02. September 2010, Woche 35/2010        Blog
Print
CARGO Film/Medien/Kultur Magazin
  • Übersicht aktuell
  • Interviews und Features
  • Ratings
  • Blog

Aktuelle Ausgabe: CARGO Film/Medien/Kultur 06 vom 10. Juni 2010

  • Quicklinks:
  • Abonnement oder aktuelles Heft bestellen /
  • Jahresratings /
  • Newsletter /
  • Links
 

Anzeige    Werben auf www.cargo-film.de

Anzeige
  • Aktuelles Heft
  • Alle Ausgaben

CARGO 06/2009 Cover Marco Bellocchio

CARGO 06/2010 jetzt neu

  • Portofrei bestellen
  • Verkaufsstellen

  • Inhaltsverzeichnis von Heft 06/2009
  • Editorial


Käfige & andere Vögel

Nischenexistenzen.

03.02.2010, Ekkehard Knörer

Mein Glaube daran, dass in Frankreich in Sachen Cinephilie alles besser ist, war spätestens, seit ich die Zahlen zu Jacques Rivettes 36 Vues kannte, etwas gebrochen. In der Januar-Ausgabe der Cahiers du Cinéma ist nun nachzulesen, dass Bruno Dumonts großartiger jüngster Film Hadewijch (und ich hätte nach Flandres auch nicht gedacht, dass ich das Adjektiv "großartig" noch einmal mit Dumont in Verbindung bringen würde) an den Kassen katastrophal gefloppt ist. Mit den 22500 Zuschauern, die er nach drei Wochen - und da war er fast schon wieder aus den Kinos - gefunden hat, bewegt er sich ... naja, eigentlich bewegt er sich da gar nicht mehr. Und das bei einem Film, der eigentlich das Zeug gehabt hätte, heftige Debatten um Glaube, Liebe und Fundamentalismus auszulösen.

Die Cahiers haben bei den Produzenten des Films nachgefragt, wie sie sich die Zuschauerkatastrophe erklären. Neben Infrastrukturgründen (Saalpolitik der Großkinos, die aber auch Kunstkino buchen) sieht Jean Bréhat nicht zuletzt den Niedergang eines cinephilen Bewusstseins als Ursache. Ich bin bei Kulturpessimismus dieser Art immer skeptisch, zitiere dennoch in Übersetzung einen Teil seiner Erklärung. Was mich daran eigentlich interessiert, sind die Zahlen, die ich plausibel finde. Hierzulande ist die Cinephilie nie ein richtiger Breitensport gewesen, insofern darf man da jeweils noch deutlich tiefer ansetzen.

(Und hierzulande darf Bernd Eichinger, Produzentenlegende mit Cinephilister-Herz und leider beschränktem Verstand, Christian Petzold und Christoph Hochhäusler vorwerfen, sie machten es sich in "Goldenen Feuilletonkäfigen" gemütlich. Was er sich wünscht, sind natürlich nur nützliche Idioten, die ihre Ästhetik entkernen und den Eichinger-Dreck durch ihr Können veredeln.  Im aktuellen "Spiegel" kann man das, anlässlich einer von Lars-Olav Beier brav gelieferten Eichinger-Homestory zum Bushido-Film nachlesen. So, okay, Ende Wutanfall.)

Ich glaube, es ist vor allem ein Problem des Publikums. Es gibt kaum mehr Zuschauer für einen Film wie Hadewijch. Die Zahl der Cinephilen ist von 500 000 in den Sechziger Jahren auf etwa 50 000 heute geschrumpft. Das scheint mir doch ein Problem der Bildung zu sein. In der Schule, um uns herum: Niemand kämpft mehr für die Intelligenz. Heute gibt es keine Kino-Klubs mehr, keine Kinosendungen mehr im Fernsehen und wenn Arte mal einen Cassavetes zeigt, dann auf Franösisch. Das ist das, was ich als Nivellierung nach unten begreife.

15 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • goncourt, 03.02.2010 13:44

    Die Cinephilie der 60/70er ist doch auch im Zusammenhang größerer politischer Bewegungen zu verstehen: der Film als Ausdrucksform in der politischen Auseinandersetzung. Diese Funktion hat der Film heute nicht mehr so stark — jetzt ist die Frage, ob eine solche Entwicklung stärker vom Film oder von den politischen Diskursen her zu betrachten wäre, von der Produktion oder von der Rezeption her (lässt sich wahrscheinlich nicht so absolut sagen).

    Ist jetzt nur eine Facette an dem Ganzen, könnte aber, was die Reflexion von Filmen, die Erwartung an Filme angeht, die Fragestellung nochmal umformulieren: welche Bedürfnisse hat das Publikum an den Film, wie alltagsgegenwärtig ist Film als solcher für das Publikum (im Vergleich zu anderen Medien, vgl. Internet, oder Kinofilm vs. youtube-Video), wie "definiert" es sich überhaupt noch als Publikum "für Film" statt höchstens als Publikum "für den einen oder anderen Film"?

  • gHack, 03.02.2010 16:02

    Ja. So: Frenesi Gates in "Vineland".

  • malt, 03.02.2010 19:20

    Das ist ja alles richtig. Ich hab mich nur beim Lesen des Artikels in den Cahiers gefragt, ob sich nicht einer da mal gefragt hat, ob die bescheidenen Zahlen sich nicht vielleicht auch dem Filmtitel verdanken, von dem keine Sau weiß, wie man ihn ausspricht oder was er bedeutet.

  • Ekkehard, 03.02.2010 19:48

    Dafür ist aber das Poster so großartig - das macht den Namensmalus glatt wieder weg.
    http://www.ioncinema.com/old/images/user/news...

    (Andererseits haben schon ein paar Leute komisch geguckt, denen es - als Cover eines im Kino ausliegenden Begleitbüchleins - auf unserem Schuhschrank im Flur beim Betreten der Wohnung ins Gesicht sprang.)

  • Ekkehard, 03.02.2010 20:27

    Ich habe jetzt - angeregt durch Lukas - mal nachgesehen, wie die Zahlen für "Les Herbes Folles" aussehen, Alain Resnais' Meisterwerk, auf Platz 1 der Cahiers-Jahresliste 2009. Laut IMDB hatte der Film rund 400.000 Besucher. Klingt einerseits nach ziemlich viel, andererseits hat er angeblich 11 Millionen gekostet (das scheint mir die am wenigsten plausible Zahl hier) und nur 2,5 Millionen wieder eingespielt. Aber Resnais ist wahrscheinlich in jeder Hinsicht ein Sonderfall. Mit "On Connait la chanson" hatte er einen veritablen Riesenhit (mehr als 2,6 Millionen Zuschauer in Frankreich, 3,3 Millionen europaweit, sogar 135.000 in Deutschland). Die Nachfolger waren dann zwar jeweils deutlich unter 1 Million, aber in Frankreich zumindest ist er spätestens seit "On connait..." wieder (oder erstmals?) ein populärer Regisseur, der recht weit über ein traditionell cinephiles Publikum hinaus interessiert.

    Für solche Fälle immer sehr aufschlussreich ist übrigens die Lumiere Datenbank für europäische Besucherzahlen.
    http://lumiere.obs.coe.int/web/search/

    Für Bruno Dumont ergibt sich dabei ein insgesamt uneinheitliches Bild. "29 Palms" hatte auch schon nur 28.000 Besucher in Frankreich, "Flandres" immerhin 90.000. Das sollte man sich vielleicht wirklich mal etwas eingehender vornehmen, um zu haltbaren Behauptungen zu kommen.

  • Christoph Hochhäusler, 03.02.2010 22:45

    Ein paar (alte) Gedanken zum Thema Kassenerfolg:

    http://parallelfilm.blogspot.com/2006/10/klei...

    http://parallelfilm.blogspot.com/2006/10/klei...

  • Ekkehard, 04.02.2010 08:15

    Dazu noch ein Zitat aus dem aktuellen "Film Comment", in dem Kent Jones schreibt: "Ten years ago, Abel Ferrara mused that movies would just keep getting 'bigger and bigger and smaller and smaller.' He had no idea. The divide between big and small has become so great that they now effectively occupy two distinct realms. In another decade, the mingling of commerce and art will be a distant memory."

    Wahrscheinlich stimmt das. Wobei es sofort kompliziert wird. Denn die Klassiker wie Godard und Antonioni haben, so weit ich weiß, nie einen Erfolg beim Massenpublikum gehabt - und doch weit über den engen Kreis der Kenner, Experten und Fans hinaus den Diskurs der Kultur insgesamt beeinflusst. Ist das bei Jia Zhang-ke oder Apichatpong Weerasethakul (den wichtigsten Gegenwartsregisseuren laut "Film Comment"; ich würde nicht widersprechen, nur Lav Diaz hinzufügen) auch so? Wie haben sich die Grenzverläufe zwischen E und U, zwischen Hochkultur und Trivialkultur verändert? Wie verhalten sich, was sicher nicht die selbe Frage ist, Avantgarde und Pop zueinander? Oder anders: Welches sind bei genauer Betrachtung die Pole, auf die hin das auseinanderdriftet?

    Und ist vielleicht der Kreis der Cinephilen auch deshalb so viel kleiner geworden, weil der Horizont in den Ländern der Cinephilie in Wahrheit extrem euro- (und natürlich US-)zentrisch ist? Weil es keine "kritische Masse" gibt, die Lust hat, sich auf einen chinesischen, thailändischen oder philippinischen Filmemacher und die politischen, kulturellen Hintergründe jeweils einzulassen? Aber Rumänien ist uns offenbar auch nicht näher. Und "neue" französische Autoren wie Desplechin oder Assayas schaffen kaum noch den Sprung über die Landesgrenzen.

    Und andererseits: Wie ist der disconnect zu erklären, der dafür sorgt, dass Meisterwerke wie "Two Lovers" oder auch "Hurt Locker" heute nicht ansatzweise das Publikum finden, das sie vor zwanzig oder dreißig Jahren noch gefunden hätten? Da kommt die Erstwochenenden-Blockbuster-Saalbefüllungsstrategie der ganz Großen auf jeden Fall auch noch mit ins Spiel. Aber reicht das als Erklärung?

    Alles Fragen, auf die ich keine klare Antwort haben.

    @Christoph: Apropos "Film Comment". Ich war in dieser Monster-Umfrage zu Best-of-Nullerjahre ziemlich von Eugène Greens Antworten überrascht. Nicht nur hat er "Marseille" in seiner Top-Ten-Liste; unter "most interesting new filmmakers" nennt er auch Dich und Benjamin Heisenberg. In der Mehrzahl nehmen die Granden der globalen Film-Sophistication die "Berliner Schule" bislang, glaube ich, einfach (noch) nicht wahr. Was einen weiteren Punkt in den Blick rückt: Bei aller prinzipiellen Verfügbarkeit braucht es doch Moden, die durch Events wie Festivals vermutlich stärker noch als früher erzeugt werden. Es gibt da doch, sehr viel stärker, als man hoffen würde, einen starken Herdentrieb.

  • Christoph Hochhäusler, 04.02.2010 11:54

    Wir haben mal in der Hochschule ein bisschen KW (= Kommunikationswissenschaften) gehabt, und da ging es u.a. um Medienwirkungstheorien. Eine davon ist der „two-step-flow”, der besagt, dass jede Innovation Mittler braucht und bestimmte Positionen erst in der Übersetzung massenkompatibel werden. Dieses Avantgarde-Argument - also Godard, dessen Neuerungen über, zum Beispiel, Tarantino, massentauglich werden - deckt sich aber durchaus nicht immer mit der Empirie, die nämlich zeigt, dass die Eliten, die vermitteln sollen, vieles neue (noch) langsamer erkennen als „der Markt”. Fast bin ich geneigt zu denken, dass es Zufall ist, ob ästhetisch schlüssige Filme auch Erfolg haben. In jedem Falle wichtiger ist für die öffentliche Diskursmaschine, an die das Kino angeschlossen ist, dass Filme brauchbares Material im Sinne virulenter Fragen, Ängste, Ideologien organisieren. Nur deshalb geht die Verknüpfung mit großen Themen (RAF) oder Bestsellern so häufig auf. Die Frage ist, welche Konsequenzen man als Filmemacher ziehen sollte. Soll man / darf man (auf der Volksseele) Klavierspielen lernen?

  • Anne, 04.02.2010 19:24

    Vielen Dank für diesen Beitrag, der mir aus der Seele spricht, nachdem ich nach der Lektüre der Eichinger-Geschichte im Spiegel ebenfalls den Mund vor Staunen nicht mehr zubrachte angesichts der Tatsache, dass hier einem Produzenten auf vier Seiten meiner Meinung zu unkritisch gehuldigt wird, dessen neues Werk "Zeiten ändern dich" an grässlicher Klischeehaftigkeit nicht zu überbieten ist.

  • Ekkehard, 04.02.2010 20:06

    @Anne: Ich kenne Lars-Olav Beier nicht, ich kenne die Abläufe beim Spiegel nicht, kurzum: Ich weiß gar nichts. Aber ich frage mich: Wie geht das zu? Kommt man als Filmredakteur selbst auf die Idee zu einem solchen liebedienerischen Text? Oder ruft Eichinger mal kurz in der Chefredaktion an und der Chef lässt sich gleich zum Filmredakteur durchstellen? Oder ist das schon der schiere Automatismus: Redaktionskonferenz, Beier sagt "Bushido, Eichinger", Chef sagt: Klar, sowieso, vier Seiten, gerne, aber dann ist auch mal wieder gut für die nächsten Wochen mit langen Filmstrecken? (Beier: "Aber Chef - Berlinale, Roehler, Jud Suess!" Chef, selig erbebend: "Nazis auf der Berlinale? Natürlich, vier Seiten, was sag ich, fünf, möglicher Titel?")

    Soll heißen: Erfolg wird in der Rege schlicht gemacht. (Zufalls-Hits sind nicht auszuschließen, aber man unternimmt viel dagegen, dass es dazu kommt.) Und gemacht werden Erfolge mit ganz viel Werbe-Kohle und einer freundlichen "Kritik" zu PR-Bildmaterial am Ende des Heute-Journals und Einfluss und organisiertem Medienwind und generell Druck auf den Markt. Auf ganz kurzen Wegen, mit ganz schnellen Anrufen. Dieses Heulsusen-Getue von Eichinger ist vor diesem Hintergrund lächerlich: Ein Eichinger-Film muss schon wahnsinnig schlecht und/oder dermaßen abseits des Zeitgeists sein, damit so ein konzertierter Marktfeldzug mal nicht reüssiert. Die Filmförderung schiebt als Ausfallrisiko diesen ganzen deutschen Möchtegernindustriellen doch ohnehin das gute Steuergeld zu.

    Deshalb: Klavierspielen, gut und schön. Aber es müssen die richtigen Leute auch die Türen aufmachen und die Verstärker aufstellen, damit die Musik überhaupt irgendwohin und gar in die Volksseele dringt. Mal abgesehen davon, dass man an so ein Klavier schon gar nicht so leicht rankommt.

  • thomas, 04.02.2010 22:42

    "Ist das bei Jia Zhang-ke oder Apichatpong Weerasethakul ... auch so?"

    Nein.

    Und Godard nach meinem Verständnis, zumindest mittel- bis langfristig, mit ein, zwei Filmen. Es gibt halt "Außer Atem", den man irgendwie diffus gesehen haben muss. Auch wenn sie nicht repräsentativ ist, so ist diese Standard-Szene in der Videothek, in der ich arbeite, doch bezeichnend:

    Studentisch aussehendes Pärchen: "Habt Ihr auch was von Jean-Luc Godard?"

    Ich so: "Klar, kommt mal mit, ich zeig' Euch das Regal." (Anm.: Wir haben weiß Gott nicht alle Godard-Filme. Aber gut eine Elle ist die Sektion schon lang.)

    Pärchen verweilt eine Weile davor. Mitunter sichtlich erschlagen aus der Wäsche schauend.

    Kommt zurück: "Ja, Außer Atem dann bitte."

    Natürlich werden, wenigstens sehr gelegentlich, auch die anderen Filme geliehen. Aber die dann doch von "Spezialisten" oder überdurchschnittlich filminteressierten Menschen. Es entsteht offenbar auch gar kein nennenswerter Bedarf, ausgehend von "Außer Atem", weitere Godard-Filme zu sehen. Die Verleihzahlen dieses Films im Vergleich mit denen seiner anderen Filme liegen denkbar weit auseinander.

    Woran das liegt - schwer zu beurteilen. Es mag an einer gewissen "diskursiven Aufgehobenheit" liegen. So blöd das auch eigentlich klingt. Filme wie die frühen von Kim Ki-Duk etwa, die auch alles andere als unherausfordernd sind, verliehen sich zum Beispiel eine ganze Weile wie geschnitten Brot. Auch Ulrich Seidl, nach dessen Filmen einem nun wirklich nicht "feel good" zumute ist, wird ungeheuer gern geliehen. Das sind aber eben auch Filme (oder besser: Namen), die sich langsam, aber sicher "einmassiert" haben. Wenn man sich damit befasst, nimmt man Teil an einer gewissen Form von Öffentlichkeit - was, kommunikationswissenschaftlich besehen, vielleicht auch ein Modell sein könnte. Wenn ich hingegen einen Film von Apichatpong empfehlen will, muss ich hingegen minutenlang ausholen und den Regisseur überhaupt erst irgendwie umschreiben und verorten, vor allem aber gewinne ich beim Gegenüber - häufig, nicht immer - den Eindruck, da keine entscheidenden Trigger zu drücken. Einen Film zu sehen wird zu einer Frage des "Was bringt es mir?" - es wollen ja auch wahnsinnig viele Leute "nicht so einen Trash" sehen (obwohl "so ein Trash" häufig vielleicht, und gegen das Wissen seiner Macher, viel klüger sein mag als das qualitativ hoch hingeschmierte Eichingerprodukt zwanzig Zentimeter weiter).

    Was sind Ursachen? Ich könnte mir gut vorstellen, auch wenn das abgehangen klingt, dass es mit einer Explosion der Medienkanäle zu tun hat. Bei drei, maximal vier Fernsehkanälen mit "Grundversorgung" bildet sich Kino am Rande des Mainstreams und darüber hinaus besser ab, als bei 50 Kanälen, 500 Zeitschriften, 30 YouTube-Klonen und 2456 abonnierten RSS-Feeds. Und ich glaube, früher, als Kino noch eine Hauptoption im Amüsierbetrieb war, ging man auch viel häufiger ins Kino um ins Kino zu gehen - mal sehen, was läuft. Und wenn man die Räuberpistolen in Saal 1-3 in den letzten 2 Wochen schon gesehen hat, geht man eben in Saal 4, wo dann vielleicht ein Autorenfilm lief. Diese Form des Kinogehens gibt es heute ja auch nicht mehr - dafür aber ein explosionsartig gewachsenes Segment "Freizeit- und Amüsierindustrie".

    Was ich daran immer wieder am Erstaunlichsten finde: Es ist ja keineswegs so, dass es ein "Weniger" gäbe. Wer heute ein "anspruchsvolles" Fernsehmenü zusammenstellen will, hat heute wesentlich reichere Auswahlmöglichkeiten (vom Netz ganz zu schweigen) - kein Vergleich mit der Drei-Sender-Zeit. Zugleich scheint mir diese Explosion der Spezialisierung aber auch damit einherzugehen, dass die Nischen nicht mehr beieinander vorbeischauen: Der eitle Intellektuelle wendet sich von Big Brother ebenso konsequent ab, wie der auf seine Bildungsferne stolze Unterschichtler von vornherein gar nicht erst überlegen muss, ob er z.B. auch etwas auf arte oder 3sat ansehen könnte.

    (Auf der anderen Seite, weil es hier ja um Zuschauerzahlen ursprünglich auch ging, frage ich mich immer mehr: Wieso diese Fixierung auf so einen doch wirklich sehr schwerfälligen Medienapparat wie das Kino? Extrem hohe Marktzutrittskosten bei gleichzeitig extrem niedriger Streuweite (mal so ganz PR-talky kommunikationswissenschaftlich gesprochen). Gibt es und was wäre eine Alternative? Benötigen wir eine Klassik des Internetvideos und wäre damit gutes Kino rettbar?)

  • Ekkehard, 05.02.2010 08:53

    Andrew Bujalski im lesenswerten Interview bei den Auteurs:

    "Why aren't as many people going to see Beeswax as are going to see Avatar? Of course it doesn't make sense to me: I don't share the worldview that would produce that mass opinion. I'm up against that every day."
    http://www.theauteurs.com/notebook/posts/1411

    Das sollte man sicher nicht unterschätzen: Manche "Weltsichten" lassen sich bei allem Aufwand an Werbung und Geld einem breiten Publikum nicht vermitteln. Das Rätsel ist ja fast eher, wie es kommt, dass (ästhetisch und anders) eigentlich sehr minoritäre Weltsichten sich mit dem, was dann so "Zeitgeist" heißt, synchronisieren. Und sei es nur für einen weltgeschichtlichen Moment, siehe im Fall Godards bei "Außer Atem" (und vielleicht noch zwei, drei weiteren Filmen). Warum Wong Kar-Wei, aber nicht Hong Sang-soo? Warum Ulrich Seidl, aber nicht Jessica Hausner? Im Einzelfall glaubt man es zu begreifen. Aber insgesamt ist es doch gottverdammt rätselhaft.

  • Thorsten, 05.02.2010 10:15

    Die Szene mit dem Pärchen vor dem Godard-Regal hätte sich doch auch schon vor 40 Jahren genau so abspielen können, oder? Wenn ich mich nicht irre, wurden die weitaus meisten seiner Filme zu ihrer Zeit nicht gerade ständig bejubelt, auch von der Kritik nicht. Hatte Godards 2 oder 3 Dinge damals in Deutschland mehr Zuschauer als, sagen wir, Petzolds Jerichow heute? (kann man das irgendwo rausfinden?)

    Außer Atem und wenige andere waren Hits, ja, und das sind sie heute noch. Das scheinen mir jeweils aber auch stets die leichter konsumierbaren gewesen zu sein. Außer Atem hat zwar Jumpcuts, aber es gibt immerhin ein Mädchen und eine Pistole. Die gibt es bei diesem, äh, fernöstlichen Filmemacher mit dem komischen Namen nicht.

    Mir scheint ein Vergleich zur Literatur interessant: Klar verkauft sich Brown besser als Treichel, aber wie der Erfolg von Foster Wallace zeigt, ist das Publikum im Lesesessel eher zu Anstrengungen bereit als im Kino. Weil sie mit literarischen Techniken mehr vertraut sind als mit filmischen? Weil sie von einem mehrere Sinne gleichzeitig ansprechenden Medium mehr Attraktion erwarten als mit dem reduzierten Stil der aktuellen Filmkunst geboten wird? Keine Ahnung.

  • Anne, 05.02.2010 19:32

    Mainstream regiert im Spiegel. Wahrscheinlich werden demnächst noch Eichingers Verdienste um die Aufarbeitung deutscher Geschichte mit dem "Baader Meinhof Komplex" und "Der Untergang" gewürdigt. Noch schlimmer schaut es in der ARD aus. Gern hätte ich gestern wenigstens den Hauch einer Widerrede von Harald-Schmidt in seiner Sendung gehört, wenn Til Schweiger fröhlich verkündet, wieso er für teuer Geld Vorführungen für Pressefuzzis machen solle, die seinen Film scheiße fänden. Previews dienen also lediglich der Fabrikation positiver Kritiken. