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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Anderes Kino
Container vom 14. Juli 2010 von Ekkehard Knörer

Surviving Auschwitz
Mit Gloria Gaynor.

Darf man in Auschwitz tanzen? Eine Disco auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in  Oswiecim musste vor zehn Jahren nach heftigen Protesten schließen. Nun aber sorgt dies hier weltweit für ziemliches Aufsehen:

Da wird unverkennbar in Auschwitz getanzt, unterm ikonischen “Arbeit macht frei”-Schriftzug noch dazu. Es läuft Musik, und sie ist alles andere als sakral: Gloria Gaynors Disco-Hit “I Will Survive”. Man sieht einen alten Mann mit einem T-Shirt, auf dem steht “Survivor”. Und man sieht jüngere Menschen, die tanzen, aber auch nicht gerade meisterlich, mit ihm. Nicht nur in Auschwitz, sondern auch in Teresienstadt und an anderen Orten.
 
Auf den ersten Blick ist das selbstverständlich frivol. Auf den zweiten verhält es sich so, dass der tanzende Mann tatsächlich ist, was das T-Shirt über ihn sagt: einer, der überlebt hat. Adolk Korman ist 89 und das Video hat seine Tochter, die Australierin Janet Korman gedreht. Einerseits gibt es Proteste jüdischer Organisationen und auch anderer Überlebender, die da, was man verstehen kann, keinen Spaß verstehen. Andererseits zitiert die Künstlerin ihren Vater mit dem Satz, es gelte das Überleben und das Weiterleben folgender Generationen zu feiern. Und also feiert er tanzend am Ort der Vernichtung.  Alyssa Rosenberg erinnert daran, dass Groucho Marx einst über dem Führerbunker, also quasi auf dem Grab Adolf Hitlers, Charleston getanzt hat.

Wer wollte einem Überlebenden verbieten, in Auschwitz den Nazis per Freudentanz mit Kindern und Enkeln eine Nase zu drehen? Und wer bezweifelte, dass die übliche Sakralisierung der Gedenkstätten ihre problematischen Seiten hat: Man liest das Video sicher nicht falsch als Kommentar zu den erwünschten und abgesicherten Formen des Umgangs mit dem Ort und dem dort Geschehenen. Was man im Video (es gibt noch Teil 2, aus Musikrechtegründen in Deutschland leider gesperrt, und Teil 3) sieht, ist eine mit Fleiß gesuchte Provokation. "'Nacht und Nebel' ist es nicht", kommentiert Scott Macauley im FilmmakerMagazine mit Bezug auf den Klassiker von Alain Resnais. In der Tat: Gerade kein Film, sondern ein Filmchen im Stil jener Youtube-Clips, die mit der Vorführung des Nichtgekonnten Hitrekorde erzielen. Paradoxerweise verleiht aber gerade das Unbeholfene der Sache einen ganz eigenen komischen Ernst. Man kann sich gemischter Gefühle beim Anblick des Videos also schwerlich erwehren. Es ist ein Akt der Trivialisierung und des sich ermächtigenden späten Triumphs über die Täter zugleich.


6 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Axel, 15.07.2010 10:18

    Leider ist das Video (Urheberrecht…?) nicht mehr zu sehen.
    Die beschriebene Ambivalenz sakralisieren/trivialisieren ist mir durchaus bekannt und auch unangenehm. Sobald man nämlich vor den Tatsachen "erschaudert/erstarrt", schleicht sich unweigerlich das ungute Gefühl der "Überhöhung, Mythologisierung", des Ungreifbaren ein. Auf der anderen Seite irritiert mich das Triviale (Tarantinos Film zum Beispiel) auch enorm, bzw. ich stell mir vor, wie so ein Film von "der Mehrheit" rezipiert wird und was für einen EInfluss er auf das historische Bewusstsein der Rezipienten hat. Wenn einige das als gerechtfertigte "Zertrümmerung/Dekonstruktion" verkrampfter/überhöhter "Vorstellungen" ansehn, dann frage ich mich, ob dem Guten da nicht zu viel getan wird, d.h. nicht bloß der Skalp der Täter genommen, sonder auch der Kopf des Zuschauers (historisches Bewusstsein) mit einem Schlag abgesäbelt wird…

  • Ekkehard, 15.07.2010 10:39

    Das war wohl zu befürchten, dass das runtergenommen wird. Die Rechte für "I Will Survive" wären sicher im Leben nicht finanzierbar. Irgendwo taucht es bestimmt schnell wieder auf, hier gibt es einen Bericht mit Ausschnitten: http://www.heraldsun.com.au/news/melbourne-fa...

    Zu Tarantino nur kurz noch einmal: Wer freie Bearbeitungen historischer Sachverhalte *per se* für problematisch hält, liefert sich für meine Begriffe einem Literalismus aus, der Historikern vielleicht gefällt, aber komplett kunstwidrig ist. Wie intelligent Tarantino das ingsgesamt und im Detail anstellt, ist dann eine andere Frage.

  • Ekkehard, 15.07.2010 10:47

    Hier ist's wieder, für den Moment: http://www.youtube.com/watch?v=sDQ7rTyKzBc

  • Axel, 15.07.2010 11:16

    Danke - konnte das Video jetzt sehen. Schon sehr irritierend die (Ambivalenz!) Bilder - vor allem jenes wo die Tänzer/Surivor aus dem Zug blicken (was natürlich am signifikanten Motiv liegt). Natürlich sollen sie das machen können - der Tarantino auch! Und natürlich wäre alles andere wider der Kunst. Mir gibt beides allerdings nichts und Tarantino ist ein Vollidiot. Den vielleicht interessantesten Film zum Thema finde ich übrigens AUFSCHUB von Harun Farocki.

  • Ekkehard, 15.07.2010 11:57

    Ach, wenn das so einfach wäre mit Tarantino. Ja, er ist ein Vollidiot, aber ein oft verdammt smarter, cleverer und brillanter Vollidiot mit einem unglaublichen Sinn für popkulturelle Feinheiten. Das wahre Elend sind seine Imitatoren und seine für die oft extreme Begrenztheit seines Horizonts blinden Verehrer.

  • kaim, 17.07.2010 11:51

    Extrem berührend, finde ich. Mir kommen jedesmal die Tränen.