Container vom 28. März 2010 von
Andrew Bujalski
Archiv-Hinweis.
Seit letzten Donnerstag läuft Andrew Bujalskis Beeswax in einigen deutschen Kinos - deshalb hier noch mal der Hinweis auf ein Video-Interview, das wir vergangenes Jahr mit dem Regisseur geführt haben:
Weitere Auszüge finden Sie hier.



9 Kommentare. Kommentar hinzufügen
Dominik, 29.03.2010 12:57
Laut kino-zeit.de läuft der Film nicht in einigen sondern in genau einem Kino in ganz Deutschland (und zwar im fsk Kino in Berlin)...
Wie immer sehr schade, dass Filme die von allen Seiten gelobt werden, nur mit so verdammt wenigen Kopien hier in Deutschland starten.
Gruß
Dominik
simon rothöhler, 29.03.2010 18:52
ich habe kurz nachgefragt: es ist tatsächlich so, dass der film mit nur einer kopie zirkuliert - und die ist derzeit im fsk. so richtig überraschen kann das letztlich nicht; letzte woche hat rudolf thome in seinem blog ein paar zahlen genannt, die andeuten, wie die ökonomische verleihrealität bei höherer kopieninvestition aussehen kann:
"Weil ich von der Arbeit gestern noch erschöpft bin und auf das Volllaufen meines Teichs warten muss, gucke ich mal in die Zuschauerzahlen von zwei deutschen Filmen. Bei "Der Räuber", der immerhin im Wettbewerb der Berlinale gelaufen ist, in der ersten Woche 4.073 und in der zweiten Woche 1.893 Zuschauer. Für einen Berlinale-Wettbwerbsfilm ist das katastrophal.
Bei Werner Herzogs "Bad Lieutenant", obwohl von einer Major-Company (Fox) ins Kino gebracht, sieht es kaum besser aus: 1.Woche 5.029, 2. Woche 1.587, 3.Woche 517 Zuschauer."
http://www.moana.de/Blog/Blog.html (Eintrag 24.03.2010)
Dominik, 29.03.2010 23:45
Danke für die Nachfrage - nach Nürnberg wird es diese eine Kopie vermutlich nie schaffen.
Diese Zahlen sind eine ziemlich traurige Bilanz und zeigen was für einen Stellenwert das Kino in Deutschland (momentan noch) besitzt. Vergleicht man eine Liste mit den Besucherzahlen der Kinos aus Deutschland beispielsweise mit dem Cargo-Jahresrating, muss man mit wenigen Ausnahmen eine genau entgegengesetzte Reihenfolge feststellen.
In der 14. (!) Woche gab es noch immer 113.953 Besucher bei "Avatar" und Filme wie "Bad Lieutenant" sind schon längst wieder abgesetzt.
Kommt man sich nicht auch blöd vor, wenn man beispielsweise "Der Räuber" in der ersten Woche im wohl kleinsten Kinosaal ganz Nürnbergs (26 Plätze) ansehen muss (oder ansieht, so wie ich und noch ca. 6 weitere an jedem Abend) und dafür auch noch fast den gleichen Preis zahlen muss wie in einem großen Saal. Der Qualitätsunterschied zwischen diesem kleinen Kino und meinem Beamer zu Hause ist da verschwindend gering und beim Heimkino spare ich mir die Anfahrt und kann die Uhrzeit selbst bestimmen.
Ein weiteres Beispiel: "Ein Prophet" läuft nun in der dritten Woche hier in Nürnberg - gerade noch ein einziges Mal am Tag um 13 Uhr, in der ersten und zweiten Woche lief er um 17 Uhr. Selbst wenn man ihn unbedingt sehen wollte, man muss sich anstrengen wenn man berufstätig ist, es zu diesen Zeiten ins Kino zu schaffen.
Kürzlich als die dffb-Debatte aufkam, hab ich zufällig in einem alten (2006) taz-Interview mit Sophie Maintigneux folgendes gelesen:
"In Frankreich gehört Kino zur Kultur und Kulturerziehung. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Hier stehen Musik und Oper ganz oben. Hier gehört Kino zur Populärkultur und ist selten Teil des kulturellen Gedächtnisses. Mich dagegen haben Kino und die Macht der Bilder auch kulturell geprägt."
Der deutsche "Mainstream-Kino-Gänger" erwartet einfach hauptsächlich Unterhaltung, die findet man zwar in vielen sehenswerten Filmen, aber oft nicht so offensichtlich wie bei der Konkurrenz aus Hollywood. Außerdem will er weder einen viel zu kleinen Kinosaal noch kaum Besucher darin (viele sehen Besucherzahlen als ein Zeichen von Qualität).
