• Cargo  
  • Abonnieren
  • Einzelheft bestellen
  • Back Issues
  • Verkaufsstellen
  • Jahresrating
  • Newsletter
  •   01. März 2017  





Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 32
vom 16. Dezember 2016

CARGO 32 Cover, CARGO 31 Cover,

Container vom 22. November 2016 von Bert Rebhandl

Grenzen im Fluss
Filmhinweis für Berlin: «Beyond Boundaries - Brezmejno» von Peter Zach

Im blinden Winkel. Nachrichten aus Mitteleuropa hieß 1985 eine von Christoph Ransmayer herausgegebene Textsammlung, in der zum Beispiel Ruth Beckermann über eine Reise nach Czernowitz, Claudio Magris eine Banater Elegie und Martin Pollack über New Wave in Ljubljana schrieb. Die Idee von Mitteleuropa war so etwas wie die österreichische Version der deutschen Ostpolitik, wobei man von „österreichisch“ dabei auf eine bestimmte Weise sprechen muss: als einem nicht vollständig festgelegten Begriff, der vom Imperium bis zum Kleinstaat, von der zivilisatorischen Kraft bis zum völkischen Narzissmus der kleinsten Differenzen eine Menge enthält.

Bei Peter Zachs Dokumentarfilm Beyond Boundaries – Brezmejno musste ich an diesen Begriff des „blinden Winkels“ denken. Als solchen könnte man die Region empfinden, die mit dem Staat Slowenien alles andere als identisch ist. Denn hier, wo es allenthalben Grenzen gibt, die aber durch die EU zu offenen geworden sind, gehen vielerorts Identitäten ineinander über, historische Konflikte wurden beigelegt („die Verbissenen sind inzwischen gestorben“, sagt eine Busfahrerin, die aber selbst noch auf einen Pfarrer aus Lavamünd traf, der eigentlich bei einer Frau nicht einsteigen würde – aber gut, das ist eine andere Verbissenheit), die Grenzen verlaufen so, dass man sich im Alltag darum keine großen Gedanken mehr machen muss.

BB

 

Das war bis 1989 anders. Vermutlich gibt es auch so etwas wie eine generationelle Grenze, denn man wird das heutige Europa anders erleben, wenn man noch selbst die Systemgrenze gekannt hat, die einmal zwischen Österreich und Jugoslawien verlief, wovon Slowenien wiederum eine Republik war, deren Nachbarschaft auch zu Italien und Ungarn und zu Kroatien alles andere als konfliktfrei war. Peter Zach war in dieser Gegend unterwegs, er hat Eindrücke gesammelt und mit Menschen gesprochen, er hat die „kreative Ladung“, die an Grenzen wie der zwischen Nova Gorica (Slowenien) und Gorizia (Italien, österreichisch: Görz) entsteht, aufgespürt.

Man erfährt eine Menge, zum Beispiel war mir überhaupt nicht bewusst, was es mit der Firmengeschichte von Puch auf sich hat (ein Puch 500 war das erste Auto in unserer Familie in den späten 1960er Jahren): Janez Puh ist der ursprüngliche Name des Gründers Johann Puch. Heißt Peter Zach vielleicht in Wahrheit Petr Zah? Würde passen, stimmt aber nicht, er wurde in Graz geboren.

Meine Lieblingsstelle in diesem im besten Sinne bewegenden Film ist ein Gespräch über die Mur: ein Fluss, der über große Teile als Grenzmarkierung dient, und der dabei etwas tut, was derzeit so vielen Menschen Sorgen macht - er migriert. In den Abspann seines Films hinein, der jetzt schon aus einer anderen europäischen Ära zu stammen scheint, lässt Peter Zach vernehmen, was sich geändert hat, seit er 2008 mit der Arbeit an Beyond Boundaries - Brezmejno begann: „technische Grenzen“ werden an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien errichtet. Mit diesem Film haben wir ein starkes Dokument davon, was es in und mit Europa zu verteidigen gibt – allerdings nicht so, dass die Überwindung der kleinen Grenzen durch Fortifizierung und Isolierung des großen Europa erkauft wird.

Beyond Boundaries - Brezmejno von Peter Zach hat am Mittwoch, 23. November, um 19.00 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg Premiere. Ab 24.11. läuft der Film im Kino.

Foto: Jana Cisar Filmproduktion


Kommentar hinzufügen