er schwärmt darin sehr von einem Artikel von Markus Betz über "Little Books" - den selbst gibt es zwar nicht im Netz, aber, als Download (ganz unten) auf seiner Website beim Londoner King's College immerhin einen selbst schon sehr hilfreichen bibliografischen Appendix von nicht weniger als 24 Seiten.


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  • Seeßlen

    Bloggt.

    15.08.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Das Lustige und Spannende an der „bürgerlichen Kultur“ ist es, dass genau das, was sie sich äußerlich vom Leibe hält, in ihrem Inneren immer wieder aufbricht. Weshalb sie sich ja auch, ganz zu Recht, selber nicht geheuer ist.

    Schreibt Georg Seeßlen in seinem Blog. In seinem Blog? In seinem Blog. Name: "Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn".


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  • Delorme macht's

    Chef Cahiers.

    21.07.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Es gab endlosen Streit und aussichtlose Vorschläge und Gesprächsverweigerung, es gab Drohungen, es gab ein Ultimatum des neuen Eigentümers Phaidon, trotzdem konnten sich die verfeindeten Chefredakteure der Cahiers du Cinéma Jean-Michel Frodon und Emmanuel Burdeau nicht einigen. (Gerhard Midding hatte darüber berichtet.) Nun aber wird gemeldet: Beide sind weg, jedenfalls als Chefredakteure, der langjährige Cahiers-Autor Stephan Delorme wird der neue Chef, assistiert von Jean-Philippe Tessé. Für Anfang nächsten Jahres ist außerdem ein Relaunch der hoch defizitären Zeitschrift angekündigt. Mehr in der New York Times und hier. [via aboutworldfilmtwitter]


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  • Sarrisiana

    Kein Nachruf.

    12.07.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    In der New York Times findet sich ein Porträt des Filmkritikers Andrew Sarris, das so brav wie sturzlangweilig ein paar zentrale historische Momente nach-, nein, eben nicht -erzählt, sondern in nüchternster Manier schildert. Aber immerhin eine Zusatzinformation zum unfrewiliigen Abschied - in diesem Blog kurz erwähnt - von Andrew Sarris vom New York Observer gibt es darin:

    When The Observer pleaded financial difficulties and took Mr. Sarris off staff last month, editors suggested he write periodic reviews. But, Mr. Sarris said, that relationship has now ended. For now he will write essays for Film Comment, although he noted he’s not as fluid as in the past.

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  • Aufhörenkönnen

    Mit der SZ.

    29.06.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    In der Süddeutschen zeitung von heute findet sich eine kleine Glosse von Tobias Kniebe zur Krise der Filmkritik. Die ja in erster Linie eine Krise der Zeitungen ist, die nun die KritikerInnen entlassen. Um diesen unerfreulichen Sachverhalt geht es Kniebe aber gar nicht so sehr. Er staunt vielmehr darüber, dass entlassene Kritiker - und sogar nicht entlassene wie Roger Ebert - Blogs betreiben, für die sie nicht mal bezahlt werden. Als irgendwie fast positiv klingendes Gegenbeispiel nennt er den frühpensionierten NZZ-Filmredakteur Christoph Egger, dem er aufgrund seines Abschiedsartikels das endgültige Verstummen zutraut. (Wir hatten berichtet, allerdings möchte ich, anders als Kniebe, der nur uns hier zitiert - und, ja, danke, als "smart" bezeichnet -, noch einmal auf Michael Sennhausers Blog verweisen.)

    Das alles - auch Kniebes Frage: "Kann man, wen man einmal Filmkritiker war, je wieder damit aufhören?" - finde ich, ehrlich gesagt, doch ziemlich seltsam. Eine Kritikerin oder einen Kritiker, die auf diese Frage etwas anderes als "natürlich nicht" antworteten, war, würde ich meinen, von vorneherein nicht sonderlich interessant. Aber vielleicht ist das einfach eine deformation non-professionelle meinerseits.


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  • Filmkritik, statistisch gesehen

    Inside baseball.

    13.06.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Internet

    movie review intelligence

    Dies ist die Zusammenfassung der Kritiken, die Götz Spielmanns oscarnominierter Film Revanche in den USA erhalten hat. Aufgeschlüsselt nach Größe der Publikation, Niveau/soziologische Einordnung des Erscheiungsorts und Bewertung. Zusammenfassung heißt: Es gibt noch sehr viel mehr statistische Daten auf der relativ neuen Website Moviereviewintelligence, die in einem Artikel der New York Times vorgestellt wird.

    Die Macher der Seite behandeln Filmkritik wie Baseball oder eine andere der Sportarten, denen man in den USA mit Statistik beizukommen versucht. In der Tat lässt sich alles in Zahlen ausdrücken. Selbstverständlich, wo der Film auf einer 100-Punkte-Skala liegt. (Revanche: 82,7.) Zum Beispiel, wie schnell die Kritiken um den/nach dem Start erscheinen. Wieviele Prozent der potenziellen Gesamtleserschaft sie erreichen. (Zur Kenntnis genommen werden Filmkritiken von insgesamt, sagt die Statistik, genau 71 480 980 US-BürgerInnen.) Festgestellt werden kann die Streubreite der Kritiken. Eingeschätzt werden kann, was die Kritiken, müsste man den Platz in der Zeitung als Werbung kaufen, wert sind. (Bei Revanche: 246 000 Dollar.)

    Aber auch die KritikerInnen selbst werden erfasst. Man kann nachsehen, wie positiv oder negativ ihre Bewertungen im Durchschnitt ausfallen. (Wobei es natürlich sehr davon abhängt, welche Filme sie besprechen müssen; bzw. wie sehr sie es sich aussuchen können. Naturgemäß werden RedakteurInnen, die selbst bestimmen, worüber sie schreiben, insgesamt weiter oben liegen im Schnitt.) Man kann auch sehen, wie fleißig sie sind - auf die Stelle hinter dem Komma wird die Häufigkeit der Kritiken pro Woche erfasst.

    Und hier noch die Grafik für den Pixar-Film Up, der unendlich viel mehr besprochen ist als Revanche - und auch besser, mit einer Wertung von 94,7 Prozent.

    moviereviewintelligence


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  • Abschied von der Filmkritik

    Hintergründe.

    12.06.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Hintergründe

    Gestern stand in der NZZ ein für meine Begriffe sehr halbgarer Text von Christoph Egger mit dem Titel "Abschied von der Filmkritik". Halbgar, weil da so alles Mögliche zum Thema durcheinanderging. Zeitungskrise, Ressentiments gegen Kulturwissenschaft, Korintenkackerei, kurzum: ein Zürcher Allerlei ohne roten Faden, ohne konkrete Verweise auf real existierende Ursachen und Debattenverläufe. Und vor allem stand da, was mal wieder unglaublich typisch ist fürs papierne Zeitungswesen, überhaupt nicht, was der eigentliche Hintergrund dieses Artikels war. Dafür muss man schon das ohnehin immer lesenswerte Schweizer Filmblog von Michael Sennhauser lesen. Darin erfährt man, dass Christoph Egger, der leitende Filmredakteur einer leider schon lange nicht mehr überzeugenden Filmredaktion,  gehen muss. Was das heißt, erläutert Michael Sennhauser:

    Christoph Egger ist/war der letzte “hauptamtliche” Filmredaktor der leider bereits legendären Filmredaktion der Neuen Zürcher Zeitung NZZ. Jahrzehntelang hat er die Tradition der fachlich fundierten Kritik, des kritischen Kulturjournalismus und der sorgfältigen Begleitung des einheimischen und globalen Filmschaffens gepflegt. ...  Jetzt aber geht auch bei der NZZ eine Ära zu Ende, Christoph Egger wird frühpensioniert, die Filmredaktion der NZZ, die schon in den letzten Jahren massiv zusammengestrichen wurde, hört faktisch auf zu existieren.

