Container vom 16. Januar 2011 von
Berlinale: Spekulationen
Noch steht die Bekanntgabe des größten Teils der Berlinale-Wettbewerbsfilme aus. Um meine bislang sehr geringe Vorfreude zu steigern, habe ich ein wenig recherchiert zur Frage, welche Filme möglicherweise in Betracht kommen. Ein paar "educated guesses", ein paar sehr plausible Fälle, anderes taucht mit hoher Wahrscheinlichkeit erst in Cannes auf. Für Südamerika habe ich gar nichts gefunden, über Kommentare, Tipps, Leaks und so weiter würde ich mich selbstredend freuen. Hier also die Liste, die - wenn schon nichts anderes - doch immerhin ein Ausblick auf das kommende Filmjahr ist.
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A Dangerous Method (David Cronenberg)

Cronenbergs Verfilmung der Geschichte Sabrina Spielrein,der (erst) Patientin, (dann) Geliebten C.G. Jungs, die später auch in Kontakt mit Sigmund Freud stand. Mit Keira Knightley, Michael Fassbender und Viggo Mortensen starbesetzt. Teils in Deutschland gedreht, könnte/müsste fertig sein, jedoch dürfte auch Cannes um den Film kämpfen.
Les Amants (Nicolas Klotz)

Ein Film, auf den man nach Klotz' La question humaine (vgl. CARGO 01) sehr gespannt sein darf. Eine junge Französin lernt einen Afghanen kennen, der dann aber plötzlich in seine Heimat zurückkehren will. Ist in der Postproduktion, klingt aber eigentlich zu interessant für einen Wettbewerbsfilm und zu wettbewerbsverdächtig fürs Forum. Also: Tendenz Cannes.
Bernie (Richard Linklater)
Regisseur Linklater und Hauptdarsteller Jack Black waren schon einmal höher angesehen in den Kreisen, in denen Gelder für Filme lockergemacht werden. Linklater war zuletzt mit Before Sunset bei der Berlinale und alle waren sehr glücklich. Warum nicht auf ein Neues? Allerdings wurde diese schwarze Komödie um einen Bestatter erst im Herbst in Texas gedreht, es ist eher wahrscheinlich, dass der Film noch nicht fertig ist. Mit dabei auch Rip Torn, Matthew McConaughey und Shirley Maclaine.
Chienne (Lou Ye)
Der in China mit Berufsverbot belegte Lou Ye hat in Paris gedreht, mit dem - nach Un prophète - neuen Star Tahar Rahim. Liebesgeschichte zwischen einer Professorin aus China und einem Arbeiter. Wenig zu erfahren im Netz. Lou Ye hat eigentlich beste Beziehungen nach Cannes, deutet also alles in diese Richtung.
Crazy Horse (Frederick Wiseman)

Von dem Film hatte ich vor dieser Suche noch gar nichts gehört. Liegt zwischen Boxing Gym und dem neulich schon einmal erwähnten UCLA-Film. Dokumentation des Cabarets "Crazy Horse" in Paris, Wiseman war im vergangenen Sommer vor Ort. Zwar dauert der Schnitt bei ihm immer lange, jedoch sind die Beziehungen zur Berlinale recht gut. Natürlich nichts für den Wettbewerb (wo kämen wir denn da hin), eine freudige Forumsüberraschung wäre aber denkbar.
Damsels in Distress (Whit Stillman)
Das heiß erwartete Comeback von Whit Stillman ist abgedreht (wirklich!) und in der Postproduktion. Im New York Magazine gibt es eine Beschreibung: "It’s a freewheeling comedy, full of musical numbers, failed love affairs, and Stillmanian bons mots on everything from Hacky Sack to the sexual proclivities of twelfth-century Cathars. It may be even sillier than the three lighthearted films in Stillman’s “yuppie trilogy” and is very different from the dramas that Stillman has spent the past twelve years trying, but failing so far, to make." Greta Gerwig, die sogar die Verächter von Greenberg lieben, spielt mit. Vermutlich ist der Film nicht rechtzeitig fertig. Aber hoffen darf man ja mal.
The Descendants (Alexander Payne)
Von Alexander Payne (Election, Sideways) hat man länger - nämlich seit 2004 - nichts gehört. In dieser Romanverfilmung spielt George Clooney die Hauptrolle. So sehr viel mehr ist nicht in Erfahrung zu bringen. Wenig Buzz, dabei sollte der Film eigentlich fertig sein. Clooney jedenfalls sieht man gern in Berlin.
The Details (Jacob Aaron Estes)

