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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 35
vom 22. September 2017

CARGO 35 Cover, CARGO 34 Cover,

Festival
Container vom 13. November 2017 von Cargo

DOK Leipzig 2017

 

Von Stefanie Diekmann

 

MOT DE PASSE: FAJARA / PASSWORD FAJARA (R: Séverine Sajous, Patricia Sánchez Mora; Spanien, Frankreich 2017)

Calais, der Dschungel, die Wellblechhütten, dazwischen die jungen Männer mit den Blousons und den Wollmützen, die in Fernsehbildern immer so aussehen, als könnten sie nicht aufhören zu frösteln, und die von den Aufzeichnungen dieses Films nur als Schatten mit gespenstisch leuchtenden Augen erfasst werden.

Die Aufzeichnungen sind Infrarotbilder, unten eingeblendet das Datum und die Uhrzeit; ausgeblendet hingegen, aus dem Abspann, die Namen derjenigen, die diese Bilder bevölkern und darauf warten, von Calais weiter nach England zu kommen. Das geht nicht ohne List und Logistik: „Sollen wir die Polizei rufen?“, heißt es in einem Anruf auf der Tonspur, der zu klären sucht, ob der Kühlschrank, in dem zwei Geflüchtete versteckt sind, nun ein- oder ausgeschaltet ist. Hätte man ihn eingeschaltet, wären sie jetzt dabei zu erfrieren, und die Polizei, deren Einsatz ansonsten nichts Gutes bedeutet, hätte auf einmal die Funktion, zu ihrer Rettung entsandt zu werden.

Die Umcodierung von Begriffen, Einsätzen, Akteuren, die den Alltag im Dschungel von Calais bestimmt, wird als Schrift- und Tonspur verhandelt: Einblendungen, Definitionen, eine kleine Enzyklopädie, mit der die Bilder durchsetzt werden, bis eines der letzten, wieder Infrarot, zwei Silhouetten vor der Kulisse des Big Ben in London zeigt.

 

ZIRDZIŅ, HALLO! / HELLO, HORSE! (R: Laila Pakalniņa; Litauen 2017)

Auf der Wiese steht das Pferd: am Anfang und dann noch einmal kurz vor Schluss frontal gefilmt, dazwischen mehrfach im Hintergrund oder an den Rande einer Einstellung versetzt. In den anderen Einstellungen von HELLO, HORSE!, die meist sehr kurz und fast immer durch eine Vertikale in der Mitte geteilt sind, ist dann anderes zu sehen: ein Baum, ein Haus, ein zweites Haus, zwei Hunde, ein Strommast, ein Verkehrsschild, eine Herde auf einer Wiese.

Im Vordergrund fahren die Autos vorbei: eines pro Einstellung, eines pro Schnitt, der in die Wischblende der Fahrzeugbewegung gesetzt ist und einen Match Cut produziert, der mal über die Perspektive, mal über das Motiv oder das Objekt und in einzelnen Fällen über eine Jahreszeit oder eine Figur funktioniert. 

Da die Schnitte sehr schnell erfolgen und immer mit der Wischbewegung verknüpft sind, entsteht der Eindruck, dass auf der Straße vor den zwei, drei, vier Häusern irgendwo in Litauen sehr viele Fahrzeuge unterwegs sind. Es ist keine Land-, keine Bundesstraße, erst recht keine Autobahn, sondern, wie eine Einstellung auf halber Strecke des Films zu erkennen gibt, eine Schotterpiste. Aber das ändert nichts daran, dass sie zu einer Welt gehört, die bereits zu schnell geworden ist: für den Ort zwischen dem Strommasten und für das weiße Pferd, das hinten auf der Wiese steht.