Will man mehr Besucher bei Filmen wie "Der Räuber" müsste man meiner Meinung auch mehr bieten, aber das ist wie so oft leider ein Teufelskreis.
oliver, 30.03.2010 11:36
Dominik, du schreibst:
"Will man mehr Besucher bei Filmen wie "Der Räuber" müsste man meiner Meinung auch mehr bieten, aber das ist wie so oft leider ein Teufelskreis."
Was meinst du mit dem "mehr bieten" in diesem Fall?
Ich frage, weil der Film doch einen hohen technischen Aufwand treibt und (für meine Begriffe) auch sehr spannend ist. Viel Action-reicher geht es kaum. Hiesse "mehr" dann eine konventionellere Machart?
Dominik, 30.03.2010 12:33
Hallo Oliver,
nein das war natürlich nicht auf den Film an sich sondern auf die Programm-Ersteller in den Kinos bezogen, die den Film zu einer vernünftigen Zeit in einem akzeptablen Saal zeigen müssten, um auch ein gewisses Mainstream-Publikum zu erreichen. Cineasten, die Wert auf eine inhaltlich und filmisch anspruchsvolle Machart legen, zieht es meiner Meinung (und da kann ich mich sicher auch als Beispiel anführen) in die kleineren Programm- und Kommunalkinos, selbst wenn der Film nicht zur besten Zeit und nur über eine kurze Laufzeit läuft. Will man ein größeres Publikum aus dem Mainstream-Bereich für Filme wie "Der Räuber gewinnen, müsste man diesem auch mehr bieten.
Thorsten, 30.03.2010 16:06
Das gilt nicht nur für das größere Publikum. Ich wäre schon dankbar gewesen, wenn der Bad Lieutenant hier in Köln nicht nur um 23 Uhr gelaufen wäre. Wie Du sagts, das ist eine Katze (oder ein Hund?) die/der sich selbst in den Schwanz beißt. Wenn man nur eine Kopie losschickt und die nur zu Unzeiten zeigt, muss man sich über mangelndes Publikumsinteresse nicht wundern. Manchmal macht mich das so wütend, dass ich schon aus Protest auf die DVD warten möchte.
Mikosch Horn, 30.03.2010 19:39
Lieber Dominik,
Da kann ich dir glücklicherweise widersprechen: nach Nürnberg wird es "Beeswax" bestimmt schaffen, im Juni wird er im Filmhaus laufen, genauso wie übrigens auch "Un prophète", der im Juni in der OmU-Fassung läuft.
Allgemein ist die Verleih-Situation anspruchsvoller Filme allerdings nicht so einheitlich, wie es scheint. Auf der einen Seite gibt es Filme wie "Beeswax", die bei kleinen engagierten Verleihen starten, in kleinen Programm- oder Kommunalen Kinos laufen, aber leider mit wenigen (sehr wenigen) Kopien durchs Land touren und daher häufig länger brauchen, bis sie ihren Weg auch in die kleineren Städte finden - wenn es da Kinos gibt, die sie zeigen wollen.
Auf der anderen Seite gibt es Filme wie "Der Räuber" oder demnächst "Orly" die es (glücklicherweise?) schaffen, bei größeren Verleihen unterzukommen, mit mehr Kopien und Digital starten - aber auch in den großen Häusern untergebracht werden sollen, um dann eine Woche am Publikumsgeschmack vorbei im Multiplex vor sich hin zu dümpeln und schnell wieder auf schlechte Zeiten oder die klitzekleinen Ausweichkinos abgeschoben zu werden. Ob die Filme durch diese Verleihpolitik wirklich mehr Zuschauer bekommen, als wenn sie gleich in den keinen Programm- und Kommunalkinos laufen würden, wage ich zu bezweifeln.
Sobald die Filme nicht mehr aus Enthusiasmus und kulturellem Anspruch in die Kinos gebracht werden sondern als Produkt der Unterhaltung, das es zu verkaufen gilt, sind sie auch im Wettbewerb mit Hollywood und weichgespültem Arthouse-Kino und da - leider, leider - unterliegen sie auf dem Markt und werden auf Randschienen abgeschoben. Dazu muss man noch nicht mal behaupten, dass die Besucherzahl ein Zeichen von Qualität sei, die Qualität ist in der kommerziellen Auswertung völlig egal, wichtig ist nur der Umsatz, also die Besucherzahl.
Dagegen können nur die kleineren Programm- oder Kommunalkinos stehen, die die Filme soweit als möglich unter qualitativen Kriterien auswählen (können), ihr cineastisches (Stamm-)Publikum erreichen und ein Stück weit dem Mark entrückt sind. Es ist leider so, dass es im Moment für anspruchsvolle Filme nur eine beschränkte Anzahl von Zuschauern gibt und offensichtlich auch kaum ein Interesse daran besteht etwas an dem Zustand zu ändern.
Viele Grüße
Mikosch
Filmhaus Nürnberg
Dominik, 31.03.2010 00:32
Lieber Mikosch,
vielen Dank für deinen Beitrag zu diesem doch sehr spannenden Thema.