    Dazu passt die Meldung, dass auch Andrew Sarris, vielleicht die größte lebende Legende der US-Filmkritik, vorgestern als Redakteur des New York Observer entlassen wurde - allerdings, wird versichert, als freier Autor weiterschreiben wird. Und hier noch ein Link zu einem mir bisher unbekannten sehr schönen Text von Alexander Horwath. [via dirtylaundritwitter]


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  • Funsy!

    Glenn Kennys Tagebuch.

    20.05.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmkritik

    Der sowieso großartige Filmkritiker Glenn Kenny (formerly Premiere Magazine, jetzt eigenes Blog) schreibt im Auteurs' Notebook über seine Erfahrungen als Darsteller in Steven Soderberghs jüngstem Film (schreibe ich unter Vorbehalt, vielleicht hat er schon wieder einen neuen gedreht, gestern oder vorgestern) The Girlfriend Experience. Kenny spielt darin einen, also, wörtlich: "he’s like the Harry Knowles of internet escort reviewers". Lesen Sie das, es ist, ich sag mal: Funsy!

    I join a website specializing in escort reviews. The lingo is fairly predictable Internet-tradition acronym stuff, describing acts clients most desire: BBBJ for “bareback blowjob,” “bareback” of course meaning without a condom. “BBBJTC” meaning “bareback blowjob to completion.” Then there’s “Bareback Greek,” also known as “Death Wish.” Funsy!

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  • Kritiker im Film

    Filmkritiker in Filmen.

    28.04.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmkritik

    Der (exzellente: so witzige wie gelehrte wie kluge) Filmkritiker Glenn Kenny spielt in Steven Soderberghs jüngstem Film The Girlfriend Experience einen (ekligen, nach allem, was man so hört) Filmkritiker. In einem Blogpost sammelt er nun Filme, in denen (echte) Filmkritiker (alles Mögliche) spielen.

    Researching this piece, I noticed that, with the exception of Peranson's Joseph, all of the characters played by the critics are of vexatious, unpleasant, and/or just downright villanous bearing. I can't imagine why this is the case. 

    Hier Mark Peransons Joseph in Albert Serras Film Birdsong:

    Mark Peranson

     


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  • Nolot etc. (Indielisboa 2)

    Begegnung mit Jacques Nolot.

    28.04.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmkritik, Regisseure

    Wegen Festivalbetrieb (Indielisboa) wenig Blogbetrieb. Filme gesehen. JCVD - tatsächlich ist der Monolog von van Damme, über den alle schreiben, ganz und gar groß. Außerdem gestern bei Terence Davies und seiner Liverpool-Elegie Of Time and the City zwischen Begeisterung und mittlerer Genervtheit geschwankt, aber immer solidarisch geblieben. Heute aber das erste Mal aus einem Film rausgegangen, Critico, einer Doku, die wahllos talking heads zum Thema Regisseure und Filmkritiker befragt. In den fünfundvierzig Minuten, die ich aushielt,  so gut wie kein origineller Gedanke, weder von Michel Ciment noch von Richard Linklater, weder von Carlos Saura noch von ungezählten Schar mir unbekannter brasilianischer Stimmen. Elia Suleiman nehme ich aus, der ist auch da geistreich.

    Der Höhepunkt des gestrigen Tags allerdings war ein Interview mit dem hier als "Independent Hero" gefeierten Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur Jacques Nolot. Ungewöhnliche Karriere: Frühe Jahre als Gigolo, Lover von Roland Barthes, Freundschaft mit André Techiné, Arbeit mit Claire Denis, mit Paul Vecchiali, von dem ich rasend gern einmal ein paar Filme sähe. Über Nolots Filme demnächst etwas mehr, hier nur ein paar Worte zu seiner Interview-Performance. Nolot, Mitte sechzig, erlesen gekleidet, immer Zigarette in der Hand, gibt die ganz coole Sau, die er, muss man zugeben, auch ist. Referenzen, Theorien, Vorbilder interessieren nicht. Er liest nicht, er hat das Gesamtwerk von Roland Barthes, wegen früher, aber reinschauen tut er nicht. Zu seinem Schreiben, seiner Arbeit als Regisseur sagt er wenig. Er kokettiert - jetzt sind Sie sicher enttäuscht -, wirft dann doch wieder eine spannende Information hin, zündet sich eine Zigarette an, weicht aus, wird etwas interessierter, als wir über eine einzelne Szene sprechen. Echte Erschöpfung nach so einem Interview, noch dazu mit Übersetzung über Bande geführt. Aber: Kokett, cool, faszinierend, toller Regisseur, egal, ob er wissen will oder nicht, was er  tut.

    Hier der Trailer von Indielisboa zur Nolot-Retro:


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  • Kevin Lee in Berlin

    23.04.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Internet

    Letzten Freitag, ich hatte schon kurz drüber gebloggt, war Kevin Lee im Arsenal bei den Freunden von der Kunst der Vermittlung zu Gast und sprach über sein Video-Essay-Projekt Shooting Down Pictures. Ich hab ja noch Scherze gemacht, dass man das doch streamen könnte. Beinahe, denn Kevin Lee hatte seine Videokamera dabei:


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  • Lunch With David Simon

    20.04.2009, Ekkehard Knörer in: Fernsehen, Filmkritik, Gastronomie, Serien

    Dude, swear to god, I didn’t realize that little thing was a video camera. I thought it was a mike w/maybe a still camera. C’mon, brother. I was eating a rushed lunch before catching a flight, fer chrissake…

    David Simon (The Wire) isst und denkt und spricht. [Link stimmt jetzt! Sorry] Mit Transkript (ganz hilfreich, der Sound erinnert stark an ein dennoch immer noch sehenswertes Lav-Diaz-Video-Interview.)


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  • Neoneo in USA

    Zur amerikanischen Neoneorealismusdebatte.

    28.03.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmkritik

    In den USA wird seit kurzem recht heftig über ein neoneorealistisches US-Independent-Kino diskutiert. Auslöser war ein sehr ausführlicher Artikel von A.O. Scott im Magazine der New York Times. Darauf erwidert hat der Godardien Richard Brody im Blog des New Yorker. Auf die Erwiderung erwidert A.O. Scott im Blog der New York Times. Daraufhin bedankt sich Brody für Scotts Antwort und bestärkt und erläutert seine Kritik wie folgt:

    [Scott] brings up some interesting matters that merit discussion. Behind his enthusiasm for the films he discusses, I sensed a design that was less aesthetic than political; in his response, he expresses it:

    What do we mean to one another. What are the limits of compassion and solidarity in a world defined by individualism and organized around acquisition and consumptionàI’m interested in movies that raise these questions with clarity, nuance and feeling, even if the questions themselves ultimately belong not to cinema but to the murkier realms of ethics, politics and religion.

    But how the questions are raised and the answers suggested are matters not only for ethics, politics, and religion but also for the cinema itself. Scott positions himself as an “incorrigible humanist” against my “diehard formalist.” I call myself a humanist too, but I look to art to challenge my assumptions, my prejudices, even my deepest humanistic convictions. I want the work of artists who dare to offer up disturbing ideas, shocking facts, dangerous emotions to reinforce, even expand, my humanism. It’s a hope—and a risk.

    Eine alte Debatte. Aber eine, die stets aufs Neue zu führen ist.

    Auslöser des Ganzen ist - neben Kelly Reichardts (Old Joy) neuem Film Wendy and Lucy - das jüngste Werk von Ramin Bahrani (Man Push Cart, Chop Shop): Goodbye Solo. Im Greencine-Daily-Blog spricht Aaron Hillis mit dem Regisseur, auch über den Artikel von A.O. Scott. Roger Ebert hat unterdessen Bahrani zum "new great American director" ausgerufen. In den Kommentaren schlägt er sich übrigens - wie zu erwarten war - auf Scotts Seite:

    Is "The Bicycle Thief" materialist? Brody writes like a person who never had a bicycle stolen as a boy. I did, and there was nothing materialist about it. I lost my freedom, my speed, my transportation, my bike! If he doesn't believe a bicycle has spiritual values, he must never have been a boy.

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  • Cahiers Crap

    28.03.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Seit der Verkauf abgeschlossen wurde, haben Schlagmans Bekundungen einen anderen Zungenschlag bekommen. Er lud Frodon und Burdeau von einer Mitarbeiterkonferenz aus und schleuderte das aktuelle Heft mit dem Worten "This is crap!" (Das ist Mist!) zu Boden. In der Redaktion befürchtete man, dass "Phaidon" die Zeitschrift nur wegen des bedeutenden Foto- und Textarchivs erworben hat und nur noch die Buch- und DVD-Edition (die schwarze Zahlen schreibt) aufrechterhalten will.

    Neues zur Lage der Cahiers du Cinéma nach dem Kauf durch Phaidon von Gerhard Midding, in der Welt. Wobei ich bezweifle, dass ein cinephiles Rollback ("cinephile Präzision und filmhistorische Analysen"), wie es Midding als anzustrebende Neuausrichtung vorzuschlagen scheint, irgendein Problem lösen würde. Vielmehr: im Gegenteil.


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  • Sicinski on Petzold

    Michael Sicinski über Jerichow, in der neuen Cinema Scope.

    26.03.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Link-Tipps

    But while Akin focuses on (supposedly) fully formed human subjects who are thwarted by external political circumstance, and with whose fortunes we’re supposed to identify, Petzold instead fixates on the spaces in between human beings, the material constraints that prevent identifiable humanist subjects from coming into being in the first place. It’s worth noting, after all, that Petzold’s Ghosts is, among other things, a film that implicitly critiques the faddish, everybody’s-connected jerryrigging that The Edge of Heaven exemplifies. At the end of the day, Akin’s cinema is fundamentally of the 19th century; Petzold’s is 21st through and through.

    Nur ein kurzer Auszug aus Michael Sicinskis weit ausgreifendem Essay zu Christian Petzolds Film Jerichow. Erschienen in der neuen Ausgabe von Cinema Scope, die unter anderem - nicht online - auch die englische Übersetzung von Ulrich Köhlers new-filmkritik-Essay "Warum ich keine 'politischen' Filme mache" enthält. Außerdem auch Thom Anderson über Morgan Fisher, Interviews mit Andrew Bujalski (hier noch mal unseres) und Johan Grimonprez, dessen Double Take auf der Berlinale zu sehen war und sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst hat. Natürlich auch wieder eine Ausgabe von Jonathan Rosenbaums "Global Discoveries on DVD"-Kolumne. Und: Christoph Huber schreibt über John Woos Comeback-Film Red Cliff.


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  • Ärger in New York

    Rumoren hinter den Kulissen der New Yorker Film Society at Lincoln Center

    13.03.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Filmpolitik, News

    Großen Ärger gibt es gerade in den Kulissen der New Yorker "Film Society at Lincoln Center", einem der wichtigsten Zentren der US-Cinephilie. Die Stiftung betreibt das Walter Reade Theater, in dem wichtige Filmkunst-Programmreihen gezeigt werden. In diesem Jahr, in dem die Film Society ihr vierzigjähriges Bestehen feiert, eröffnet sie zwei weitere Säle. Für den Ärger verantwortlich ist - das ist allen Äußerungen hinter vorgehaltener Hand zu entnehmen - die seit letztem September amtierende neue Chefin Mara Manus. Sie hat keinerlei cinephilen Hintergrund und es ist kein Geheimnis, dass der Stiftungsrat sie vor allem als Managerin mit Effizienzsteigerungskompetenzen eingestellt hat.

    Die Film Society at Lincoln Center ist auch - das macht sie weltweit wohl am meisten sichtbar - Herausgeberin der besten amerikanischen Filmzeitschrift "Film Comment". Die Zeitschrift wurde mit dem letzten Chefredakteurswechsel im Jahr 2000, von Richard Jameson zu Gavin Smith, enger ans Haus und dessen Veranstaltungen gebunden (was man vor allem an den Titelgeschichten merkt, die oft auf Film-Society-Retros- und Hommagen bezogen sind). Mit einem sanften Richtungswechsel Anfang diesen Jahres wurde das Heft - Auflage irgendwo zwischen 20000 und 30000, aktuelle Zahlen kenne ich nicht - popularisiert. Gavin Smith machte im Editorial süßsaure Miene dazu, als er unter anderem auf das sich ausbreitende Listenwesen hinwies.

    Der vorauseilende Gehorsam gegenüber Manus hat womöglich nicht viel geholfen. Jetzt hat nämlich mit Kent Jones der vielleicht wichtigste Mann der Film Society gekündigt. Er war gleichzeitig einer der wichtigsten Kuratoren des Filmprogramms und editor-at-large des Film Comment. Jones ist unbestritten einer der beschlagensten Filmkritiker der USA und steht ganz eindeutig für ein kompromisslos auf die wichtigen Tendenzen des Weltkinos ausgerichtetes Programm. Die Befürchtung ist nun, dass die Kommerzialisierung sowohl des Filmprogramms der Film Society wie des "Film Comment" unter Mary Manus offizielle Linie wird, liest sich im ReverseBlog bei IndieWire etwa so: "Naturally, discussion of Jones’s departure ...  has gone hand in hand with enraged glances at Manus, and resulted in some people’s assumption that the programming at the Film Society, now with Richard Peña at the helm, will devolve into a smattering of middlebrow junk aimed at the Upper West Siders who always perhaps felt alienated by the abundance of Hou Hsiao-hsien, Tsai Ming-liang, and Lucrecia Martel."

    Weiterer Kommentare dazu von Glenn Kenny.

     


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  • Positif in New York

    Michel Ciment, seit mehr als 45 Jahren Autor und Herausgeber der anderen legendären französischen Filmzeitschrift Positif, am Lincoln Film Center.

    03.02.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Michel Ciment, seit mehr als 45 Jahren Autor und Herausgeber der anderen legendären französischen Filmzeitschrift Positif, ist in New York. Am Lincoln Film Center läuft eine von ihm kuratierte Reihe mit Filmen, die Positif lieb sind, weil sie für den programmatischen Eklektizismus stehen, dem die Zeitschrift ihren Status verdankt. Bei der Gelegenheit hat Glenn Kenny für The Auteurs ein Interview mit Ciment geführt. Hier gibt es einen Blog-Eintrag, der Ciments Auftritt vor Ort schildert. Und dann noch dieses Video-Interview, in dem er über das aktuelle amerikanische Kino spricht:


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  • Better Than

    31.01.2009, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmkritik

    Der notorisch kontrarianische New-York-Press-Kritiker Armond White (mehr über ihn in diesem verdächtig freundlichen Wikipedia-Eintrag) hat, wie jedes Jahr, seine "ist besser als"-Liste veröffentlicht. Wie jedes Jahr könnte man sich - was man auch soll - endlos darüber aufregen. "Twilight" besser als "Let the Right One In"? "Transporter 3" besser als "The Dark Knight"? Begründung jeweils in ein bis zwei Zeilen. Wütende Kommentar gibt es natürlich auch schon.


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  • Filmkrant Rotterdam

    26.01.2009, Ekkehard Knörer in: Festival, Filmgeschichte, Filmkritik

    The following pages are a refuge for wayward articles that too seldom find their way to print, because they are considered too philosophical, personal, political or poetic. The only guideline we gave the authors in our little query amongst friends and comrades, was that their words had to be burning. The world had to stop turning if they would not be published right here and right now. They had to be dragged from the gates of hell (and heaven alike). And they should revise our filmic eyes all over again.

    Mit diesen Worten leitet Dana Linssen die zum Festival in Rotterdam erscheinende, mit der programmatischen Überschrift "Slow Criticism" betitelte englische Sonderausgabe der besten - oder, um ehrlich zu sein, der einzigen mir bekannten - niederländischen Filmzeitschrift De Filmkrant ein. Kleine Auswahl interessanter Artikel:

    - Maya McKechneay über Haunted-House-Filme. Das spannendste daran ist, was zwar der Anlass zum Text ist, aber nur am Rande erwähnt wird: Fünf der interessantesten asiatischen Filmemacher richten ein Geisterhaus in Rotterdam, darunter Wisit Sasanatieng, Lav Diaz und Amir Muhammad.

    - Olaf Möller schreibt, wie schon im Aktuellen Film Comment, über den italienischen Regisseur Paolo Benvenuti - bzw. über dessen jüngsten Film Puccini and the Girl.

    - Adrian Martin entdeckt den Fotografen William Klein als Regisseur.

    - Jonathan Rosenbaum schlägt eine Schlacht von gestern und attackiert, nicht zuletzt ihres politischen Defätismus' wegen, Francis Ford Coppolas Der Pate I und II, und dabei auch gleich noch die aus mir nicht ganz verständlichen Gründen untoteste aller US-Kritikerinnen Pauline Kael.

    - Martijn Mejer über den Handy-Film SMS Sugar Man des südafrikanisch-niederländischen Regisseurs Aryan Kaganof, der früher Ian Kerkhof hieß und auch damals schon keinen Skandal ausließ (sein Blog, ein Artikel aus Bright Lights Film).

    - Kent Jones plädiert in einem vielleicht doch etwas uninspirierten Text für eine pragmatische Moralphilosophie des Kinos.

    [via IFC Daily]


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  • Mein Mann in Cannes

    Mike D'Angelo fährt vom Geld seiner Leserinnen und Leser nach Cannes. Überlegungen zur Individu-Rate.

    23.01.2009, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Ökonomie

    Ok. Gerade eben habe ich zehn Dollar dafür gezahlt, dass Mike D'Angelo nach Cannes fahren kann. Ich war nicht der erste, sondern fast der letzte, denn von den 2000 Dollar, die er dafür braucht, sind nun, mit meiner Einzahlung, bereits 1970 bereitgestellt. Zum Hintergrund: Mike D'Angelo ist ein Filmkritiker, dessen Texte ich seit schätzungsweise sieben, acht Jahren mit großem Vergnügen, wenn auch recht oft im Geist widersprechend, lese. Als "The Man Who Viewed Too Much" schreibt er seit Ewigkeiten im Netz, er hatte dann aber auch Gigs bei "Time Out" und beim amerikanischen "Esquire". Inzwischen hat er, unter dem schönen Titel "Listen, Eggroll", auch ein eigenes Blog.

    Wie für so viele US-Filmkritiker hat sich die Ertrags- und Beschäftigungslage in diesem Jahr auch für ihn dramatisch verschlechtert. Die Reise zum Festival in Cannes hätte er sich darum schlicht nicht leisten können. Also kam er auf die Idee, nicht eine Publikation, sondern seine Leserinnen und Leser zu Auftraggebern zu machen. Technisch geht das ganz einfach. Man richtet ein Konto ein bei der Website Fundable, die es allen Paypal-Nutzern sehr leicht macht, ihr Geld zu transferieren. (Hier die Seite für D'Angelos Cannes-Fahrt.) Es ist ein Subskriptionssystem: Erst wenn die festgelegte Summe erreicht ist, wird das gespendete Geld tatsächlich abgerufen.

    Das ist natürlich eine Revolution. Nicht weil es sich prinzipiell um etwas Neuartiges handelt. Schließlich ist das Abonnement einer Zeitung oder Zeitschrift - wie sagen wir, hint, hint, CARGO - auch nichts anderes als ein Vertrauensvorschuss an die Redaktion. Man zahlt im vorhinein für die Überzeugung oder jedenfalls Hoffnung, dass die Macher schon keinen Scheiß bauen werden. Solange dieses Vertrauen erhalten bleibt, bleibt das Abo erhalten. Das ist so etwas Ähnliches wie indirekte Demokratie: Man wählt als Vertreter eigener Interessen Leute, die sich dann um die Einzelheiten kümmern, wie: Texte in Auftrag geben, ein großartiges Layout gestalten, bestimmte Themen wichtig finden, andere nicht, die richtigen Autorinnen gut finden und nicht die falschen etc.

    Im Vergleich dazu ist das System D'Angelo das einer bürgerjournalistischen Direktdemokratie. Das Gegenteil auch der aktuell in Kreisen der Musik- (und überhaupt Content-)Industrie zirkulierenden Flatrate-Ideen. Während diese - und letztlich ist ja ein öffentlich-rechtliches Zwangsflatrate-System wie für das deutsche Fernsehen nur eine interessante Variante des ganzen - pauschal Geld einziehen, um dann als Zentral-Auftraggeber und -Syndikat für Inhalte zu wirken, ist das System D'Angelo das einer Individu-Rate. Ich vertraue darauf, dass das Filmkritiker-Individuum Mike D'Angelo das liefert, was ich haben will.  Und mein Vertrauen ist gut begründet, weil ich seit Jahren verfolge, was D'Angelo tut. 

