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CARGO 41 erscheint am 22. März 2019

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Thema/Reihe Hollywood Heute
Container vom 19. Januar 2014 von Simon Rothöhler

Nimm 2: The Wolf of Wall Street

 

An Cassavetes' quasi letzten (und besten) Film Love Streams musste ich denken, als ich gestern The Wolf of Wall Street im ausverkauften Cinestar sah, an die letzten zwanzig Minuten vor allem: das anwachsende Tierchaos, die irre Gewitterszene, bei der das Haus zum Schiff in Seenot wird und Cassavetes zum ironischen Captain Ahab. Schien mir ein generell vergleichbares Konzept von Performance, die in beiden Fällen obsessiv um das Moment der «Freistellung» generischer Bedeutungszuweisungen kreist: keine einfache Parodie (bei Cassavetes: auf den Abenteuerfilm, aber auch auf den Cassavetesfilm, eine bestimmte Idee von Krise und Intensität im Spiel, in den Beziehungen), sondern den unterschiedlichen Zersetzungsstrategien ausgesetzten Formen zutiefst und absichtsvoll verhaftet. Darin ähnelt Wolf aber tasächlich auch Spring Breakers, zwei kongeniale Filme über kapitalistische Bilder / Bilder des Kapitalismus (Bikini- vs. Brokeruniform: Gertrud hat Recht: der Körper muss gezeigt und performt werden, ob Beach oder Floor). Großartig, wie Scorsese den ganzen reaktionären Oliver-Stone-Schrott (das «Böse» und die «Gier» als Primitivanthropologie, der gefallene Charakter, der kathartisch vor den Trümmern seines Wirtschaftens und Lebens stehen wird usf.), die Vorstellung, dass Belfort, ein Milieu, eine korrupte Finanzpraxis in einer Dreiaktstruktur zu entlarven wäre energisch wegwischt. Stattdessen: eine volldebile (und eben als Performanz einer Dauerdurchsage markierte) Serie von Maschmeyer-Ansprachen, trashig, ohne Mainstream-Diabolik (wie noch Gelhelm Douglas bei Stone), eben alles auf AWD-Niveau (und: DiCaprio nie so gut gesehen wie hier mit Jonah Hill; letztlich viel komplexer als Pesci und De Niro, auch in Bezug auf die Kartografie des Hollywoodschauspiels; außerdem natürlich die beste Zeitlupe des Films als Literalscherz: Hill hat eine «geniale Idee»). Niemand ist hier auf smarte, sinistre Weise «gierig», der reinste Affenzirkus, der entfesselte Aufstiegswille einer eben noch kellnernden Drückerkolonne regiert, tribalistische Stammesrituale inklusive (McConaughey summt es im World Trade Center noch so, dass es wie eine persönliche Melodie klingt; auf dem Floor geht es dann nur noch darum einen Kollektivkörper zu formen, der fürs Dauertelefonieren fitgemacht wird). Was Leuten wie Denby hier wohl wirklich Angst macht ist diese Vision einer Reservearmee, die maß- und ziellos «umverteilt», Wert unten wie oben vernichtet und die damit verbundene Obszönität dann auch noch aggressiv öffentlich auslebt und nicht hinter abgedunkelten Scheiben an Orten exklusiver Unsichtbarkeit (die gibt es in Wolf nur als telepathisches «Mind Game», wenn DiCaprio vom Schweizer Bankgeheimnis erleuchtet wird). Sehr plausibel sowieso, dass Terence Winter und Scorsese keinen Erzählbogen spannen, sondern strikt in Serien denken, die immer wieder in konventionelle Genre-Muster (Aufstieg und Fall eines bösen Brokers, Freundschafts-, Familien-, Ehegeschichten) reinpendeln – aber nur, um dann immer konsequent rauszudrehen, die Form leer zu spielen, eine neue Episode zu starten. So gibt es etwa mehrfach Szenen, die schlicht wie Outtakes wirken (insbesondere das ewig lange Gespräch des Inner Circle über dienstbare Zwerge, in das schließlich auch noch der Vater reinstolpert, um über zeitgenössische Intimhaarrasurtrends informiert zu werden: Die Gesten sind Broker-mäßig intakt, alles sitzt, nur die Sprache, der Content ist komplett dereferentialisiert, was aber egal ist, weil die Performance im Glaskubus des Vorstands für die Mannschaft auf dem Floor aufgeführt wird, die alles sieht, aber nichts hört). Wenn DiCaprio drogenverstört am «öffentlichen Telefon» (im Country Club) zusammenbricht (ein Lasse-Hallström-Exorzismus, wenn es je einen gab), um Hill dann per Bruderkuss das Leben zu retten, erinnert das ohnehin am ehesten an die großen Jahre von Castorfs Volksbühne (DiCaprio ist Wuttke, Hill Spengler). Und die «Moral»? Eine Frage der Erzählperspektive, der konsequenten Entscheidung, von Innen, von «Hollywood» aus zu erzählen: mit maximal aufgeblasenen Wall-Street-Bildern, mit einem verlässlich unzuverlässigen Erzähler (wem hier die «moralische Verurteilung» fehlt, hat von Systemkritik keine Ahnung oder an ihr kein Interesse), einem Erzähler, der direkt in die Kamera blickt und eine entscheidende Szene seines Lebens nur im Medium des «Infomercials» erinnern kann. Außerdem, auch sehr gemocht, gibt es zwei kleine, sehr präzise Szenen mit dem als Pfadfinder (der Boy Scout Jimmy Stewart in den Filmen Capras ist damit natürlich aufgerufen, Scorseses Cinephilie ist manchmal eben doch zu etwas gut) bezeichneten FBI-Mann. Das sehr hintersinnig geschriebene Gespräch auf der Yacht, die große, souveräne Ruhe von Kyle Chandler (wunderbarer Schauspieler), der wie aus einem anderen Film in diesen eintritt und spricht und dann, fast am Ende, einen dokumentarischen Blick in eine New Yorker U-Bahn wirft. Aber auch für dieses Pathosmoment ist Scorsese zu klug: dieser Blick muss in der Logik des Wolfs wieder überschrieben werden, mit einem neuen Publikum, einer weiteren Performance.

