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CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

Film
Container vom 22. August 2011 von Cargo

Rosa Elefant
Zu «Cassandras Warnung»

 

was da alles geht: schießen die doch einfach tauben tot. und ich glaube, er hat cockring gesagt. ## er hat cockring gesagt und man wusste für einen moment nicht, ob er das dem ard-publikum gleich noch ein bisschen anschaulicher machen wird ## natürlich klingeln vor allem noch die dialogsätze in den ohren: «bei mir ist es eher so eine sippe, deren sinnentleertes macht- und pietätsgehabe nach der verarmung weitergelaufen ist wie störtebeker ohne kopf.» ## alkoholrauchenpommes ## du mit deinem heinz-rühmann-gesicht ## aber jetzt mal im ernst, hast du diese nebenhandlung im sozialwohnungsbaumilieu verstanden? ## ich hab immer nur rosa elefant verstanden. und schwarze knochen gesehen. ## ich kam intellektuell eigentlich sehr aufgeräumt von meiner sonntagskonträrfaszinationssendung «sky90» (mal wieder mit dem übernächsten bundespräsidentkandidaten der union, helmut-kohl-fan christoph metzelder) und bin dann aber ganz schön ins schwimmen gekommen. aber am ende wird ja wie in psycho alles schön erläutert  ## gerade war es für einen moment sogar worldwide trending bei twitter. jetzt kommen plötzlich verwirrte englischsprecher unterm hashtag reingeschneit. einer erklärt «polizeiruf was a communist detective show from east germany». ja, das trägt zur wahrheitsfindung jetzt auch nur bedingt etwas bei. ## man muss das, glaube ich, alles musikalisch verstehen. die transe ist auch so ein motiv, das ganz zu beginn auftaucht und dann verblüffenderweise bis zum ende konsequent durchgeführt wird. ich weiß nicht, ob es schon mal einen graf-film gab, der das so leichterhand durchgehalten hätte, mit all diesen motiven, die lauter und leiser, schneller und langsamer gespielt werden, verschwinden, wieder auftauchen. das muss man vielleicht gar nicht mehr als plot rekonfigurieren. ## die einen hören free jazz, die anderen denken: virtuos grenzt mitunter an konfus, aber klar macht das laune, wenn das handschellenanlegen nicht das ende, sondern der anfang einer verhaftung ist; überhaupt die tollen schauspielernummern, endlich ein film, der was mit brandts naturschläfrigkeit anzufangen weiß ## es grenzt sicherlich. nein, kein free jazz (nicht dass ich den wieder für eine zu leichte übung hielte), es ist eben nur eine vielstimmige komposition, die trotzdem an jeder stelle auf das konservative genremoment bezogen bleibt. ich persönlich fand ihn zu allem überfluss sehr spannend. (und habe natürlich nichts gecheckt, aber ich checke nie was bei krimis, also heißt das nichts.) ## das gefällt mir auch, der genre-traditionalismus im detail, polizeiarbeitsrealismus etc ## apropos detail: dieser kleine junge, der münchnernd vor der wohnungstür steht und mit der obrigkeit auf gutem fuß steht? aber wenn man drüber nachdenkt, geht es sehr viel um fremdsein, ankommen, wurzeln. vom hilal im bahnhofsviertel bis zum gazastreifen und ali. ## stimmt, brandt wird am ende tanztürke und räumt sich dafür sogar selbst die bühne frei durch stühlerücken; jetzt ist er angekommen und grinst seinen regisseur an; und auch die junge polizistin ist ja fremd im eigenen dorf: 26 und nicht verheiratet. da hilft nur: münchner freiheit  (plus, aber das kommt an anderer stelle,  gut abgehangene münchenmelancholie, die leo damals usf ) ## ich fand den kunstmann-auftritt grandios. wie er das wagt, einfach so ein solo zwischendurch für die ganz große dame. da beruhigt es sich auch ein wenig. überhaupt sind die tempowechsel gerade das tolle. man weiß nie, wann es sich wieder beschleunigt, wann er tempo rausnimmt. ## die fahrradhelmfamilie war sehr präzise gecastet. schwabinger babyscheiße. glaube übrigens nicht, dass ich schon mal so ein avantgardesounddesign im primetimefernsehen gehört habe ## nein, ich auch nicht. das ist von engelschören bis bimmelnde stromglöckchen ganz und gar durchkomponiert. polizeifunk als generalbass. ## dazwischen fährt immer mal wieder jemand einen windowsrechner hoch, argento lauert im hintergrund ## aber baudelaire+orlando bloom? ## die sätze bleiben als brocken drin, weil graf nicht glaubt, dass man das kolloquialisieren muss wg. realismus. sondern weil er weiß, dass solche quasi-aphoristischen sätze platz haben müssen im ganzen. ## brandt lacht dazu ja auch leicht irre, nicht über seinen verständnislosen kollegen, sondern über den topos, den er vernügt spielt: der gedichte-zitierende-kommissar (und immer schön den burberrymantelkragen aufschlagen) ## schön, dass auf die figur erst einmal überhaupt nichts draufgepackt wird. man sieht ihn nur tun und irre lachen und mittun und nicht mittun und türkisch tanzen. am schluss kommt als siegel der name drauf, das war es dann. ## würde eher sagen: strategisch überfrachten, bis es wieder genuin wirkt ## kunstfigur klar, aber sonst werden die kommissare ja gern psychologisch durchplausibilisiert. man weiß doch nichts über ihn. außer dass er son bisschen schwebt und daneben steht. ## alles schwebt und fällt fröhlich auseinander ## vielleicht muss man das, was die nummernrevue verhindert, einfach drive nennen ## drive, he said (Skype-Protokoll, von gestern 21.45h - Ekkehard Knörer/Simon Rothöhler)

