02. September 2010, Woche 35/2010        Blog
Print
CARGO Film/Medien/Kultur Magazin
  • Übersicht aktuell
  • Interviews und Features
  • Ratings
  • Blog
  • Letzte Einträge
  • Kommentare

Aktuelle Ausgabe: CARGO Film/Medien/Kultur 06 vom 10. Juni 2010

  • Quicklinks:
  • Abonnement oder aktuelles Heft bestellen /
  • Jahresratings /
  • Newsletter /
  • Links
 

Anzeige    Werben auf www.cargo-film.de

Anzeige
  • Aktuelles Heft
  • Alle Ausgaben

CARGO 06/2009 Cover Marco Bellocchio

CARGO 06/2010 jetzt neu

  • Portofrei bestellen
  • Verkaufsstellen

  • Inhaltsverzeichnis von Heft 06/2009
  • Editorial


Inhalt

  • Berlin Documentary Forum
  • Armand Guerra: La commune
  • Jafar Panahi
  • Cannes gestern, heute
  • Zwischen Strich und Anstand
  • That's a Good Girl
  • Dancing with Avatars
  • Brutus Mappus
  • Ein altes Versprechen
  • Abfall für alle
Ältere »

Feed

CARGO Container: Politik

  • Berlin Documentary Forum

    Texthinweis.

    06.06.2010, Cargo in: Fotografie, Politik

    Neu in unserem Webmagazin: Ein Text von Robin Celikates zu einer Diskussionsveranstaltung mit der Fotografietheoretikern Ariella Azoulay und dem Nahosthistoriker Issam Nassar.


    Kommentar hinzufügen


  • Armand Guerra: La commune

    MHT 19: 1914

    06.06.2010, Ekkehard Knörer in: Geschichte, MHT, Politik, Stummfilm

    La Commune ist ein wichtiger, aber kein sehr guter Film. Man sieht jeder Einstellung an, dass seine Macher gerade ungefähr wussten, wo man eine Kamera hinstellt, so dass auch alle im Bild sind. Ganz und gar statisch meist, Räume als Container für Menschen, die nachstellen, was mehr oder minder und ungefähr wirklich geschah. Auch die Darsteller spielen mit angeklebten Bärten, aufgerissenen Augen, ausgestreckten Armen und überdeutlichem Mienenspiel mehr ihre Idee von Filmschauspiel, als dass man sie wirklich Schauspieler nennen dürfte. Ungelenk wird erzählt und montiert, ein Erzählfluss entsteht nicht. Unfreiwillig komisch fast die Szene, in der - in bizarr wirkendem Schuss/Gegenschuss - die Generäle Lecomte und Thomas hingerichtet werden. Kurz darauf endet der Film: Er erzählt vom Beginn des Aufstands und der Kommune. Die Kämpfe, das Ende erzählt er nicht. 

     

    Gedreht hat La commune ein Mann namens Armand Guerra. So hieß er jedoch nicht von Geburt - sondern José Estivalis -, den Künstlernamen hat er sich, ein nom de guerre ganz buchstäblich, selbst gegeben. Geboren in Spanien, nahe Valencia. Als Druckergehilfe arbeitet er, ein Streik sorgt dafür, dass er den Job verliert oder fliehen muss, man weiß nicht genau. 1908 ist er in Paris, dann in Genf. Er ist und/oder wird nun Anarchist. Kreuz und quer durch die Weltgeschichte reist er: Italien, Ägypten, Türkei, Rumänien; sieben Sprachen spricht er, für anarchistische Zeitungen schreibt er, unter dem leicht verschnapst klingenden Anagramm-Namen Silavitse. 1913 ist er zurück in Paris und gründet eine anarchistische Filmproduktion, das "Cinéma du peuple". Dies ist ganz sicher einer der ersten Versuche, ein Kino von unten zu machen, mit ganz geringen Mitteln, ein Gegenkino, das linker Gegengeschichte gedenkt. Mindestens drei Filme dreht er für sie, die lange verschollen waren, in den Neunzigern wieder auftauchten und von der Kinemathek in Paris restauriert wurden. La Commune ist einer von ihnen. Sehen kann man ihn auf der bereits erwähnten Website Europa Film Treasures.

    Die Geschichte Guerras jedoch ist noch lang nicht zuende. (Ich schreibe sie übrigens komplett ab, und zwar hier) 1915 muss er Paris verlassen, kehrt zunächst zurück in seine spanische Heimat, die zwanziger Jahre verbringt er dann in Berlin. Als Übersetzer von Filmuntertiteln und Drehbüchern, überhaupt dieses und jenes treibend im Kinobetrieb. In Hans Neumanns Verfilmung des Sommernachtstraums spielt er neben unter anderem Hans Albers, Werner Krauss, Valeska Gert und Alexander Granach - einem anderen Linken, dem man dann in Ernst Lubitschs Ninotschka wiederbegegnen kann. 1931 ist Guerra zurück in Spanien, er dreht vor Francos Sieg noch den Film Carne de fieras, 1939 stirbt er im französischen Exil. Hätte es Armand Guerra nicht gegeben, es hätte ihn einer erfinden müssen.

    La commune besteht nicht nur aus dem historisch reinszenierenden Teil. Es folgen drei weitere Szenen. Die erste ist dokumentarisch und sie ist auch bewegend. Versammelt sind, gut vierzig Jahre später, die Männer und Frauen, die die Kämpfe und das Ende der Kommune überlebt haben. 

     

    Die zweite ist ewigkeitlicher memorial. Man sieht das Mahnmal für die Opfer der Revolutionen am Pariser Friedhof Père Lachaise.

     

    Es folgt dann noch eine letzte Einstellung, die alles zusammenbindet. Erinnerung, Zukunftsblick, fliegende Fahne, Schlussbild: Vive la commune!


    Kommentar hinzufügen


  • Jafar Panahi

    Offener Brief.

    19.05.2010, Ekkehard Knörer in: Politik

    Ohne weitere Worte:

    Latest declaration of Jafar Panahi since the beginning of his hunger strike.

    I hereby declare that I have been subject to ill treatment in Evin prison.
    On Saturday May 15, 2010, prison guards suddenly entered our cell, n° 56. They took us away, my cell mates and I, made us strip and kept us in the cold for an hour and a half.
    Sunday morning, they brought me to the interrogation room and accused me of having filmed the interior of my cell, which is completely untrue. Then they threatened to imprison my entire family at Evin and to mistreat my daughter in an unsafe prison in the city of Rejayi Shahr.
    I have eaten and drunk nothing since Sunday morning, and I declare that if my wishes are not respected, I will continue to abstain from drinking and eating. I do not want to be a rat in a laboratory, victim of their sick games, threatened and psychologically tortured.
    My wishes are :
    - The possibility to contact and see my family, and the complete assurance that they are safe.
    - The right to retain and communicate with an attorney, after 77 days of imprisonment.
    - Unconditional liberty until the day of my judgment and the final verdict
    - Finally, I swear upon what I believe in, the cinema : I will not cease my hunger strike until my wishes are satisfied.
    My final wish is that my remains be returned to my family, so that they may bury me in the place they choose.
    Source : Centre culturel Pouya, Tuesday, May 18, 2010, Cannes

    (Hier)


    Kommentar hinzufügen


  • Cannes gestern, heute

    Festival/Film Socialisme.

    11.05.2010, Ekkehard Knörer in: Aktueller Film, Cannes, Festival, Politik

    Zur Einstimmung. 