Amerikanische Indiekomödie der offenbar etwas mysteriösen Art. Ist bereits für Sundance angekündigt, könnte - wie schon Miranda Julys The Future - über den Kooperationsdeal auch im Berlinale-Wettbewerb landen. Ein Schuss ins Blaue, aber scheint ziemlich genau die Sorte oberes amerikanisches Mittelmaß, für die die Berlinale ein Faible hat. Elizabeth Banks und erst recht Tobey Maguire klingen in den Ohren des Roten Teppichs sicherlich gut.
The Devil's Double (Lee Tamahori)

Ein Thriller - oder etwas dergleichen - um Udain Hussein, Saddams Sohn, bzw. dessen Double. Tamahori ist zuletzt doch eher in die zweite und dritte Reihe Hollywoods abgerutscht, was nicht gegen diesen Film sprechen muss (in dem seltsamerweise Ludivine Sagnier mitspielt), jedoch gegen seine Teilnahmechancen am Wettbewerb, in dessen verdrehte Ideen von Prestige das vermutlich nicht passt.
Läuft im Panorama! (s. Kommentare)
The Eye of the Storm (Fred Schepisi)

Mit Charlotte Rampling, Judy Davis und Geoffrey Rush bestens besetzte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nobelpreisträger Patrick White. Der Film ist wohl fertig und könnte bei Dieter Kosslick die Knöpfe Stars und Qualitätsproduktion drücken.
Headshot (Pen-ek Ratanaruang)

Ein Killer steht im Zentrum dieses jüngsten Films von Ratanaruang, mit dessen letzten Versuchen der unterkühlten Genre-Aneignung man mich ehrlich gesagt jagen kann. Immerhin war vor einigen Jahren sein Invisible waves im Wettbewerb, das steigert die Chancen.
Faust (Aleksandr Sokurov)
Sokurov verfilmt Goethe: Explizit bezieht er sich in seinem Faust auf die literarische Dramenfigur, nicht auf den Faust der Legende. Der Film ist abgedreht, könnte fertig sein und Sokurov wäre nicht zum ersten Mal bei der Berlinale. Rechnet man den Deutschland-Bezug der Vorlage hinzu, ein recht wahrscheinlicher Tipp.
Habemus Papam (Nanni Moretti)
Gerade nach der Moretti-Retrospektive in Berlin wäre das doch ein schöner Fang. Die Geschichte eines depressiven Papstes (Michel Piccoli) und seines Therapeuten. Eher bedenklich stimmt, dass der Vatikan das Drehbuch offiziell abgesegnet hat. Fertig ist der Film und mit seinem vor Cannes gelegenen Kinostart ein sehr ernsthafter Berlinale-Kandidat.
Hall Pass (Peter and Bobby Farrelly)

Owen Wilson als Mann, der von seiner Ehefrau eine Woche Auslauf bekommt. Der "Hall Pass" des Titels bedeutet genau das: Er darf in der Zeit tun, was er will. Zotiges ist zu erwarten, die Nähe des Sujets zur Apatow-Welt wurde bereits kommentiert. Selbst wenn den zuletzt nicht so überzeugenden Farrellys hier ein Comeback zu alter Stärke gelingt, wäre die Berlinale leider kaum der rechte Ort für diese spezielle Sorte Auteurs.
IMPARDONNABLES (André Techiné)
Verfilmung eines Romans von Philippe Djian. Mit Carole Bouquet und André Dussollier. Techiné ist in Berlin gern gesehen. Drehbeginn war im Mai vergangenen Jahres: Warum also nicht?
LE HAVRE (Aki Kaurismäki)
Kaurismäki ist ja inzwischen so was wie das Loch-Ness-Monster des europäischen Kunstfilms. Wird nur bei seltenen Gelegenheit gesichtet (Unterschied: existiert aber!) und da freut man sich dann jedesmal doch wieder. Wenngleich er sich gewiss nicht neu erfinden wird, auch nicht mit Le Havre. Obwohl der in Frankreich gedreht ist; neben Kati Outinen ist wieder Jean-Pierre Léaud dabei, der bei Kaurismäki einst den Mann spielte, der einen Contract Killer wieder loswerden wollte. Von dem Film ist schon länger die Rede, jetzt sollte er eigentlich wirklich mal fertig sein.
The Loneliest Planet (Julia Loktev)

