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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Serie
Container vom 18. Januar 2010 von Ekkehard Knörer

Vorblende
Hybrid-Reißer: FlashForward.

Der Trick bei High-Concept-Projekten: Etwas ganz Unwahrscheinliches in zwei Sätzen vollständig begreifbar zu machen. Die im vergangenen Herbst bei ABC gestartete SciFi-Serie FlashForward stellt dies ihr Können, nicht nur darin an 24 geschult, mit den ersten Worten jeder einzelnen Folge nachdrücklich aus: "Am 6. Oktober verlor der Planet für zwei Minuten und 17 Sekunden das Bewusstsein. Die ganze Welt sah die Zukunft." Das ist in der Tat die ganze Prämisse. Alle (fast alle) werden für 137 Sekunden ohnmächtig, fallen um, sacken weg - und sehen in der Vision, die sie in dieser Zeit haben, die Zukunft. Sie ist genau datiert: es handelt sich um den 29. April 2010. Futurische Rückblende, ein kleiner Zeitschluckauf sozusagen.

Jedes gelungene High-Concept-Projekt muss in seiner minimalen Prämisse Erzählpotenziale ballen. In der Dichte dieser Prämisse liegt mithin ihre Qualität. Die Ausgangsidee von FlashForward erweist sich schnell als in dieser Hinsicht genial. Sie ist sozusagen die Potenzialität selbst, weil sie kurzerhand den Zeitpfeil - und damit das Fundament überhaupt des Erzählens - vielversprechend manipuliert. Es liegen die unterschiedlichsten Genre-Potenziale darin, die High-Concept-Prämisse als kleiner Atomreaktor, der - in den Händen hinreichend exploitativ gesinnter Macher - immerzu Energien unterschiedlicher Art entbindet. Zentral ist das Thriller-Moment. Die Mehrzahl der ProtagonistInnen: ein kleiner FBI-Trupp. Joseph Fiennes in ihrer Mitte, er hat in seiner Vision den Stand der Ermittlungen zur Frage nach den Ursachen des FlashForward-Zeit-Schluckaufs in Bruchstücken gesehen. Wie es in einer späteren Folge einmal heißt: "Sie orientieren Ihre Ermittlungen an dem, was Sie in der Zukunftsvision sahen?" Ja, genau, das ist es. Das Futur regiert immerzu in die Erzählgegenwart hinein. Und setzt nebenbei das Erzählen selbst unter Druck: Wie geht die von David S. Goyer und Brannon Braga entwickelte Serie mit dem Zulaufen aufs determinierte Ende ihrer Geschichte um?

Viele sterben im FlashForward-Moment. Die anderen setzt die Prämisse so oder so existenziell unter Druck. All jene etwa, die gar nichts sahen: Sie sind am 29. April mutmaßlich tot. Die Frau des zentralen Protagonisten sah sich in ihrer Vision in einer eheähnlichen Beziehung mit einem ihr zum FlashForward-Zeitpunkt komplett fremden Mann. Sie erzählt es dem Gatten - Zukunft macht hier möglicherweise Ehe kaputt. Sie übrigens arbeitet als Ärztin im Krankenhaus. Die Macher von FlashForward kennen da nichts: Die Serie ist 24, House, Lost, Heroes und was weiß ich noch in einem. Soap, Thriller, Krankenhaus, Science Fiction. Sie feuert aus allen Rohren: es wird geschossen, geheult, gerätselt, gerannt. Gedacht und gelacht. Nichts ist komplett neu, die Mischung ist's, die es macht. Und manchmal eine hinreißende Inszenierungs-Idee: Zu Björks "It's, oh, so quiet" kippt die Menschheit zur Seite und fährt ein Bus in den See.

ABC bietet einen recht happigen Teaser - die ersten achtzehn Minuten der Pilotfolge, hier:


5 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • thomas, 18.01.2010 09:29

    mein bei serieneinschätzungen meist recht verlässlicher kollege fand f.f. leider sehr enttäuschend: tolle prämisse, aber nicht recht genutzt. auch als adaption - die serie geht wohl auf einen roman (romanzyklus?) zurück - wohl nur mäßig gut. das hinderte mich bislang daran, im größeren umfang zeit zu investieren (zumal mich auch der pilot nicht recht erwischte).

    aber vielleicht hat ja jemand schon mehr erfahrung und möchte berichten? mal so in die runde gefragt...

