• Cargo  
  • Abonnieren
  • Einzelheft bestellen (portofrei)
  • Back Issues
  • Verkaufsstellen
  • Jahresrating
  • Newsletter
  •   06. Dezember 2016  





Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 31
vom 23. September 2016
CARGO 32 erscheint am 16. Dezember 2016

CARGO 31 Cover, CARGO 30 Cover,

Anderes Kino
Container vom 14. März 2010 von Ekkehard Knörer

Gegen Schütte
Protest.

Vom Ärger um den durch Proteste der Studierenden ausgelösten Abgang des DFFB-Direktors Hartmut Bitomsky im letzten Jahr hatten wir berichtet. Alle Versuche, damals mehr Licht ins Dunkel zu bringen, waren an einem expliziten Beschluss der Studierendenschaft gescheitert, auf Transparenz für die Öffentlichkeit zu verzichten. Jetzt allerdings ist die Kacke durchaus sehr öffentlich am Dampfen. Gegen den ausdrücklichen Willen der Studierenden (und der DozentInnen) soll nämlich Jan Schütte als neuer Direktor installiert werden. Ein Dossier, das mich per Mail erreicht, hat die folgenden zwei Teile:

(1) Studenten werfen Senat undurchsichtiges Verfahren bei der
Direktorenwahl vor (Chronologie der Ereignisse)
(2) Warum Jan Schütte eine Fehlbesetzung für den Direktorenposten der
dffb ist (Polemik)

Das alles ist nicht so ganz einfach aufzudröseln, was an der komplizierten Konstruktion der DFFB, nicht zuletzt auch am Junktim zwischen DFFB-Leitung und gleichzeitiger UdK-Professur liegt. Bottom Line jedenfalls: Das Wahlergebnis bei den vier zur Auswahl stehenden KandidatInnen sah auf studentischer Seite eindeutig aus:

1. Sophie Maintigneux            49,2%            64 Stimmen
2. Bela Tarr                                27,7%            36 Stimmen
3. Jan Schütte                           18,5%             24 Stimmen
4. Dr. Lars Henrik Gass            4,6%               6 Stimmen

[Ich hatte die Ergebnisse kurz herausgenommen,  aufgrund nicht zuletzt mehrerer Mails, aus denen zu zitieren mir dann aber gleich wieder verboten wurde. Das nervt. Es geht hier um eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse. Die Liste der KandidatInnen dokumentiert, welche Optionen hier zur Auwahl standen. Ebenso dokumentiert das interne Abstimmungsergebnis, dass es unter den Studierenden verschiedene Fraktionen gab - ein Eindruck, den die Kommentare zu diesem Eintrag mehr als bestätigen. Es ist gewiss "bewährte" Politik, all das immer schön unter der Decke zu halten. In wessen Interesse soll das aber sein, wenn nicht in dem derjenigen, die sich der Diskussion nicht stellen, die keine Transparenz für ihre Entscheidungen herstellen wollen? Also: Wir machen das hier so transparent und sichtbar wie möglich. EK]

Die UdK aber wollte den Filmemacher Jan Schütte und der Senat hat sich sowohl über den Willen der Studierenden als auch - grundsätzlicher - über das eigentlich festgeschriebene Prinzip der paritätischen Mitbestimmung einfach hinweggesetzt und will nun auch Jan Schütte installieren. Über diesen heißt es in der Polemik des Dossiers:

Jan Schütte ist ein Produkt der Hamburger Filmförderungsszene. Seit
den späten achtziger Jahren hat er bei einer Reihe von Dokumentar- und
Spielfilme Regie geführt. Er war auf diversen Festivals vertreten und
hat an angesehenen Universitäten unterrichtet. Durch die Wahl der
Sujets aus Literatur- und Theatergeschichte versprühen seine Filme
eine gewisse Arthouse-Aura, die ihn in den Verwaltungsgremien als
Direktorenkandidat für dffb qualifiziert. Beim genaueren Hinsehen ist
aber kaum eine inhaltliche Substanz und ein greifbarer Formwillen in
seiner Arbeit erkennbar.

Das würde ich persönlich zwar etwas anders formulieren, in der Sache aber scheint es mir richtig. Und in der Tat wäre Schütte - schon gar, wenn man die Kamerafrau Sophie Maintigneux als viel überzeugendere Gegenkandidatin im Vergleich dazu sieht - wohl eine Katastrophe. Eine, die sich bestens ins Bild fügt, das die deutsche Film- und Filmförderbürokratie seit vielen Jahren schon abgibt. Die DFFB als, so weit ich sehe, letzte noch halbwegs für ästhetisch anspruchsvolles Filmemachen offene Institution, soll nun den Weg der sozialdemokratisch inspirierten Verlangweiligung durch totales Mittelmaß gehen. Die Berlinale ist Ödland, im Fernsehen bleiben nur vereinzelte RedakteurInnen als letzte Festungen gegen die Totalverblödung, die Filmförderei ist im wesentlichen Standortpolitik, die Akademie nivelliert selbstbestimmt, was ihr vor die Flinte kommt, die anderen Filmhochschulen sind in wesentlichen Teilen auf das durch diese anderen Umstände so erst geschaffene Marktumfeld fixiert.

