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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

Thema/Reihe Magical History Tour
Container vom 26. Mai 2010 von Ekkehard Knörer

1911: Francesco Bertolini, Adolfo Padovan, Giuseppe de Liguoro: L'inferno
MHT 16.

Schauwerte in Zeigeform: Arme, vom meist steifen Körper gestreckt, grüßend, abwehrend, rauf, runter, seitwärts weisend. Aufrechte Körper über Abgründen, in denen sich halb oder ganz nackt krümmt und schlängelt und windet und vergeblich nach oben reckt, was den Abgrund verdient hat. L'inferno: eine Superproduktion als Klassiker-Bewegtbildillustration. Nach Gustave Doré und dessen Nichtbewegtbildillustrationen. Nebeneinander sieht es, an einer der einschlägigsten Vergleichsstellen, wenn man das Bewegtbild einmal stillstellt, etwa so aus:

Inferno


Narrativ funktioniert L'inferno sehr simpel. Beatrice, die dann leider, weil der Film es beim Inferno-Teil belässt, nicht mehr auftaucht, Beatrice mit Schwirr-Halo am Kopf führt Dante aus dem Limbo - wo jener auf Ewigkeit halbverdammt gammelt - Vergil als Führer durch die Unterwelt zu. Die beiden bewegen sich dann im Gebirg, zwischen erklärenden Schrifttafeln zum einen und den sich im Abgrund Windenden zum anderen. Auch mal böses dreiköpfiges Zerberustier. Auch mal Luzifer, mit Menschenkind im Mund. Zweimal gibt es Flashbacks, die naturgemäß enttäuschen, weil sie der Vorstellung der Macher von der historischen Wirklichkeit, nicht von der Hölle ähnlich sehen. Sonst aber: Schreiten, Zeigen, Blicken. Schreiten, Zeigen, Blicken. Tableau auf Tableau. Kino der Attraktionen, denen es an der Erhabenheit, die sie einst besessen haben mögen, aus heutiger Sicht eher mangelt. Schauwert in diesem post-Meliès-Spielfilmfall: metaphysischer Spezialeffekt-Hokuspokus. 

 

Beatrice mit Schwirr-Halo:

Inferno: Beatrice


 Infernalische Flugobjekte:


Hölle, vom Kopf auf die Füße gestellt:


 

Hier der erste Teil - der Film ist mit einem merkwürdigen Tangerine-Dream-Soundtrack (irritierend vor allem die wechselnden Gesangsstimmen) komplett auf Youtube zu sehen:


5 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • goncourt, 27.05.2010 00:49

    Für mich war dieser Film eigentlich ein großartiges Beispiel davon, wie eine Bildsprache aus ziemlicher Naivität (mit gewissem Trashcharakter) in wirkliche Expressivität umschlagen kann. Eigentlich das, was die Stärke des "Kinos der Attraktionen" ausmacht: während man dem Plot einigermaßen simpel folgt, die Bilder dann doch je für sich dem blanken Staunen freizugeben.

    Wenn man so will, ganz wie später eine der letzten Sequenzen von Pasolinis "Teorema": in der Laura Betti als Heilige über dem Bauernhaus schwebt — genau die gleiche Art leicht trashiger Naivität: man durchschaut als Zuschauer die simple Konstruktion des Bildes (eine Puppe, die irgendwie da oben festgebunden wird), aber dann kippt das Bild dann gerade deshalb so heftig ins Zeichenhafte um. V-Effekt mit archaischer Rückkopplung.

  • Ekkehard, 27.05.2010 08:33

    In der Theorie leuchtet mir das ein. Bei diesem Film hat das aber nicht funktionieren wollen bei mir. Da stand das Brave des Literaturverfilmens immer im Weg; die ewigen Schrifttafeln; das Cecil-B-DeMille-Hafte des Superproduktions-Ernsts; der Literalismus; die steif herumstehenden Spezialeffekte, die bei Méliès viel souveräner naiv eingesetzt sind. Und grundsätzlich bin ich vielleicht sowieso, was das Feld des Naiven angeht, ziemlich unmusikalisch. Zumindest dann, wenn ich nicht sehe, dass das Naive reflektiert eingesetzt wird.

  • goncourt, 27.05.2010 17:00

    Wäre das in dem Inferno-Film irgendwie reflektiert gewesen, hätte es mir vielleicht nicht halb so viel Spaß gemacht (über den offensichtlichen Propeller als Heiligenschein komme ich bis jetzt nicht hinweg).

  • Ekkehard, 27.05.2010 18:06

    Der Propeller gefiel mir just. Das Kindische ist viel mehr mein Genre.

  • MichaEL, 06.10.2012 17:00

    Der Film ist jetzt hier zu finden:
    http://www.youtube.com/watch?v=5hr-cXaOdN4