CARGO Container: Experimentalfilm
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MHT 11: 1905
Tom Tom, the Piper's Son.
Mit dem Film Tom, Tom the Piper's Son hat es auf sich: a) dass wiederum Billy Bitzer die Kamera bei dieser American Mutoscope & Biograph-Produktion geführt hat. Man glaubt es kaum, wie still und stumm sie frontal zum Gewusel, das meist im Bild herrscht, herumsteht, nachdem man sie kürzlich durch die Westinghouse-Fabrik fliegen sah; b) dass der Film aber eben deshalb und insbesondere mit seinen Jahrmarkts- und Verfolgungssequenzen ein sehr typisches Beispiel des frühen Kinos ist, das von Noel Burch als "primitive mode of representation" vom "institutional mode of representation", von Tom Gunning mit noch durchschlagenderer Wirkung als "cinema of attractions" von der narrativ integrierten klassischen Hollywood-Form und von Charles Musser als "präsentationale" von der sich später durchsetzenden "repräsentationalen" Darstellungsform abgegrenzt wurde; c) dass der Film keineswegs ein besonders herausragendes Werk des frühen amerikanischen Kinos ist und wohl so ziemlich vergessen wäre, hätte sich nicht d) der Avantgardefilmer Ken Jacobs im Jahr 1969 über ihn hergemacht.
Dazu lässt sich sagen, dass a) die Wiederentdeckung des frühen Kinos, auch und gerade bei Noel Burch oder Tom Gunning, stark unter dem Einfluss eben der Avantgardefilmer stand, die zur Auffassung gelangt waren, dass ihnen das nicht-klassische frühe amerikanische Kino in seiner - oben andeutungsweise beschriebenen - "offeneren" Form näher stehe als in der klassischen, die sich, da gehen die Meinungen schon wieder stark auseinander, mit oder - so sieht es die Forschung heute eher - nach D.W. Griffith mit unsichtbarem Schnitt, Decoupage etc. zur dann für Jahrzehnte prinzipiell gültigen Form zu verfestigen begann; und dass b) die Wiederentdeckung dieses frühen Kinos als mit Missverständnissen gezielt oder unabsichtlich operierende Aneignungsgeste war, die auf die implizite Behauptung hinauslief, dass die "cinema of attractions"-Form, die nicht auf die narrative Schließung und das Mithineinnähen des Betrachters ins Erzählgeschehen zielt, näher nicht nur am Kino der Avantgarde, sondern also auch weniger ideologisch operiert (man lese dazu etwa Michael Baute). Eine solche rein affirmierende Aneigung ist etwa in Ernie Gehrs in schönem Enthusiasmus Eureka betitelten Werk zu beobachten (von 1974). Dabei handelt es sich um eine auf die mehrfache Länge gedehnte Fassung des folgenden dokumentarischen Films (von 1903? oder 1905?), die Aufzeichnung einer Fahrt auf der - übrigens kurz darauf im Feuer fast völlig zerstörten - Market Street in San Francisco:
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Gehr macht seine Intentionen bei Eureka sehr klar:
To some degree, the original film has obviously been transformed, but I hope that this simple muted process allowed enough room for me to make the original work "available" without getting too much in the way. This was very important to me as I tend to see what I did, in part, as the work of an archaeologist, resurrecting an old film as well as the shadows and forces of another era.
Gehr versteht sich also aneignend als Diener des zugrundeliegenden Films, sehr ähnlich übrigens wie in manchen seiner Äußerungen Gus van Sant bei seinem dem Original auf intrikate Weise un/ähnlichen Psycho-Remake. Gehr tut dem Material, das er wiederverwendet, "nichts" an, außer es, ähnlich wie Douglas Gordon in seiner 24 Hour Psycho-Version seine Vorlage, zu dehnen.
Ganz anders verhält es sich mit Ken Jacobs' Aneignung des 1905 entstandenen Biograph-Films Tom, Tom, the Piper's Son. Obwohl ich hier eigentlich nicht über den Jacobs-Film sprechen will, um nicht gleich sechs Jahrzehnte vorzugreifen, komme ich um die Erwähnung des viel späteren Werks nicht umhin. Kurz sei gesagt, was Jacobs tut: In einem ersten Durchlauf - und dann am Ende noch einmal - zeigt er das Original komplett. Dazwischen aber bearbeitet er es - teils überaus gewalttätig - nach allen Regeln der Filmkunst. Er zoomt hinein, hält es an, schneidet, stellt um, wiederholt, verlangsamt, beschleunigt, löst die vorhandenen Zusammenhänge in andere Zusammenhänge und manchmal auch in reine Licht-Schatten-Rest, in Geflacker und Schatten und fast reine Materialhaftigkeit auf. Hier ein Ausschnitt:
Jacobs' Film ist großartig, eines der berühmtesten Werke der Experimentalfilmgeschichte - aber das heißt auch: Er wirft einen nicht wieder zu beseitigenden Schatten auf das Original. Das nämlich liegt nun, hat man Jacobs' spielfilmlange Analyse/Zerstörung/Dekonstruktion/Hommage hinter sich, in einer solch banalen Offenheit seiner Bildfolge zutage, dass man auch gleich sagen kann: der Experimentalfilm hat das Werk, mit dem er sich auseinandersetzt, auf eine Weise ausgelaugt, vielleicht gar gelöscht, dass sich jedes weitere Wort dazu schier erübrigt.