Die Studierenden der DFFB sind jetzt erst einmal in Streik getreten. Ich habe, das sage ich ausdrücklich, keinen weiteren Einblick in den Verlauf der Ereignisse und gerade auch nicht wirklich Lust und Möglichkeit, die Informationen zu überprüfen. Gegenstimmen, aufklärende Andersmeinungen und genauere Insiderinformationen etc. deshalb bitte jederzeit in den Kommentaren.


19 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Anonymer DFFB-Student, 14.03.2010 20:39

    Was bitte ist das für ein Bericht? Und was hast das hier mit Journalismus zu tun?

    "Ich habe, das sage ich ausdrücklich, keinen weiteren Einblick in den Verlauf der Ereignisse und gerade auch nicht wirklich Lust und Möglichkeit, die Informationen zu überprüfen."

    Bitte, bevor weitere Informationen verstreut werden, nochmal genau überlegen, was man wie wieso abdruckt - danke.

  • Ekkehard Knörer, 14.03.2010 22:31

    Das ist genau das, was es sagt, dass es ist. Was ist daran so schwer zu begreifen? Es ist Berichterstattung über ein Dossier, das ich erhalten habe. Ich drucke nichts ab, sondern reiche diese Informationen weiter. Nachdem ich bei letzter Gelegenheit, nämlich in der Bitomsky-Sache, von Seiten der Studierenden nur auf eine Wand des Schweigens gestoßen bin, schien mir das jetzt die vernünftigste Möglichkeit. Ich finde, dass bei einer Institution von solcher Bedeutung, noch dazu mit öffentlichen Geldern gefördert, Transparenz oberstes Gebot ist.

    Und umgekehrt: Lieber - leider: anonymer - DFFB-Student, legen Sie doch auf den Tisch, wie Sie die Sache sehen. Schreiben Sie doch, was Ihnen nicht passt. Schreiben Sie, wie es sich Ihrer Ansicht nach verhält. Schreiben Sie, was falsch ist. Ich erwecke nicht den Eindruck, hier objektive Informationen zu verbreiten. Dies ist ein Blog, kein Zeitungsartikel. Sie sind doch ausdrücklich aufgerufen, richtigzustellen, was Ihnen falsch festgestellt scheint. An meiner als solche ja ausdrücklich so sichtbar gemachten Meinung zur Katastrophe, die Jan Schütte als neuer DFFB-Direktor bedeutet, ändert das natürlich nichts.

  • Julian Lehnardt, 14.03.2010 22:55

    Für Jan Schütte

    Die Fraktion in der dffb, die zur Zeit wild an die Presse geht und mehr Mitbestimmungsrechte fordert, besteht nur aus einem kleinen Kreis, gestützt von etwa der Hälfte der Student/innen, vorrangig aus den jüngeren Jahrgängen. Der Frust ist groß, denn die Ausbildung hat in den letzten Jahren unter Hartmut Bitomsky gelitten. Umso größer sind die Befürchtungen und so hängt man sich gerne schnell an eine vermeintlich politische Bewegung, in der die Stimmung gegenseitig aufgeheizt, unberechtigte Ängste einer Kommerzialisierung geschürt und Jan Schütte als Inkarnation des Bösen verteufelt werden.

    Es gibt aber noch eine andere Hälfte der StudentInnen - die, die ihr Studium gerne intensiv weiterführen. Die aufgrund Ihrer Projekte gar nicht die Zeit haben, sich zu organisieren und für oder gegen mehr Mitbestimmung zu protestieren. Und auch die, die etwas mehr Erfahrung an der Akademie gesammelt haben, sprich aus höheren Jahrgängen stammen. Nämlich die, die in Jan Schütte eine große Chance sehen.
    Wie schon zurecht in dem Artikel dargestellt, wird an der dffb gerade viel polemisiert.
    Jan Schütte wird der dffb gut tun. Nach dem Weggang von Hauff, darauf folgend der Amtszeit eines profillosen und kommunikationsunfähigen Direktors, der sich zudem nach aussen hin verschlossen hat, befindet sich die dffb in einer desolaten Verfassung. Die Strukturen und die Qualität der Lehre, die es unter Hauff gegeben hat, existieren seit langem nicht mehr. Damals unterrichteten die Stars des internationalen Arthouse-Kinos.

    Jan Schütte wird das Profil der dffb keinesfalls verändern oder kommerzialisieren. Er wird an der dffb aber wieder die professionellen Strukturen schaffen, die in den vergangenen Jahren zerstört wurden. Zudem wird er durch seine weit gestreuten Kontakte die dffb wieder zu einem einzigartigen und privilegierten Ort des Lernens unter der Anleitung von praxiserfahrenen und international tätigen Dozenten aus dem Arthouse-Segment machen.

  • Jan Bachmann, 15.03.2010 00:14

    Das stimmt nicht ganz. Die Studentenschaft der DFFB hat sich eben in einer Urabstimmung sehr klar (82 zu 40 Stimmen) für einen Streik und somit gegen das untransparente Verfahren und für mehr Mitbestimmung ausgesprochen.

  • Till Kleinert, 15.03.2010 00:57

    Zum Vorredner nur zweieinhalb persönliche Anmerkungen:

    1. Bin höherer Jahrgang (6. Jahr), habe einiges an Erfahrungen gesammelt, habe Hauffs letztes Jahr, Bitomsky und Interim erlebt. Von einer desolaten Lage der Ausbildung an der dffb kann ich für mich nicht sprechen, habe diese eher als erstaunlich (womöglich direktorenresistent) konstant hochwertig erlebt. Die Anwesenheit von Stars des internationalen Arthaus-Kinos (wer immer konkret damit gemeint ist) empfinde ich zwar als nicht zwingend gleichbedeutend mit Qualität der Ausbildung, würde aber auch einfach mal die Gebrüder Dardenne, Roland Klick, Valeska Grisebach, Angela Shanelec, Christian Petzold, Apichatpong Weerasethakul und Brillante Mendoza als Namen ins Spiel werfen, die in den letzten paar Jahren zum Teil sehr gute Seminare an der dffb gegeben haben. Wohlgemerkt: Seminare, und keine Gastauftritte im Rahmen einer Promo-Tour.

    2. Der Streik wurde mit absoluter Mehrheit in einer Urabstimmung beschlossen. Der Anteil derer, die sich gegen den Streik ausgesprochen haben, lag wenn ich mich richtig entsinne bei 30%. Die Studentenschaft ist in ihrer Haltung heterogen. Es ist richtig und wichtig, dass sich auch diejenigen Studenten für ihre Sicht der Dinge einsetzen, die aus unterschiedlichsten Gründen gegen den Streik sind. Diesen zu einer Minderheitenbewegung zu marginalisieren ist allerdings grob unsachlich. Woher mein Vorredner seine Informationen zur Stimmverteilung unter den Jahrgängen bezieht, bleibt ebenfalls geheimnisvoll.

    2einhalb. Ich kenne Jan Schütte nicht persönlich. Ich habe ihn bei der Vorstellungsrunde der Kandidaten erlebt und zwei seiner Filme gesehen. Das allein hat mich persönlich nicht von seiner Vision für das Kino und die dffb überzeugt. Damit scheine ich nicht allein zu sein. Diesen Widerspruch muss man erstmal aushalten können, um ihn womöglich irgendwann auszuräumen.

  • streikender dffb-student, 15.03.2010 01:14

    Jan Schütte wäre tatsächlich eine Katastrophe für die dffb (Ich schreibe "wäre" als Zeichen der Hoffnung). Eine Katastrophe insofern, dass damit die Hoffnung, die dffb könnte wieder ein Ort ästhetischen Widerstands werden, wohl endgültig zunichte würde.

    J.L. wünscht sich in seinem Kommentar das "Arthouse"-Segment zurück an die Schule. Genau darin liegt das Problem: Ästhetisch avanciertes Kino ist an der dffb schon jetzt nur schwer vermittelbar und wird es in Zunkunft unter Jan Schütte sicherlich noch erheblich weniger sein. Jedoch, immerhin: Mit Apichatpong Weerasethakul, Lav Diaz, den Dardenne-Brüdern, Brillante Mendoza, Béla Tarr, Lisandro Alonso und - wie angekündigt - Pedro Costa lehr(t)en im vergangenen und aktuellen Studienjahr einige der interessantesten und innovativsten Regisseure des Weltkinos an der dffb.

    Welche "Stars des internationalen Arthouse-Kinos" werden im obigen Kommentar also verlangt? Wohl solche von jener Art, die Jan Schütte verkörpert, Vertreter hyperkoventionellen "Arthouse"-Mainstreams, eines "Kinos", das sein ästhetisches Mittelmaß und seinen Konformismus hinter bildungsbürgerlicher Fassade zu kaschieren versucht. "Arthouse" als Fetisch, der die Aufgabe ästhetischen Widerstands hinter einem fragwürdigen, selbstverliehenen Qualitätslabel verbirgt. Für Lav Diaz ist dann sicher kein Platz mehr an der dffb, das Niveau wird sich eher in Richtung Berlinale-Wettbewerb verschieben.

    "Professionelle Strukturen" und "Kontakte" sind leider im film- und bildungspolitischen Jargon gleichzusetzen mit noch mehr Verstrickung in die asphyxierende Ödnis der deutschen Filmwirtschaft und ihrer Förderungsstrukturen. Diese Verstrickung exisitiert natürlich jetzt schon, doch mit einem Direktor Jan Schütte wird sie nun symbolisch bestätigt. "Kommerzialisierung" heißt nicht, dass hier nun RTL-Serien zum ästhetischen Leitbild erhoben werden, sondern dass - so lautet unsere Befürchtung - die schon längst begonnene Umdeutung des schulischen Selbstverständnisses vom ästhetisch avancierten Kino zum Arthouse nun endgültig abgeschlossen wird. Mikroskopisch spiegelt sich hier die Entwicklung, die das deutsche Kino im Allgemeinen schon seit Jahren oder Jahrzehnten durchmacht. Dass dies von einigen Studenten als Realitätsprinzip beklatsch wird, ist umso trauriger. Es gibt kaum noch einen Begriff davon, was Kino sein könnte.