    Das Verfahren war für ihn nicht ohne Risiko. Wie stünde er da, wären nur, sagen wir, 70 Dollar zusammengekommen? Er hat schließlich auf nichts anderes als wirklich sich selbst gesetzt. Schon ein klarer Fall von - um Diedrich Diederichsen zu zitieren - "Eigenblutdoping". Man bekommt auf Heller und Pfennig mitgeteilt, was man gilt auf dem Wertschätzungsmarkt. Umso erfreulicher, dass es so gut und so schnell - es hat keine Woche gedauert, bis das Geld jetzt zusammen war - geklappt hat. Mike D'Angelo ist jetzt: Mein Mann in Cannes.


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  • Shooting Down Pictures

    Zur Löschung des Shooting-Down-Pictures-Projekts bei Youtube.

    13.01.2009, Ekkehard Knörer in: copyright, Filmkritik

    When the history of intellectual property law is written, January 12, 2009 should be marked as a decisive moment. It was the day that my friend, fellow House Next Door contributor and sometime filmmaking partner Kevin B. Lee saw his entire archive of critical video essays deleted by YouTube on grounds that his work violated copyright.

    Schreibt Matt Zoller Seitz bei House Next Door und zum Entsetzen besteht aller Anlass. Kevin Lees Video-Essays, mal mehr, mal weniger, oft ausgesprochen gelungen, oft in Kooperation mit wichtigen Kritikerinnen und Kritikern entstanden, gehören/gehörten zu den wirklichen Filmkritik-Innovationen im Netz. In der Tat bedienten sie sich ungeniert des existierenden Filmmaterials für die Analyse. Eine Analyse, die ohne dies zugleich präsentierte Material keinen Sinn macht, weil das Format eben auf den und das Moment der Evidenz setzt, der/das sich im Zusammenkommen von Bild und darauf bezogenem Text ergibt. Sollte diese Löschung Bestand haben und das ganze zum Präzedenzfall werden, wäre es in der Tat ein sehr schwarzer Tag in der ohnehin nur bedingt erfreulichen Geschichte der unter der Überschrift "geistiges Eigentum" laufenden bizarren abendländischen Vorstellung, man könne und solle Ideen und Wissen und Produkte des menschlichen Geistes möglichst sicher und möglichst lange hinter Schloss und Riegel bringen.


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  • Trouble Everyday

    Unser Filmtip zum Jahresende: "Lät de rätte komma in" - "So finster die Nacht", ein Vampirfilm aus Schweden

    26.12.2008, Bert Rebhandl in: Aktueller Film, Filmkritik, Horror

    Die Kritik von Michael Althen in der FAZ und sein Cargo-Rating für den Film "Lät den rätte komma in" von Thomas Alfredson haben mich bewogen, die Weihnachtsruhe durch einen Spaziergang ins Berliner Traditionshaus Moviemento zu unterbrechen und mir "So finster die Nacht", der leider nur in dieser deutschen Synchronfassung verfügbar ist, anzusehen. Den Schnee, den ich in Berlin vermisse, habe ich dort zur Genüge gesehen. Vor allem aber einen völlig überraschenden, originären Film, der es schafft, sozialen Wohnbau in Schweden zum Schauplatz einer Geschichte zu machen, die das europäische Kino mit der amerikanischen B-Tradition wieder in Kontakt bringt. Jacques Tourneur muss hier als der heimliche Pate erscheinen. "Lät den rätte komma in" war ursprünglich ein Buch von John Ajvide Lindquvist, was nicht verwundert, denn eine solche Geschichte denkt man sich wahrscheinlich nicht sofort in Bildern aus; diese müssen vielmehr zuerst einmal literarische Freiheit genießen und stellen dann für den Film, zu dem Lindquvist selbst das Drehbuch geschrieben hat, eine Herausforderung dar. Sie wird mit schöner Radikalität angenommen und bewältigt.

    "Schrei wie ein Schwein!" Schon dieser erste Satz, der lange rätselhaft bleibt, gibt den Ton vor. Fenster an Fenster leben in einem Stockholmer Vorort im Jahr 1982 zwei Zwölfjährige. Oskar und Eli. Oskar ist blond und hat helle Haut, Eli ist ein dunkler Typ mit langen, schwarzen Haaren. Oskar ist ein Junge, aber Eli ist kein Mädchen. Der Film nimmt der Sexualität gegenüber genau jene Position ein, die es dem Jungen erlaubt, diese Aussage einfach hinzunehmen. Denn Eli ist auch kein Junge. Sie ist ein Vampir. Sie lebt von Blut und unterliegt allen Gesetzen der einschlägigen Mythologie: sie muss das Licht meiden, sie ist ansteckend. Kaum einmal aber wurde im Kino das Raubtierhafte so ernst genommen, die unbedingte bestialische Gewalt, die auch in diesem kindlichen Wesen steckt und das große Geheimnis des Films bildet. "Lät de rätte komma in" verzweigt sich in beide Richtungen, in das Teenagerdrama von Oskar und in die Welt des Unheimlichen, aus der Eli kommt. Die schockierenden Momente sind gut dosiert, dabei aber so wild, dass sich jeder Rückzug in pädagogische Betulichkeit (die wilde Phantasie eines Halbwüchsigen!) verbietet. Das Vampirische ist hier keine Sache der Psychologie, sondern der eigentliche Test auf das Leben. Ob es sich lohnt, mit dem Erwachsenwerden weiterzumachen, oder für alle Zeiten zwölf zu bleiben. Das Paar, das aus dieser Überlegung entsteht, könnte irgendwann eine Familie sein, wie in Kathryn Bigelows "Near Dark". Ein unheilige Familie mit Zugängen zu einer Hölle, die selbst das Slasher-Kino geflissentlich ignoriert, und zu einem Himmel, dessen Prinzip nicht die Ewigkeit ist, sondern der (sublimierte) Exzess.


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  • Bestenlisten

    Die ersten, aber nicht die ersten besten Bestenlisten 2008.

    19.12.2008, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Filmkritik

    Bestenlisten gibt's wie Sand am Meer. Hier aber der Verweis auf drei, die ausgesprochen interessant und wichtig sind, weil die Kritiker bzw. die Institution dahinter ausgesprochen interessant und wichtig sind.

    Glenn Kennny von "Some Came Running" hat sich mit sich selbst auf 21 Filme des Jahres verständigt. Hier die ersten fünf:

    1) Ne Touchez pas La Hache (a.k.a. The Duchess of Langeaise) (Jacques Rivette)
    2) Une Vielle Maitresse (a.k.a. The Last Mistress) (Catherine Breillat)
    3) Razzle Dazzle/The Lost World (Ken Jacobs)
    4) The Romance of Astree and Celadon (Eric Rohmer)
    5)  Synechdoche, New York (Charlie Kaufman)

    Hier der Rest.