    Erster von zehn Teilen eines leider nicht untertitelten Gesprächs mit Godard zu Film Socialisme (weitere Teile folgen Tag für Tag hier):


    1 Kommentar (ansehen). Kommentar hinzufügen


  • Zwischen Strich und Anstand

    Wiederentdeckung im Zeughauskino: Der Lude (DDR 1984)

    06.05.2010, Bert Rebhandl in: Filmgeschichte, Geschichte, Politik

    Obwohl der Alexanderplatz in Berlin seinerzeit im Osten der Stadt lag, hat die DDR auf Döblins bekannten Roman keine (mir im Moment bekannten) Ansprüche erhoben. Franz Biberkopf bekam durch Fassbinder seine zweite filmische Gestalt (nach Phil Jutzis noch fast zeitgenössischer Verfilmung im Jahr 1931). Das Zeughauskino zeigt nun aber in seiner Reihe Wiederentdeckt einen DDR-Film aus dem Jahr 1984, der zumindest in Ansätzen als Antwort auf Fassbinder gesehen werden kann: Der Lude von Horst E. Brandt, eine DEFA-Produktion nach einem Szenarium von Wera und Claus Küchenmeister, versucht sich an einer Darstellung jener Halbwelt, mit der die offiziellen Stellen in der DDR kaum einmal so recht umzugehen wussten. Im Mittelpunkt steht Wilhelm Knaupe, genannt „Bello“ (Peer-Uwe Teska). Er ist der Freund und Zuhälter der siebzehneinhalbjährigen Frieda (Michèle Marian), die 1930 noch drei Jahre von der Volljährigkeit entfernt ist (wie Deutschland von der Machtergreifung der Nationalsozialisten).

    Der Film beginnt panoramatisch, mit mehreren Zuhälterfiguren und deren Mädchen, in einer Welt der Hinterhöfe und Hinterzimmer zwischen „dem Schlesischen“ (Tor), der Jannowitzbrücke („zwischen Strich und Anstand“), dem Alexanderplatz und dem „roten“ Wedding. Von der käuflichen Liebe ist nicht viel mehr zu sehen, als dass Frieda gelegentlich Champagner mit älteren Herren trinkt, trotzdem fürchten sie und Bello ständig den Kontakt mit „der Sitte“. Allmählich tauchen in dieser Halbwelt, deren Protagonisten eigentlich anständige Leute sind, die ersten Braunhemden auf. Als besonders übler Typ erweist sich ein gewisser Horst Wessel, der dann auch im Zuge einer Zuhälterfehde (mit roter Beteiligung) ums Leben kommt.

    Bello wird zum Kronzeugen in dem darauffolgenden Politprozess, der 1933 noch einmal aufgerollt wird: Nun, da Frieda schon volljährig ist und das junge Paar sich sicher fühlt, ereilt ihn die Geschichte in beiderlei Gestalt – seine Vorgeschichte wird zum Moment des epochalen Wandels der Machtergreifung. Er muss noch einmal aussagen. Der Lude stellt einen interessanten Versuch dar, die für die DDR ex negativo konstitutive Erfahrung des Scheiterns der Linken in der Weimarer Republik durch eine Genre-Erzählung (einen „politischen Kriminalfilm“) zu rationalisieren. Bello ist eine Figur, die sich durch individuelle Anständigkeit, politisches Versagen, sinnloses Heldentum gleichermaßen auszeichnet. Zur Identifikationsfigur taugte er somit nicht, was unter anderem erklären dürfte, warum Der Lude 1984 in der DDR durchfiel, sowohl bei der Kritik wie beim Publikum. Nun wird er zumindest für einen Abend wiederentdeckt, als hochinteressantes Studienobjekt.

     

    Der Lude (DDR 1984) von Horst E. Brandt, Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum Berlin, Freitag 7. Mai 19.00, Einführung: Daniel Siemens (Universität Bielefeld, Autor des Buches Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten - Amazon-Link zum Buch).

     Dank an Daniel Siemens, der uns vorab die Sichtung des Films ermöglicht hat.


    Kommentar hinzufügen


  • That's a Good Girl

    Die Kunst des Zwischenrufs.

