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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Thema/Reihe Israel/Palästina
Container vom 28. Januar 2011 von Bert Rebhandl

Tal der Wölfe Palästina

Sehr kurzfristig hat sich der Verleih Pera Film entschlossen, den für 27. Januar geplanten Start von Tal der Wölfe Palästina doch durchzuziehen. Am Dienstag war noch von einer Verschiebung die Rede gewesen, nachdem die FSK in Deutschland die Jugendfreigabe ab 16 nicht genehmigt hatte. Ich habe mir den Film am Starttag im Karli in Neukölln angesehen, in einer gut besuchten Spätvorstellung.

2006 hatte ich mich bei Tal der Wölfe Irak noch veranlasst gesehen, gegen dessen einfältige Kritiker einen differenzierten Standpunkt einzunehmen; neben den eindeutig antisemitischen Passagen gab es dort noch so etwas wie eine Realpolitik (im Actionmodus) angesichts eines westlichen Kriegs gegen den Terror, gegen den gerade nicht die Gewalt der türkischen Spezialagenten die Oberhand behalten sollte, sondern ein quietistischer Islam.

Bei Tal der Wölfe Palästina ist die Sache nun wesentlich eindeutiger: Das ist ein lupenreiner Propagandafilm, Preisklasse Jud Suess von Veit Harlan (ohne Vergewaltigung, aber mit unglaublich vielen individuell ausnehmbaren Tötungsszenen). Die Geschichte (es folgen jetzt unweigerlich zahlreiche "Spoiler") läuft auf eine große Bilderübertragung hinaus: Die gewaltsame Aufbringung eines türkischen Hilfsschiffes für die Bevölkerung des Gazastreifens durch die israelische Armee am 31. Mai 2010, mit der Tal der Wölfe Palästina beginnt, wird hier zu einem Bild des Besatzungsregimes, das Israel in den Gebieten ausübt, die 1967 annektiert wurden.

Wenn der türkische Agent Polat Alemdar zu Beginn einem israelischen Soldaten entgegnet, dass er nicht nach Israel gekommen sei, sondern nach Palästina, so ist von entscheidender Bedeutung, dass diese Szene in Ostjerusalem spielt. Die ganzen 105 Minuten hindurch wird dann sorgfältig darauf geachtet, dass es immer um das gegenwärtige Palästina (Filistin) geht, also um die von der palästinensischen Bevölkerung beanspruchten Gebiete, und nicht um das historische Filistin des osmanischen Reiches, das ja auch den Staat Israel innerhalb der Grenzen von 1948 umfassen würde.

Dieser bildet hier so etwas wie den methodischen blinden Fleck, in den all das eingetragen werden kann, was als die "Gewaltpolitik" und "Tyrannei" Israels dargestellt wird. Es sind im wesentlichen nur zwei Männer, die dafür einstehen, und beiden fehlt jedes Indiz für eigentliche Legitimität: Der Einsatzleiter und Waffenhändler Moshe Ben Elieser und der Gefängnisdirektor Avi lassen sich zu Beginn kurz einmal zu einer Vision von einem unbesiegbaren Groß-Israel ("vom Euphrat bis zum Nil") hinreißen. Moshe, dem Polat Alemdar bald ein Auge wegschießt, sodass der danach eine Augenbinde tragen muss, die selbstverständlich direkt auf Moshe Dayan, den Helden von 1967 in Israel, hin kenntlich ist, ist nicht Israel, aber er ist der einzige, der in diesem Film für Israel spricht.

Den am deutlichsten propagandistischen Satz spricht der weißhaarige Avi aus. Er rechtfertigt die brutale Besatzungspolitik, für die das Planieren von Palästinenserhäusern das wichtigste Bild ist, so: "Tiere (Ratten) lernen nur durch Schmerz." Die Implikationen sind eindeutig: Hier kehrt der nazistische (Ungeziefer-)Antisemitismus aus dem Mund eines Juden zurück, der nun in demselben Vokabular von den Palästinensern spricht - und damit selbst zum "Nazi" wird.

Konsequent entleert Tal der Wölfe Palästina alles, was ein konkretes Bild von Israel wäre, und ersetzt es durch ein einziges Zeichen: der allgegenwärtige Davidsstern in den militärischen Einrichtungen wird aus der Opferlogik des "Judensterns" herausgelöst und wird zum Herrschaftssignifikanten. Dagegen stehen auf der Seite der Palästinenser alle Bereiche des Familiären, die Frauen und Kindern, die das Martyrium vorleben, auf das sich der Gegenschlag durch Polat Alemdar & sein Team berufen kann.

