Container vom 18. Mai 2010 von
Atoms and Exploding Stars
God(ard).
Roger Ebert hat den erwartbar offensiv-ignoranten Text zu Godards Film Socialisme geschrieben. So weit so eher Nichtaufreger. Weil aber ein Kommentator mit dem Pseudonym (vermute ich) Ezra Scalzo den Ebert-Nagel in erfreulicher Wut sehr schön auf den Kopf trifft, erlaube ich mir die Aneignung dieses sehr eloquenten Ausbruchs:
You're very funny, very cute yourself. You have to see it as though someone who enjoys Godard's films is a part of some pretentious gang of college students, don't you? Lovely insults to those who enjoy seeing something that may well be perplexing, but also understand that certain art is perplexing, but nonetheless has a rhyme and reason despite the fluctuating movie critic's need for automatic understanding.
Indeed, the movie critic would be a useless profession, if it weren't for his ability to sway the masses into condemning the PRETENTIOUS filmmakers and their, god forbid, lofty films. Why, a room full of folk like you and I would surely cancel any press conference of mine as well. How useless would it be discussing cinema to any degree with the likes of you.
I recognize this may not be your taste, Mr. Ruskin, but there was a time when the critic had a duty to propel artists into new territory, which Godard has gone to despite your libel, and if we should be so lucky, he will continue to stimulate cinematic discussion in every way that your petty lifetime anecdotes, tawdry punk scripts and political ramblings do not.
And you will say you like to see films that are different, but you would sooner embrace the slush that comforts your dreams. At last, all of this is fine, it is likely that your opinion will trump that of my lowly sentiments towards cinema. You have the books and the readers that I don't. But I have cinema in slightest movements, those that take place between atoms and exploding stars, which you will never have the audacity to recognize.
(Es sei erwähnt, dass Ebert erzliberal wie stets dies darauf antwortet: I like your spirit. I wish to hell there were gangs of college students who cared about Godard, or challenging directors in general.)



22 Kommentare. Kommentar hinzufügen
kaim, 18.05.2010 12:11
Mir gefällt das Herzog-Zitat weiter unten in den comments besser:
"For me Godard is like intellectual counterfeit money when compared to a good kung-fu film."
- Werner Herzog.
Wo er recht hat, hat er recht.
Ekkehard Knörer, 18.05.2010 12:18
Antiintellektueller Blödsinn. Herzog hat sowieso fast nie recht, das aber oft auf sehr unterhaltsame und gelegentlich sogar intelligente Weise.
Axel, 18.05.2010 12:28
Da stimme ich dem Ekkehard absolut zu - aber auch damit das Herzog oft unterhaltsam ist. Hat jemand übrigens Zugang zu dem Downloadangebot von FILM SOCIALISME gefunden? Also von ausserhalb Frankreichs?
Ekkehard Knörer, 18.05.2010 12:30
Ich nicht. Habe auch sonst von ein paar gescheiterten Versuchen gelesen.
Axel, 18.05.2010 14:01
Ja verdammt - das hab ich im Criterionforum auch gelesen…irgendwas mit French Proxys und so weiter. Ich kann es eigentlich gar nicht glauben das diese super High Tech Nerds & File Sharer das nicht hinbekommen - leider fehlt mir für solch technische Operationen das logische Verständniss und auch die Geduld - hätte ich doch besser in den 80ern mein Geld in einen "Amiga" und nicht in ein Rollbrett investiert…
Trotzdem danke für die Info!
kaim, 18.05.2010 14:04
Ich finde es passt sehr gut und ist auch kein Blödsinn, dass Herzog die Körper- und Bewegungs-Sinnlichkeit eines guten Kung Fu Films lieber ist. (Das mit dem wir-spulen-den-ganzen-film-im-trailer-im-schnelldurchlauf-ab hat bei "Femme Fatale" auch besser funktioniert, finde ich. Und es hatte mehr Humor).
Mir selbst war Godard in seiner Überheblichkeit, speziell auch gegen große Kollegen und Mitstreiter, stets unsympathisch und anders als bei anderen Filmemachern, die vielleicht ähnlich drauf sind, hat mir das leider auch weitgehend den Zugang zu seinen Arbeiten verstellt.
Denis K., 18.05.2010 14:07
Ich nehme an, Ebert hat es sich einfach gemacht und den Godardischen Knoten (ha!) einfach zerschlagen, anstatt ihn aufzudröseln - vielleicht hat er ja recht, vielleicht nicht. Aber viel besser ist diese Neuigkeit: http://www.newyorker.com/online/blogs/movies/...
Denis K., 18.05.2010 14:09
oh Hirn, was machst du nur mit mir: "June 5, 2009" hab mich verlesen.
Axel, 18.05.2010 15:01
Godard war sich nie zu schade auf junge/neue/interessante Filme(macher) hinzuweisen bzw. diese zu protegieren. Das er auf der anderen Seite auch keinerlei unreflektierten Respekt vor den "alten Hasen" zeigt macht ihn für mich eher erfrischend, oder wie heute in der SZ steht "gelassen", als überheblich. Und überhaupt, wenn einer irgendwie überheblich schamanisch, mystisch (vernebelt?) ist, dann ist es wohl der Herr Herzog. Das es (ausserhalb Deutschlands) immer noch so viele Fans gibt die auf diesen Hokus Pokus abfahren ist mir schon seit langem ein Rätsel (eigentlich kein Rätsel - die Gründe liegen m. M. auf der Hand).
Wie auch immer, Godards Ironie, Humor, Selbstreflexion- und kritik wird leider gerne übersehen - häufig von denen die in der Tat eine Art Angst vor dem scheinbaren "über-Intellektuellen Anspruch" haben (totaler Schwachsinn natürlich), was dann zu diesem Antiintellektualismus führen kann. Ich glaube auch nicht das es bei dem Trailer (Fast-Forward) streng genommen und in erster Linie um "Sinn" (Intellektuell?) geht, sondern vielmehr um den Spass und Rücksichtslosigkeit an bzw. vor dem Medium (etwas was leider immer seltener wird - siehe Art(e)housekonventionen (auch bei Film/Kunststudenten und so weiter…)
influx, 18.05.2010 21:05
Godards Filme nach 1980 (einschliesslich Sauve Qui Peut) sind mir die liebsten, und eigentlich alles von ihm ab 1990 habe ich immer wieder mit allergroesster Freude gesehen, weil die Filme selbst so grosse Begeisterung ausstrahlen - eine unfassbar angenehme kindische Freude am Filmemachen, die man vielleicht noch bei Resnais finden kann oder, komplett anders, nicht intellektuell sondern instinktiv-psychologisch, auch bei Polanski.
Der Scalzo Kommentar hinterlaesst bei mir aber einen schalen Beigeschmack. Anonym hin oder her, bin ich ja auch gerade, aber die Art und Weise wie er/sie sich zum Godard-Verteidiger aufschwingt ist doch arg pathetisch. Erst einmal wird das schlimme Wort "pretentious" ins Feld gefuehrt, in Grossbuchstaben. Ein Wort, das in Eberts Artikel nicht einmal vorkommt. Und dann endet das Ganze im vierten Absatz in klebrigen Poesiealbumplattitueden (leider blogtitelgebend) zwischen Atomen und explodierenden Sternen. Zuerst dachte ich, dass sei ein Blade Runner Zitat, Hauer sterbend auf dem Dach, aber es ist wohl hausgemacht. Bei dem Atomundsternesatz musste ich an die Ebertstelle denken, die mich lachen liess: "(Godard) told us, "Cinema is the train. It is not the station." Or perhaps my memory is tricking me, and he said, "Cinema is the station. It is not the train." Both are equally true."
Warum Eberts Replik auf Scalzo dann erzliberal ist und nicht ernstgemeint, erschliesst sich mir nicht ganz. Ich bin mir sicher, dass ich nicht Eberts Meinung ueber Godards Film teilen werde, hoffe aber auch, dass mir mehr zur Verteidigung einfallen wird als hohle Pathosgesten.
Ekkehard Knörer, 18.05.2010 22:32
@kaim: Godard - Kung Fu: ganz klar eine falsche Alternative. Ich finde Godards Filme im übrigen sehr sinnlich, auch und gerade die späten: Tonspuren, Rhythmen, Klänge, Sprache, Schrift.
@influx: Wut macht halt schon mal pathetisch. (Mich jedenfalls auch.) Überhaupt ist gegen ein schönes Pathos an der rechten Stelle rein gar nichts zu sagen, wenn Sie mich fragen. Poesiealbumtexte sind zunächst einmal nur in Poesiealben scheiße. Zum Beispiel sind sie etwa von Jochen Distelmeyer gesungen oft wieder sehr schön. Insofern geb ich die angeeigneten Atome und Sterne auch nicht mehr zurück.