    08.04.2010, Ekkehard Knörer in: Dokumentarfilm, Fernsehen, Politik

    imageimageimage
    imageimageimage

    Im Jahr 1966 erhielt der US-Filmemacher Joseph Strick (am bekanntesten wohl für seine Ulysses-Verfilmung) von der BBC den Auftrag, eine Dokumentation über die Kunst des politischen Zwischenrufs zu drehen. Das Ergebnis trägt den Titel The Heckler (Der Zwischenrufer) und ist in Adam Curtis' BBC-Blog in ganzer Länge von vierzig Minuten zu bewundern. Vieles daran ist interessant: der Blick auf eine sehr vergangene Zeit, justament vor 1968, also Teil einer politischen Kultur im Moment ihres Umbruchs. Die Dokumentation als Studie nicht zuletzt von Gesten und Haltungen. Auch die Einführung von Strick, der sich ausdrücklich als Ethnologe mit transatlantischem Außenblick versteht. Spannend zu verfolgen die Kommentare unter dem Blogeintrag, in denen unter anderem darüber diskutiert wird, wie weit die Kunst des Zwischenrufs heute noch verbreitet ist. Anlass des Postings ist übrigens, dass Joseph Strick (Jahrgang 1923) gerne ein "Remake" anlässlich der bevorstehenden Wahlen drehen möchte.

    P.S.: Der charismatische Politiker mit dem Bart, mir bislang unbekannt, ist Gerald Nabarro, ein Konservativer, den Graham Chapman zum Beispiel in der Monty-Python-Folge It's a Living verkörpert, die man auf Daily Motion sehen kann (schon gleich zu Beginn, um die dritte Minute). Nabarro, sagt Wikipedia, löste einen Skandal und einen Prozess aus, als er oder seine Sekretärin in einem Kreisverkehr in die falsche Richtung fuhr. Während des Prozesses erlitt er Schlaganfälle und starb.


    5 Kommentare (ansehen). Kommentar hinzufügen


  • Dancing with Avatars

    Slavoj Zizek über Cameron.

    08.03.2010, Simon Rothöhler in: Aktueller Film, Politik

    Der zuletzt oft etwas sehr wirre Slavoj Zizek (hier im CARGO Audio-Gespräch) mit einem guten Text wider "Cameron's superficial Hollywood Marxism":

    ”Avatar's fidelity to the old formula of creating a couple, its full trust in fantasy, and its story of a white man marrying the aboriginal princess and becoming king, make it ideologically a rather conservative, old-fashioned film. Its technical brilliance serves to cover up this basic conservatism. It is easy to discover, beneath the politically correct themes (an honest white guy siding with ecologically sound aborigines against the "military-industrial complex" of the imperialist invaders), an array of brutal racist motifs: a paraplegic outcast from earth is good enough to get the hand of abeautiful local princess, and to help the natives win the decisive battle. The film teaches us that the only choice the aborigines have is to be saved by the human beings or to be destroyed by them. In other words, they can choose either to be the victim of imperialist reality, or to play their allotted role in the white man's fantasy. (Der ganze Text ist hier).

    Der Schlussteil ist vielleicht etwas Richtung politische Realität gezwungen; die angesprochenen Vorkommnisse im indischen Bundesstaat Orissa sind aber doch bedenklich (hier der entsprechende Text von Arundhati Roy).

    (Via)


    Kommentar hinzufügen


  • Brutus Mappus

    Harald Schmidt

    11.12.2009, Simon Rothöhler in: Politik

    imageimageGestern zum zweiten Mal innerhalb kürzerer Zeit Harald Schmidt eingeschaltet und gedacht, dass das doch noch funktioniert, also wieder, fast so wie früher. Einer muss das machen, Namen wie Stefan Mappus und Hermann Gröhe fallen lassen oder mal nachsehen, was Spassvögel wie Theo «Ted» Sommer so treiben, dessen Nichte man fast schon wieder vergessen hatte. Dazu Gäste, die zwar nicht aus einem Mousse au Chocolat-Bad steigen, aber doch ein so weites Feld menschlicher Verhaltensweisen abdecken wie Anne Tismer vs. Anne-Sophie Mutter, die dann tatsächlich über Felix Mendelssohn-Bartholdy sagt, dass sei ja toll und erstaunlich, wie tiefgründig der den Bach verstanden hätte - als «getaufter Jude». Schmidt, der alte Organist, lächelt dazu milde, er hat schon größeren Unsinn ertragen, wozu leider auch seine bizarr hölzernen Sidekicks zu rechnen sind, aber selbst bei der Daily Show läuft auf der Ebene oft wenig Talentiertes durchs Bild. Dass da einer post-Pocher am Donnerstag Abend eigentlich das altmodischste politische Kabarett macht, stimmt natürlich und auch seine Servilität gegenüber Schauspielern, die einem in Thomas Ostermeier-Inszenierungen auf die Nerven gehen, ist natürlich nicht ausgeheilt, eher im Gegenteil. Aber wer im Kulturberieb außer Rainald Goetz bringt ein vergleichbar authentisches Interesse für die Umtriebe des deutschen Bundestags usf. auf? Ist das etwa keine GEZ-Millionen für Harry und Fredy wert? Brutus Mappus, da ist wieder jemand, der an dich denkt.


    Kommentar hinzufügen


  • Ein altes Versprechen

    Heute beginnt die Dardenne-Retrospektive im Arsenal in Berlin.

    15.11.2009, Bert Rebhandl in: Dokumentarfilm, Politik, Regisseure, Termin

    Wie man von einem Film erfasst werden kann: gleich zu Beginn ein Kino der Körper, enge Kadrage, die Handkamera folgt dem Routine-Rundgang eines Mannes, der illegal eingewanderte Mieter in Zuhältermanier kontrolliert. Er reißt die Türen auf, die schmalen Unterkünfte geben ein Bild der Erbärmlichkeit, die darin aufgeschreckten Menschen sind dem respektlosen Blick und der Willkür ausgeliefert. Der Mann, begleitet von einem wendigen Halbwüchsigen, holt aus jeder Situation das Äußerste heraus: Von dem jungen Nordafrikaner, den er in flagranti mit einem Freier entdeckt, verlangt er eine zusätzliche Abgabe, ebenso von den türkischen Mietern, die ihre Freund beherbergen. Diejenigen, die sich über den desolaten Zustand der windigen Behausungen und über die mangelnde Kanalisation beklagen, verspricht er Abhilfe, ohne sich auf lange Diskussionen einzulassen.
    Der Effekt des fiktionalen Blicks auf ein Dispositiv der Kontrolle ist umso stärker, als dieses in einem an das Dokumentarische angelehnten Modus vorgeführt wird: Als "unvermittelte" Zeugen von Ausbeutung und Elend inmitten einer westeuropäischen Stadt werden die Zuschauer hier zunächst direkt adressiert.

    So beschrieb Christa Blümlinger 1997 in der Zeitschrift METEOR die Wirkung des Films La Promesse von Luc und Jean-Pierre Dardenne. Zwei neue Auteurs tauchten damals im Weltkino auf, ihre Bedeutung war unmittelbar zu erkennen, von Rosetta (1999) bis Le Silence de Lorna (2008) haben sie seither ihr Werk weitergeschrieben. In all diesen Jahren wusste man zwar von den frühen, dokumentarischen Filmen der Dardennes, zu sehen bekam man sie aber nie.

    An diesem Sonntag eröffnet nun das Arsenal in Berlin unter dem Titel REALISMUS REFLEKTIEREN eine Retrospektive der Filme von Luc und Jean-Pierre Dardenne, die zusammenbringt, was die Auswertungslogik der Arthauswelt getrennt halten muss: Wie sich die frühen Arbeiten zu den späteren Fiktionen verhalten, wie sich die Erzählung aus der Beobachtung heraus entwickelt, ob sich Bilder des latent Metaphysischen schon früh finden oder ob die Dardennes vielleicht tatsächlich nur leibliche Projektionsflächen für unser überschießendes kulturelles Wissen schaffen - zu all diesen Fragen gibt es im Arsenal im November das Grundlagenmaterial.