Zwischen die Fronten stellen die Macher noch eine amerikanische Jüdin mit dem Familiennamen Levi, die im Verlauf der verschiedenen Schießereien endgültig die Seite wechselt. Sie identifiziert sich nun mit den Palästinensern, und dient zugleich als Exkulpierungsfigur, denn sie ist eine Idealjüdin, der jeder Gedanke an ein Gelobtes Land vergangen ist. Moshe Ben Elieser stirbt im Chaos der entfesselten endgültigen Intifada, auf die alles hinausläuft - eine palästinensische Selbstermächtigung von neo-osmanischen Gnaden.

Von Tal der Wölfe Palästina wird es auf unserer Seite keine Bilder geben. Der Film ist eine Schande für die Türkei, für das Kino, ein Akt der kinematographischen Aggression gegenüber Israel, und für das palästinesische Volk eine Zumutung, weil es sich gegen diese Vereinnahmung nicht wehren kann.


7 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Dr. Klaus Weber, 28.01.2011 12:19

    Mich wundert, dass die israelische Gewaltpolitik gegenüber den Menschen in Palästina, besonders in Gaza, nicht schon längst zum Gegenstand der cinematographischen Auseinandersetzung gemacht worden ist. Hier würden sich viele fruchtbare Ansätze bieten. Im Gegensatz aber zu völlig sinnlosen und auf reinen Gewaltphantasien beruhenden Filmen wie "Inglorious Basterds" geht es bei "Tal der Wölfe" jedenfalls im Ansatz nicht um Gewaltdarstellungen um ihrer selbst willen, sondern der Film knüpft an ein reales zeitgeschichtliches Geschehen an - nänmlich die brutale Besatzungspolitik gegenüber Palästina sowie die Erstürmung des zivilen Hilfsschiffes Mavi Marmara in internationalen Gewässern durch israelische Einheiten und die Tötung von etlichen Zivilisten an Bord - ein Akt der Gewalt, der üblicherweise als "Piraterie" gilt und - wenn auf Anordnung eines Staates durchgeführt - normalerweise mit UN-Sanktionen quittiert worden wäre. Dass in diesem Zusammenhang die Israelis nicht als Sympathieträger dargestellt werden, versteht sich von selbst. Und so wie nun eben in anderen Filmen auch Bösewichte präsentiert und stereotyp überzeichnet dargestellt werden, so ist dies eben hier auch - nur dass es ausnahmsweise mal keine Deutschen, Nazis, Russen oder Moslems sind. Hier den überstrapazierten Vergleich zu Filmen aus der NS-Zeit zu bemühen, entspringt wohl mehr einem antrainierten Reflex als einer aufrichtigen gedanklichen Auseinandersetzung.

  • xbg, 28.01.2011 12:55

    Offenbar ist ja der Satz des weißhaarigen Avi, in dem Palästinenser als Tiere bezeichnet werden, an reale Vorbilder unter israelischen Politikern angelehnt, siehe hier:

    http://www.hagalil.com/archiv/2010/02/15/unge...

    Darf man die Wirklichkeit nicht darstellen, weil sie einen Nazivergleich beinhaltet? Das ist schon eine komplizierte Frage.