The Wolf of Wall Street (Martin Scorsese) USA 2013


3 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Matthias Dell, 20.01.2014 12:12

    Aller guten Dinge sind 3: Ekkehards Einwänden aus dem Gespräch/Gepost ist nichts hinzuzufügen außer der Anmerkung, dass mir die Bewertung einer Gegenposition zur begeisterten Kritik von "Wolfi" als zwangsläufig "moralisch" zu billig ist. Das mag es geben, aber als Überlegenheitsgeste ist das deutlich zu einfach.
    Natürlich soll das alles so, und natürlich wäre "Wolf of Wall Street" nicht besser, wenn da so ein Oliver-Stone-mäßiges Gut-gut-Böse-bäh reinkäme (wobei ich die "Gier"-Rationalisierung nicht gleich reaktionär nennen würde, sondern erstmal gesamtsozialdemokratisch; ganz am Ende schließt sich das dann vielleicht nicht aus). Das Problem, dass man mit Scorseses Film haben kann, ist eines der Form (und da hätte ich wie Ekkehard den Verdacht, dass einem "Good Fellas" oder "Casino" heute ebenfalls auf die Nerven gehen würde). Zwei Finanzkrisen früher hätte man mit der ganzen Virtuosität von Innen vermutlich beeindrucken können – mit dem Wissen und den Bildern von heute nimmt sich "Wolf of Wall Street" aus wie High-End-Kunstgewerbe: eine ungemein liebevoll-feine Laubsägearbeit (der Film hätte auch noch vier Stunden so weiter machen können), die aber völlig losgelöst von so was wie Relevanz oder Interesse erscheint. AWD-Motivationsästhetiken mit einer Parodie zweiter Ordnung (oder wie immer man zu dem Verfahren sagen will) zu adabsurdumisieren (oder was immer das "Ziel" dann ist) - kann man alles machen; was dabei rauskommt, ist Smartness in der Streichholzschachtel. Der Film ist in seiner ganzen Klugheit wie die Idee, ein Feuerwerk zu Silvester zu veranstalten. Wenn ich was über die Derefentialisierung von Erfolg/Reichtum/Ökonomie/System wissen will, kann ich mir auch "Die Geissens" angucken – da ist der Quatsch mit sich selbst identisch.

  • simon rothöhler, 20.01.2014 12:30

    matthias! du gesamtsozialdemokrat (trifft es ganz gut, die sind ja mittlerweile auch so verwirrt, dass sie lieber den wirtschafts- als den finanzminister stellen). wenn ich recht verstehe (http://www.freitag.de/autoren/mdell/das-gross...) hättest du gerne einen stärkeren antagonisten, am liebsten diegetisch schön gut sichtbar, der dir eklärt, was den wolf zum bösen macht. steht so in deinem text. ist das nicht ein bewerbungssatz für einen spielfilmredakteursposten beim zdf? schon wieder gemeine polemik? mit sich selbst identisch ist für meine begriffe eher deine nicht argumentierte pauschalbehauptung, es fehle dem film an relevanz und interesse. das gegenteil ist der fall (if u ask me). die haben sehr genau hingesehen (auf zwar auf die bildproduktion des eigenen systems). den bruch mit dem dargestellten hättest du gerne so wie in marc bauders «master of the universe»? mit verträumten fahrten entlang der «glaspaläste, die die welt regieren»?

  • Matthias Dell, 20.01.2014 20:07

    Zuerst: Ich habe nichts gegen Sozialdemokraten, einige meiner besten Freunde sind Sozialdemokraten. Und dann: ist mir auch klar, dass Katz-und-Maus dem Irrsinn so wenig beikommt wie eine Dreiaktstruktur oder "moralische Verurteilung" (ach, der Wolfi ist gar kein Guter?). Mir ist nur einfach der, ichsagmal, Erkenntnisgewinn zu gering, den Scorseses filmische Dauererektion produziert in ihrer ganzen Schlaumeierei; die Berliner Verkehrsbetriebe schauen auch sehr genau auf die Bildproduktion der Scratcher und Tagger, und heraus kommen dann Sitzmuster, die so aussehen, wie sie aussehen, und zugeklebte Scheiben. Dieses Exorzismus-Konzept verbindet "Wolf of Wall Street" in meinen Augen eher mit einem Film wie "12 Years a Slave", bei dem jemand geschichtsergriffen vom eigenen Auftrag die Peitsche rausholt, ohne sich zu fragen: what for? Man durchödet den ganzen Kram noch einmal, in die Seite gepiekt von der Gewissheit, dass nun Abiturient Teufel dem Klippschüler Beelzebub was flüstert. Was nebenher den Vorteil hat, dass man über die Intimhaarrasurtrends selbst aber auch noch mal giggeln kann, weil man sich vom spätpubertären Buddyism im Kubus ja kryptoparodistisch distanziert hat. Aus diesen Bildern kann man sich vielleicht in Hollywood ein Haus bauen; ich finde es in so einem Fall aber unbefriedigend, über die schickere Einfahrt oder den größeren Pool zu reden. Und was eröffnet, und das meine ich etwa mit Relevanz und Interesse, "Wolf of Wall Street", was "American Psycho" vor 23 Jahren nicht schon erzählt hat (obwohl der zweite Königskinderthread zu diesem Film hier, zugegeben, womöglich doch Revision zumindest von "Interesselosigkeit" veranlasst)?