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CARGO Film/Medien/Kultur 39
vom 21. September 2018
CARGO 40 erscheint am 14. Dezember 2018

CARGO 39 Cover, CARGO 38 Cover,

Anderes Kino
Container vom 12. Mai 2010 von Ekkehard Knörer

Rendezvous
Eine Polemik.

Gestern stieß ich durch bloßen Zufall auf Claude Lelouchs C'était un rendez-vous aus dem Jahr 1976. Acht Minuten lang rast ein Auto mit an der Stoßtange befestigter Kamera in der Morgendämmerung durch Paris. Das ist nicht beschleunigt, nicht inszeniert: Echtes Auto in echtem Paris.

Ein buchstäblich lebensgefährlicher 8-Minuten-Irrsinnsfilm aus Lärm und Geschwindigkeit und Paris. Der Fahrer war, wie man heute weiß, Lelouch selbst. Die Ferrari-Geräusche, die man hört, sind darübersynchronisiert, in Wahrheit fuhr er einen 6-Zylinder-V8-Mercedes. (Hey, keine Ahnung. Ganz viele PS jedenfalls.)

Das ist jetzt sehr ungerecht (einerseits), dass ich bei diesem Film, der in der Tat total problematisch ist, aber auch einfach toll (so, jetzt ist es raus), sofort an zehn andere  kurze Filme denken musste, die ich am vergangenen Samstag sah - und zwar musste ich genau deshalb an sie denken, weil nichts an ihnen an Lelouchs Streich erinnerte. Was ich sah, waren zehn an der Berliner DFFB entstandene, von Arte in Auftrag gegebene (und mit 4000 Euro pro Film ausgestattete) Studierendenfilme zur eigentlich interessanten Frage "Was tun?" 

Diese Studierendenfilme haben mich ratlos gemacht. Nicht, weil sie besonders peinlich oder schlecht gemacht waren. Richtig ärgerlich war eigentlich nur ein einziger, eine doofe Jungsfantasie mit dem Titel Zoe. Nicht einmal im engeren Sinn dämlich, nur schon mitten drin im Juste-Milieu-Arthouse eine sehr gut gemeinte Demenz-Etüde des Titels Wie immer (die bekam den lautesten Beifall im vollen Arsenal-Saal. Klar.). Der Rest: Mehr oder weniger gekonnt. Sehr gekonnt: Ein Lehrer-Schüler-Machtspiel mit überraschendem Ausgang (Nachsitzen, von Anika Wangard) und eine schön vom Hölzchen aufs Stöckchen kommende Kinderblick-Detailstudie (Tandem, von Polina Gumiela). Drei Filme fielen etwas aus dem Rahmen: Einer, weil er immerhin gezielt einen Außenblick auf das Gegenwartsberlin suchte (Ins Herz der Stadt), einer, weil er sichtlich - und als einziger - von einer Formidee her gedacht war (Passanten) und einer, weil er für seinen arg didaktischen Fassadenauflösungsmonolog immerhin eine außergewöhnliche Form (direkte Kameraansprache) fand (Success).

Trotzdem blieb von den zehn Filmen insgesamt der Eindruck zurück, dass die Macher fast alle ihr Handwerk verstehen und dass es damit aber auch gut ist. Der Gedanke, dass es auch ein Blödsinn sein kann, sein Handwerk zu verstehen, kommt ihnen nicht. Sie glauben mit einer an Ignoranz grenzenden Selbstverständlichkeit an die Sekundärtugend, die das Handwerk (im besten Fall) darstellt. Diese Filme wollen nicht hoch hinaus, sie zweifeln nicht an sich selbst, sie wollen nichts kaputtmachen, sie wollen nichts verachten, sie wollen nichts leidenschaftlich behaupten, sie wollen nicht spielen, sie wollen nicht ihr Kino gegen ein anderes Kino setzen, sie wollen einfach nur auf Arte gekonnte Mittelschichtsbefindlichkeitsödnis verbreiten.

Böse gesagt. Aber gerade das Gutgemeinte daran macht ja böse. Diese Filme kennen und wissen auch fast alle nichts: über Filmgeschichte, über Avantgarde, über Theorien des Films und Theorien überhaupt, über den gegenwärtigen Stand anderer Künste. Woher ich das weiß? Na, man sieht es ihnen Bild für Bild an. Sie stammen aus einem Kriterien-Kokon, in dem man die Frage nach der handwerklich richtigen Kadrage schon für das höchste aller ästhetischen Gefühle hält. Nichts gegen Fragen der Kadrage. Aber man muss jeder Kadrage doch das Wissen ansehen, dass im Zweifel Kadragefragen auch scheißegal sein können. Oder, umgekehrt, dass an einer einzigen Einstellung sich Gelingen und Scheitern entscheiden kann.

Ich hasse großkotzige Künstlertypen und bis auf die Zoe-Macher habe ich auch keine entdeckt. Aber es muss doch etwas anderes geben als die laue Freundlichkeit dieser DFFBler. Warum wollen die nichts, außer, denkt man, eine freundliche Karriere ohne zu viele Kompromisse im deutschen Film- und Fernsehbetrieb? Sie würden bestimmt brav ihren Sermon gegen zu große Marktkonformität aufsagen (man ist schließlich an der DFFB), sie würden bestimmt alle eine gepflegte Auswahl von Lieblingsregisseurinnen und Lieblingsfilmen herzählen können. Aber sie wagen nicht nur nichts, es ist viel schlimmer: Sie stellen ihr Desinteresse an jedem Wagnis aus. Man kann das erfreulich finden, dass keiner dieser zehn Filme entgleist oder gescheitert ist. Man kann aber auch sagen: Das ist haargenau das Problem.


11 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Christoph, 12.05.2010 15:43

    Ich kenne die Filme nicht, würde aber zu bedenken geben wollen, dass man die Ausnahme nicht in den Mittelpunkt einer Ausbildung stellen kann. Auch das System Schule braucht sozusagen Mehrheiten. Und dann ist es ja noch nicht unbedingt ehrenrührig, nachahmend und meinetwegen lauwarm anzufangen. Handschrift und Bestimmung müssen sich entwickeln dürfen. Dass die Industrie auf Regelmässigkeit und Konvention aus ist, versteht sich von selbst. Aber vielleicht braucht auch das Kino, das du suchst, den Hintergrund der wohltemperierten Routine, um wirken zu können...

    P.S.:
    Ich habe vor einiger Zeit die ersten Kurzfilme von Ang Lee gesehen - und fand sie schrecklich. Nun gehört Lee ohnehin nicht zu meinen Favoriten, aber er ist sicher nicht der Einzige, der bescheiden angefangen hat...

  • Ekkehard Knörer, 12.05.2010 17:02

    "Handschrift und Bestimmung müssen sich entwickeln dürfen"

    Einerseits: ja, gewiss, Meister fallen nicht vom Himmel. Aber andererseits: Meisterschaft vermisse ich in den Filmen gar nicht (davon gibt es sozusagen eher zuviel); ich vermisse eine Unruhe, etwas Drängendes, etwas meinetwegen Ungerichtetes; und sei es nur eine Abweichung vom Willen, etwas anderes als nur die Note "eins" anzuzielen. (Ich mache vielleicht doch etwas ausdrücklicher bei Ramon Zürchers "Passanten" eine Ausnahme: Das interessiert mich, was er weiter machen wird.)

    Und sicher ist es wahr, dass die Institutionen "Schule" oder "Hochschule" diese Fixierung aufs Gekonnte produzieren. Schlimm genug. Wirklich schlimm genug.

    Aber Kunsthochschulen können doch nicht im Ernst das ebenfalls tun. Die müssen doch auf Teufel komm raus das Ungebärdige suchen, das nicht die "Note eins" haben, sondern das ganze Bewertungssystem in die Luft sprengen will. (Ich übertreibe, ein bisschen.) Man weiß ja, dass da oft ganz furchtbare Sachen bei rauskommen, Räder neu erfunden werden, dass einem die Selbstüberschätzung furchtbar auf den Geist gehen kann. Da muss die Schule dann halt Widerstand leisten. Das wäre eine noble Aufgabe. Aber dieses Hinleben auf Artekonformität.

    Ich habe den Satz aus dem Text wieder gestrichen, aber eigentlich gehört er rein: Jan Schütte macht genau so Filme, die sind schon gekonnt und man kann nicht schrecklich viel gegen sie sagen, außer dass sie auf hohem Niveau verdammt öde sind. Insofern der passende Deckel auf diesen Topf. Aber, umgekehrt, umso wichtiger wäre vielleicht jemand gewesen, der viel Reibungsfläche in Form von Lust an Kompromisslosigkeiten bietet. (Das muss deshalb ja noch kein Nicht-Kommunikator wie Bitomsky sein. Aber, ach, wer fiele einem da eigentlich ein?)

  • Thorsten, 13.05.2010 11:22

    zu dem tollen Lelouch-Film, der Raserei durch Paris, gibt es auch ein interessantes Making-Of, 30 Jahre später:

    http://www.dailymotion.com/video/x9ydb8_claud...

  • Micha, 13.05.2010 13:48

    Stimmt soweit alles. Als leidgeprüfter,langjähriger Max-Ophüls-Preis-Festival Besucher kann ich das nur unterschreiben und doch gilt es immer wieder,Jahr für Jahr den einen mutigen, waghalsigen oder auch meinetwegen unkonventionellen Film herauszufiltern. (Manchmal ist er dann ganz toll, obwohl er gut gemeint ist.)

  • goncourt, 13.05.2010 13:49

    Es ist jetzt vielleicht albern, aber ich wundere mich schon die ganze Zeit, warum in dem wirklich tollen Lelouchfilm nirgends der Eiffelturm auftaucht. Oder habe ich ihn übersehen?

  • anonym, 13.05.2010 14:04

    ich bin dffb studentin. von den diesjährigen arte filmen habe ich nur zwei gesehen, dazu kann ich mich also nicht äussern. man kann deinen eindruck aber durchaus auch auf den grossteil des outputs der schule anwenden, leider. allerdings merke ich selber, wie schwer es ist, in einer solchen struktur bei sich zu bleiben und nicht verführt zu werden von dem wunsch nach einem "funktionierenden film", vor allem wenn sogar bei anscheinend experimentierfreudigen festivals wie dem in oberhausen nur die runden gefälligen filme ausgewählt werden, wie dieses jahr "kokon" von till kleinert. und die auswahl fängt ja nun mal leider schon viel früher an und zwar innerhalb der schule, wenn wie bei den arte filmen die stoffe von beginn an von einer dozentin zurechtgestutzt werden, bevor eine komission sich dann aus den einreichungen zehn auswählt, die dann auch im schnitt und bei den abnahmen immer noch darauf abgeklopft werden, ob sie auch ins raster passen. mit wagemutigkeit ist da also erstmal nicht viel zu gewinnen...und das scheitern ist auch irgendwie schöner, wenn man alleine damit ist und nicht innerhalb einer institution, in der ständig alles miteinander verglichen wird. getreu dem motto der reihe bleibt die frage offen: was tun?

  • Ekkehard Knörer, 13.05.2010 14:52

    @goncourt: Der Eiffelturm lag abseits der Route. Die Wikipedia weiß das, zum Nachfahren: "The route was as follows: Bd Périphérique (exits at Porte Dauphine) · Av Foch · Pl Charles-de-Gaulle · Av des Champs-Elysées · Pl de la Concorde · Quai des Tuileries · Pl du Carrousel · R de Rohan · Av de l'Opera · Pl de l'Opéra · Fromental Halévy · R de la Chausée d'Antin · Pl d'Estienne d'Orves · R Blanche · R Pigalle · Pl Pigalle · Bd de Clichy · (aborted turn at R Lepic) · R Caulaincourt · Av Junot · Pl Marcel Aymé · R Norvins · Pl du Tertre · R Ste-Eleuthère · R Azais · Pl du Parvis du Sacré Cœur. [6]"

  • micro_robert, 13.05.2010 15:15

    @goncourt

    Hier hab es mal einen sehr gut funktionierenden Video/Maps-Mashup von C'était un rendezvous, von dem bei mir jetzt nur noch die Kartenkomponente funktioniert:

    http://bhendrix.com/wall/Gmaps_GVideo_Mashup_...