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Malcolm X
Mörder auf freiem Fuß.
Wie CNN heute meldet, ist Thomas Hagen, der Mörder (oder der einzige sich zu seiner Tat bekennende Mörder) von Malcom X nach 44 Jahren Haft entlassen worden. Dazu der Hinweis auf Ken Jacob's Found-Footage-Werk mit dem halbironischen Titel Perfect Film. Bei UbuWeb, wo man den Film sehen kann (die Einbettungsfunktion gibt es aber wohl nicht mehr), heißt es dazu:
The fortuitous find and instant conception of Perfect Film (1986), a found footage film of eyewitness accounts of the assassination of Malcolm X, is a perfect allegory for Jacobs' notion of "the movies that make up our minds, are our minds in large part". The footage was being sold for the reel on which it was spooled. Jacobs found it, and didn't touch it at all. The drama of shock reveals itself, first in the animated account of a journalist who happened to be in the auditorium, then in the grave and weary non-answers the police chief gives reporters. The story changes, the number of shots fired rises, and the lone newsman in the auditorium refines his story, growing with its power. There is a crowd around him, half of them listening intently, the other half trained on the camera. One man is smiling like an idiot. The film is historically potent, to be sure, but Jacobs perhaps recognised it for its darker suggestions, that in the instant of shock we forget and succumb to the storyteller. - Genevieve Yue (Senses of Cinema, 2004)

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Déraison
White Satin.
Zohilof stellt bei dailymotion Videos, Filme (und Auszüge aus Videos und Filmen) von Ange Leccia rein. Ich kannte nichts davon und finde es umwerfend. Hier ein Film mit dem Titel Adolescence (13 min, von 2000). Mehr hier und hier und hier und hier und hier.
(Dies ist ein Eintrag für Peter Praschl.)Kurzer Auszug, ich weiß nicht woraus:
Ange Leccia
Hochgeladen von zohilof. - Entdecke mehr kreative Videos.La deraison du Louvre, mit Laetitia Casta (2006)
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Peleshian
Peleshian bei UbuWeb.
Ubu twittert, dass es nunmehr sämtliche Filme des armenischen Filmemachers Artavazd Peleshian auf der Ubu-Website zu sehen gibt. (Was, so weit ich sehe, nicht ganz stimmt, weil der erste bei IMDB verzeichnete Film, Mountain Vigil von 1964, nicht dabei ist.) Vieles davon, darauf hatte ich schon einmal hingewiesen, gibt es auch bei Youtube (allerdings den damals eingebetteten Film nicht mehr). Ein Zitat von Peleshian zu seiner Methode, die auf einem sehr spezifischen, von ihm als Distanz-Montage bezeichneten Verfahren beruht:
Eisenstein's montage was linear, like a chain. Distance montage creates a magnetic field around the film... Sometimes I don't call my method "montage". I'm involved in a process of creating unity. In a sense I've eliminated montage: by creating the film through montage, I have destroyed montage. In the totality, in the wholeness of one of my films, there is no montage, no collision, so as a result montage has been destroyed. In Eisenstein every element means something. For me the individual fragments don't mean anything anymore. Only the whole film has the meaning.
Vor der Einbettung von Peleshians vielleicht lebensbejahendstem Werk Kyang (Leben, von 1993) - aber von Youtube, das ist einfacher - noch der an dieser Stelle ganz gut passende Hinweis darauf, dass der immer lesenswerte Colin Marshall kürzlich den Vorsatz gefasst hat, sämtliche Experimental- und Avantgardefilme auf Ubu zu sehen und zu kommentieren. Bislang vier Einträge zu Filmen von Vito Acconci. So was Ähnliches hatte ich eigentlich auch einmal vor, aber es kommt ja immer was dazwischen bei solchen Sachen. Leben (6'31''):
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Zukunft des Kinos
The Greenaway Version.
Von der Zukunft des Kinos macht sich ja jeder so seine eigene Vorstellung. In einem lesenswerten Artikel bei Moving Image Source erklärt Leo Goldsmith, wie Peter Greenaway dazu kam, das Kino, wie wir es kannten, für tot zu erklären - und mit der Zukunft, wie er sie sieht, weiterzumachen. Einen etwas verwackelten Eindruck davon kann man sich auch auf Youtube machen. Da nämlich ist ein VJ-Set zu sehen, bei dem Greenaway selbst seine Film-Trilogie The Tulse Luper Suitcase zum nonnarrativen Multi-Screen-Live-Event umgestaltet.
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Jetzt online: Gespräch mit Kenneth Goldsmith
Im Original.
Hinweis in eigener Sache: Im Magazinteil gibt es ab sofort das Original-Email-Interview zu lesen, das ich mit dem UbuWeb-Gründer und -Mastermind Kenneth Goldsmith geführt habe. Es geht um die Anfänge, die Entwicklung, die Prinzipien und die Zukunft des sagenhaften Avantgarde-Archivs.
