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CARGO Film/Medien/Kultur 39
vom 21. September 2018
CARGO 40 erscheint am 14. Dezember 2018

CARGO 39 Cover, CARGO 38 Cover,

Anderes Kino
Container vom 2. Juli 2012 von Bert Rebhandl

Wischblende
Fußball im Weltbild

In der Fernsehserie Seinfeld gibt es eine Folge, in der George Costanza am Rande des Tennis-Turniers in Flushing Meadows dabei gefilmt wird, wie er ein Eis isst (ein sehr großes Eis, einen Hot Fudge Sundae, nach dessen Genuss sich auch kultiviertere Menschen das Gesicht waschen müssten). Die Szene wird im Fernsehen übertragen, und George liegt wohl nicht ganz falsch, wenn er einen Zusammenhang dazu herstellt, dass seine Freundin plötzlich mit ihm Schluss gemacht hat.

Die Begebenheit fiel mir wieder ein, als ich die Diskussion um ein Bild verfolgte, das die Weltregie der Euro beim Spiel zwischen Deutschland und Italien gezeigt hatte: Eine Frau, der eine Träne aus dem Augenwinkel läuft, nachdem Italien ein Tor geschossen hat. (Hier in einer Nachrichtensendung zu sehen.) Später stellte sich heraus, dass die Regie da ein wenig geschummelt hatte: Die Aufnahme stammte aus einem anderen Zusammenhang, sie enstand vor dem Spiel während der deutschen Nationalhymne. Die Tränen zeugten also von patriotischer Rührung, nicht vom Schmerz über ein Gegentor.

Was dabei auf dem Spiel steht, ist unser Verständnis von einer Live-Übertragung. Dieses wurde bei der Euro 2012 auf eine subtile Weise verändert. Die Richtung ist dabei schon länger eindeutig abzusehen: Das Spiel wird in eine "human story" verpackt. Die Großaufnahmen der Fans betten das Spiel in ein Spektakel ein, das die Anhänger liefern, indem sie sich maskieren, bemalen, inszenieren - oder aber sogar ein echtes Gefühl zeigen. Tränen sind dafür nun einmal das deutlichste Zeichen.

Neu ist, dass die Braodcaster solche Motive inzwischen auf Vorrat sammeln, und sie an geeigneter Stelle einpassen. Damit brechen sie das Schema auf, dem eine Live-Übertragung bisher unterlag. Live heißt, dass die Bilder nach ursächlichen Kontinuitäten geschnitten werden - der Pass, dem ein Schwenk folgt, ist dafür die klassische erste Einstellungseinheit, der Umschnitt auf eine halbnahe Aufnahme des angespielten Teamkollegen eine zweite. Wenn ein Tor fällt, gehört die Jubeltraube der Spieler ebenso zum Inventar wie der Schwenk über die ausgelassenen Fans, aus denen vielleicht noch ein paar herausgehoben werden.

Die Zeitlupen unterbrechen diese Kontinuität deswegen nicht, weil sie in der Regel nach genauen Regeln mit Kontext versehen werden. Eine Großaufnahme des beteiligten Spielers "erinnert" uns gewissermaßen an die Szene, zu der wir nun einen anderen Blickwinkel und ein deutlicher lesbares Bild bekommen. Dazu gehört auch das Mittel des "replay wipes" (einer kurzen, kennzeichnenden Einblendung, die inzwischen vielfach als Werbefenster genützt wird).

Der Broadcaster der Uefa beruft sich bei der zweiten kontroversen Szene darauf, einen solchen "replay wipe" vorgeschaltet zu haben: Joachim Löw hatte bei dem Spiel Deutschland gegen Holland einem Balljungen den Ball aus den Armen gestupst, ein harmloser Vorfall, der einen "menschlichen" Bundestrainer zeigte, wodurch die Szene für die Übertragung interessant wurde. Sie wurde während des Spiels gewissermaßen nachgetragen.

Ich halte den ersten Vorfall für gewichtiger als den zweiten. Die meisten Fans machen sich noch immer viel zu wenig bewusst, in welchem Ausmaß sie mittlerweile selbst zum Gegenstand des Kamerainteresses im Stadion geworden sind. Jeder kann in jedem Moment in Großaufnahme ins Bild rücken, beim Jubeln genauso wie beim Nasenbohren, bei einem Kuss wie bei einem Nickerchen, das einem Fan mit entsprechender "Vorglühung" ja auch einmal vorkommen kann. Dass alle diese Szenen zu "stock footage" werden können, das nach Belieben bestimmten Ereignissen appliziert werden kann, ist das Element Inszenierung, das derzeit Gefahr läuft, sich zu verselbständigen.

Zumal bei diesem Turnier deutlicher denn je wurde, dass die Regie zunehmend Schwierigkeiten hat, der Ereignisdichte der Spiele zu folgen. Je mehr dann auch noch Folklore von den Rängen dazu kommt, desto weniger wird das Spiel in seiner anspruchsvollen Komplexität zu sehen sein. Das kann nicht im Interesse der Fans sein.