    Die Berufung von Jan Schütte weckt in mir und vielen meiner Mitstudenten noch einmal die ohnehin schon schwelende Frage auf, ob wir, die noch ganz am Anfang stehen, innerhalb dieser sich immer weiter verhärtenden Strukturen überhaupt noch Filme machen können und sollen, oder ob nicht ein radikaler Bruch nötig ist mit einem System, das von der Ausbildung über die Förderung bis zur Auswertung alles daran setzt, den Versuch, ästhetisch anspruchvolles Kino zu machen, schon im Keim zu ersticken.

    PS.: Die einzige Ungenauigkeit in Ihrem Eintrag, Herr Knörrer, ist meines Wissens nach, dass keineswegs bekannt ist, ob Jan Schütte der Favorit der UDK gewesen ist. Da der Senat ihn jedoch schon nach dem Abgang von Hauff ohne Berufungsverfahren zum Direktoren ernennen wollen, liegt vielmehr der Verdacht nahe, dass hier ein Günstling (film-)politischer Entscheidungsträger durchgeboxt werden soll.

  • Till Kleinert, 15.03.2010 08:03

    P.S. Der Begriff 'Arthouse-Segment' ist furchtbar! Er beschreibt bestenfalls aus Verkäufersicht eine Vermarktungsstrategie. Ansonsten beschreibt er inhaltlich nichts.

  • Philipp Döring, 15.03.2010 09:16

    Als Ex-Ludwigsburger kann ich nur sagen, dass ich mal verdammt neidisch bin auf die Dozenten, die ihr da so bekommt an der dffb. Von den Strukturen habe ich keine Ahnung, aber so völlig verstaubt kann es ja kaum sein mit diesen Leuten. Wie man sich darüber beklagen kann, will mir ehrlich gesagt nicht in den Kopf.

  • Fabian Tietke, 15.03.2010 17:10

    Ich glaube, es geht nicht unbedingt darum, sich zu beklagen, schon gar nicht über die Gastdozent_innen. ABER: wenn man die Liste der Kandidat_innen liest, weiss man doch eigentlich wen man NICHT wählt. Da weiss ich ehrlich gesagt auch nicht so recht, was es da zu deuteln gibt.

    Die ersten Jahre der dffb waren ja gerade deshalb fruchtbar, weil es eine Orientierung an dokumentarischem Arbeiten gab, die eine Position (teils für den heutigen Geschmack zu zugespitzt, aber immerhin) vertrat. Und die Abkehr davon lässt sich sehr wohl mit Arthouse beschreiben. Ein ins Universalistische gewendetes Kino, dem die vermeintlich behandelte Realität abhanden kommt (oder schon immer egal war) wäre für mich eine gangbare Arthouse-Definition noch bevor ich auf Klischees zu sprechen komme.

    Jan Schüttes einzige Leistung der letzten zehn Jahre scheint mir darin zu bestehen, in WELTVERBESSERUNGSMASSNAHMEN nicht negativ aufgefallen zu sein.

  • Akos Gerstner, 18.03.2010 14:36

    1. Vielleicht ist es auch nur ein Missverständnis, Filmhochschulen verkörperten die Möglichkeiten einer filmisch wie auch immer gearteteten Avantgarde. Die Sachzwänge und Denkweisen der Industrie werden dort in der ein oder anderen Form immer reproduziert werden.

    2. Dahingehend stellt sich auch die Frage, ob die programmatische Ausrichtung der Filmhochschulen überhaupt, an anderer Stelle nicht schon längst vorgenommen worden ist. Die ästhetische Präfiguration jener, die sich professionell für Film interessieren und die in die Bewerbungsgespräche strömen, sollte man nicht unterschätzen. Einem Erwachsenen von 24 Jahren lässt sich kein völlig neues ästhetisches Empfinden einpflanzen. Sensibilitäten dieser Art entwickeln sich viel früher, in einem anderen Umfeld, in längeren Zeiträumen. Die spätere Ausbildung kann nur darauf Bezug nehmen was vorher geschaffen worden ist.