 

RHINLAND. FONTANE (R: Bernhard Sallmann; D 2017)

Strenge Schönheit, langer Atem. In kurzen Einstellungen geht hier gar nichts, mit Ablenkung, Unterbrechung auch nicht. Sitzen bleiben ist durchaus Teil des Programms; und mit Erziehung: zum Sehen, zur Aufmerksamkeit hat das schon ein wenig zu tun.

Wer das nicht will, verlässt den Kinosaal, früher oder später, wozu sich zwischen der ersten und der fünfzigsten Minute mindestens ein Drittel der Zuschauer entscheidet. Wer bleibt, könnte zu denen gehören, die solche Filme lieben, solche Landschaften auch, von denen zu Beginn, in der sehr geschulten Sprecherstimme, die den Text über die Bilder zieht, berichtet wird, dass Fontane selbst ihren Reichtum unterschätzt habe, und später, auf seinen Wanderungen, immer aufs Neue von ihnen überrascht worden sei.

In Bernhard Sallmanns Filmprojekt, dessen erster Teil, ODERLAND FONTANE (D), 2016 im Programm von DOK Leipzig lief, sind die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ weniger Kompass oder Legende als vielmehr eine Phantasmagorie, deren Gestalten und Geschichten durch die Landschaften geistern, die still vor der Kamera liegen, Fernstraßen und Strommasten inklusive. Die Toten sind nicht unter uns, aber sie sind hier gewesen, damals, gestern, für einen Moment, den dieser Film in seinen Bildern erinnert wissen will.

 

 WILDES HERZ (R: Charly Hübner, Sebastian Schultz; D 2017)

Was natürlich auch möglich ist: Über einen erstaunlich wilden Kerl einen erstaunlich langweiligen Film zu drehen.

Jan ‚Monchi’ Gorkow ist der Sänger von Feine Sahne Fischfilet, die Punk gegen rechts machen, das heißt: Musik, Konzerte, Aktionen, und ansonsten: gegen rechts saufen, agitieren, pöbeln, was auf jeden Fall unterstützt gehört, auch wenn man die Musik keine zwei Minuten aushält. Der Eindruck, den WILDES HERZ von seinem Protagonisten vermittelt: High Maintenance und High Impact, muss intendiert sein, die Nähe zur gepflegten TV-Ästhetik hingegen nicht unbedingt. Aber bis auf einige Konzert-Mitschnitte (Stage Diving: Masse mal Fallhöhe) könnte es sich um das Porträt von Irgend jemanden handeln.

Vor der Kamera sitzen Familie, Freunde, Wegbegleiter und erzählen, dass das mit der Musik nicht ganz abzusehen und das mit dem Jan nicht immer einfach gewesen sei. Das alte Elternhaus wird besucht, die Schule, die Kirchengemeinde. Der Verfassungsschutz kommt zu Wort; es brennt das Lagerfeuer, es läuft die Wahlsendung, und zu Hansa Rostock gibt es ein paar Geschichten, über die nicht gerne gesprochen wird. Dazwischen die Family Footage (Fotos, Videos, Super8), die Konzertmitschnitte, bis das Bild rund ist, und der wilde Kerl vor allem als ein guter erscheint, der seinen Baggersee liebt und nur dann mit Mülltonnen schmeißt, wenn die AfD in Mecklenburg-Vorpommern auf 21% kommt.

 

Über Leben in Demmin (D 2017; R.: Martin Farkas)

Wie viele in Demmin überlebt haben, wird im Film nicht zur Sprache kommen.  Die Toten sind wichtiger, die Todesarten auch, die immer das erste Thema sind, wenn es darum geht, sich an die Toten und die Erinnerung zu wenden.

Damals, 1945. Die Wehrmacht und die SS abgezogen, die Rote Armee in den Straßen. Die Plünderungen, die Vergewaltigungen, die brennenden Häuser, die Gewehre, die Schüsse. Aber schon vorher waren die ersten ins Wasser gegangen, wurden Stricke geknüpft und Rasierklingen verteilt, obwohl niemand wusste, wie man sich die Pulsadern richtig aufschneidet.

