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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Anderes Kino
Container vom 22. März 2010 von Cargo

Ausgerechnet Schütte
Nachgefragt beim Sprecher der dffb-Studentenschaft.

Die Studenten der dffb streiken derzeit mehrheitlich gegen ein Besetzungsverfahren, das ihnen den Filmemacher Jan Schütte als zukünftigen Direktor eingetragen hat. Wir veröffentlichten dazu vor einigen Tagen ein uns zugesandtes «Dossier» und haben nun in Form eines E-Mail-Interviews noch einmal bei Till Kleinert nachgefagt, der die Studenten vertritt.

CARGO: Herr Kleinert, eine formale Frage vorab: Ihrer E-Mail-Signatur entnehme ich, dass Sie
«Pressesprecher der Studentenschaft der dffb» sind - sprechen Sie für alle
Studenten oder nur für die streikende Mehrheit?

Till Kleinert: Sprecher der Studentenschaft der dffb meint zunächst mal, dass ich Ziele und Beschlüsse kommuniziere und erläutere, die von den Studierenden der dffb im Rahmen von Vollversammlungen diskutiert und innerhalb einer Urabstimmung mehrheitlich beschlossen wurden. Aus den Einzelhaltungen aller Studierenden bildet sich auf diese Art die als organisiertes, politisch agierendes Organ mit einer Stimme sprechende «Studentenschaft» heraus. Dass hinter dieser einen Stimme weiterhin ein Diskurs der unterschiedlichsten Meinungen und Strömungen unter den Studierenden läuft, versteht sich von selbst. Diese Einzelhaltungen können und sollen natürlich weiterhin persönlich geäußert werden, niemandem wird der Mund verboten. Meine Aufgabe ist es allerdings, den «offiziellen» mehrheitlichen Konsens zu vertreten.


CARGO: Wogegen bzw. wofür streiken die Studenten der dffb genau? Wie stellen
sie sich ein alternatives Verfahren zur Besetzung des Direktorenpostens
vor?

Wir streiken gegen den Verlauf, den das Direktorenberufungsverfahren genommen hat – gegen den Ausschluss der Stimmen von Studenten- und Dozentenvertetern auf halbem Wege, gegen die Intransparenz des weiteren Verfahrensverlaufs, dagegen, dass auf Proteste der Studenten gegen diese Undurchsichtigkeit bis zur Verkündung der Entscheidung nicht reagiert wurde.

Nach dem Scheitern des Berufungsverfahrens an der UdK, an dem je ein Studenten- und Dozentenvertreter stimmberechtigt beteiligt waren, bat die Studentenschaft die Vorsitzende des Kuratoriums der dffb, Barbara Kisseler, in einem Brief deutlich um Information und Transparenz bezüglich des weiteren geplanten Vorgehens, welches zu diesem Zeitpunkt nach unserem Kenntnisstand noch unklar war. Dieser Bitte wurde, womöglich den studentischen Widerspruch antizipierend, auf eigenwillige Weise entsprochen: Die Antwort kam ganze drei Wochen später und überrumpelte die Studenten mit der Information, dass das Kuratorium just zur Stunde, in der der Brief die Studentenvertretung erreichte, unter Ausschluss von Studenten- und Dozentenvertretern bereits tage und über die Berufung des künftigen Direktors entscheide; das Ergebnis werde den Studenten demnächst mitgeteilt. Um ihrer Ablehnung gegen dieses selbst bei wohlwollender Betrachtung ziemlich respektlos erscheinende Vorgehen Ausdruck zu verleihen, hatten die Studenten bereits bevor ihnen mitgeteilt wurde, wer der neue Direktor werden würde, per Mehrheitsbeschluss erklärt, dass sie das Verfahren und sein Ergebnis nicht anerkennen.

Um nun zunächst einmal tatsächlich Klarheit über die Abläufe zu gewinnen, fordern wir Einsicht in die Sitzungsprotokolle sowohl der gescheiterten UdK-Kommission als auch des Kuratoriums der dffb. Wir behalten uns vor, das Verfahren und dessen Ergebnis anzufechten, sollten wir uns durch den Inhalt der Protokolle dazu veranlasst sehen.

Ein alternatives Besetzungsverfahren in unserem Sinne sollte einer für alle beteiligten Parteien bindenden festgeschriebenen Verfahrensordnung folgen, in der auch die Mitsprache von Dozenten und Studenten verankert ist – eigentlich eine Selbstverständlichkeit an jeder normalen Hochschule. An der dffb wurde stattdessen in letzter Instanz, unter Berufung auf ihre Gesellschaftsform als gemeinnützige GmbH, vom Kuratorium ein Direktor berufen, ohne dass irgend eine der Parteien, die im täglichen Geschäft der Akademie direkt mit den Auswirkungen dieser Benennung umgehen müssen, an der Entscheidung beteiligt war oder auch nur in der Sache angehört wurde. Es darf bezweifelt werden, dass eine derartig getroffene Entscheidung Vorstellungen und künstlerische Identität der Studierenden und Lehrenden der dffb optimal abbildet.