Polizeiruf 110: Cassandras Warnung (Dominik Graf) D 2011


6 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Zwitschermaschine, 22.08.2011 12:27

    ..Orlando Bloom musste sein, weil Cassandra als Tochter von Theresias heute unbekannt ist, aber eben nicht als Geliebte von Brad Pitt (oder war es Bloom:), Mythen-Update- Küchenbildungsgesprächsrealismusfetzen :))

    Tanzschluss (Vertipper: Trans-Schluss) war schön- alles hebt ab in die fröhlich hergezeigte Selbstfiktion.. :) Graf hat sich Mühe gegeben jedenfalls:))

  • kaim, 22.08.2011 14:26

    Ist ja einerseits schön, wie Graf dem Giallo seine Referenz erweist, speziell über die Tongestaltung und hier auch mit der -fast schon überdeutlichen- Anspielung auf den "New York Ripper". Andererseits nerven diese ständigen Zooms und Schwenks und dieser betonte 70er-look auf Dauer auch ganz schön. (Von dem Gewäsch über Gaza und Frauen und dem irgendwie immer forciert wirkenden "harte-männer-sprech" etc pp ganz zu schweigen). Insgesamt dann aber eben doch wieder sehr gut.

  • Der nette Thomas von nebenan, 22.08.2011 16:54

    Nachher ab 20 Uhr auch wieder im Internet frei anzuklicken:

    http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/conten...

  • anna k., 23.08.2011 19:10

    ## aber jetzt mal im ernst, hast du diese nebenhandlung im sozialwohnungsbaumilieu verstanden? ## ich hab immer nur rosa elefant verstanden. und schwarze knochen gesehen. ##
    wirklich sehr schoen!

    der gedanke grafs arbeiten unter musikalischen gesichtspunkten zu analysieren, finde ich sehr spannend und treffend.

    und ein skypeprotokoll als medium für ne kritik eines graffilm zu nehmen...

    meine herren chapeau!

  • Denis K., 25.08.2011 14:22

    @ kaim: Wo war da der "New York Ripper"? Ich hab Fulcis Film nicht präsent im Moment, hilf mir da mal auf die Sprünge. Was ich hingegen Giallo-technisch entdeckt/gehört habe, war die Morricone-Titelmusik zu Aldo Lados "Who Saw Her Die?", die in den Szenen, die mit dem vergangenem Kindsmord zu tun gehabt hatten immer eingespielt wurde.

  • kaim, 26.08.2011 00:06

    Für mich war der in diesen fiesen Sprachverfremdungen sehr präsent, gerade auch in Verbindung mit dem Psychopathischen und der hilflos aktionistischen Polizei. Mag nur mein Eindruck sein, aber angesichts Grafs Schwäche insbdesondere für die kruderen Exemplare der Gattung scheint es mir offensichtlich.