Loktev hat zuletzt mit ihrem Independent-Terrorfilm Day Night Day Night zurecht auf sich aufmerksam gemacht. Hier geht's für Gael Garcia Bernal und Hani Furstenberg in die Wildnis Georgiens. Bereits im Portfolio des Weltvertriebs Match Factory (vgl. CARGO 08), was für den Film spricht. Zwei weitere Match-Factory-Filme sind bereits im Wettbewerb angekündigt (Miranda Julys The Future und Seyfi Teomans Bizim Buyuk Caresizligimiz), da wäre Loktevs The Loneliest Planet doch ein guter Dritter im Bunde.
Mientras duermes (Jaime Balaguero)
Der Nachfolger von [REC] 2. Müsste abgeschlossen sein. Weiter weiß ich nichts, aber vielleicht ist er gut und die Berlinale hat Mut.
Die Schlafkrankheit (Ulrich Köhler)

Einen festen Slot für das ästhetisch anspruchsvolle deutsche Kino (aka Berliner Schule) gibt es im Wettbewerb. Andere Kandidaten scheinen eher nicht in Sicht, darum hat Ulrich Köhlers neuer Film (recht lang war die Pause seit Montag kommen die Fenster) vermutlich sehr gute Chancen. Ein Ehekrisenfilm, in Kamerun gedreht, Fertigstellung Frühjahr 2011 - das steht auf der auch sonst informativen Seite von Maren Ades Komplizenfilm, die koproduziert hat.
On the Road (Walter Salles)
Salles Verfilmung von Kerouacs Kultklassiker. Auf den Film mit Kirsten Dunst, Kristen Stewart, Steve Buscemi und Viggo Mortensen warten viele. Walter Salles wäre nicht zum ersten Mal in Berlin. Ist noch in der Postproduktion, Starttermin gibt es derzeit nicht. Es spricht fast alles dafür, dass er in Cannes läuft.
Sport de filles (Patricia Mazuy)
Eine Reiterin (Marina Hands) sucht ein Pferd und findet Bruno Ganz. Oder so ähnlich. Kaum etwas herauszufindenn, aber Mazuy, die nur alle paar Jubeljahre einen Film macht, ist eine interessante Regisseurin. Wer weiß, in welchem Stadium die Produktion ist; sollte sie fertig sein, wäre sie allein durch die Beteiligung von Bruno Ganz schon für die Berlinale interessant.
Tree of Life (Terrence Malick)

Träum weiter. Den kriegt Cannes.
Turin Horse (Bela Tarr)

Lange schon angekündigt, auch schon aufgeführt, aber offenbar hat Bela Tarr da immer noch weiter dran rumgeschnitten. Das Pferd von Turin ist das, dem Nietzsche umnachtet einst um den Hals fiel. Fred Kelemen hat wieder die Kamera gemacht, Volker Spengler spielt mit und trotzdem hängt man nach dem wenig erbaulichen Man From London die Erwartungen besser etwas niedriger. Wäre aber seltsam, wenn der Film jetzt auch in Berlin nicht liefe.
Whore's Glory (Michael Glawogger)
Lange gehegtes Projekt von Glawogger, eine mit Sicherheit nicht feministisch inspirierte Beobachtung von Prostituierten aus fremden Teilen der Welt. Der Film ist fertig, hat mit Sicherheit großes Provokationspotenzial und Glawogger ist bei der Berlinale ein im Prinzip gern gesehener Gast. Da bin ich mal gespannt.



