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CARGO Film/Medien/Kultur 13
vom 15. März 2012

CARGO 13 Cover, CARGO 12 Cover,

Thema/Reihe Hollywood Heute
Container vom 13. November 2010 von Simon Rothöhler

Runaway train
Unstoppable.

Zwei Züge, der eine rot, der andere blau. Eine Übung in basaler kinemato-graphischer Kinetik: Zwei Vektoren, plain and simple. Ein sehr okayer Film, der, befreit von (fast) allem narrativen Ballast, einfach nur zwei Bewegungen relationiert. Auf die Konfrotation folgt Verfolgung, Ab- und Ausbremsung, und aus ist der Streifen. Das Happy End und die Hooters-Sache: eine fast höhnische Pflichterfüllung. Scotts schnörkel-losester Film seit Ewigkeiten kann die Urelemente des Actionkinos ins Spiel bringen, weil hier jemand weiß, wie man Gewicht und Gravität in die Bilder bekommt. Duel, immer noch Spielbergs bester, uninfantilster, steckt da auch drin, freilich auf heutiges High Concept gebürstet. Alles sehr einfach, keine große Sache und doch ein Vergnügen, weil das selten ist: nicht-nervendes anspruchsloses Kino. Züge fahren zu schnell und zu unbemannt durch Pennsylvania, that's it, sehr angenehm. Im Kino nebenan herrscht Somewhere-Larmoyanz, bei uns behält Denzel Washington den Überblick. Der müsste keinen Abschleppdienst rufen, wenn beim Sportwagen mal der rechte Blinker ausfällt. Außerdem hat er eine viel vernünftigere Beziehung zum eigenen Nachwuchs als Stephen Dorff, die Flasche. Wie Denzel Washington am Ende auf dem Zug die Faust reckt, voller Anerkennung für den Star des Films, die funkensprühende, raumzerteilende, zum Abheben bereite Maschine, die nun ausgespielt hat, macht ihm so schnell auch keiner nach. Toll natürlich auch der Brakhage-artige Bildkratzereffekt in der Szene mit dem Kies, aber um Avantgarde geht es hier wirklich nicht: Ein Film, der vom Hinterherfahren erzählt und mit sich selbst im Reinen ist.

Unstoppable (Tony Scott) USA 2010


9 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Ekkehard, 13.11.2010 11:26

    Du beschreibst da sehr schön einen Film, den ich auch gerne gesehen hätte.

  • simon rothöhler, 13.11.2010 11:42

    du, der läuft noch, zb im berliner cinestar - man muss nur über ein paar sachen etwas großzügig hinwegsehen und auf andere genauer achten (du kannst es good will nennen)

  • Ekkehard, 13.11.2010 12:15

    Ich würde sagen, man müsste ungefähr ein Drittel des Films (VB) streichen, und zwar ersatzlos: dann wär er richtig gut. Andererseits stimmt es sicher, dass mir die Good-Will-Investition - nämlich das großzügige Hinwegsehen über manch überflüssiges Versatzstück - in dem Fall so wenig gelingen wollte wie dir einst bei Gamer.

  • Christoph, 14.11.2010 21:00

    Auf nytimes gibt's in der Reihe „Anatomy of a Scene” einen von Tony Scott kommentierten Clip. Total macho natürlich. Ich mochte THE HUNGER ganz gerne, aber das ist lange her. Scott heute steht für mich vor allem für eines: Überinstrumentierung. Das Problem ist, dass der Exzess reichlich konventionell geworden ist.

    http://www.nytimes.com/interactive/2010/11/12...

  • simon rothöhler, 14.11.2010 21:35

    macho? der mann redet von sugar puffs! http://www.honeymonster.co.uk/products/images...

  • Ekkehard, 15.11.2010 09:00

    Bei den beiden für meine Begriffe wirklich tollen Scott-Filmen der letzten Jahre, nämlich "Man on Fire" und "Deja-vu", passt die zusätzliche delirierende Überinstrumentierung perfekt zur Deliranz des Geschehens, ist mithin eigentlich genau die richtige Instrumentierung. Mein Argument (vgl. Perlentaucher) ist eher, dass auf einen eh schon unaufhaltsam dahinrasenden Zug überhaupt nichts mehr zusätzlich draufinszeniert werden muss. Der deliriert ja auch nicht, sondern entwickelt seine Energie von fast ganz allein und jede weitere Kinetisierung ist eher kontraproduktiv. (Vom Familiendramatrara mal ganz zu schweigen.)

  • simon rothöhler, 15.11.2010 10:36

    ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man «überinstrumentierung» bei einem tony-scott-film ernsthaft als kategorie ästhetischer kritik plausibilisieren will (das ist strukturell das gleiche, wie wenn man den straubs vorwirft, die dialoge in ihren filmen seien nicht «lebendig» genug). klingt für mich nach normativer gleichmacherei, die nicht sieht, dass filme in unterschiedlichen (markt)segmenten verschiedene, aber ästhetisch gleichermaßen legitime ziele verfolgen. tony scott arbeitet (anders als sein barocker bruder) unterhalb der blockbuster-ebene, die mich interessiert, weil hollywood da am ehesten noch studiosystemartig kontinuierlich filme mit einer idee von durchschnittsqualität ausstößt. und zweitens ist «unstoppable» absolut retro was den einsatz von cgi angeht. gefällt mir eben auch, wie in dem film holz splittert und blech sich biegt. dass die da sugar puffs durch die gegend blasen lassen ist doch super.

  • Christoph, 15.11.2010 18:40

    Die Unterscheidung, die ich vorschlagen würde --- über's Knie gebrochen --- wäre zwischen dem „guten” Exzess (Busby Berkeley) und dem schlechten, der Überinstrumentierung (Cecil B. De Mille). Scott ist mir sozusagen nicht wahnsinnig genug, jedenfalls meistens, er übertreibt „nur” das Konventionelle (extremely intensified continuity style sozusagen)... aber keine Ahnung, ob diese Unterscheidung haltbar ist... Ich verstehe in jedem Fall die Sehnsucht nach der „reinen” Kinetik.

  • Christoph, 15.11.2010 23:53

    Hier gibt es noch mehr Fans:

    http://mubi.com/notebook/posts/2527