  • goncourt, 13.05.2010 15:34

    @micro_robert Wer hat eigentlich behauptet, das Internet sei langweilig?

  • Martin Danisch, 24.05.2010 18:12

    Es drängt sich das Gefühl auf, dass Sie, wenn sie über die dffb schreiben, am Katerfrühstücken sind und noch ein wenig fahrig wegen der benebelten Neuronen im Kleinhirn schreiben. Man kennt das. Schade nur, dass sie über die Filme so ungenau berichten. Ihren Frust über die Filme an der dffb kann ich zu einem großen Teil dennoch verstehen, wenn man anderes sehen möchte. Klar! Natürlich sind das nicht alles junge Polanskis, Rohmers, Kieslowskis und Lelouchs die an der dffb studieren. Es sind Menschen, die sich irgendwann gesagt haben, „ich will Regisseur werden“. Nichts anderes. Es ist doch immer interessant zu sehen, dass junge Menschen eigentlich immer antworten, wenn sie mit dem Film liebäugeln, dass sie Regiesseur werden wollen. Pustekuchen. Warum eigentlich? Es gibt doch viele andere kreative Positionen im Teamstab. Tja. Und dann müssen Sie verstehen Herr Knörer, man sitzt im Seminar Filmgeschichte, bei Renata Helka, beschäftigt sich zwei Wochen mit dem modernen Bild – und 3 Wochen vorher sitzt man im Auflösungsseminar und übt Ihre geliebten Bildausschnitte. Man merkt nun schnell auf welche Seite man gehört – oft ist der Abgrund und der Abstand zum modernen Bild einfach zu tief und zu weit, um zu wagen herüber zu springen! Aber nicht nur das. Ins Seminar von den Dardennes kommen alle Studenten der Schule, ins Seminar von Weerasethakul kommen zu wenig Studenten, aber immerhin ist er da! Was fehlt denn um von diesen Filmemachern zu lernen? Filmpolitisches Werkzeug? Eine Haltung zum Filmemachen, zur Arbeit am Set, zu den Bildern, eine klare Position im Kunstdiskurs? JA! Das Prozesshafte das bei der Arbeit von Weerasethakul im Vordergrund steht, das Ausprobieren, das bei Heisenbergs Kunstakademie, vor der HFF-Zeit den Weg zum Arbeiten geöffnet hat – das fehlt an einer Filmschule (nicht nur an der dffb), über Grenzen springen, wagen, scheitern, - dies ist umso schwieriger in einem Arte-Seminar umzusetzen! Und wenn Sie sich wünschen, dass man die Filmgeschichte im Film sehen soll!Nein, man soll seine eigene Haltung zum Film, zu Geschichten und zur Kunst ablesen können! Es ist doch heute schnell Kunst, was ein paar hektische Wackelbilder hat, einen morbiden Sound, ein wenig überbelichtetes Zelluloid hat – Zack Peng läuft man in Oberhausen, um das mal polemisch zu äußern. Im übrigen würde ich mich freuen, wenn ein Arteseminar so vielfältige Formen hervorbringt wie das Filmfest Oberhausen und trotzdem muss man betonen, dass die letzten deutschen Kurzfilmpreise in Gold genau an dieses Seminar gegangen sind!

  • Ekkehard, 24.05.2010 19:43

    Mein lieber Herr Danisch. Sie beginnen so schön furios polemisch ("benebelte Neuronen"), aber eigentlich geht der Rest dann doch in dieselbe Richtung wie mein Text? Wenn ich, muss ich hinzufügen, Ihre etwas lose Assoziationskette recht verstehe. Oder wie oder was?