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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

Container vom 3. Juni 2012 von Bert Rebhandl

Muslimgauze
In einem Video von Hassan Khan

MG

 

Von dem 1999 gestorbenen britischen Musiker Muslimgauze (bürgerlicher Name: Bryn Jones) habe ich vor vielen Jahren eher aus Neugierde und ohne besondere Kenntnisse eine Platte mit dem Titel Syrinjia gekauft, die sich aber seither hartnäckig unter meinen Favoriten gehalten hat. Was es mit dem enorm umfangreichen Werk näher auf sich hat, das wurde mir erst allmählich klar: Muslimgauze machte eine arabisierte oder orientalisierende Version von Industrial, die fast durchwegs ohne Texte auskommt; der „Arabismus“ hat aber auch eine politische Seite, die sich mehrfach in Parteinahmen für radikale muslimische Organisationen wie die Hamas und in hasserfüllten Stellungnahmen gegenüber Israel niederschlug.

Die Tracktitel auf einem anderen Album, das ich von ihm besitze, sind sprechend genug: The Lion of Kandahar oder Intifadah (Extended Remix). Hier ein Beispiel für seine Arbeit, in dem er offensichtlich auf den indischen Regisseur Satyiajit Ray anspielt, der konnte auf jeden Fall mit seinem Klassiker Jalsaghar (The Music Room, 1958) ein Bezugspunkt sein.

    

Dass ich heute hier auf Muslimgauze zu sprechen komme, hat mit einem Video zu zun, das ich im Haus der Kulturen der Welt in der Ausstellung A Blind Spot gesehen habe, und das ganz großartig ist: Muslimgauze R.I.P. (2010) von Hassan Khan ist ein etwa achtminütiger Spielfilm, in dem ein Junge zu sehen ist, der allein in einem Zimmer in einem Wohnbau in Manchester 1982 ein wenig die Zeit vertreibt. Er sieht zum Fenster hinaus, fläzt sich auf die Couch, öffnet Schubladen und schließt sie wieder, spielt mit einer Münze auf der spiegelgleich reflektierenden Holztischplatte, und tritt dann wieder ans Fenster – auf sein Gesicht fällt das Licht von draußen, das aber zugleich das Licht einer unbestimmten Transzendenz ist.

Durch den Titel ist das Video als eine Art filmischer Grabinschrift oder Traueranzeige ausgewiesen, aus dem Insert, das auf das Jahr 1982 verweist, kann man schließen, dass der Junge eben dieser Bryn Jones ist, der später Muslimgauze wurde. Hier ist er noch weggesperrt von der Welt, und zugleich schon über diese hinaus. Dazwischen liegen Karriere und Kontroverse.


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