Und erzliberal soll an der Stelle heißen, dass er noch den ablehnendsten Anwurf schön liberal freundlich zur Kenntnis nimmt. So benimmt sich kein anständiger zu ermordender Vater.
kaim, 18.05.2010 22:42
"Richtig", "falsch"... nicht so meine Kategorien. Wieauchimmer, keine Missverständnisse bitte: klar sind Godards Filme sinnlich, trotzdem kann ich mir gut vorstellen, dass Herzog eine andere Form der Sinnlichkeit bevorzugt. (Wobei ich so ein Gefühl habe, dass auch Godard einer schönen Kung Fu Szene gar nicht so abgeneigt wäre. Ich mein', wer wär das schon?)
thomas, 18.05.2010 23:06
wut darf ja gern zu pathos führen, nur sehe ich in diesem fall die verhältnismäßigkeit auch einfach nicht. ebert mochte den film halt nicht - weder zerfetzt er ihn, noch lässt er sich groß zu irgendwas herab. natürlich gibt es da spitzen, aber so sakrosankt, dass schon spitzen zu wut führen, dürfte doch wohl kein regisseur sein (es sei denn, man will ihn zur kuh, einer heiligen, erklären). vor diesem hintergrund finde ich es jetzt auch fast etwas befremdlich, dass so ein paar zeilen - die von ebert, die von diesem kommentator - zu solchen glaubensbekenntnisdrängen führen. davon abgesehen, dass man ja ebert nun eh kennt - für irgendwas anderes außer lauwarmes vollmundig genossen stand der doch eh nie.
(dass das mit dem kungfu-film antiintellektuell ist, halte ich im übrigen auch eher für voreilig: herzog ist da ja kein fanboy, der einfach nur popcorn-action sucht, sondern in erster linie ästhet, der gerade - auch in seinen ähnlichen zitaten zu wrestling, etc. - eine poesie des körpers in bewegung im sinn hat.)
Ekkehard, 18.05.2010 23:13
@kaim: Na, das meine ich doch mit "falsche" Alternative: Das ist überhaupt keine Alternative, das kann beides großartig sein. Ich habe ja auch weniger ein Problem mit dem, was Herzog in seinen Filmen macht, als mit dem, was er in seinen Äußerungen befürwortet und/oder ablehnt. (Wenn das Hokus Pokus ist in seinen Filmen, dann ist es auf jeden Fall immer wieder grandioser Hokus Pokus.)
Wobei Godard selbstverständlich seine engstirnigen Momente hat, insgesamt sehe ich da aber auch viel mehr Spiellust, "Ironie, Humor, Selbstreflexion". (In dem Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit finde ich die Stelle mit den Widersprüchen sehr schön. Selbstwidersprüche auf hohem Niveau sind immer Zeichen eines nicht beendeten Denkprozesses und also etwas Feines. Was immer einem die Logiker und Philosophen und Dogmatiker da erzählen. Aber für die kann man auch Dialektik dazu sagen.)
Ekkehard, 18.05.2010 23:23
@thomas: Na, Godard ist aber fraglos der wichtigste Filmregisseur der letzten fünfzig Jahre - auch wenn nicht alles in seinem Werk der Weisheit letzter Schluss ist, aber das ist bei anderen Göttern nicht anders -, insofern ist, wer so ignorant über ihn schreibt, wie Ebert das tut, schon ein Volltrottel. Und eine solche Volltrottelhaftigkeit, die in ihrer Anti-Intellektualität noch dazu programmatisch ist, führt zu Wut, auch bei mir. (Und, wie gesagt, ich bin kein Godardien. Du solltest mich mal erleben, wenn jemand was gegen Rivette sagt.)
Und anti-intellektuell an Herzogs Äußerung ist nicht die Liebe zum Kung-Fu, sondern die Dummheit, die aus der Idee spricht, dass man Kung-Fu gegen Godard ausspielen kann/soll/muss.
Ekkehard, 18.05.2010 23:27
p.s.: Und es ist nicht einfach eine Spitze gegen "Film Socialisme", was weiß ich, den kenne ich - geoblocking grrmppff sei dank - noch nicht. Aber es ist doch das übliche früher Godard gegen später Godard-Spiel. Und da sind die Einsätze hoch und da steht dann sehr wohl und sehr schnell viel Grundsätzliches im Raum.
simon rothöhler, 18.05.2010 23:54
rivette? ist das nicht die schlafmütze mit den überlangen filmen ohne plot pointen?
