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CARGO Film/Medien/Kultur 33
vom 24. März 2017

CARGO 33 Cover, CARGO 32 Cover,

Thema/Reihe Berliner Weltkino
Container vom 15. September 2016 von Ekkehard Knörer

Serpil Turhans «Überall Blumen»

 

Einmal war ein Film von Rudolf Thome ein kommerzieller Erfolg, da konnte er sich den Kauf des Vierseithofs im brandenburgischen Niendorf leisten, der jetzt sein kleines Privatparadies ist. Wer Thomes Blog über die Jahre verfolgt (also Leute wie ich), kennt den Teich und seine Tücken, kennt die Sonnenuntergänge und den Blick in die Landschaft, kennt die Tiere, die ägyptische Freundin, den Sohn und die Tochter, die gerade ihren ersten Langfilm auf dem Hof des Vaters gedreht hat, kennt die Feuer, das rote und die anderen Zimmer.

Vor ein paar Jahren haben Lukas Foerster und ich den Regisseur Rudolf Thome für Cargo auf seinem Bauernhof im brandenburgischen Niendorf besucht und ein sehr langes Videogespräch mit ihm geführt. Damals schon war Serpil Turhan mit ihrer Kamera dabei, hat gefilmt, wie wir filmen. Thome hat sie als Darstellerin bei Thomas Arslan entdeckt, dann spielte sie in seinen Filmen, wurde dann zu seiner Regieassistentin. Turhan studierte später in Karlsruhe bei Thomas Heise, ist jetzt selbst Regisseurin. Für ihren zweiten Film kehrt sie zu Rudolf Thome zurück: Rudolf Thome - Überall Blumen ist ein Porträt des Filmemachers in seinem Paradies. Eines Filmemachers allerdings, der keiner mehr ist. Jahrelang hatte er mit der Degeto einen glücklichen Deal, der fast einzige Grund, dass die fiese ARD-Kommerzbude, wenn sie tot ist, womöglich nicht in der Hölle der überflüssigen Medieninstitutionen schmoren wird. Dann geriet die Degeto aus ganz anderen Gründen in Turbulenzen, jetzt finanziert keiner mehr die Filme, die Thome gerne immer noch drehte.

Überall Blumen ist ein schönes Porträt, ist ein großartiger Film. Thome ist ein gewinnender Mensch, ich kenne ihn mehr aus der Ferne als aus der Nähe, aber ich weiß, dass er das hier lesen wird, weil er alles liest, was man über ihn schreibt. Er schreibt mir dann auch oft, was er von dem hält, was ich über seine Filme schreibe. (Meistens findet er es zu verkopft.) Er ist auf diese Weise selbstbezogen, wie es viele Künstler wohl sind, anders als andere macht er daraus aber kein Geheimnis. In seinem Blog schreibt er offen über sich und die Welt, wie er sie sieht und wie sie ihn sieht und wie er das sieht, wie sie ihn sieht. Thome ist selbstbezogen, aber er ist auch voller Selbstironie. Es ist eine eigentümliche Mischung, auch seine Filme sind von einzigartiger Komik, die jene vermutlich gar nicht begreifen, die nur das autorenfilmerische Kunstwollen sehen, das auf verquere Art auch in ihnen steckt. Ich bin, das ist kein Geheimnis, ein Fan.

Serpil Turhan zeigt Thome beim Schreiben, beim Lesen, sie zeigt ihn im Garten und im Haus. Was sie kaum zeigt, sind Ausschnitte aus den Filmen. So ein Film ist ihr Porträt nicht. Immer spürt man Turhans Präsenz, nicht nur, wenn sie mit ihm spricht. Es sind Szenen darin, in denen sie darüber diskutieren, wie er sich benehmen soll, natürlich natürlich, in diesem Dokumentarfilm, in dem er doch auch wieder nicht nicht sich selbst spielen kann. Und so ist Überall Blumen ein Film, der einen Mann zeigt, der tolle Filme gemacht hat und in seinem selbst eingerichteten Paradies nicht unglücklich lebt; aber es ist vor allem ein Film weniger "über" eine Freundschaft denn selbst ein Ausdruck dieser Freundschaft zwischen dem Filmemacher und seiner früheren Mitarbeiterin und Darstellerin. Man könnte sagen: Freundschaft wird selbst Form in "Überall Blumen". Es ist darum ein Film ohne Kalkül, er nimmt und akzeptiert und liebt Thome, wie man Freunde nimmt, akzeptiert, liebt, nämlich ganz so, wie sie sind, mit all ihren Schwächen. Er drängt einem diese Freundschaft nicht auf, er wird auch nie zu intim, aber er lässt einen teilhaben an diesem Blick, dieser Nähe. Überall Blumen ist wirklich überall schön.

Der Film startet heute in einigen Kinos, im peripher-Verleih, der zum Berliner fsk-Kino gehört.


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