  • Ekkehard Knörer, 18.01.2010 09:57

    Ich finde die Serie extremst unterhaltsam. Und mit der Prämisse machen sie für meine Begriffe bisher (sieben von bislang zehn Folgen gesehen; am Stück) sogar Supersachen. Gehen furchtlos in alle möglichen Richtungen gleichzeitig, mal ist das ganze spekulativ, mal soapig, mal rasend spannend. Wird nichts recht vertieft dabei, aber auf dieser flashigen Oberfläche lässt sich gut surfen. Den Roman kenne ich nicht, klingt aber nach etwas überernster Hard-SF. Damit hat FlashForward, die Serie, wenig zu tun, aber sie experimentieren, was mir viel besser gefällt, am offenen Herzen des Erzählens selbst. Sehr guter Musikgeschmack übrigens auch. Andererseits gebe ich zu, dass ich Zeitparadox-Sachen sowieso fast immer liebe, insofern ist das jedenfalls "right up my alley".

  • Andreas Bick, 18.01.2010 13:58

    Mich erinnerten die 10 Folgen etwas an Lost: international angelegter breitgefächerter Cast und immer wieder neu ausgelegte Handlungsfäden, die dann erst Folgen später wieder aufgenommen werden. Zuerst war ich vom Tempo und der visuellen Gestaltung ziemlich "geflashed", aber so gegen Ende stellte sich doch eine gewisse Ermüdung ein, viele Drehbuchideen erscheinen etwas erzwungen und ich hätte gerne einfach noch mehr über einige der Charaktere erfahren. Ich will noch nicht so viel verraten, aber in Folge 10 gibt es dann einen Twist in der Handlung, den ich einfach nicht plausibel fand. Aber es lässt sich - wie Ekkehard sagte - hervorragend auf der glitzernden Oberfläche surfen. Außerdem ließe sich auch schön über dieses "Auserwähltheitsgefühl" psychologisieren, das anscheinend nur amerikanische Filme und Serien in so einer Form kultivieren können: die ganze Menschheit hat einen Blackout und sieht für einen kurzen Moment die Zukunft, aber ein kleiner Haufen FBI-Agenten geht diesem weltumspannenden Phänomen auf den Grund. (Es sollen ja noch 14 weitere Folgen ab März geben, daher sind hier alle Urteile eigentlich verfrüht)

  • neuronal, 18.01.2010 15:57

    Ermüdung halte ich auch für das Schlüsselwort - die Prämisse ist verlockend (auch wenn ich von der Langlebigkeit nicht so überzeugt bin - irgendwann muss man doch am Flashpunkt ankommen?), aber nach fünf Jahren Lost und mit der 6.Staffel am Horizont ist mir in der 3. oder 4. Folge die Lust verlorengegangen, mich in noch ein komplexes Serienuniversum mit unzuverlässigem Zeitverlauf einzuarbeiten. (Ähnlich geht's mir mit Abrams' "Fringe")

    Zumal sie nach der Pilotfolge extrem das Tempo rausgenommen haben, und dieses Breittreten und Überladen mit Storylines halte ich für die Achillesferse amerikanischer Network-Serienproduktion. Lost hat ja auch enormen Verzögerungsfrust produziert, bis sie die Staffeln verkürzt haben. (Andererseits profitiert es natürlich jetzt vom angelegten symbolischen Vorrat, an dem sich ja wiederum Flash Forward selbst - etwas sinnlos - bedient hat.) Vielleicht ist es mehr was fürs binge watching als für den wöchentlichen Fix und ich setze nach dem Ende von "Lost" noch mal an.

  • Ekkehard Knörer, 19.01.2010 09:41

    So, jetzt bin ich durch mit den zehn Folgen. (Es geht dann nach längerer Pause am 18. März weiter auf ABC. Wegen recht rapide sinkender Einschaltquoten ist nicht ganz sicher, ob es eine zweite Staffel geben wird. Angelegt ist das Ganze, lese ich, auf gleich fünf Staffeln. Wie das zugehen soll, weiß ich auch nicht. Im April startet die Serie in Deutschland bei Pro Sieben.) Nach dem Wochenend-Binge kann ich das mit der Ermüdung schon ein wenig nachvollziehen. Das "Überladen mit Storylines" andererseits finde ich - obwohl ich natürlich auch die Reduktion liebe - eher toll. Ich staune da, wenn es gut gemacht ist, was so alles geht. Wie viele Bälle man so gleichzeitig in der Luft halten kann. Schnitt: jetzt Somalia. Nun: Hongkong. Voilà: Gefängnis in München. Eheprobleme. Nazigeschichten. Iranisches in Hongkong. Suppenküche in Tokio. Der Twist in Folge zehn ist halt so ein Twist, wie man sie aus "24" kennt. Man weiß ja immer schon auch, welche dramaturgische Funktion solche Sachen erfüllen. Wie man überhaupt die Frechheit der Setzungen immer schon mitgenießt als Fisch, der den Köder mit wissendem Lächeln schluckt. Ich jedenfalls bin so ein Fisch.