Auch wenn ich noch bis Juni warten muss, bin ich natürlich sehr froh beide Filme sogar im Originalton noch im Kino ansehen zu können und noch dazu in einem meiner Lieblingskinos in Nürnberg. An dieser Stelle ein großes Lob an das Filmhaus und das gesamte Team. Sowohl Programm, Atmosphäre, Preis-/Leistung als auch der Kinosaal überzeugen mich persönlich voll und ganz. Die Mischung aus aktuellen Produktionen und Retrospektive finde ich meist auch sehr gelungen. Der Saal ist zwar nicht sehr groß aber hebt sich doch noch von den kleinsten Sälen Nürnbergs (besonders Meisengeige Saal 2 oder Casablanca oben - auch wenn ich beide Kinos seit der Wiedereröffnung des Casablancas ungern noch in einen Topf werfen möchte) ab und bietet schon deutlich mehr Kinoerlebnis als mein Beamer zu Hause das kann.
Ich finde es sehr gut, dass du die Verleih-Situation bei anspruchsvolleren Filmen hier etwas erläuterst, denn wenn man selbst nicht beruflich in der Branche tätig ist oder teilweise selbst dann, weiß man solche Details nicht unbedingt. Demzufolge wäre es natürlich besser wenn man bei solchen Produktionen auf die kleineren Verleiher setzt, als die wirklich guten Filme über größere Verleihfirmen in die Hände von großen Multiplex-Betreibern zu geben, die die Filme dann weil sie wirtschaftlich nicht rentabel sind, im Programm "schlecht" behandeln.
Ich bin heute interessehalber mal Fragen wie "Wie wählt ein typischer deutscher Kinobesucher seine Filme aus?" oder "Was waren die besucherstärksten Filme in Deutschland den letzten Jahren?" auf den Grund gegangen und habe dazu besonders auf den Webseiten der FFA ( http://www.ffa.de ) sehr ausführliche Zahlen und Diagramme gefunden. Besonders überraschend waren die Antworten auf die Fragen natürlich nicht, ich bin dabei aber auch über etwas anderes rein zufällig gestolpert. Im Info-PDF der FFA gibt es nämlich auch eine Liste mit den Förderungssummen der Filme im entsprechenden Jahr. Hier fiel mir beispielsweise Til Schweigers Komödie "Zweiohrküken" mit 400.000 Euro oder Uli Edels Bushido-Film "Zeiten ändern dich" mit 500.000 Euro auf, wo ich mir doch die Frage stelle ob hier nicht auch rein in Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg Filme vom Staat gefördert werden, ziemlich egal von der inhaltlichen und filmischen Qualität der Filme. Wenn also selbst schon von der staatlichen Förderung wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen und Filme mehr Produkt als Kultur sind, wundert es doch wenig, dass die typischen Kinobesucher kaum noch Interesse an anspruchsvolleren Filmen haben.
Mich würde jetzt besonders interessieren, wie es überhaupt soweit gekommen ist oder war es in Deutschland schon immer so? Das hat sich ja wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum hinweg erst so entwickelt. Es gibt ja durchaus deutsche Filme, die heute noch im kulturellen Gedächtnis fest verankert sind, beispielsweise viele Fassbinder-Filme, die damals doch auch noch an den Kassen funktioniert haben oder zumindest nicht total gefloppt sind. Kamen die Probleme durch den Bau der ersten Multiplexe auf (ab 1990) oder schon früher als das Fernsehen aufkam oder was waren die Gründe?
Gruß
Dominik
Sano, 02.04.2010 12:42
Lieber Dominik,
Wollte gerade auch einen Hinweis auf den Junistart von "Beeswax" im Filmhauskino posten, aber Mikosch ist mir beriets zuvorgekommen. :-)</br>
<Wie du selbst auch schreibst, ist das Filmhaus in Nürnberg zusammen mit bundesweit ein paar Dutzend anderen Kinos leider die rühmliche Ausnahme vom generellen Desinteresse an einer vielfältigen Filmkultur in Deutschland. Die verschiedenen Filmförderungseinrichtungen bilden dabei meiner Meinung nach keine Ausnahme, sind sie doch (trotz manch gegenwärtiger Beteuerungsversuche) primär wirtschaftlich motiviert.
Die Gründe für den gegenwärtigen Zustand zu erläutern, wäre wohl ein ziemllich umfangreiches Unterfangen. Film ist und war jedoch in Deutschland (fast) nie ein als relevant erachtetes Kulturgut, trotz mancher Versuche das u.a. in den 60er und 70er Jahren zu ändern. Man schaue sich nur mal die Filmbewertungsstelle Wiesbaden an, von der sich ja schon in den späten 70ern und frühen 80ern so mancher unzufriedene Filkritiker distanziert hat.