    Michael Sicinskis ("Academic Hack") ganzjährig aktualisierte Top Ten nähert sich naturgemäß nun auch einem endgültigen Stand:

    1. When It Was Blue (Jennifer Reeves, U.S. / Iceland)
    2. Origin of the Species (Ben Rivers, U.K.)
    3. Jerichow (Christian Petzold, Germany) 
    4. Hunger (Steve McQueen, U.K. / Ireland)
    5. Speechless (Scott Stark, U.S.) 

    Und hier dann die restlichen fünf - plus eine zweite Liste.

    Zum vorläufigen Schluss noch die wichtigste US-Institution - nämlich der "Film Comment" (mit zwanzig Filmen):

    1.    Wendy and Lucy Kelly Reichardt, U.S. 580
    2.    Flight of the Red Balloon Hou Hsiao-hsien, Taiwan/France 564
    3.    A Christmas Tale Arnaud Desplechin, France 557
    4.    Happy-Go-Lucky Mike Leigh, U.K.  538
    5.    WALL·E Andrew Stanton, U.S. 534

    Eine aggregierte Liste; die Namen der beteiligten Kritiker (Glenn Kenny ist dabei, Michael Sicinski nicht), eine zweite Liste mit besten Filmen ohne US-Verleih und natürlich die fehlenden fünfzehn Titel finden sich hier.


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  • Drei gegen drei

    13.12.2008, Simon Rothöhler in: Filmkritik, Radio

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    Ein Fundstück der Radio- und Filmkritikgeschichte: 1963 versammelte der Moderator Roger Rosenblatt für KPFA, Pacific Radio/San Francisco drei Kritiker. Sie sollten im Sprechen über drei zeitgenössische Filme ihren Zugriff auf das Material exemplifizieren. Dwight Macdonald, John Simon und Pauline Kael treffen auf Martin Ritts "Hud", Fellinis "Otto e mezzo" und "Muriel et les temps d'un retour" von Resnais - hier und hier.

    via If Charlie Parker Was a Gunslinger, There'd Be a Whole Lot of Dead Copycats


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  • Apokalyptik (Forts.)

    Filmkritik-Apokalypse USA. Das Sequel. Weiß nicht, das wievielte.

    05.12.2008, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Geht schon wieder los. In den USA. Roger Ebert hat die Apokalypse der Filmkritik ausgerufen: Celebritiy Culture kills the (Newspaper) Critic. Was verschwindet, glaubt er, ist die Wahrnehmung, dass Kritik überhaupt noch nötig ist. 260 Kommentare von Leuten, die in der Mehrzahl in seine Klage einstimmen. Die Gegenstimme bei Hitsville, der auf die blühende Filmkritik-Blogosphäre verweist. 14 Kommentare, darunter einer von Roger Ebert selbst.

    Zum Thema übrigens: Es gibt zwei aktuelle amerikanische Dokumentarfilme über Filmkritiker und Filmblogger. Der über die Kritiker ist im letzten Jahr entstanden, heißt "For the Love of Movies" und es kommen Legenden wie Andrew Sarris, Roger Ebert (klar), Elvis Mitchell, A.O. Scott etc. darin zu Wort. Der über die Blogger heißt "Indie Film Blogger Road Trip", hofft auf einen Sundance-Slot, und das dazugehörige Blog ist hier.


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  • Nachgelesen: Opera Jawa

    Überlegungen zur Frage, mit welchen Mitteln eine Kritik das Publikum für einen Film interessieren darf - und mit welchen sie es besser nicht tun sollte.

    26.11.2008, Ekkehard Knörer in: Filmkritik

    Ich bin, wie man das tut als braver Co-Redakteur, dem Link, den Simon in seinem Text über die verkuratierte Aufführung/Installation von Garin Nugrohos Film "Opera Jawa" setzte, gefolgt. Dem Link, um genau zu sein, unter "gefeiert". Der führt zu einer Kritik bzw. einem Hinweis Jonathan Rosenbaums im Chicago Reader. Es ist keine Frage, dass Rosenbaum den Film feiert, er bezeichnet ihn ganz genau gesagt als "audacious, undeniably challenging, in fact downright mind-boggling avant-garde masterpiece". (Ich habe den Film noch nicht gesehen und hatte vorher schon und habe jetzt erst recht große Lust darauf.)

    So richtig interessant wird die Sache aber erst, wenn man sich ins Reich der Kommentare zu Rosenbaums Artikel hinunterbegibt. Oben schon hat er die in der New York Times erschienen Kurzkritik von Jeannette Catsoulis heftig angegriffen und als "hässlich, fremdenfeindlich, ohne Sorgfalt geschrieben" bezeichnet. Erst springt dann Catsoulis' Kollege Matt Zoller Seitz (ebenfalls New York Times-Kritiker, Gründer des Blogs House Next Door) der Autorin zur Seite, dann setzt auch sie selbst sich mit den Anwürfen auseinander.

    Spannend wird es bei der Frage, worum der Streit sich eigentlich dreht. Spannend jedenfalls für FilmkritikerInnen und, hoffe ich, für diejenigen, die Filmkritiken lesen. Die Vorwürfe Rosenbaums und etwa auch des französischen Bloggers Harry Tuttle, der sich am entschiedensten auf seine Seite stellt, lauten, vereinfacht gesagt, dass Catsoulis den Film nicht Ernst genug nimmt. Dass sie ihn unter ihren eigenen, eher schalen Witzen begräbt. Dass sie unwichtige Dinge erwähnt, wichtige dagegen nicht. Dass sie, zusammengefasst, den Film nicht mit jener Komplexität behandelt, die ihm angemessen wäre.

    Sie akzeptiert in ihrer Entgegnung keinen der Vorwürfe. Zum einen widerspricht sie entschieden Rosenbaums Behauptung, die Kritik sei negativ. Vielmehr sei sie, so Catsoulis, auf ein Publikum gezielt - die weit über einen Spezialistenbereich hinausgehende Leserschaft nämlich der New York Times -, das in seiner übergroßen Mehrzahl "nur unter vorgehaltener Waffe" einen solchen Film im Kino ansehen ginge.

    Die Waffe, die sie zieht, so ihre Verteidigung, sind Witz und Humor. Sie versuche, das Publikum da abzuholen, wo es überhaupt zu packen ist - in diesem Fall durch die Erwähnung eines Schauspielers/Tänzers, der bei einer Madonna-Tournee dabei war. Das Hin und Her ist mir nur zu vertraut ebenso wie der schmale Grat, auf dem man sich als Kritiker und Journalist zwischen dem Spezialistentum auf der einen und dem Verrat am Gegenstand auf der anderen Seite oft genug bewegt.

    Catsoulis' Argument ist, dass sie gar nichts verrät. Dass sie im Dienst des Films steht, dem sie ein größeres Publikum zuleiten möchte, nicht mit allen Mitteln, doch auch mit anderen als denen der reinen Lehre. Nur lauere, so die Vorwürfe der Gegenseite, auch da wieder ein Problem, weil sie nämlich zum Beispiel die Tatsache, dass der Film aufregend ungewohnt ist, zu seinem bloßen Exotismus verkürze und so mindestens populistisch argumentiere. Catsoulis wiederum beklagt, implizit jedenfalls, ein Spezialistentum, das sich aus seinem sicheren Cinephilen-Getto nicht raustraut, um auch mal Töne zu wagen und Anreize zu suchen, die ein dem Cineastentum fern stehendes Publikum ansprechen.