    3. Für die tatsächlich gedrehten Filme ist die Zusammenarbeit zwischen Nachwuchsproduzenten und den Studenten der Regie-und Drehbuchklassen jedenfalls bedeutsamer, als die Besetzung einer, wie in diesem Fall, Direktorenstelle. In München entscheidet z.B. nicht die Abteilungsleitung, ob ein Film gedreht wird, sondern die Verständigung zwischen den Studenten der unterschiedlichen Ausbildungsrichtungen – es verhält sich wie ein kleines marktwirtschaftliches Experiment in den Hallen der Hochschule, wo Studenten untereinander aushandeln welche Filme warum und wie produziert werden. Das ist schlußendlich der Mikromechanismus, der darüber entscheidet, welche Filme auf den Weg gebracht werden und welche nicht. Und ausschlaggebend für eine Zusammenarbeit zwischen Produktionsstudenten und Jungregisseuren ist die Übereinstimmung des persönlichen ästhetischen Apparats – kein Produzent, sei es in der Ausbildung oder danach, wird ein Projekt unterstützen wollen, das er nicht versteht oder nicht mag. (“Tropical Malady” zu sehen lernen ist das eine, so eine Geschichte auch zu finanzieren etwas ganz anderes.) Öffentlich wird alles festgemacht an “diesem” Professor, an “jenem” Dozenten, dabei ist deren Einfluß verhältnismäßig gering. Wer wirklich einen Film machen will, wird dies auch tun – vorausgesetzt es findet sich entsprechende logistische Unterstützung, ein Scheitern an der bürokratischen Struktur einer Hochschule erscheint mir hingegen sehr unwahrscheinlich.
    Insgesamt liegen die Probleme oft im studentischen Corpus verborgen, die Leitung einer Institution ist dann bis zu einem gewissen Grad Symptom der Defizite, nicht ihre Ursache.

    (Andererseits: Außergewöhnlich, dass so viele Bela Tarr auf Platz 1 gesehen haben.)

    p.s.: Bitomsky hat hier in München an der HFF, das ist schon einige Jahre her, einmal als Kandidat der Studenten bei der Neubesetzung eines Lehrstuhls zur Diskussion gestanden. (Wäre die Entscheidung des HFF-Gremiums zu seinen Gunsten ausgefallen, lägen in Berlin die Dinge heute wohl anders.)

    p.p.s. ich kenne die Arbeiten von Jan Schütte nicht, aber ist der Unterschied zu Sophie Maintigneux (die doch eher als Kamerafrau arbeitet, denn als Regisseurin) wirklich so eklatant?

  • Wolfgang K., 19.03.2010 06:45

    Die dffb streikt mal wieder. Pünktlich zur Ernennung des neuen Direktors tobt die Bude. „Studenten an die Macht!“, so hiess es schon Mal, als Direktor Bitomsky abgesägt werden sollte. Als er dann zurücktrat gabs einen Liebesbrief „Bitte bleib doch.“ Dieses Mal organisiert man sich besser, ein „Pressesprecher“ wird für den Karnevalsverein ernannt. Es wird von „Filmkünstlern“, „ästhetischem Widerstand“ und „mangelndem Formwillen“ gesprochen. „Wer war denn nochmal Wolfgang Becker? Ach egal…“ Man will die Filmgeschichte neu erfinden, ein Geruch der 68er soll mitschwingen. „Mehr Mitbestimmung!“ Die Generation Facebook haut auf die Pauke. Und ein Klassenfeind muss gefunden werden, doch findet sich keiner weit und breit. Die höchste Instanz? Gut, aber hatten wir schon. Der neue Direx? Ja, der hat doch mal in Ludwigsburg unterrichtet, diesem Haufen von Werbefuzzis. Das reicht, den Rest vergessen wir mal. Kunst statt Kommerz! Mehr Formwillen! Keine Macht für Niemand! HILFE! Es reicht, AUFHÖREN. IST DAS PEINLICH !!!!!

    PS.: Bitte gebt uns doch mal ein paar Beispiele von aktuellen Filmen, die den „ästhetischen Widerstand“ an der dffb charakterisieren. Und zwar nicht aus den 68ern.

  • ijb, 20.03.2010 00:50

    Ich war "zufällig" zur Zeit von Bitomsky Studentenvertreter im Akademischen Rat. Bitomsky sollte zu keinem Zeitpunkt "abgesägt" werden. Was sollen diese spöttischen Kindergarten-Kommentare bringen? Es gibt schon bei weitem genügend falsche Gerüchte über die letzten Jahre der dffb. Kann denn nicht mal jemand so viel Verstand aufbringen, das nicht dauernd weiterzukauen?
    Aus der aktuellen Debatte halte ich mich zwar weitestgehend heraus (Dreharbeiten, Bewerbungen, Kind, finanzielle Lage), aber die letzte Anmerkung von Akos Gestner finde ich ganz passend: Unter Umständen ist es tatsächlich wenig eklatant, ob jemand wie Schütte oder Maintigneux oder Bitomsky die Stelle innehat, denn in der Tat kann an der DFFB, wie an den anderen Filmhochschulen auch, jeder den (ästhetischen, künstlerischen, kommerziellen...) Weg verfolgen, den er möchte. Wichtig ist doch aber, dass die Studenten sich für die Außenwirkung, die der eine oder die andere Direktor/in mitbringt, stark machen; dass sie auf die Ausstrahlung ihres Direktoren bauen wollen (ich war zweieinhalb Jahre an der HFF Potsdam, da wussten die meisten Studenten nach einem Jahr noch nicht, wer eigentlich der Präsident ist); und am wichtigsten vielleicht, dass der/die Direktor/in unterschiedliche ästhetische/künstlerische/kommerzielle Haltungen nachvollziehen und effektiv fördern (helfen) kann (damit ist auch das wie auch immer geartete "verkaufen" mit gemeint), vor allem da, wo es nicht so einfach läuft wie bei manchen/wenigen anderen. Und vor ganz besonders letzteres hat während meiner Studienzeit fast gar nicht stattgefunden. (Der nächste Kommentator schreibt jetzt bestimmt "selber schuld", aber es ist einfach nicht jedem mitgegeben, sein/ihr filmischen Schaffen "an den Mann zu bringen".)