Martin Farkas filmt Demmin als eine stille Stadt, in der viel Schweigen ist und das Sprechen zögerlich vonstatten geht. Wenn gesprochen wird, dann in Umschreibungen, Halbsätzen. Oder in Wendungen, die sich anhören, als wären sie vor langer Zeit gefunden und seither nicht mehr revidiert worden. Ein Mal im Jahr sprechen auch die Nazis, immer am 08. Mai, wenn sie sich zu einem Marsch mit Kränzen und Fahnen einfinden. Die Instruktionen sind dann präzise und die Reden sehr genau gesetzt, wie um zu zeigen, dass man sich mit den Regeln der Versammlung allerbestens auskennt.

ÜBER LEBEN ist kein Stadtporträt, aber ein kluges Dokument dazu, wie man einer Stadt und ihren Bewohnern mit der Kamera begegnen kann. Eine Übung in Abständen, Blickwinkeln, Aufstellungen, in Ortswechseln und Verweildauern; im Rückzug, der vielleicht der wichtigste Teil jedes aufmerksamen Besuchs ist. 

 

GWENDOLYN (Österreich 2017; R.: Ruth Kaaserer)

Guilty Pleasure: einen Film für seine Protagonistin lieben. Oder dafür, und das wäre ja vertretbar, wie er seine Protagonistin behandelt. In mancher Hinsicht ist das Programm des 60. DOK Leipzig eines der guten Gäste, gerade in den sympathischeren Beiträgen, und dass die guten Gäste immer noch sehr unterschiedlich agieren (distanziert, aufmerksam, diszipliniert, liebe- oder respektvoll), macht das Programm zu einem Spektrum der Auftritts- und Umgangsformen.

In GWENDOLYN (dem Film, der Person) verschränken sich zwei Erzählungen. Die eine: leben wollen, auch wenn die Chancen dafür gerade nicht sehr gut stehen. Die andere: Leben gestalten, in times of crisis und davor, danach, immer wie selbstverständlich, was es doch in keiner Hinsicht ist, und ohne viel Aufhebens, weshalb die Regie auch kein großes gemacht hat.

Wie Gewicht heben geht, lernt man im Film beim Zuschauen und noch einmal am Abend der Premiere, als Gwendolyn Leick: Anthropologin, Weightlifterin, EM-Champion in der Altersklasse ab 65, im Rahmen des Q&A ein paar Grundbewegungen erklärt. Wie Leben geht, lernt man vermutlich anders; aber sofern es sich lernen lässt, sollte es ungefähr so aussehen, dachte ich.

 

 

BETRUG (D 2017; R.: David Spaeth) 

Hochstapler, das wäre aus der Sichtung von BETRUG zu lernen, operieren nicht mimetisch, sondern analytisch. Das Verhaltensprogramm, das den Betrug ermöglicht, heißt nicht Anverwandlung, sondern Anpassung: an einen kollektiven Blick, der zu gleichen Teilen wohlwollend und herablassend gewesen ist. Und wenn das Ganze dann trotzdem nicht gut für den Hochstapler ausgegangen ist, hat das vor allem damit zu tun, dass irgendwann einfach nichts mehr auf dem Konto war.

BETRUG, darauf ist in verschiedenen Texten hingewiesen worden, ist ein Film über Sofas, Socken und die artige Sitz- und Gesprächshaltung im Wohnzimmer. Eine Milieustudie ist er außerdem, wenngleich keineswegs als solche angelegt, und wer will, kann ihn auch als eine Auseinandersetzung mit den für den Dokumentarfilm nicht ganz unwichtigen Fragen betrachten, was man seinen Gegenübern ansieht, was nicht, wie sich Sehen und Wissen zueinander verhalten, und wie viel die produktive Manipulation eines Settings oder eines Milieus mit der Einschätzung von Sichtweisen zu tun hat. 


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