  • Bert, 28.01.2011 14:14

    Dass es für einen extremen Satz wie den von den "Tieren" konkrete Aussagen als Anlass gibt, sagt noch nichts über die Funktion des "Zitats" im gesamten Kontext des Films aus: Tal der Wölfe Palästina hat sich ja tatsächlich in nahezu jeder Hinsicht "abgesichert", und trotzdem ist der Gesamteindruck der einer konsequenten (Gegen-)Polarisierung, bei der nun aber wichtig ist, dass sie im Blockbusterformat stattfindet, in dem man nicht so schnell eine adäquate Antwort formulieren wird können.
    Auch ich verurteile die "israelische Gewaltpolitik gegenüber den Menschen in Palästina", aber ich sehe darin nicht "viele fruchtbare Ansätze" für das Kino, sondern eine Herausforderung für die internationale Öffentlichkeit, sich davon ein Bild zu machen und dann etwas zu tun. Tal der Wölfe Palästina aber holt aus seiner Parteinahme (gegen die ich nichts einzuwenden habe) ein Maximum an Antagonismus heraus, schreibt also die lange Logik der Übertragungen fort, mit der Opferrollen reklamiert werden, um sie in Ermächtigungen umzuschreiben - in diesem Fall dienen die Opfer der Palästinenser der Ermächtigung türkischer Aktionsphantasien. Dass ich das große Kaliber des Vergleichs mit Jud Sueß gewählt habe, ist tatsächlich darin begründet, dass ich den Film für den maximal denkbaren populärimaginären Eskalationsschritt halte, der auf eine Politik Israels hin erfolgt, die dazu leider zahlreiche Anlässe gibt. Ich habe selbst auf dem Weg nach Hause gestern abend darüber nachgedacht, ob es vergleichbare amerikanische Fälle gibt, aber das würde die Diskussion uferlos machen. Kurtlar Vadisi Filistin schreibt dort weiter, wo Goebbels, Harlan, Hippler, Streicher zu schreiben begonnen haben und wo der linke Antisemitismus dann weitergeschrieben hat - dazu weitere Vergleiche hervorzuholen, ist eine Leistung, an der mir nichts liegt.

  • David Harnasch, 28.01.2011 16:18

    @XGB: Gleich das erste Zitat in Ihrem Link ist schon falsch. Bevor man also über die Darstellung der Wirklichkeit diskutiert, ist es unerlässlich, diese sorgfältig zu erfassen. Die Kommentarsektionen des Internets sind keine zitierfähigen Quellen. Erst recht nicht bei diesem komplexen Thema.
    Hier die Richtigstellung: http://begincenterdiary.blogspot.com/2009/05/...

  • Daniel Neumann, 28.01.2011 16:41

    Ich habe weder den ersten Tal der Wölfe, noch diesen gesehen, kann aber an dieser Stelle Avi Mograbis "Avenge but one of my two eyes" empfehlen. Hier werden nicht nur die israelische Militärpräsenz und die quarantäneartigen Lebensräume der Palästinenser gezeigt, sondern auch die Erziehungsmechanismen, die, mit Rekurs auf alte Legenden, die jüdischen Jugendlichen für die Aufrechterhaltung des Zustands konditionieren sollen.

  • xbg, 28.01.2011 18:26

    @David Harnasch:
    Ok, das erste Zitat mag nur halb richtig sein und sich auf die PLO beziehen. Aber auch das läßt ja noch die gleiche Richtung wie die anderen Zitate erkennen.

    @Bert:
    Wenn das Zitat der palästinensisch/israelischen Realität entstammt, wie kann man davon reden, dass damit das Nazi-Vokabular "zurückkehrt"? Mir erscheint es ein bißchen so, als ob sich die Deutschen damit entlasten wollen, in dem sie der arabisch oder türkischen Sichtweise den deutschen Kontext überhelfen. Wie praktisch, wenn man damit jemand anderen zum Nazi machen kann - aber das ist nicht deren Kontext und die Juden wurden nunmal von den Deutschen vergast.

    Interessant das Thema Parallelen zu amerikanischen Filmen. Ich finde es eine faszinierende Erfahrung, dass dieser Film quasi von der anderen Seite mal spiegelt, was wir aus unserer Kindheit mit umgedrehten Rollen gewöhnt sind und unsere Reaktionen darauf.

    Ansonsten verfolge ich natürlich gerade gebannt wie wir vermutlich alle die ägyptische Revolution im Al Jazeera Livestream..

  • Makronaut, 01.02.2011 19:55

    @ bert rebhandel

    danke für den artikel!
    eine kleine ungenauigkeit ist ihnen jedoch leider unterlaufen: israel hat weder den gazastreifen noch das westjordanland jemals annektiert, sondern '67 "nur" besetzt - wobei das israelische militär 2005 aus dem gazastreifen (und jericho) vollständig abgezogen ist.

    @ dr. klaus weber

    lernen sie bite wenigstens die grundzüge dessen, worum es hier geht, bevor sie sich ereifern. zb:

    1) der gazastreifen ist in keinster weise durch israel besetzt.

    2) das aufbringen der mavi marmara durch israelische streitkräfte geschah im einklang mit internationalem recht: http://www.ruhr-uni-bochum.de/ifhv/documents/...
    mit dem propagandabegriff "piraterie" hat das also eher wenig zu tun.

    dass gerade sie angesichts dessen mit vokablen wie "reflex" um sich werfen, spricht da bände.