  • ijb, 20.03.2010 01:03

    PS: "ein paar Beispiele von aktuellen Filmen, die den „ästhetischen Widerstand“ an der dffb charakterisieren" :

    "Prinzessin", "Der Lebensversicherer", "Charlotte", "Kokon", "Drifter", "Sollbruchstelle", "Firn", "Hase und Glück", "Wege Gottes", "Jessi", "Komplex", "Sterben in Lagos", "Faust", "Vor dem Konzert"
    (Informationen siehe dffb-Seite usw. / ist aber natürlich nur meine Meinung; andere sehen das zweifellos anders)

  • anonym, 21.03.2010 01:41

    Richtigstellung:

    Im Artikel heißt es: "Die UdK aber wollte den Filmemacher Jan Schütte..."

    Für eine Berufungsempfehlung für den Kandidaten Jan Schütte hätte es ausgereicht, wenn in der UdK-Kommission drei von fünf Professoren ihre Stimme für Jan Schütte abgegeben hätten.

    Auszug aus:
    Gesetz über die Hochschulen im Land Berlin
    Berliner Hochschulgesetz – BerlHG

    §47 Beschlussfassung

    (3) Entscheidungen, die Forschung, künstlerische Entwicklungsvorhaben oder die Berufung von Professoren und Professorinnen, Juniorprofessoren und Juniorprofessorinnen unmittelbar betreffen, bedürfen außer der Mehrheit des Gremiums auch der Mehrheit der dem Gremium angehörenden Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen.

    KOMMT DANACH EIN BESCHLUSS AUCH IM ZWEITEN ABSTIMMUNGSGANG NICHT ZU STANDE, SO GENÜGT FÜR EINE ENTSCHEIDUNG DIE MEHRHEIT DER DEM GREMIUM ANGEHÖRENDEN HOCHSCHULLEHRER UND HOCHSCHULLEHRERINNEN.

    Bei Berufungsvorschlägen ist in einem solchen Fall die Mehrheit des Gremiums berechtigt, ihren Vorschlag als weiteren Berufungsvorschlag vorzulegen.

  • Akos Gerstner, 21.03.2010 12:46

    Nachtrag, unter der Gefahr bereits geäußerte Erkenntnisse zu wiederholen:

    Wenn man bedenkt, dass Hartmut Bitomsky in Kalifornien eine Vertragsverlängerung als Dekan der CALARTS abgelehnt hatte - eine Einrichtung, die als ausgesprochene Kunsthochschule der Bildenden und Darstellenden Künste (da drüben wurde nämlich auch getanzt und gesungen und gemalt) in den USA landesweit einen hohen Ruf genießt und deren Leitung und Studenten ihn wirklich gerne behalten hätten – nur um nach Deutschland zurückzukehren, und dann zweimal eins auf die Nase kriegt: in München kandidiert, und bereits vor einer Listennominierung allen Beteiligten insgeheime klar ist, dass eine erfolgreiche Kandidatur a priori ausgeschlossen ist; dann wenige Jahre später nach Berlin berufen wird und schließlich die Dinge dort laufen, wie sie es in unerwarteter (oder vielleicht auch nicht) Weise eben sind - dann ist alles das außerordentlich tragisch. Mancher wird sagen “Pech gehabt”, man kann es aber auch als Indiktator sehen für den Filmstandort Deutschland, für die Funktionsweise der Hochschulen, für eine Mentalität, die unter Studenten der Disziplin Film heute weit verbreitet ist, für den oberflächlichen Umgang mit dem Medium Film überhaupt. Richtig, es hängt nicht an Bitomsky, ob ein Student einen guten Film drehen kann. Richtig, wenn die Studenten mit ihm unzufrieden sind, sollen sie ihre Unzufriedenheit kundtun und ihn zum Rücktritt auffordern – richtig ist aber auch, dass er zu den wenigen gehört, deren theoretische und filmische Arbeit auch im Ausland wahrgenommen wurde und der einst mit Film etwas Neues versucht hat herzustellen und es damit einem zeitgenössischen Zuschauer oder Leser möglicherweise auch nicht immer einfach gemacht hat. Aber wenn man vielleicht mal ein bisschen genauer zuhören würde was so ein Mensch zu sagen hat, sich etwas Zeit nähme und die eigenen Positionen in Frage stellte, sich auf ihn einließe und diesem ganzen hysterischen Geschwurbel um Preise, Festivalteilnahmen, Referenzgelder und dem ganzen Aktualitätengeseiere einen Moment Einhalt geböte und sich auf sich selbst zurückwerfen, und den Eigennutz und die eigene Eitelkeit mal fahren ließe (ich kenne den Filmhochschulwahnsinn und seine ansteckenden Eigenschaften aus eigener Anschauung), wäre das alles vielleicht nicht passiert. Aus den Kommentaren wird nämlich nicht besonders viel klar (ich weiß eigentlich bis heute nicht, warum genau Bitomsky seinen Hut genommen hat und wer dafür wirklich verantwortlich ist) bis auf eines:
    die Studenten sind vor allem mit einer Sache beschäftigt gewesen und zwar sie selbst. Studenten dürfen sich gern ausgiebig um ihre Befindlichkeiten und ihr persönliches Fortkommen kümmern, aber ab und an ein wenig Größe und Bescheidenheit gegenüber jenem an den Tag zu legen, was man nicht gleich begreift oder gar erst Jahre später oder unter Umständen nie (auch das soll es geben), gehört eben auch dazu. Aber damit befindet sich die dffb in good company. Also, Welcome to the new world.