    Der Preis kann zu hoch sein und im Fall von Catsoulis' Kurzkritik ist er, finde ich ganz eindeutig auch, sehr hoch. Sie spielt den Vorurteilen eines breiten Publikums gegenüber unvertrauten Filmsprachen, Filmländern und Filmformen in die Hände. Das Wörtchen "bizarr" ist da schon eines zu viel. Wenn es etwas gibt, das man als KritikerIn keinesfalls tun sollte, dann ist es meiner Meinung nach das: Vorurteile bedienen, egal welche.

    Um zuletzt noch kurz auf die Metaebene zu klettern: Ist natürlich super, dass eine solche, in jeder Hinsicht lehrreiche Diskussion im Kommentarbereich eines Blogs stattfinden kann. Dort ebenfalls angesprochen wird ein ähnlicher Vorfall, bei dem Nathan Lee auf eine Kritik des Filmemachers Caveh Zahidi an Lees New York Times-Kritik seines Films "I Was a Sex Addict" reagiert. (Noch ein Film, den ich schon lange mal sehen wollte, ohne bisher dazu gekommen zu sein.)


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  • Pere Portabella: El Sopar

    Der Dokumentarfilm "El Sopar" von Pere Portabella versammelt fünf Widerstandskämpfer gegen das Franco-Regime zum Abendmahl an einem Tisch. Sie diskutieren darüber, was es heißt, der Gefangenschaft zu widerstehen.

    25.11.2008, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Hintergründe

    Pere Portabella: El SoparIch möchte noch einmal Madelaine Bernstorff danken, die in einem Kommentar darauf hinwies, dass gestern Pere Portabellas sonst nicht greifbarer Film "El Sopar" im Berliner Kino "Acud" zu sehen sein würde. (Und zwar im Rahmen des noch bis morgen laufenden "One World Festivals").

    Sehr hat sie sich gelohnt, die Fahrt in die Veteranenstraße, denn "El Sopar" ist ein faszinierender Film. Fünf Widerstandskämpfer gegen Franco - vier Männer, eine Frau - hat Portabella in einem Landhaus, es ist das Jahr 1974, um einen Tisch versammelt. Alle sind sie als politische Häftlinge im Gefängnis gewesen, einer von ihnen 24 Jahre. Zählt man ihre Haftzeiten zusammen, waren sie mehr als fünfzig Jahre im Knast, das teilt Portabella mit, der auf katalanisch im Voiceover zu Beginn ein paar Informationen gibt.

    Anfangs sieht man sie in der Küche, sie bereiten das Essen zu. Man sieht auch einmal von draußen aufs Haus und vor dem Essen sitzen sie (siehe Foto oben, ganz links, das ist Regisseur Portabella) um einen Tisch, halb im Freien, und hören Aufnahmen Portabellas vom Band. Im wesentlichen aber konzentriert sich der Film aufs Gespräch, lässt die Kamere über Hinterköpfe und Gesichter schwenken, langsam, lässt sie auch auf den Gesichtern der Sprechenden verharren.

    Sie sprechen darüber, was es heißt, ein politischer Gefangener zu sein. Sie diskutieren, sie streiten nicht, sie sind nicht in einem verhärteten Jargon befangen. Es geht darum, ob man im Gefängnis Widerstand leisten kann. Welcher Art dieser Widerstand ist, wie er sich zum Widerstand draußen, auf der Straße, an der Uni, im alltäglichen Leben verhält. Wir sind in den Eingeweiden des Feindes, sagt einer der Männer. (Ihre Namen erfährt man in einer Einblendung hinterher, die aber offenkundig nach dem Ende des Franco-Regimes erst hinzugefügt wurde.)

    Auf höchstem intellektuellem Niveau verhandeln die fünf wichtige Fragen. Was will der Feind aus uns machen - er will uns per Biopolitik reduzieren, auf den Körper reduzieren, er will uns unseres sozialen Daseins berauben, das uns zu politischen und zu mit Gründen den Zuständen widerstehenden Menschen macht.

    Sie sprechen darüber, wie man sich nicht brechen lässt und wie man doch nicht verhindern kann, im Gefängnis ein anderer zu werden. Die einzige Frau am Tisch spricht über die besondere Lage der weiblichen politischen Gefangenen; sie sagt es nicht explizit, aber dass es auch um Vergewaltigungen geht, ist recht deutlich.

    Ein anderer schweigt nicht davon, dass er in seiner Gefangenschaft auch faszinierende Erfahrungen gemacht hat. Die schlimmste Langeweile, das größte Glück, ja, nie zuvor und nie danach hat ihn beim Masturbieren, sagt er, die Einbildungskraft so weit davongetragen. Keiner der anderen ist empört über das, was er da sagt.

    Sie sprechen, ganz am Anfang, über den Nullpunkt sozusagen, des Widerstands, den Punkt, an dem er passiv wird und suizidal: den Hungerstreik als Option, die dem Feind weniger schadet als der Mobilisierung der eigenen Seite nützt. Engagiert, mutig (sie halten ja ihr Gesicht hin wie auch Portabella; die Techniker bleiben alle anonym, der Vorspann, der Abspann nennt sie nicht), spannend ist dieser Film, dem man fünfzig Minuten lang gebannt folgt.

    Nur der Einleitung Bernstorffs war zu entnehmen, dass es ein besonderer Tag ist, an dem die Fünf zum Abendessen zusammenkommen. Es ist der Vorabend des Tages, an dem der letzte - das weiß man aber noch nicht - Franco-Widerständler hingerichtet werde wird. Er ist - und ist nicht - mitten unter ihnen. Es ist ein letztes Abendmahl und diese Konnotation ist das einzige, was dann vielleicht ein bisschen zu viel des Pathos ist.


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  • Filmkritik und Unterhalt des Lebens

    Als vielleicht zentrale Frage der Tagung zu "Filmkritik und Internet" erweist sich spätestens in den Nachberichten die nach ökonomischen Modellen, die Qualitätsjournalismus zu finanzieren erlauben. Hier ein paar Skizzen zu Vorschlägen, die es gibt.

    22.11.2008, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Ökonomie

    Auf der Tagung zu "Internet und Filmkritik" am Donnerstag blieb eine Wortmeldung, als letzte des Vormittags, unwidersprochen. Holger Twele (ein paar Infos hier), der auf dem Foto auf seiner Homepage so fröhlich guckt, war gar nicht fröhlich. Er sprach ein Zentralthema des Tages an, das während der Veranstaltung selbst nicht einmal so sehr im Fokus stand, in den nun erschienenen Berichten zur Tagung (taz, Berliner Zeitung) aber sehr prominent figuriert. Es ging bei Holger Twele, in den Berichten und allerdings auch in manchem Gespräch am Rande um die so leidige wie existenzielle Frage des Überlebens. Twele hat in seiner Wortmeldung "uns Blogger" aufgefordert, nicht ohne Honorar oder für wenig Geld zu schreiben, weil wir die Preise damit drücken. Weil wir uns, das Wort ist, denke ich, gefallen, damit ausbeuten lassen.

