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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Serie
Container vom 26. September 2010 von Simon Rothöhler

Projektiön
Sonntag, Fernsehen.

So sehr ich die pünktlichen 21.45h-Tatort-Analysen des unbeirrt mehr Genre-Spannung predigenden Kollegen Matthias Dell schätze - mit Einzelanalysen kommt man manchmal einfach nicht weiter. Man muss den Tatort im Kontext sehen. Also auch noch 15 bis 25 Minuten Anne Will schauen, also auch den wöchentlichen Trailer des irren Winzerkönigs absitzen, also auch nolens volens über die neuen Fernsehfilme mit den alten Fernsehgesichtern informiert werden. Abschalten darf man erst, wenn Uschi von der Leyen wieder anfängt, vom «kleinen Ahmed» zu sprechen, ihrem Hartz4-Beispielkind mit Migrationshintergrund und ganz tollen Integrationschancen, weil hier nämlich die neuen Bildungsgutscheine für den Sportverein eingesetzt werden und der kleine Ahmed dann zwar keine Hochschulreife erlangt, aber vielleicht ein neuer Mesut Özil wird, der den Deutschen dann einen Glutofen-Sommer lang Freude bereiten darf, bis dann jemand aus der SPD kommt und sagt, aber mit eurem Genpool wollen wir im wirklichen Nichtfußballwmleben lieber nichts zu tun haben, aber das ist eine andere Geschichte. Im leider ohne Lars Eidinger auskommenden Berliner Kunstbetriebs-Tatort sind Regelsätze und Warmmieten zugegebenermaßen kein Thema, weil: «Der Frank hat sich was im Prenzlauer Berg gekauft». Stimmt, und zwar etwas sehr albernes mit superempfindlichem Parkettboden (Nußbaum?) und einer Badewanne mitten im Loungelandschaftswohnzimmer, aus der die leicht bekleidete Muse des ziemlich auf Jonathan Meese gestanzten Künstlers dann tatsächlich trinkt, als der knuffigste aller Kommissare (Boris Aljinovic,  der Wireless Lahm des Tatort-Kosmos) mal wissen will, was man denn so alles machen muss als Muse und wo man Freitag Abend nach 22h nochmal genau war. Dann aber Auftritt der jede Nebenrolle veredelnden Brigitte Hobmeier, die für Momente selbst die  «crazy Locken» (Dell) von Karoline Eichhorn (ja, sie ist es wirklich) aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Hobmeier also spielt ihre promovierte und etwas schnippisch über Damien Hirst dozierende Kunsthistorikerin mit mühsam unterdrücktem bayerischen Dialekt. Diese Zurückhaltung hätte man sich auch von Cabrio-Klaus Ernst gewünscht, der bei Anne Will einen Auftritt hinlegte, den man ob seiner Deliranz a) kaum glauben konnte und b) unparodierbar nennen muss. Wahnsinn, das Personalniveau bei der «Linken». Von der Leyen (gar nicht crazy frisiert) hatte in der Konfrontation mit der kabarettreifen Darbietung des mit Dritt- und Vierteinkommen ausgestatteten Gewerkschaftspopulisten Ernst erkennbar Mühe, einen erheblichen Lach-Flash wieder unter Kontrolle zu bekommen, aber da war ihr schon Priester Meurer zu Hilfe gesprungen, der im breitesten Kölsch, das man außerhalb von RTL II geboten bekommt, ein höheres Debattenniveau einforderte, dann aber miterleben musste, wie Anne Will diese Mahnung ignorierend Mike Rogowski das Wort erteilte. Die randlose Brille, die in der Runde fehlte, weil BDI-Coverboy Rogowski jetzt immer für den Bondbösewicht-artigen Hans-Olaf Henkel (Brandauer als Maximilian Largo in Sag niemals nie) kommt, wurde von Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer mitgebracht, der die Runde gleich in seiner ersten Wortmeldung wissen ließ, dass man in Charlottenburg für 5 Euro ganz okayen Wein bekommt (kurze Irritation bei Will - die, wenn sie nach dieser Sendung kein Burnout ereilt, nie einen bekommen wird -, bis sich klärte, dass hier nicht vom Flaschenpreis die Rede war). Fleischhauer (wer ihn den deutschen Michael Moore nennt, beleidigt den Mann, der Roger & Me gemacht hat) jedenfalls hätte gut die Rolle von Bernhard Schütz als Kunstsammler mit Kindskopf-Klingelschild übernehmen können: blasierter geht es nicht. Die «versehentliche» Bürgerlichkeit, man sieht es nach zwei Sekunden, ist das reinste Overacting, aber bitte schön, wenn sich so Bücher verkaufen lassen. Der Frank jedenfalls hat seine Kunscht nicht überlebt, weil er zu meesianisch war (und kein Doktorvater sein wollte). Wo wir gerade von Parodien auf lebende Großkünstler sprechen: Dinner for Schmucks von Jay Roach ist seit diesem Donnerstag in den Kinos, da gibt es noch ganz andere Kunstpraktiken und Potenzphantasien zu bestaunen:


1 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Annette, 27.09.2010 21:22

    sehr amüsant geschrieben, herr rothöler!