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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 30
vom 24. Juni 2016

CARGO 30 Cover, CARGO 29 Cover,

Anderes Kino
Container vom 21. November 2010 von Cargo

Sun Cinema
Kunstprojekt in Mardin, Türkei

Der Künstler Clemens von Wedemeyer, der in CARGO 4 über Belayem Tasaday geschrieben hat, hat in der östlichen Türkei ein Kunstprojekt realisiert, zu dem er folgenden Text für uns geschrieben hat:

SUN CINEMA, Mardin, Turkey, 2010

 

Aufgrund der früher lebhaften multireligösen und mehrsprachigen Bevölkerung (arabisch, kurdisch, türkisch, aramäisch,…) nennen einige die Stadt Mardin im Südosten der Türkei auch "Klein-Jerusalem". In den letzten Jahrzehnten litt die Region allerdings unter dem türkischen-kurdischen Konflikt.

In einem vom British Council initiierten Kunstprojekt habe ich hier ein Freiluftkino konzipiert. Dies wird nun vom örtlichen Kinoverein betrieben werden. Erst im letzten Jahr wurde nach langer Pause ein Stadtkino wieder eröffnet. Auch ein Filmfestival findet jedes Jahr im September statt. Zu den Vorführungen kommen am meisten Besucher, wenn man unter freiem Himmel sitzt.

Lange habe ich nach einem Ort für das Kino gesucht. Es sollte zwischen der Stadt und der darunter liegenden Mesopotamischen Ebene liegen. Es sollte ein neuer Ort werden, ein eigener und dauernder Platz für ein Kino. Der jetzige Platz ist nun unterhalb einer Koranschule aus dem 16. Jahrhundert, am Westrand der Altstadt und direkt über einem Felsen. Es ist zwar nicht weit vom Zentrum der Stadt, doch direkt hinter der Leinwand beginnt die Landschaft.

Es ging mir darum, ein offenes (geöffnetes) Kino zu entwickeln, das heißt ein Kino, das von vielen erfahrbar ist und in dem gleichzeitig formale Prinzipien des Kinos sichtbar werden. "Sun Cinema" besteht aus drei Teilen: einer frei stehenden Leinwand, einem Amphitheater und einem dreieckigen Sockel für den Projektor. Das Dreieck symbolisiert Lichtstrahlen des Projektors. Ausserdem wollte ich, dass dieses Kino mit der Sonne in Verbindung steht: Morgens fallen auf die Vorderseite der Leinwand von 6x12 Metern die ersten Sonnenstrahlen, und man könnte zu dieser Zeit mit dem eigenen Körper Schattenspiele veranstalten. Die untergehende Sonne wird von der Rückseite, die aus metallenen Spiegelplatten besteht, gen Süden reflektiert.

SONNE ALS BELEUCHTER

Diese Sonnenfunktion bezieht sich auf Lichtversuche im arabischen Altertum, die zeitlich mit der Untersuchung des Auges zusammenfallen. Man sagt, dass die Untersuchungen an Auge und Sonnenstrahlen durch arabische Wissenschaftler im Mittelalter zu der Einführung der Perspektive während der Renaissance in Westeuropa führten. Noch älter sind in der Region Sonnenkulte und von der Sonne und Feuer abhängige Religionen (Yezidi, Semsi, Zoroastrismus, u.a.). In Mardin wurde unter einem alten Aramäischen Kloster ein Raum mit einem Fenster nach Osten gefunden. Man nimmt an, dass dies ein Ort vorchristlicher Sonnen- oder Feueranbeter war. Die Sonne kann in der Region heute auch als ein häretisches Symbol gelesen werden. Es ist interessant, dass das Kloster diesen vorchristlichen Kult einschliessen will.

Das Kino etablierte sich historisch über Schattenspiele und Camera Obscura als eigene Kunst der Aufnahme und Projektion von Licht. Heute kann es daher eigentlich eine grössere Nähe zu häretischen Lichtritualen reklamieren als ein Kloster. Eine weitere Beziehung von Sonne und Kino beschreibt auch Alexander Kluge in seinem Buch "Geschichten vom Kino": Zum Beispiel die Idee vom KOSMISCHEN UNIVERSALKINO. Sie geht auf den Juristen Felix Eberty zurück, der 1846 das Buch "Die Gestirne und die Weltgeschichte" publizierte: "Richtigerweise nahm er an, daß ein Lichtstrahl, der die Erde am Karfreitag des Jahres 30 n.Chr. Geburt verlassen hat, sich noch immer im Kosmos vorwärtsbewegt, und zwar von uns weg. Insofern sei alle Vorgeschichte im Weltall aufbewahrt auf den Schienen des Lichts. Die ganze Weltgeschichte sei folglich als BEWEGTE BILDERFOLGE (das Wort Kino kannte Eberty nicht) im Kosmos unterwegs."

HINTER DER LEINWAND SIEHT MAN SICH SELBST

Der Spiegel auf der Rückseite dient nicht nur der Reflektion der Sonne, im Spiegel kann man sich auch selbst betrachten. Vorne auf der Leinwand laufen Filme Anderer, doch wenn man sich am Tag hinter die Leinwand bewegt, sieht man in sein eigenes Spiegelbild in der Landschaft. Oder wenigstens die Reflektionen der Sonne auf seiner Haut und Kleidung.

Clemens von Wedemeyer


--

Anmerkungen:
Neben dem Kinoprojekt habe ich einen Film über die Stadt und ihre Beziehungen zur Sonne sowie die Suche nach einem geeigneten Ort für das Kino hergestellt.
Die Gestaltung des Kinos wurde nach meiner Recherche mit Architekturstudenten der Technischen Hochschule Istanbul diskutiert und mit Gürden Gür als ausführendem Architekten verwirklicht. Für weitergehende Informationen zum Projekt "My City" des British Council siehe auch: Mardin Cinema Association und Mardin Filmfestival


1 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Martina Müller, 22.03.2015 19:41

    ... ein Lichtspieltheater ganz anderer Art auf einer Wiese im Hochsauerland:
    "Blinker II" von Timm Ulrichs, seit 2010 auf einer Wiese im Hochsauerland. 196 Edelstahllamellen fangen Windböen ein, pendeln in freier Bewegung. Die Welt - ein mosaikhaftes Labyrinth– wie die Pixel eines digitalen Bildes. Himmel und Erde winkend und blinkend. Ein Spielfilm, dessen Dramaturgie Wind und Wetter bestimmen.
    http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/...