    Es wird im selben Zusammenhang gerne auch von Selbstausbeutung gesprochen, Bert Rebhandl nennt das etwas struktureller persönliche "Quersubventionierung" - das ist ein Faktum, das kaum einem freien Journalisten im Kulturbereich fremd ist. Ethisch fatal wird es an dem Punkt übrigens immer dann, wenn die Einkommensquellen sich aus PR, also dem geraden Gegenteil von Journalismus und Kritik speisen.

    Mein mich selbst keineswegs immer überzeugendes Gegenargument lautet dabei, dass man sich den Zwängen der Ökonomie erst recht unterwirft, wenn man sie sich so weit zu eigen macht, dass man ihnen aus - völlig legitimem - Eigeninteresse folgt und also den Twele macht. Man muss das gar nicht groß zum heroischen Widerstand gegen Markt und kapitalistische Mechanismen aufbauschen. Kann man aber sehr wohl und Theorien und Manifeste der Verausgabung und Verschwendung, die auf Verweigerungen dieser Art im Hinblick auf den Umsturz gegenwärtiger Verhältnisse zielen, brauchen wir weiterhin auch - ebenso wie Plädoyers dafür, von Bartleby das Schweigen zu lernen.

    Nicht zuletzt aber bringt man sich, davon bin ich überzeugt, vor allem und in erster Linie selbst um die Leidenschaft, die man hat, wenn man sie auf diese Weise ausschließlich als Ressource begreift und so als allereigenste Kraft zur Selbstverwertung dem Markt überlässt. Warum und wie der das mit Kusshand nimmt, beschreibt übrigens Diederich Diederichsen in seinem neuesten, absolut brillanten Buch "Eigenblutdoping". Er macht darin ein paar - ästhetische, existenzielle, nur indirekt ökonomische - Gegenvorschläge, die umso mutiger sind, als sie auf den ersten Blick recht altmodisch scheinen.

    Unter den Rednern der Tagung war vor allem Thierry Chervel vom Perlentaucher aufgetragen, ganz pragmatisch ermutigende ökonomische Modelle für die Finanzierung von Qualitätsjournalismus im Netz zu skizzieren. Leider war auch er da aus eigener Erfahrung sehr pessimistisch. Stiftungen, Mäzene, Subventionen: alles sehr wünschbar und insgesamt nichts davon in die Breite sonderlich realistisch. Natürlich kann und sollte man gesellschaftliche Verantwortung für - und ein massives gesellschaftliches Eigeninteresse an - Qualität in Unterhaltung und Kunst fordern. Und zwar selbstbewusst. Aber kümmert's, nur zum Beispiel, wen, wenn wir streiken?

    Von mangelnder Organisation (und Organisierbarkeit) und Solidarität der frei schwebenden Journalistinnen, Kritiker etc. mal ganz abgesehen. Christoph Hochhäusler hat, auf der Tagung schon, und nun auch in seinem Blog einen anderen Vorschlag gemacht, der in Form von Verwertungsgesellschaften oder ähnlichem die Profiteure der von den Netzstrukturen produzierten Ökonomien in die Pflicht nimmt: "Auf lange Sicht aber lässt sich die Vielfalt, die wir heute erleben, nicht mit Idealismus allein erhalten. Ich denke, es wird Zeit für ein realpolitisches Erwachen, das die Hardware- und Kommunikationsindustrie (die ihre Geräte und Verträge mehr und mehr wegen „unserer" Inhalte verkaufen) zwingt, einen fairen Anteil ihrer Gewinne an die Urheber zu verteilen. "

    Sollen wir Manifeste schreiben, Eingaben machen, uns organisieren? Oder sind wir Kulturproduzenten nicht immer auch die Klasse, die weiß, dass sie besseres zu tun hat als das? Ist diese Klugheit unsere größte Dummheit?

     


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  • Zum Tod von Peter W. Jansen (1930-2008)

    Der Filmkritiker Peter W. Jansen, Wegbereiter des Neuen Deutschen Films, ist im Alter von 78 Jahren gestorben.

    16.11.2008, Ekkehard Knörer in: Filmkritik, Nachruf

    Peter W. Jansen über Alain Resnais, aus dem entsprechenden Band der von ihm mit Wolfram Schütte begründeten "Reihe Film" bei Hanser - dem vernünftigsten, was die deutsche Nachkriegsverlagslandschaft an Büchern zu RegisseurInnen hervorgebracht hat:

    "Er war nach Paris gekommen, weil er Schauspieler werden wollte. Aber nicht nur das Kino, das Theaterund die Literatur hatten es ihm angetan, sondern vor allem der Comic Strip. Früher als andere entdeckte er Verwandtschaften und den Vorsprung des Trivialen, hörte im erstarrten Schrei und sah in den gefrorenen Tränen, was vom Schreien und vom Weinen ist in der Sekunde ihrer Gegenwart, im Blitzlicht ihrer Vergegenwärtigung: ein Bild, eine Geste, ein Wort; Linien, Striche, Laute, Helligkeitswerte, Buchstaben. In jeder Darstellung des Lebendigen stirbt das Leben, versickert in den Darstellungsformen - und nistet sich darin ein. Nur so bleibt es aufgehoben, nur so ist es zu erlösen. Der Comic Strip, Addition von Sekunden der Vergegenwärtigung, ist schon über Literatur, Theater und Kino und deren Vorschein von Leben hinaus und wieder angelangt beim Lächeln, der Hygieia, das vor 2000 Jahren in Stein gehauen wurde und immer noch lächelt, so lange nur ein Blick das Lächeln aus dem Stein befreit. Denn: 'Un objet est mort qand le regard vivant qui se posait sur lui a disparu'."

    Sehr interessant, was Wolfram Schütte in seinem Nachruf über die Entstehung der "Reihe Film"-Bände schreibt:

    "Wir machten zur Bedingung, dass alle von uns gewählten Mitarbeiter alle Filme der Regisseure bei einer gemeinsamen, oft mehrtägigen Sichtung in Berlin auf der Leinwand sehen konnten, ohne dass für die Mitarbeiter daraus Reise- & Aufenthaltskosten entstünden. Ebenso lag die Honorierung der Beiträger auf der Höhe dessen, was Verlage für belletristische Autoren im Hardcover zahlten, also weit über den besten Zeilenhonoraren der Zeitungen. Die Herausgeber, die sowohl selbst als Autoren wie auch als Lektoren jeweils allein für den von ihnen edierten Band zuständig waren, hatten sich zudem das Recht des „final cut“ ausbedungen, d.h. den Klebeumbruch mit der allein von ihnen bestimmten & verantworteten Bildauswahl & -platzierung im Text."

    Audio-Links:
    Peter W. Jansen über Filmkritik im Radio
    Jansens Kino über "Out 1: Noli me tangere" von Jacques Rivette

    Cargo-Link:
    Nachruf von Ekkehard Knörer in der taz


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