    Eröffnet wird am Sonntag, 16. November, mit La Promesse, davor läuft der Dokumentarfilm LORSQUE LE BATEAU DE LÉON M. DESCENDIT LA MEUSE POUR LA PREMIÈRE FOIS (1979), eine Bootsfahrt entlang der Monumente einer Arbeitswelt, die einst maßgeblich zur Schaffung des europäischen Reichtums beitrug und nun vor allem ein Erinnerungsort an alte Arbeitskämpfe ist.


    Kommentar hinzufügen


  • Abfall für alle

    Rainald Goetz und der "antifiskalische Bürgerkrieg"

    30.10.2009, Bert Rebhandl in: Politik

    Der von Peter Sloterdijk ergangene Aufruf zu einer "Revolution der gebenden Hand" ("Abschaffung der Zwangssteuern und deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit") hat eine kleine Gelehrtendebatte ausgelöst, zu der ein wichtiges Wort jedoch bisher weitgehend übersehen wurde. Es stammt von Rainald Goetz:

    "Ich hatte aus meiner eigenen Steuerzahlerpraxis, die es, seit ich korrekt Steuern zahlte, an Absurdheit mit jedem anderen Steuerzahlerschicksal sicher gut aufnehmen konnte, die genau gegen diese Absurdheitszumutungen sich auflehnende Akzeptanzidee entwickelt, dass es jenseits des Geldes, des vom Staat als Steuerschuld von mir geforderten Betrags, um etwas anderes ging in Sachen Steuerpflicht, dass in der dauernden Belegpflicht nicht nur meiner Ausgaben, sondern meines ganzen Lebenswandels, mir vom Staat ein Abhängigkeitssignal übermittelt und zugestellt wurde, mit der Aufforderung verbunden, mich mit dieser Abhängigkeit vom Staat einverstanden zu erklären. Und dann dachte ich an den Wasserhahn, aus dem das berühmte warme Wasser des Luxus, hier in unseren Welten leben zu dürfen, kam, und sagte: ja, Staat, Gefangener bin ich, ich wäre gern frei, aber wenn ich dafür mit einer Pistole herumrennen und mich gegen die Räuber, die mich ausrauben wollen, selber schützen müsste, den Strom, mit dem mein Computer läuft, selber mit einer von mir selber noch zu erfindenden und dann auch noch dauernd mit den Füßen tretend zu betreibenden Generatormaschine erzeugen müsste, jede Nachricht an irgendwen eigenhändig usw usw, will ich lieber der Gefangene, ein unfreier lächerlicher Steuerbürger dieses Staates sein, den die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft in nicht so ganz gering zu schätzender Weisheit im Laufe der letzten paar hundert Jahre sich so zurechtgeformt hatte, irgendwie schrecklich, ganz ersetzbar wahrscheinlich nicht so leicht, und von alledem also würde das Symbol Steuerzahlung im konkreten Fall der Mühsal, die sie jedem machte, für jeden, der das so sehen würde wollen, immer wieder handeln." (Loslabern, 2009, S.100f.)

    Tolle Stelle, übrigens tatsächlich direkt gegen Sloterdijk gewandt, der "ein bisschen lustigen Debattenwind durch das von ihm als vielleicht ein bisschen zu langweilig empfundene Habermasien" hat fahren lassen.

    Nachzufragen wäre bei Goetz, ob sein Staat, den er ja zwischen Hobbes und Vattenfall verortet, nicht doch deutlich vor der Privatisierung der Infrastruktur aufhört, und ob die Bundesnetzagentur als Gewährsstelle für das Allgemeininteresse an Wasser usw usw hinreicht?

    Lesen Sie in unserem nächsten Heft CARGO #4: Romuald Karmakar über Aktivkohlefilter


    1 Kommentar (ansehen). Kommentar hinzufügen

Seite 1 von 6 Ältere Einträge »

Standard CARGO

Reich der Zeichen



© Cargo Verlag GbR 2008-2010 / Impressum / Anzeigen, Mediadaten / RSS / Hosting: classlibrary.net / www.cargo-film.de is a Django powered site.
    ISSN 1867-8750 (Website) ISSN 1867-8742 (Print)