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CARGO Film/Medien/Kultur 36
vom 15. Dezember 2017

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Film
Container vom 16. Juni 2017 von Bert Rebhandl

In San Fernando ist der Teufel los
Filmhinweis für Berlin: «Pedro soll hängen» (1939-1962) von Veit Harlan im Zeughauskino

Wie heißt eigentlich der Film, den Veit Harlan vor Jud Süß gemacht hat? Bei dieser Quizfrage wäre ich kürzlich noch ausgestiegen, nun aber schließt das Zeughauskino im Rahmen der Reihe Seelennot diese Lücke. Pedro soll hängen steht zwischen dem Melodram Die Reise nach Tilsit und dem antisemitischen Vorzeigefilm. Die einschlägige Tagebuchnotiz von Goebbels dazu ist rätselhaft: „Laut und geräuschvoll. Literatur. Ein Versager.“ Das Zeughaus zeigt Pedro soll hängen als einen Nachkriegsfilm, der während der Krieges unterging, und danach nicht mehr so richtig auftauchte. Wenn Harlan der „Versager“ ist, was hat Goebbels dazu bewogen, diesen zutiefst deutschen Bodega-und-Tequila-Schwank auf 66 Minuten kürzen zu lassen? Und den Regisseur dann doch für Jud Süß zu rekrutieren?

Pedro soll hängen ist „ein heiterer Film über Liebe, Wein und himmlische Zustände“, heißt es in dem einleitenden Insert. Die Szene (Vorlage war ein Theaterstück) ist ein lateinamerikanisches Land namens Pelargonien bzw. Pellagonien (oder Geranien, wie es zwischendurch in einem Gag heißt), das vor allem durch eine Gaststätte, einen Dorfplatz mit Gefängnisfenster und eine Wüstenlandschaft mit dekorativ platzierten Kakteen charakterisiert wird.

Auf eine stark vereinfachte Weise geht es auch in Pedro soll hängen, wie danach in Jud Süß, um gutes Regieren. Gegen den kritischen Blick eines aus Amerika einfliegenden Reporters, der sich ein Bild von den Verhältnissen machen will („In San Fernando ist der Teufel los“), soll der Kleinstaat, in dem die Frauen Pepita oder Chequita („hast du etwa mit der Kastagnetten-Chequita blinde Kuh getanzt?“, will die eifersüchtige Pepita von Pedro wissen, dem Omen nicht vertrauend, das in der Assonanz ihrer Namen liegt) heißen, zeigen, dass in dieser „Sauwirtschaft“ („Caramba“) doch alles mit rechten Dingen zugeht.

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Als der attraktivste Mann am Platz, natürlich niemand anderer als Pedro (Gustav Knuth), nach dem Kartenspiel und im Rausch und in Notwehr einen Mann ersticht, muss der Alkalde entscheiden, wie mit ihm zu verfahren ist. Das Verfahren findet in der Bodega statt, und da ein Freispruch eher für eine „Sauwirtschaft“ sprechen würde, wird ein Todesurteil gefällt. Vollstreckungsdatum: der kommende Tag um sechs Uhr Abend. Der Alkalde hat an der Hinrichtung ein geschäftliches Interesse, denn er verkauft dafür die Eintrittskarten (Stehplätze für fünf Peseten, notfalls könnte man das Hängen auch von Hängematten aus verfolgen).

Aus Amerika, das zu Beginn mit den Wolkenkratzern von Manhattan ein Kontrastbild liefert, kommt nicht nur der Reporter Amadeo de Montessandro (mit dem Flugzeug), sondern auch mit dem Auto die Millionärin Alice, Tochter des größten Schweineschlächters von Chicago, die in dem hinter Schloss und Riegel gesetzten Mörder Pedro „das Leben pulsen“ spürt. Als sie wieder aus der Zelle kommt, ist so verzückt, dass sie 50000 Dollar für Pedro zahlen möchte, um ihn nach Amerika mitzunehmen. Mit dem beiden Geldbeträgen (den Peseten des Alkalden und den Dollarscheinen der Schweineschlächtertochter) geht es in Pedro soll hängen ein Weilchen hin und her.

Goebbels stieß sich anscheinend vor allem an „christlichen“ Gehalten, da kann er eigentlich nur an die Figur des Manuel gedacht haben, Heinrich George in einer seiner gefühligen Darbietungen als Zausel mit weißem Bart, der eigentlich gar nichts mit allen Sachen zu tun haben will, aber dauernd im Bild ist, und der mit Pedro in der Zelle ein Gespräch über das Jenseits führt (ihm „sehr viel Schönes vom Himmel erzählt“), das ihm schließlich eine denkwürdige Drohung einträgt: „Wenn ich in den Himmel komme, und es nicht genau so ist, wie du gesagt hast, dann gnade dir Gott.“ Das religionskritische Potential dieses Satzes muss Goebbels überhört haben.

Am Ende erweist sich Pellargonien als lupenreine deutsche Provinz (was Pepita so anhat, geht auch im weiteren Sinn als Dirndl durch), nur heißt halt der Bürgermeister Alkalde, und das Exotische an Pellargonien sind die deutschen Vorstellungen davon (Afrikaner tragen aus Prinzip keine Oberbekleidung, Frauen sind barfuß, Amerikaner sind Geldsäcke und spüren den Puls des Lebens nie in sich selbst). Die anfängliche „Gottlosigkeit“ wird durch den Idealmann Pedro (tapfer, klug, gerecht, er säuft dann auch nicht mehr) ganz irdisch korrigiert, und die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, deren Sinnhaftigkeit die ganze Zeit hindurch komisch in Frage gestellt wurde, erweist sich dann doch durch die Abschaffung der Sauwirtschaft in Pellargonien als gerechtfertigt.

Pedro soll hängen, Zeughauskino Berlin, Freitag 16. Juni 2017, 21 Uhr

Dank an Mirko Kubein und Jörg Frieß


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