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CARGO Film/Medien/Kultur 38
vom 22. Juni 2018

CARGO 38 Cover, CARGO 37 Cover,

Anderes Kino
Container vom 2. Februar 2011 von Simon Rothöhler

The Revolution Will Be Televised

Seit gestern stundenlanges Desktop-Fernsehen. Eine Doppelprojektion: Al Jazeera English links, CNN rechts. Manchmal auf der Bildebene synchron, oft komplementär; «World Business Today« hat jetzt Sendepause. Gelegentlich schaut man auf bis zu vier Bildfelder (mal zwei), weil das gestreamte Fernsehbild selbst wie ein Mehrfenster-Desktop organisiert ist. Montageästhetik. Vor gut einer Stunde Revolutionsbilder, wie es in der Fernsehgeschichte noch keine gab: Pro-Mubarak-Reiter, wohl Angehörige der Polizeikräfte, stürmen prügelnd den Platz, zum Teil auf Kamelen. Ungerührt daneben die Panzer. Selten so sichtbar für eine globale Öffentlichkeit: Geschichte wird im Chaos gemacht. Auf dem Schirm die verstörende Liveness eines revolutionären Moments im Angesicht der Konterrevolution. Man selbst sitzt elektrisiert am Schreibtisch und fragt sich, was das eigentlich für eine Zuschauerposition ist. Aus Sicht des westlichen Nachrichtenkonsumenten ein Bildereignis in Echtzeit, auf der Tonspur unzählige Telefon-Augenzeugen, deren Gesichter man nie sieht. Eine eigentümliche Immersionserfahrung beim Starren auf die immer wieder aufpixelnden Netzfernsehbilder. Sie stammen offenbar vorwiegend von auf Dächern installierten Kameras, die nichts mehr überwachen können, sondern in wilden Schwenks und Zooms den unkalkulierbaren Ereignisamplituden nachgehen. The Revolution Will Be Televised. Jetzt, in diesem Moment. Tahrir Square und seine Seitenstraßen sind zur unübersichtlichen Bühne eines Showdowns geworden, provoziert von Polizisten ohne Uniform. Sie kamen auf den Rücken von Pferden. 

Update. «What is your vantage point?» lautet häufig die erste Frage der Studiomoderatoren an die Reporter auf dem Boden. Multiperspektivische Verwirrung: «What are YOU seeing right now?». Bei Al Jazeera den ganzen Nachmittag über immer kurz vor dem technischen Zusammenbruch stehende Telefongespräche mit Zeugen, denen derweil die Steine um die Ohren fliegen. Was sie sehen und was wir sehen deckt sich nie. Niemand kann die Gesamtsituation einschätzen, die Regimegegner scheinen auf dem Tahrir Square umzingelt. Schon die Reiterbilder vor urbaner Kulisse hatten eine grotesk anachronistische Westernresonanz. Die Moderatoren beider Sender sind um Synthese von Bild und Ton bemüht, kämpfen zugleich aber mit Fassungslosigkeit und Informationsdefiziten. CNN beamt Anderson Cooper auf verschiedene Balkone weit über dem Platz. Analysen hat er auch nicht anzubieten. Zwischendurch die ersten Bilder aus Bodenperspektive, jemand muss seine Handykamera in den Steinhagel gehalten haben. Nach den Reitern kam der Mob; die nächsten Tage werden zeigen, wie die Eskalation genau orchestriert war. Jetzt im Moment: Nachtbilder einer Straßenschlacht, unklare Kräfteverhältnisse, das rötliche Leuchten der Straßenlaternen.


1 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Robin, 02.02.2011 17:11

    Diese Bilder aus einem Philosophie-Kolloquium ueber open vs. secret voting zu verfolgen, fuehrt zu kognitiven Dissonanzen ganz eigener Art … visuelle Evidenz des theory-practice gap.