  • Till Kleinert, Pressesprecher, 22.03.2010 09:10

    Nachdem die Ernennung eines Pressesprechers durch die Studentenschaft der dffb weiter oben bereits hinlänglich belächelt wurde, möchte ich in meiner Funktion als ebendieser auf folgenden Artikel

    http://www.cargo-film.de/blog/2010/mar/22/geg...

    hinweisen, in dem die Gründe für den Streik der Studentenschaft näher erläutert werden.

    Im Zuge dessen möchte ich mich auch von der Ekkehard Knörer zugetragenen Polemik gegen Jan Schütte distanzieren. Diese wurde weder in Auftrag und Namen der Studentenschaft verfasst noch versendet.

  • Jean-Luc, 24.03.2010 18:15

    Was ist denn so schrecklich an Jan Schütte?
    "Drachenfutter", "Auf Wiedersehen Amerika" und vor allem "Winkelmanns Reisen" waren doch schöne Filme. So viele Filme dieser Qualität gibt es in Deutschland nicht. Vielleicht kennen seine Gegener diese Filme ja überhaupt nicht. Diese Filme haben doch nichts mit Sujets "aus der Literatur- und Theatergeschichte" zu tun. Und wenn sie Filmförderung (woher auch immer) bekommen haben, ist das sehr zu begrüßen.
    Nach diesen Filmen ist er allerdings aus meinem Blickfeld verschwunden. "Fette Welt" (Krausser-Verfilmung) ist tatsächlich nichts besonderes. Und jetzt macht er wohl vor allem Fernsehen. So ist es aber mit vielen gegangen, auch mit Dominik Graf.
    Schütte als "Produkt der Hamburger Filmförderung" zu bezeichnen, ist lächerlich, wenn man diese Filme sieht.
    Wenn es überhaupt ein "Produkt der Hamburger Filmförerung" gibt, dann wohl den bestens vernetzten aber furchtbar mediokren Hark Bohm.
    Der hat sie vermutlich sogar selber mitgestaltet.

  • Markus Santos, 27.03.2010 14:32

    Der Irrsinn dieses "Streiks" zeigt sich bereits, wenn man mal genauer hinschaut. Die eingangs genannten Filmbeispiele des "ästhetischen Widerstands" an der dffb weisen in der Mehrheit eine klassische Filmhochschulästhetik auf, von "ästhetischem Widerstand" kann gewiss nicht zu sprechen sein(von den letzten Filmen habe ich noch nie etwas gehört). Auf der anderen Seite sind die meisten Filme bereits vor einigen Jahren entstanden - teilweise übrigens mit Mitteln der Filmförderung und des Fernsehens. Im polemischen Niveau, wie hier eingangs diskutiert wurde, würde man eher von einem Niveau "Perspektive deutsches Kino" sprechen. Hier treffen wir auf den nächsten Widerspruch, der die dffb-Studenten gerade zur Lachnummer der (Film-)Nation werden lässt. Wie sollen denn ästhetisch anspruchsvolle Filme ohne Filmförderung entstehen können? Über die Kinokasse? Offenbar haben die dffb-Studenten noch nicht über den Tellerrand der Ausbildungsproduktionen hinaus geblickt. Allgemein scheint mir, dass die dffb-Studenten den Mund etwas voll nehmen. Ästhetisch anspruchsvolles Kino kam in den letzten 3-4 Jahren nämlich nicht vom Potsdamer Platz, sondern von den anderen Filmhochschulen. Ich spreche hier von Maren Ade, Burhan Qurbani, Robert Thalheim, Matthias Luthart etc. Von der dffb hört man nicht mehr viel, insbesondere was lange Abschlussfilme angeht.
    Und was die Diskussion um Jan Schütte und Sophie Maintigneux betrifft: Das lässt sich an Absurdität ja kaum noch überbieten. Wieso soll Schütte der dffb nicht gut tun? Seine Filme sind in der Tat Meisterwerke und haben ihre Auszeichnungen verdient. In Sophie Maintigneuxs Werdegang finde ich bis auf frühe (kurze) Begegnungen mit Rohmer und Godard wenig innovatives Kino. Ein Film mit Jan Schütte hat sie übrigens auch gedreht. Also was soll die Aufregung? Ich habe gehört, dass es keine offizielle Anzeichen gibt, dass Frau Maintigneux ihren Lehrauftrag nicht verlängert bekommen würde. Also was ist nun der Sinn dieses Streiks? Das Kuratorium finanziert nun Mal die dffb und fällt die tragenden Entscheidungen - in diesem Fall ganz klar eine richtige und für die Studenten zukunftsweisende. Dass Frau Maintigneux die dffb seit Jahren zentral prägt, will ich ebenfalls bezweifeln. Es scheint mir, dass hier gerade viel mit Emotionen gespielt wird. Der tiefe Sinn der Aktionen bleibt mir bisher verborgen und der Tanker "dffb" sinkt tiefer und tiefer. Wie die Studenten selbst bereits mittels eines Mary Poppins - Ausschnitts erkannt haben: Es muss ein Kindermädchen her.

