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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Anderes Kino
Container vom 22. Februar 2011 von Simon Rothöhler

Mumbling in the Rain
Gaddafi schirmt sich ab

Es ist nicht zuletzt ein erratischer Vertikalschwenk, der nicht suchend, sondern fast planvoll ausgeführt wirkt (und eine Deakusmatisierung figuriert, könnte man mit Michel Chion sagen), der uns einen Eindruck davon vermittelt, wie weit der Staatsapparat auch in Libyen bereits desintegriert ist. Während der stets frisch haargefärbte Mubarak immerhin noch Zeit für staatsoffiziell inszenierte Mabuse-Auftritte fand, murmelt ein Freestyle-gefilmter Gaddafi, dass es nun ja regne und er deshalb nicht mit den jungen Leuten in Tripolis sprechen könne (Al Jazeera übersetzt: «I wanted to say something to the youths at the Green Square (in Tripoli) and stay up late with them but it started raining. Thank God, it's a good thing.») Der Regenschirm wird hier offenbar als Beweis-Requisite eingesetzt (Glaubt mir, es regnet wirklich! Deshalb muss ich mich sogar in meinem Jeep mit einem Schirm schützen!), hinter dem der für seine Verhältnisse seltsam casual gekleidete Diktator sich erst zum Verschwinden bringt, um dann Schirm (und Argument) gleichsam selbst wieder einzukassieren. Abschirmung, Abblende, ein denkwürdiger Auftritt vor dem Abtritt.

Update. Mit einem Wutanfall war ja zu rechnen, erstaunlich dann aber doch Länge und Improvisationscharakter der hergebrüllten Suada (Al Jazeera hat zwischendrin den erschöpften Dolmetscher durch einen Ersatzmann ausgetauscht). Andere verlesen da sorgfältig vorbereitete Reden. Auch der zweite Gaddafi-Auftritt binnen 24 Stunden befremdet trotz äußerst wirrer Argumentationsführung, Kunstpausen und Brillenwechsel nicht zuletzt bildsprachlich; die Agitprop-Experten des libyschen Staatsfernsehens haben eine seltsame Vorliebe für Jump Cuts. Mehrfach springt das Bild bei ungeschnittener Tonspur unvermittelt nach draußen, Gaddafi deklamiert derweil im Bildhintergrund konfuse Revolutionsparolen und Verwünschungen, droht mit einem zweiten Tiananmen. Ziel des Manövers: eine goldene Skulptur ins Bild zu rücken; eine Faust, die im King-Kong-Klammergriff einen US-Kampfjet unschädlich macht. Lunatic Rant. Regietheater. Filibustertaktik. Schon über eine Stunde. Wie lange noch?


4 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • thomas, 22.02.2011 17:19

    facebook-selbstplagiat: der letzte große surrealist.

    (womöglich handelt es sich auch bei den gestern abgeworfenen bomben um eine interpretation des berühmten zitats von breton)

    auch der obskure kleinwagen (ist das wirklich ein jeep? nicht vielmehr ein entsorgter statist aus tatis "trafic"?) und die sonderbare, offenbar aus dem props-archiv von "fargo" entliehene kopfbedeckung gehören lobend erwähnt.

  • thomas, 22.02.2011 17:22

    und nochwas, jetzt gerade live:

    http://english.aljazeera.net/watch_now/

    ghaddafi, wirr im keller, aus einem buch vorlesend, bedroht alles und jeden mit todesstrafe.

  • Robin, 22.02.2011 23:33

    Nicht nur unser KT ("Dr. Googleberg" (Trittin)), auch ein anderer führender Politiker hat keinen Aufwand gescheut, um dem Klischee vom theoriefernen Pragmatiker prinzipienfest entgegenzutreten.
    Der vom Vater in weiser Voraussicht "Schwert des Islam" getaufte Saif al-Islam al-Gaddafi hat allerdings nicht nur an der besseren Uni (LSE!), sondern auch zu einem Thema promoviert (bzw. ebenfalls standesgemäß promovieren lassen), das heute eigentlich nur als vorausgenommener performativer Selbstwidespruch zu werten ist: "The Role of civil society in the democratisation of global governance institutions: from 'soft power' to collective decision-making?":
    http://www.3quarksdaily.com/3quarksdaily/2011...

  • Robin, 23.02.2011 11:09

    Noch ein kleines Update:
    http://www.timeshighereducation.co.uk/story.a...
    - vielleicht haben die 1,5 Millionen Pfund ja bei der Promotionsentscheidung geholfen.
    David Held, Doktorvater mit Auftrag zur globalen Demokratisierung, sagt über seinen ehemaligen Schützling, den er offensichtlich eher als Opfer denn als Akteur wahrnimmt: "his commitment to transforming his country has been overwhelmed by the crisis he finds himself in":
    http://roarmagazine.wordpress.com/2011/02/21/...
    well...it would be funny, if it wasn't so sad.