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Beirut Movie
Found Footage.
Gibson! Zanussi! And you, Fred Clark! Fantastisches Teil, Peggy Ahwesh Beirut Outtakes.
2007, 7:30 min, color, sound
Composed entirely of film scraps salvaged from a closed Beirut cinema, Beirut Outtakes is a collage of sensational visions.
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Lektion: Surrealismus
Nach einem Bild.
Treffen sich eine Nähmaschine und ein Regenschirm auf einem Seziertisch... Wie? Kennen Sie schon? Dann ist vielleicht der folgende Film was für Sie. Even: As You And I nämlich ist ein kleiner Katalog von surrealistischen Einfällen in einem Moment, in dem sie schon leicht epigonal angefault sind. Drei Männer auf der Suche nach einer Kurzfilm-Idee. Dalí kommt zu Hilfe. Glühbirnen werden in der Pfanne verrückt. Es wird mal wieder ein Auge geschlitzt. Kennen wir alles schon, denn wir schreiben das Jahr 1937. Also ist der Film ein kleines Satyrspiel auf das Ende des Surrealismus. (Kann sein, der eine oder andere Vertreter hatte von diesem Ende noch nichts mitgekriegt.) Die Regisseure und Autoren, die sich - oder jedenfalls drei Regisseure und Autoren - hier darstellen, heißen Roger Barlow, Harry Hay und LeRoy Robbins. Abgesehen von diesem Film sind sie kaum noch auffällig geworden. Even: As You And I macht aber Spaß.
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Usher, Lot & Hammer
Avantgardefilmgeschichte.
Zwei Filme haben James Sibley Watson Jr. und Melville Webber Ende der Zwanziger gemeinsam gedreht. Der erste von beiden, eine experimentelle Verfilmung von Poes Fall of the House of Usher, war lange der filmhistorisch angesehenere der Filme. Heute setzt der zweite eher in Erstaunen: Lot in Sodom (1933), übertrifft mit seinen unverschämt nackten Männerkörpern die Erwartungen noch, die der Titel schon schürt. Heute gilt er als Pionier- und Schlüsselwerk nicht nur des Avantgarde- sondern auch des schwullesbischen Films. Es ist kein Zufall, dass Barbara Hammer in ihrer Found-Footage-Collage Nitrate Kisses zur Geschichte des schwullesbischen Kinos ausführlich auf Lot in Sodom zurückgreift. (Mehr dazu hier.)
In einer Erinnerung aus dem Jahr 1975 erklärt hier James Sibley Watson, Jr., wie die Zusammenarbeit der beiden aussah. Watson, der Arzt war und als reicher Erbe auch mäzenatisch tätig war, bekennt sich zum eigenen Amateurstatus und berichtet in einer Anekdote, wie er sich einen Eindruck davon verschaffte, was Filmemachen überhaupt heißt:
In those days the Paramount Studio in Astoria welcomed or at least tolerated visitors, and I managed to get myself invited. The only other visitor that morning was a Yankee priest just returned from a stint in South America. The first set we came upon was the inside of a circus tent, where the famous director David Wark Griffith was making close-ups of a little girl. During a pause, Griffith turned to greet us, engaging the priest in conversation, while I peered between and around them at the scenery, the lights, and the camera, the things I had come to see. The cameraman, Eddie Kronjager, was standing beside his hand-cranked camera, looking bored. I proceeded to bore him further with questions which, to my delight, he answered in some detail. When we took our leave, I tried to thank the great director for letting us visit his set, but he turned his back on me, evidently offended that I, a nonentity, had neglected him for his cameraman.
Beide Filme von Watson und Melville sind online zu sehen. Hier ist Fall of the House of Usher:
Fall of the House of Usher (1929) silent
Hochgeladen von clamcentral. - Komplette Serien und ganze Episoden online.Hier ist Lot of Sodom:
Und hier ist der Trailer zu Barbara Hammers Nitrate Kisses:
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Public Enemies bei CARGO
Neu im Magazin.

Am 6. August kommt Public Enemies in die Kinos. In dem neuen Film von Michael Mann, einem der innovativsten Hollywood-Regisseure der letzten Jahre, geht es um den legendären Bankräuber John Dillinger, der während der Depressionszeit zum «öffentlichen Feind» avancierte und dabei einer Institution zur Geburt verhalf: Hoovers FBI. Ein Film mit Starbesetzung - Johnny Depp spielt Dillinger, Christian Bale seinen Verfolger Melvin Purvis - und einer spektakulären High Definition-Ästhetik: Nach Collateral (2004) und Miami Vice (2006) ist Public Enemies die dritte Arbeit, die Mann als High Budget-Experimentierfeld des digitalen Kinos realisiert. Bert Rebhandl hat sich mit dem selbstsicheren Regisseur unterhalten, Simon Rothöhler denkt über einen neuen Bildtypus nach und verweist auf zwei ältere Filme von John Milius und Marco Ferreri, in denen es auch heißt: Dillinger is dead.



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