  • Till Kleinert: dffb-Student, 08.04.2010 13:42

    Zum Vorredner Markus Santos:

    1. Die dffb-Studenten haben nie die Abschaffung der Filmförderung gefordert.

    2. Das schöne an der Mary-Poppins-Szene ist, dass sie es bezogen auf die dffb-Situation und darüber hinaus wirklich jedem erlaubt, sich mit seiner persönlichen Haltung in ihr wiedergespiegelt zu finden. Wer sich gern mit dem Hausherren und seinem Blick auf die naiven Forderungen der Kinder identifizieren mag, ist herzlich dazu eingeladen.

    3. Nicht das Kuratorium finanziert die dffb, sondern das Land Berlin. Das Kuratorium ist als Aufsichtsrat Bindeglied zwischen Geschäftsführung/Direktion der Schule und dem Land.

    4. Ästhetischer Widerstand findet vermutlich tatsächlich an jeder Filmschule in gleichem Maße statt, bzw. mehrheitlich eher nicht statt. Die dffb-Studenten besitzen die Frechheit, das zu beklagen.

    Eine kleine Utopie: Aufgabe einer Filmschule könnte es sein, die leider auch Filmstudenten eigene Angepasstheit, ihre Geradlinigkeit und ihren verständlichen Wunsch nach Erfolg und reibungslosem Vorankommen in bestehenden Strukturen nicht zu fördern, sondern vielmehr permanent in Frage zu stellen, ihren Blick möglichst oft und weit von ihrem eigenen schmalen Weg abzulenken und mit extremen Gegenpositionen zu konfrontieren, um damit bei ihnen ein echtes, nicht opportunes Nachdenken über ihre persönlichen Beweggründe und Möglichkeiten auszulösen. Dieses Nachdenken halte ich ehrlich gesagt für eine Grundvoraussetzung zur Ausbildung einer in irgendeiner Form interessanten Künstlerpersönlichkeit. Ich glaube immer noch, dass die Ausbildung interessanter Künstlerpersönlichkeiten primär Ziel und Leistung einer Filmschule sein sollte. Für diese Naivität lasse ich mich gern auslachen.

    Dieser hehre Anspruch lässt sich natürlich einerseits nicht innerhalb einer rein handwerklichen oder ergebnisorientierten Ausbildung verwirklichen und birgt andererseits die Gefahr, dass man am Ende tatsächlich erkennt, dass die filmwirtschaftlichen/-politischen Rahmenbedingungen, in die man entlassen wird, nicht für jede Form des künstlerischen Ausdrucks, nicht für jede vorstellbare kontroverse Idee aufgestellt sind. (Es wäre schlichtweg eine Lüge, zu behaupten, dass jeder Film, wenn er nur gut ist, in Deutschland momentan auch gefördert und produziert wird.) Sich dieser Erkenntnis zu stellen und sich von ihr nicht in die Knie zwingen zu lassen, sie vielmehr als Aufforderung zu erkennen, gegen die Rahmenbedingungen zu opponieren und sie im eigenen Sinne mit- und umzugestalten - aus solchen Konflikten könnte echter ästhetischer Widerstand entstehen.

    Nun ist es völlig unabhängig von einer persönlichen Einschätzung des Werks von Jan Schütte, Sophie Mantigneux oder (a propos 'Meisterwerke' bzw. 'ästhetischer Widerstand') Bela Tarr leider Tatsache, dass die richtungsweisenden Zukunftsvorstellungen für die dffb, die eben Jan Schütte bei der Vorstellungsrunde der Kandidaten vor den Studenten geäußert hat, mit dem Ziel einer früheren und stärkeren Orientierung und Platzierung der Studenten am Markt, sich mit meiner oben geäußerten Utopie eines 'ästhetischen Widerstands' nicht so recht vereinbaren lässt.

    Ich behalte mir weiterhin vor, diesen Widerspruch auszusprechen und finde das nicht vermessen, sondern im Sinne einer Diskussion über Filmemachen in Deutschland sogar notwendig. Vermessen finde ich dann doch eher die weder durch irgendeine Form der Innenansicht noch polemisch begründeten Zweifel an der Bedeutung Sophie Maintigneux' für die Ausbildung an der dffb.