Neben der Offenlegung des Verfahrens fordern wir den Verbleib der Kamerafrau und langjährigen Dozentin Sophie Maintigneux an der dffb. Die Forderung erscheint zunächst unnötig, da ihr Anstellungsvertrag weiter läuft. Angesichts der Tatsache, dass dieser Vertrag allerdings jederzeit kurzfristig gekündigt werden kann und in Anbetracht der unsicheren Position, die sie als unterlegene Mitbewerberin um den Direktorenposten gegenüber der neuen Leitung hat, fordern wir vom Kuratorium nicht nur die Absichtserklärung, sondern ein klares, vertraglich abgesichertes Bekenntnis zum langfristigen Verbleib von Sophie Maintigneux an der Akademie. Die maßgebliche Rolle, die sie für das künstlerische Profil der dffb in den letzten beiden Jahrzehnten gespielt hat, ist unbestritten. Allein ihr theoretisches Bildgestaltungsseminar, mit dem die Erstjahresstudenten traditionell ins Studium einsteigen, eröffnet und erweitert den Blick für die Möglichkeiten des filmischen Erzählens derartig, dass es für viele Studenten Grundlage und Schlüssel für das gesamte folgende Curriculum wird. Ihr Weggang wäre – und hier erlaube ich mir eine persönliche Einschätzung – ein Schlag, von dem sich die Akademie nicht so schnell erholen würde.


CARGO: Wie streiken die Studenten? Ist der Unterrichtsbetrieb komplett zum
erliegen gekommen? Streiken die Dozenten mit? Teilen sie das Anliegen der
streikenden Studenten?

Die Seminare finden mit Einschränkungen weiter statt – wir bestreiken nicht unsere Ausbildung, sondern die Art und Weise, wie von außen in sie eingegriffen wird. Innerhalb der Seminare entstehen Arbeiten, die das Berufungsverfahren und den studentischen Protest thematisieren, viele Dozenten beteiligen sich am Diskurs. Parallel dazu finden in dichter Folge Versammlungen und Protestaktionen der Studentenschaft statt, deren Ziel die Einbeziehung einer breiteren Öffentlichkeit in ihre Anliegen ist.

Die dffb ist mit einer Studentenschaft von nur ca. 180 Studierenden nicht besonders gut aufgestellt, um mit reiner Lautstärke zu punkten. Deswegen müssen wir andere, konstruktivere Formen des Protests bemühen, um Sympathisanten und Mitstreiter von außerhalb der Akademie zu gewinnen. In den kommenden Wochen wird es offene Podiumsdiskussionen und Aktionstage mit Filmemachern, Kritikern und Politikern geben, in denen die Fragen, was eine Filmhochschule eigentlich leisten sollte, welche Position die dffb in der Deutschen Filmlandschaft einnimmt und welche Rolle Mündigkeit und Mitbestimmung in der Ausbildung einer künstlerischen Identität spielen, öffentlich verhandelt werden. Es wird Aktionen geben, die den Protest nach innen und außen sichtbar machen, eine Streik-Party am kommenden Donnerstag, den 25. 3., deren Einnahmen in die Aktionen der Studentenschaft fließen und die die Möglichkeit bietet, mit den Studenten in Diskussion zu treten und sich zu solidarisieren. Der Streikverlauf wird in einem Blog der Studentenschaft dokumentiert, außerdem werden Medien und interessierte Beobachter im Voraus über die stattfindenden Aktionen informiert. Wer sich auf den entsprechenden Verteiler setzen lassen möchte, melde sich bitte unter streik.presse.dffb@googlemail.com.


CARGO: Wie erklären Sie sich die Präferenz des Kuratoriums der dffb für Jan
Schütte?

Da müsste ich wild spekulieren. Die Intransparenz des Berufungsverfahrens gegenüber den Studierenden hat es uns unmöglich gemacht, die Gründe für die Entscheidung nachzuvollziehen. Auch nach der Entscheidungsverkündung wurde kein Versuch unternommen, uns zu erklären, warum nach Ansicht des Kuratoriums ausgerechnet Jan Schütte, entgegen der Auffassung der Mehrzahl der Studierenden, der beste Direktor für die dffb sein soll.


CARGO: Wie geht's jetzt weiter?

Am kommenden Mittwoch, den 24. 3.,  kommen Frau Kisseler und ein weiteres Mitglied des Kuratoriums zu einem Gespräch mit den Studenten an die dffb. Wir begrüßen diese Möglichkeit zum Dialog. Man muss allerdings abwarten, inwieweit im Rahmen dieses Treffens eine Entschärfung des Konflikts möglich ist. Grundsätzlich kommt das Gespräch zu spät – eine Einbeziehung der Studenten hätte, wie von uns eingefordert, vor der Entscheidung und Bekanntgabe des neuen Direktors stattfinden müssen. Nun sehen wir uns vor vollendete Tatsachen gestellt und müssen entsprechend reagieren.

 

Die Fragen stellte Simon Rothöhler.


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