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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

Thema/Reihe Magical History Tour
Container vom 22. Juni 2010 von Ekkehard Knörer

1918: Ernst Lubitsch, Ich möchte kein Mann sein
MHT 23.

 

Ossi Oswalda war ein Phänomen. Sie kam aus dem Nichts (Niederschönhausen), trug einen Künstlernamen (eigentlich hieß sie Oswalda Stäglich), mit dem frau zur femme fatale eher nicht prädestiniert ist. Und sie trug diesen Künstlernamen als Rollennamen mitten ins Zentrum der deutschen Filmwelt der späten Zehner- und ganzen Zwanziger Jahre. Mit dem Tonfilm kam, wie für so viele, sehr abrupt und irreversibel das Ende. Sie starb völlig verarmt 1947, da war sie erst fünfzig. Der Ruhm und die katapultartige Bewegung von den Rändern ins Zentrum der rasch erblühenden Weimarer-Republik-Filmwelt hatten viel mit Ernst Lubitsch zu tun, dessen leichter Berührung ("touch" sagt man auf Englisch) es einzig bedurfte, um den Drehkreisel Ossi Oswalda zum dem zu machen, was man heute noch Star nennt.


 
Das Rollenfach, in das Ossi Oswalda fand, war das der burschikosen Frauenfigur, der Frau also, die in Aussehen und Verhalten ins als männliche Vorgestellte tendiert. Exemplarisch ausgezirkelt wird der in den Weimarer Jahren dann nur noch zu variierende Genderkonstruktionsraum  exemplarisch bereits in der 1918 entstandenen Lubitsch/Oswalda-Produktion Ich möchte kein Mann sein. Im Verlauf der drei Akte macht Ossi Wandlungen durch, innere und äußere auch. Der Film nimmt dabei  in typisch ambiguitätsfreudiger Lubitsch-Manier nur sehr dünne Blätter vor den Mund, belässt im Endeffekt aber in Sachen Geschlechter- und Begehrensverwirrung den einen und anderen Stein auf dem anderen.


Die Ausgangssituation ist eine Beobachtung aus dem Fenster. Ossi, die Karten spielt. Auch raucht sie dabei. Und trinkt nicht wenig. Die Frau, die aus dem Fenster heraus Empörung zeigt, ist nicht ihre Mutter. (Sondern die Gouvernante; streng tut sie, selbst reichlich gaga ist sie.) Der Mann, den sie herbeiruft, ist nicht Ossis Vater. (Sondern ihr Onkel; der wird nicht lange gebraucht.) Dieser komischen Familie kommt, als der Onkel sich auf Seefahrt begibt, ein anderer, strengerer Mann ins Haus, ein Doktor gar. (Dr. Kersten. Später.) Die Seefahrt ist eine Gelegenheit, die sich ein Lubitsch, und wenn es die letzten Bilder vom Onkel sind, die wir sehen, niemals entgehen lässt. Kotzübel wird dem Mann auf dem Schiff, der Kamera, die ihn schaukelnd zeigt und also auch uns, denen von der Kamera hier was vorgeschaukelt wird.

Schaukeln

Ossi spielt Karten (mit Männern), sie raucht, sie trinkt, sie sitzt im Fenster und zieht, was immer sie tut, die Männer in Schwärmen an - was nicht heißen soll, dass ihr Treiben auf irgend etwas anderes zielte. Die Herren Studenten zum Beispiel bringen ihr von unten nach oben mit Stöcken eine Art Luftviolinen- und Lufttrompetenständchen und fressen ihr, à distance, aus der Hand.

Bild Ständchen/offene Münder

2 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Fabian Tietke, 25.06.2010 11:22

    Lustig, dass der Film hier wieder ausgegraben wird. Als ich den Film vor ein paar Jahren endlich mal auf Leinwand und nicht nur von DVD sah, war der Saal überrannt von Berliner und angereister Queer-Community. Ich hab das damals nur halb verstanden und verstehs ehrlich gesagt auch heute nur halb.
    Dennnoch: nachdem ich mich nun ein Jahr lang gegen Geld durch deutsche Filme aus NS-Zeiten geprügelt habe, sehr beachtlich, was zu Lubitschs frühen Jahren möglich war, erlaubt war und angeblich sogar einigermaßen erfolgreich...

  • Ekkehard, 25.06.2010 14:16

    Wundern muss es einen nicht, es ist ja in der Tat ein relativ ideologiefreier Umgang mit einer Ausgangslage, die schlimmere bis schlimmste Rekonventionalisierungen befürchten ließe. Andererseits ist natürlich eh klar, dass Lubitsch für eine anzügliche Pointe jederzeit seine schwullesbische Großmutter verkaufen würde.