• Cargo  
  • Abonnieren
  • Einzelheft bestellen
  • Back Issues
  • Verkaufsstellen
  • Jahresrating
  • Newsletter
  •   15. November 2018  





Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 39
vom 21. September 2018

CARGO 39 Cover, CARGO 38 Cover,

Thema/Reihe Magical History Tour
Container vom 19. Juni 2010 von Ekkehard Knörer

1916: Benjamin Christensen, Hævnens nat
MHT 21.

Ein Hausfilm, denkt man. Hat jemand je über Hausfilme geschrieben? Über Schauplatzbeschränkung, Invasionsängste, den meist unsichtbaren Grusel des meist eigenen Heims, von alltäglichsten bis zu paranormalen Aktivitäten? Ein Hausfilm, denkt man, denn in einem denkwürdigen Prolog sieht man den Schöpfer des Films, den Dänen Benjamin Christensen, der in der mir vorliegenden englischen Fassung allerdings Benjamin Christie heißt, und zwar sieht man ihn dabei, wie er in fürs Weitere durchaus nicht untypischem Chiaroscuro ein Hausmodell vorführt und dem vorgeführten Hausmodell das Dach lupft.  Invasion eines allwissenden Erzählers, der im folgenden souverän die Strippen zieht. Auch nicht untypisch ist, dass dann das Licht angeht. Häuser, in denen elektrische Beleuchtung an- und ausgeht, wobei der Lichtschalter allerdings gegen die Invasionen gar nichts vermag. (An/Aus, Innen/Außen: Hausfilmoppositionen.)

Aber auch die Rede vom Ziehen von Strippen ist nicht unschuldig im Zusammenhang dieses Films. Zwei Sorten Strippen rückt er wieder und wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Seile zum Fesseln und - im Zweifelsfall - Aufhängen; und jene deutlich neumodischeren Strippen, die Telefonkabel sind und als solche zwischenmenschliche Verbindungen herstellen. Vereinfacht gesagt: Wo der Strick droht, da naht das Rettende in Telefonkabelform. Dazu gleich mehr, auch im Bild, aber erst einmal vorsichtiges Einsammeln der Kolportageelemente, Versammlung des Romanhaften im Haus. 

Da ist, als Hauptfigur, ein etwas tumber starker Mann aus dem Zirkus. Man steckt ihn unschuldig in den Knast, wegen Mordes. Schuldig ist der Elefantenmann und am Ende holt ihn, in Form nicht zuletzt der Doppelbelichtung-Geistererscheinung, seine Schuld wieder ein. Der Film beginnt damit, dass der starke Mann aus dem Gefängnis entkommt. Er holt sich sein ihm weggenommenes Baby zurück (ein Junge, reines Requisit, keine Vorgeschichte), gerät durch den Schnee über ein baumreiches Grundstück ins Haus. (In eines der beiden Häuser: sie verdoppeln sich nämlich, später. Ein Doppelhausfilm.) Dies ist die Ausgangsinvasion. Eine Familie ist glücklich mit Freunden im Haus, man begibt sich zu Bett. Nacht, dunkel, starker Mann auf der Suche nach Nahrung fürs Kind. Dunkel und im Dunkel das einsame Licht einer Taschenlampe. Es geistert. 

 



Hinter der Tür Ann. Licht der Lampe durch Schlitz im Zimmer. Schlüssellochblick. Sie aber hat weise die Tür mit mehrfach geschlungenem Seil abgesperrt. Was nicht hilft, denn von außen dringt durchs Fenster der Fremde trotzdem herein. Dazu fährt die Kamera zurück aus dem Raum, zieht den Rahmen so weit auf, dass das Fenster ins Bild kommt und der Fremde vor dem Fenster, durch das er dann, von der Kamera schön gerahmt, eindringt. Er will nichts Böses. Die Frau geht in die Küche, wird mit der Flasche fürs Baby von den Männern überrascht. Die zücken Gewehre und nötigen die Frau, den Fremden zu verraten. Er kommt zur Tür raus und mit Seilen fängt man ihn ein. Er spricht, bevor man ihn wegschafft, ein Drohung aus: Er will Ann, die Verräterin, sobald er wieder in Freiheit ist, mit dem Seil aufknüpfen.

Schlüssellochblick, Invasionszoom:

Es lässt der Film vierzehn Jahre vergehen. Die Seilaufknüpfdrohung hallt nach, das lesen wir in einem Brief, den Ann ihrem Mann schreibt. John kommt dann frei. Man weiß nun, dass er den Mord nicht begangen hat. Man hat, liest der wahre Täter, der Elefantenmann, eine andere Spur. Sie führt zu ihm: Doppelbelichtung mit John im Knasthabit. (Einbildung.)

Alligatoren im Bild, eher nur einfach so. Außer man sagt, dass unter der Oberfläche des Films auf merkwürdige Weise immerzu Tiere rumoren, als hätte er ein Unbewusstes, das in Bildern immer wieder nach oben drängt und dringt. Später an merkwürdiger Stelle Hunde, ein ganzes Rudel, sie strömen, aus dem Keller befreit, nach oben, davon. Noch merkwürdiger eine Szene mit Äffchen, fürs Baby inszeniert, was man erst spät begreift, ebenso wie die Tatsache, dass das Äffchen ein Stofftier ist. Diese Tieren haben, anders als ein anderer Hund, der an dieser Stelle aber zu kompliziert wäre, auch nicht mehr Plotfunktion als die Alligatoren. Der Zirkusmann stürzt die Treppe hinunter, stirbt, das dauert ein wenig, und bekennt seine Schuld. Dieser recht konsequenzlose und hausfreie Seitenarm der Erzählung ist damit zu Ende.


Nun aber Doppelhaus. Der starke Mann erinnert, was er vergaß. Mit der Tücke des Verrückten - sagt die Schrifttafel -, und um genauer zu sein: per Telefon, lockt er Anns Mann aus dem Haus. Zuvor sehen wir, wie sehr Ann und der Mann sich lieben. Sie necken sich, sie jagen sich, sie liegen sich in den Armen und küssen sich, all das auf dem Weg ins Schlafzimmer, in das ihnen die Kamera, obwohl sie gern möchte (denkt man) dann doch nicht folgt. Der starke Mann fesselt (mit Seilen, versteht sich) den Mann. Er sperrt den Sohn, von dem er nicht weiß, dass es der seine ist, in den Schrank. Der Sohn wird durch ein Loch heraus armtätig. Befreit erst den Vater ein wenig und greift dann mit armverlängerndem Stock, genau, nach dem Telefon. Hier in Serie viel Rumtelefoniererei: Früher im Zirkus schon der Dirigent, der während des Dirigierens telefoniert (sic! Er dirigiert einfach weiter.) Später die Vermittlerin, das Kind, die Frau - alle, alle telefonieren sie, entweder nur des Ferngesprächs wegen, oder aber um Intrigen zu knüpfen oder in prekären Lagen nach Hilfe zu rufen:

Telefonieren

Schrank - Arm - Stock - Telefon

Binden, Verstricken



 
Mit dem Seil in der Hand, die ihn verrieten zu knüpfen, eilt der starke Mann von einem Haus nun zum andern. Wieder verschließt Ann Türen. Wieder dringt er außenrum ein. Auch sie greift zum Telefon, Hilfe zu rufen. Würgen, retten, schießen, zuletzt: der starke Mann entschläft nach erwiesener Unschuld im Kreis der Familie, die er nie hatte. Und danach ist


Kommentar hinzufügen