Container vom 21. Februar 2011 von
Weil die Party vorbei ist
Oscar-Geschichte
«Kennst du Brandos Schlüsselszene?», testete mich Perkus.
«Äh, nicht etwa in Die Faust im Nacken?«
«Noch nicht mal knapp daneben. Zu sehr von der McCarthy-Ära kompromittiert.»
Ich hasste dieses Spiel. «Apocalypse Now?»
«Na ja, das ist eine wichtige, mit dem ganzen Herz-der-Finsternis-Subtext, aber woran ich denke, ist der Moment, als er Sacheen Littlefeather losgeschickt hat, um den Oscar an seiner Stelle entgegenzunehmen. Ich meine, das ist die erstaunlichste Verschmelzung amerikanischer Vorstellungswelten, denk mal drüber nach! Mit einer Geste verknüpft Brando unsere Schändung der Indianer mit unserem Albtraum vom Immigranten, diesem sizilianischen Bauern, der den amerkanischen Traum, den Kapitalismus mein ich, skrupelloser in die Tat umsetzt als die Gründungsväter es je hätten befürchten können. Wir sind gegenüber dem, was Don Corleone bloßlegt, der mörderischen Schattenseite unserer ‹offensichtlichen Bestimmung›, genauso wehrlos, wie die Indianer es gegenüber Pockendecken waren. Und in dem schwindenden Raum dazwischen ist was? Amerika selbst, was auch immer das sein mag. Brando, und das ist wesentlich, lehnte es ab zu erscheinen. Weil die Party vorbei ist.«
(Jonathan Lethem, Chronic City, Tropen 2011, S. 93)



2 Kommentare. Kommentar hinzufügen
micro_robert, 21.02.2011 21:05
Großartiges Buch.
Volker Pantenburg, 06.03.2011 16:24
»If his arguments were once brakeless vehicles he could ride a mile or two before veering into a ditch – a listener climbing aboard if they dared – now they seemed compacted on arrival in one of those junkyard car-crushing machines, recognizable for their former purpose but undriveable.« Das kommt ziemlich weit hinten im Buch, so weit hätte ich gar nicht gelesen, wenn die Lesevorräte für den Urlaub reichlicher bemessen gewesen wären. Was in den beiden dicken Brooklyn-Romanen traumwandlerisch wirkte, kam mir in CHRONIC CITY meist hanebüchen vor.
Vielleicht ist Manhattan einfach nicht sein Ding. »I don't know how this can be possible, but then again there are so many things that escape me.«