4 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Michael, 02.07.2012 22:24

    Müsste man diese Form der Inszenierung nicht fast als konsequente Weiterentwicklung einer Tendenz betrachten, die seit Jahren zu beobachten ist und den Fußball erst zu jenem Event gemacht hat, der er inzwischen ist? Eben dem Versuch der Kontrolle über alle Facetten eines Spiels zu bewahren, angefangen beim Abschaffen der Stehplätze, die den Stadionbesuch familienfreundlicher gemacht haben, aber auch die Art der Fernsehübertragung, die nicht erst Minuten vor dem Spiel einsetzt, wie noch in den 80er Jahren, sondern stundenlange Vor- und Nachberichte benutzt und das Spiel selbst fast zu einem bloßen Teil eines großen Ganzen reduziert.

    Manipulierte Bilder von Emotionen auf den Rängen passen da doch eigentlich perfekt ins Konzept...

    Ein anderer Aspekt ist dann ja noch die Frage, was wirklich "Live" ist. In Amerika ist es ja üblich live-Veranstaltung einige Sekunden verzögert zu übertragen, um etwaige obszöne Bemerkungen oder Gesten ausbleepen zu können. Ich glaube ca. 20 Sekunden Zeitverzögerung gelten noch als "Live" auch wenn es dann streng genommen keine wirkliche Liveübertragung mehr ist.

  • Axel, 03.07.2012 16:23

    Sorry für den blöden Einwurf:
    Aber es kann auch nicht im Interesse der (Film) Fans sein, dass das Fussballthema so breit ausgetreten wird.
    Die Verbindung Intelligenzija-Fussball (Sport) ist ja ein alter Hut und hat fast immer so einen "möchtegern Proletarier aka. Ich hab die Bodenhaftung nicht verloren" Beigeschmack, den ich echt übel finde. Das trifft auf diesen Text jetzt nicht zu, da rein technischer Inhalt, trotzallem denke ich, dass das besser in Sport Bild und 5 Freunde oder wie das heisst aufgehoben ist.
    Ich mein, wiese interviewt man nicht mal jemanden der ambitionierter Pilzesammler ist oder ähnliches (bzgl. Petzold Interview in der Cargo)? Nein, es muss zu gegebenen Anlass immer das Thema Fussball sein, welches dann auch noch, meiner Meinung nach, künstlich/rhetorisch/intellektuell von den Autoren übertrieben aufgeladen wird…unnötig.

  • Maximilian Haslberger, 03.07.2012 17:05

    Interessant finde ich, dass sich der Fußball in Europa langsam aber allmählich dem Ereignis-Sport der USA annähert. Während hier bis vor ein paar Jahren das Fußballspiel ein abgeschlossener, 'abgeschotteter' Raum war (zu dem die Medien erst nach Spiel Einlass bekommen haben), der sich nun mehr und mehr dem Medienereignis unterordnet, ist es in USA schon lange üblich das Spiel primär für den Zuschauer vor dem Fernseher auszurichten: Interviews mit Spielern die gerade auf der Bank sitzen während das Spiel läuft, Kameras in Teambesprechungen (wo es auch schon mal vorkommt, dass Spieler über die Schulter des Kameramanns auf die Tafel des Trainers sehen), Pflichtinterviews nach Niederlagen (vertraglich in der NBA und NFL festgelegt), etc.

    Zur gleichen Zeit finde ich aber auch, dass die visuellen Möglichkeiten das Spiel zu 'erzählen' nicht ausgeschöpft werden. Wie würde sich ein Angriff anfühlen, wenn die Kamera an den Seilen über dem Feld mit den Stürmern auf das Tor 'stürmt'?

  • Axel, 04.07.2012 10:26

    Das mit dem abgeschotteten Raum hört sich gut an. Es wurde ja schon von Filmleuten gesagt, dass Live-Sportübertragungen vielleicht (heute bestimmt nicht mehr, wenn überhaupt nur bei totalen Randsportarten ohne PR & Marketing) die letzten "ehrlichen" Film/Fernseherlebniss sind und das wahrscheinlich gerade weil sie in abgeschotteten Räumen (Arena) entstanden sind. Wenn das jetzt alle PR und medientheoretisch ausschlachten, dann ist da nix mehr von dem charmanten "abgeschotteteten" Raum übrig…
    Bzgl. der visuellen Möglichkeiten Sport zu filmen (auch live), habe ich gefühlt schon 1000 mal was gelesen - gemacht hat es von den Filmleuten noch keiner !
    Eine Möglichkeit hätte es ja wohl fast mal gegeben, mit Andre Heller und Arte, wo parallel zur ARD/ZDF eine alternative MAZ auf Arte laufen sollte. Der Godard hat ja auch schon davon gesprochen, ein Tennisturnier nur ausgehend von einem Spieler zu filmen. Wenn der in der ersten Runde rausfliegt, wäre auch mit Übertragen schluss gewesen. Solche Anekdoten finde ich lustig - das hat auch nichts mit gekünstelter theoretischer Aufladung des "abgeschotteten Raumes" zu tun…