influx, 18.05.2010 23:56
Nur eine kurze Sache noch zu fruehem und spaetem Godard. Man tut der Sache nicht gut, wenn man so sehr auf Anti-Intellektualismus vs Intellektualismus rumreitet und damit Tueren zuschlaegt, die sogar Ebert aufstoesst, wenn er sagt, dass der Film unglaublich gut aussieht. Einer der leichtesten Zugaenge zu Godard ist meiner Meinung nach naemlich der Aesthetische. Seine Filme sehen immer gut aus, sogar immer besser, von Jahr zu Jahr. Wenn man das Intellektuelle zu sehr betont, dann blendet man den Godard aus, der in den spaeten Siebzigern Aaton zur Entwicklung einer neuen Kamera getrieben hat. Also Godard als Pre-Cameron. Dazu kommt natuerlich auch das Spielerische, das Lustige und Alberne ("Pluggy" in King Lear). Aber die Diskussion weiter oben scheint sich doch sehr um Verstaendnis zu drehen, intellektuell oder von mir aus auch aesthetisch, nur klammert das gleich so viel aus, was Godard sehenswert macht. Von daher erweist Scalzo Godard einen Baerendienst, indem er/sie ihn gleich wieder ghettoisiert und fuer sich vereinnahmt und vor dem boesen Ebert verteidigt. Es gibt auch anderer Kinder Vaeter, die man toeten kann.
Ekkehard, 19.05.2010 08:54
@influx: Auf das "Sinnliche" sind wir ja schon gekommen. Aber ich finde es ziemlich - provokativ gesagt - antiintellektuell, "ästethisch" mit "gut aussehend" umstandslos gleich zu setzen. Auch das Hässliche, Schmutzige, Gemeine kann ungemein "ästhetisch" sein, wenn es im Rahmen eines Konzepts und/oder Werks seinen Sinn hat. Und umgekehrt kann etwas, das gut aussieht, natürlich total sinnleer, dumm und vernagelt sein.
Das ist auch nicht nur Streit um einen Begriff, der sogar bei Baumgarten (der ihn erfunden hat) schon nicht nur etwas wie "sinnlich" heißt, sondern als "das zur Erscheinung Gebrachte" zugleich einen Erscheinungs- und einen Produktionsaspekt hat und damit eine intellektuell-sinnliche Spannung in sich trägt. Etwas toll Aussehendes, Klingendes etc ist, das will ich damit nur sagen, nicht per se ästhetisch gelungen. Und auch die ästhetische Wahrnehmung ist eine Urteilsform (an deren Beginn das Urteil liegt, dass dies also eine "ästhetische" Wahrnehmung ist), somit ist der Intellekt da immer und sofort auch mit im Spiel. (Antiintellektuell ist es, das zu negieren. Nicht weil eine ästhetische Erfahrung immer eine rein intellektuelle Erfahrung zu sein hätte, sondern weil dieser Aspekt irreduzibel dazugehört.)
goncourt, 19.05.2010 09:25
Voilà: "I could be wrong, but I believe all some of these trailers show the entire film in high speed." http://www.aggregat456.com/2010/05/film-socia...
thomas, 19.05.2010 12:56
@ekkehard granted, das mag mein problem beim erfassen dieser ganzen diskussion sein: dass ich - und das zunächst wirklich nur für mich gesprochen - mich schwer damit tue, godard als derart relevant einzusortieren, da sind meine zugänge einfach andere.
wobei ich denke, dass der herzog wirklich unbedingt kontextualisiert zu betrachten ist: das stammt ja aus einer zeit, in der - wohl gerade auch eher aus einer (von godard natürlich auch mitbedienten) "godard-ecke" - genau dieser kontrast aufgemacht wurde: godard (als synonym für: hochreflektiertes filmschaffen mit großem f) oder tod - eine asketische körnerfressermentalität, die glücklicherweise heute so keine geltung mehr besitzt. dementsprechend verliert sich ein solches statement - über die bloße fuck-you-attitüde hinaus - ja auch herzlich im raum.
und ästhetik, baumgarten: yep, offene türen. wobei die doppelbewegung hier ja gerade die ist, dass sich die ästhetik, als disziplin, gerade gegen eine bloße vernunft positioniert und das fühlen, empfinden, wahrnehmen zum eigenen recht verhilft (was dann eben wieder der intellektuelle zugang ist).
Bernd Liefert, 22.05.2010 19:50
Was die Filesharer & Tech Nerds betrifft: Zumindest am heutigen späten Nachmittag ist bei einer in den Kreisen, die es betrifft, einschlägig bekannten Tauschbörse für kurze Zeit eine Datei von entsprechendem Interesse aufgetaucht (mit einer kleinen Bildstörung im oberen Bildrand, ansonsten aber, von den Screenshots her zu urteilen, qualitativ rundum intakt). Eine näherhin bezeichnete Quelle wurde nicht angegeben, ich gehe deshalb davon aus, dass es sich um einen Screener-Rip handelt. Allerdings wurde der Eintrag umgehend gelöscht, da die einschlägig bekannte Börse eine sehr strikte Anti-Prerelease-Policy fährt.
Das heißt aber: Eine solche Datei zirkuliert bereits und sollte in den kommenden Tagen mithilfe entsprechender Suchbegriffe über Google recherchierbar sein.