14 Kommentare. Kommentar hinzufügen
Michael, 16.01.2011 18:32
Schöne Liste, wenn da auch nur die Hälfte, ach was, ein Drittel tatsächlich kommt, wäre es der zumindest auf dem Papier interessanteste Wettbewerb der unsäglichen Ära Kosslick.
Till, 16.01.2011 23:22
THE DEVIL'S DOUBLE läuft im Panorama; ist bereits per PM veröffentlicht.
kaim, 17.01.2011 00:45
Ich dachte, "The Devil's Double" wäre bereits gesetzt für Berlin?
Ekkehard, 17.01.2011 07:37
Na, da sehen Sie mal, mit wieviel Genauigkeit und Vorfreude ich die einschlägigen Pressemitteilungen studiert habe. Danke für den Hinweis.
Denis K., 17.01.2011 13:45
Unabhängig davon, welche Filme nun in Berlin laufen: Vielen Dank für diese Liste der zu erwartenden Filme für 2011!
strm, 17.01.2011 23:23
Können die Filme bei der Berlinale eigentlich ohne Anmeldung besucht werden? Wie läuft das mit den Karten?
Danke für die Übersicht!
Ekkehard, 18.01.2011 11:55
@strm: http://www.berlinale.de/de/service/eintrittsk...
Christoph, 18.01.2011 13:08
Das Bild zu TREE OF LIFE ist aus Aronofskys THE FOUNTAIN.
Ekkehard, 18.01.2011 17:13
Hab ihn ersetzt. "The Fountain" habe ich nicht gesehen. Es gibt ja schon genug Leute, die Malicks "Tree of Life" in allzugroßer Nähe zu "The Fountain" vermuten. (Meistens eher eine Furcht als eine Hoffnung.) Aber Baum ist ganz sicher nicht Baum. (Hätte auch so ein Ent-Teil hinsetzen können.)
Ekkehard, 18.01.2011 18:07
Jetzt, wo das Lineup raus ist: Schon bitter. Es gibt genau einen Film neben Herzog (der aber außer Konkurrenz), auf den ich wirklich gespannt bin. Der ist von Ulrich Köhler. Der Mindadze und Teoman allenfalls noch. Farhadi ist nicht uninteressant, ja. Lee Yoon-ki, Murnberger, Moreno, Veiel, werden schon halbwegs okay sein. Tarrs "Man From London" war bereits weit jenseits der Grenze zur Selbstparodie. Vom Rest sieht nichts annähernd viel versprechend aus.
Christoph, 18.01.2011 20:35
Auf der (von dir schon erwähnten) Komplizenfilm-Seite gibt es jetzt Bilder zu DIE SCHLAFKRANKHEIT. Spannend.
Patrick, 18.01.2011 21:49
Der Gewinnerfilm ist gleichzeitig der Abschlussfilm ... gibt es eine herbere Niederlage? Die größten Hoffnungen setz ich mal spontan in Lee Yoon-ki. Sein letzter Forumsfilm war ziemlich klasse. Keine Revolution aber wer erwartet diese in Berlin? Bleibt ja nur noch das Forum, oder? Der neue Nicols ist jedenfalls dabei. Eines der wenigen must-sees soweit.
kaim, 18.01.2011 22:29
Da ich die Programminfos der übrigen Sektionen nicht so richtig verfolgt habe: gibts denn da vielversprechendes? Überlege angesichts dieses traurigen Wettbewerbs, ob ich mir die Reise(kosten) doch spare und die Zeit lieber mit meiner Tochter auf dem Abenteuerspielplatz verbringe. (Was im Zweifel sowieso immer die bessere Wahl ist). Danke vorab für Infos.
Lukas, 19.01.2011 13:52
Das Forumsprogramm scheint interessant zu sein, auf den ersten Blick würde ich sagen: interessanter als in den letzten Jahren. Alleine die Special Screenings (ua Benning, Dante Lam, Dreileben, Jonas Mekas) und der Minoru-Schwerpunkt könnten das Festival bereits retten... Was das Hauptprogramm angeht, kann ich allerdings bereits zwei Warnungen aussprechen: Brownian Movement (Nanouk Leopold) und FIT (Hirosue Hiromasa).
Angesichts des Panoramaprogramms frage ich mich jedes Jahr, ob da überhaupt kuratiert und nicht vielleicht eher ausgelost wird.