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CARGO Film/Medien/Kultur 32
vom 16. Dezember 2016

CARGO 32 Cover, CARGO 31 Cover,

Thema/Reihe Iran
Container vom 20. September 2016 von Ekkehard Knörer

Naderi nachholen (I): Davandeh (The Runner, Iran 1984)

Ich habe etwas nachzuholen (siehe meinen Venedig-Bericht, 6. Tag): die Sichtung der Filme des iranischen Regisseurs Amir Naderi. Ich beginne mit seinem berühmtesten Werk, Davandeh.

Davandeh

Ein Junge schreit das Meer an. Gleißend ist das Meer in der tief stehenden Sonne. Verloren ist der Junge, oder er wäre es, sähe man ihn nicht, schreiend, in der Großaufnahme seines Gesichts. Das ist der Beginn, er setzt die Szene. Das wird sich alles wiederholen, an diesem Ort, der weniger ein Ort als eine Zone: Hafen, Meer, Wasser - und alles in dieser Zone ist von der Randlage affiziert. Rostige Schiffe wie gestrandete Wale. Eine Bar auf offener Fläche, immer läuft da westliche Musik, da sitzen Männer, Einheimische und Ausländer, aber man sieht keine einzige Frau. Darin und dazwischen Amiro, der Läufer. Allein oft, öfter noch in der Gruppe. Er läuft. Und wie er läuft. Und wie sie laufen. Schiere Bewegung, er läuft ja nicht an irgendein Ziel, sie laufen ja einfach nur auf die Kamera zu, Amiro läuft vor einem Flugzeug her in unsere Richtung, oder sie laufen von einer Seite zur andern, auf kein Ziel zu, es sei denn, es ist selbst gesetzt, manchmal gewinnt er vor den anderen einen Preis.

Dennoch ist die Zone, am Meer, nicht so strukturiert, dass es Anfänge gäbe oder ein Ende, überhaupt: Richtung in einem irgend teleologischen Sinn. Was Richtung wäre, ist vielmehr in reine Energie übersetzt, darum wieder und wieder auch Amiros Jubel, man weiß nicht worüber er jubelt, es ist die bloße jubilatorische Geste, die Freude darüber, in Bewegung zu sein. Inbegriff dafür ist das Flugzeug, das Amiro zutiefst fasziniert, stehend, fliegend, als Flugzeug, das für andere Flugzeuge steht, die er in den ausländischen Magazinen bewundert. Das ist kein Symbol, keine Allegorie, es ist, als bewegter Beweger, selbst unter die Bewegung gemengt. Was alles nur funktioniert, weil neben Amir Naderi ein anderer Meister am Werk war: den kühnen, rabiaten, rauhen, atemraubenden, dabei energetisierenden Schnitt hat Bahram Beizai besorgt. (Sein nicht unähnlicher, aber womöglich noch großartigerer Film Bashu entstand fünf Jahre nach Davandeh.)

Knapp kontrapunktisch gegen die Bewegung gesetzt: Kurz, ganz kurz Momente der Ruhe am Meer, im fast ganz Dunklen; Amiro isst in seiner Behausung, die kaum mehr ist als ein Dach über dem Kopf, mit Meerblick, mit Küken. Der Film entstand für das "Kanun-e-Parvaresh"-Institut, für das auch Kiarostami seine frühen Filme gedreht hat. Es gibt, als Fremdkörper, eine Fabel der Alphabetisierung; aber auch sie wird hineingedrängt in die Bewegung, eine Parallelmontage von Klassenzimmer und Strand, Amiro schreit das Alphabet, transformiert es in etwas Jubilatorisches, nimmt ihm die Richtung auf die Integration in die Gesellschaft, die das Institut mit dem Film sicher intendierte. In Davandeh sprengt die Form jedoch alle Intention. Das geht in die Luft. Das ist am Ende nur Feuer und Eis, ein Brennen und Rauschen von Tonspur und Bild, ein Berauschen am Kino als Kunst, die nichts als Bewegungsenergie produziert.


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