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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Anderes Kino
Container vom 18. März 2011 von Ekkehard Knörer

Im Theaterkino

Irritation stellt sich ein erst beim Applaus: Da braust es sehr, hier ein bisschen, auf der Leinwand verbeugen sich die Darsteller des Abends. Klatschen wäre doch blöd, selbst wenn ich wollte. Ich will nicht und klatsche nicht und andere tun es. Das ist anders als beim Lachen, das eine unwillkürliche Reaktion ist: Man lacht, ob man will oder nicht. Ich will nicht lachen und kann nicht lachen bei den Scherzen im Stück und andere tun es.

Klären wir die Verhältnisse. Hier: das ist ein Kino, das “Cinema” heißt, Nymphenburger Straße in München, gezahlt haben wir 18 Euro die Karte. Ein Film läuft hier heute nicht. Ein Kinopublikum ist nicht versammelt. Die Leute sind in Abendgarderobe gekleidet, viele von ihnen, wenn auch nicht ganz so, wie sie gekleidet sind, wenn sie hier, in München, ins Theater, geschweige denn in die Oper gehen. Aber doch brezelt man sich mehr auf als beim Theaterbesuch im National Theatre.
 
Das nämlich ist da. London, Themseufer, brutalistischer Bau, von Prinz Charles berühmtermaßen mit einem Atomkraftwerk verglichen. Im Einspielfilm vorher, der sehr dumm ist, sehen wir, weil es im Stück um Elektrizität geht, ein tatsächliches Atmokraftwerk. Friedlich liegt es da. Ein Glück dennoch, dass wir hier sind, Cinema München, nicht da, National Theatre London. Atomkraftwerk-Brutalismus. Verbunden sind wir jedoch live. Was dort stattfindet, ist hier auf der Leinwand. München - London - Liveübertragung.
 
Das Stück: “Frankenstein”, frank, plump und frei nach Mary Shelley. Regie: Cinema-Mann auf Theater-Spielfeld, Danny Boyle. Es rumst im Stück wie in Danny-Boyle-Filmen. Abwechselnd Aufführung für Aufführung spielen die beiden Hauptdarsteller den Forscher Frankenstein und seine Kreatur. Die Frage, die eine Frage, die Danny Boyle offenbar noch niemals jemand gestellt hat: Was wäre das mehr als ein Gimmick?, diese Frage hat wieder keiner gestellt. Alles bei Danny Boyle ist ein Gimmick. Er hat Ideen und weiß nicht, was sie sollen. Skrupellos setzt er alles um. Umsetzungsbrutalismus. Auf der Bühne fehlen ihm die Kamera und der Schnitt, zwei wichtige Mittel zur Vollstreckung seiner sinnlosen Ideen im anderen Medium. Kann nur nützen, dies Fehlen, denkt man. Es nützt nichts.
 
Wird eben ein Bild an das andre gereiht. Bild - Rumsdunkel - Bild - Rumsdunkel - Bild. Ein elektrizitätsgeborenes Monster, das leidet, weil der Mitmensch es nicht als Mitmenschen nimmt. Das wird ausbuchstabiert. Ein Forscher, der sich im Schaffen des Monsters überhoben hat. Das wird ausbuchstabiert. Hütte brennt, Kind stirbt, Ehefrau wird vergewaltigt, Monsterbraut wird aus Leichenteilen geboren, muss sterben, Konflikt wird ausbuchstabiert. Rumsdunkelbild. Die Bildregie verfährt nach Theaterlivebildregieart. Rumsnahdran, hollavonoben, sich windendes, lallendes Monster im Close-Up. Sind so schöne Narben.

Blöder als hier kriegt man Theater schwer hin. Steindummer Humanismus. Voller Körpereinsatz, Schwerstschauspiel. Lichtgeflacker, Finsterschmarrn. Standing Ovations am Ende, in London. Hier die Klatschirritation. “A stunning evening”, sagt der Guardian, “a bravura triumph”. Das wird es sein.

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