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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 37
vom 23. März 2018

CARGO 37 Cover, CARGO 36 Cover,

Container vom 7. September 2014 von Bert Rebhandl

Klavierbegleitung
«Phoenix» von Christian Petzold hat Weltpremiere in Toronto

Christian Petzolds neuen Film Phoenix kann man gut als eineinhalbstündige Vorbereitung einer großen Wiedererkennungsszene mit Musik sehen. Ein deutscher Mann und eine jüdische Frau stehen einander in dieser Szene gegenüber, er am Klavier, sie allein mit ihrer Stimme und einem roten Kleid. Sie sind getrennt durch eine Schuld, die in Phoenix historisch auf ein knappes Jahr verdichtet wird: 1944 wird Nelly Lenz verhaftet, im Oktober 1945 ist sie schon wieder da. Dazwischen sind die Lager, die Befreiung, Entstellung und Wiederherstellung, nichts ist so wie vorher, alles ist so wie vorher.

Bei der Weltpremiere von Phoenix in Toronto am Freitagabend haben viele Leute an dieser Stelle gelacht. Das ist einerseits nachvollziehbar, denn es wird ja jemand blamiert in diesem Moment, kompromittiert bis ins Mark. Andererseits zeugt dieses Lachen auch von einer kulturellen Unbefangenheit. Man kann Phoenix anscheinend ohne das Wissen um die deutsche Geschichtspolitik sehen, ohne die Anklageschrift, die sich hier in der Miene von Ronald Zehrfeld wiederspiegelt, eine Anklageschrift, die aus wenigen Ziffern besteht auf dem Unterarm von Nelly Lenz.

Ich denke, man kann dieses Lachen als Indiz dafür nehmen, dass Phoenix auch auf der schwierigeren der beiden Ebenen des Films gelungen ist: auf der Ebene der Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann, die beide mit Blindheit geschlagen sind. Es gibt eine Motivationslücke in Phoenix, die mich weiterhin beschäftigt. Sie betrifft das Verhalten dieses Jonny, der zum Johannes wird, und der offensichtlich so lange eine geliebte Frau beschützt hat, nur um sie schließlich doch noch preiszugegeben.

Die konsequente Wahrheit von Phoenix ist, dass wir über diese Beziehung vor 1945 nichts wissen können, was nicht durch das Trauma von Nelly entstellt ist. Nichts, als den Wunsch, die Umstände wären so gewesen, dass man auch den Falschen hätte liebe können, ohne dadurch in Lebensgefahr zu kommen. „Ich bin keine Jüdin“, sagt Nelly an einer Stelle. Es ist der archimedische Punkt des Films, der sich mit ungeheurer Präzision durch Identifizierungen arbeitet, nur um sie zurückzuweisen und klarzumachen: Die Stunde null liegt immer vor uns.


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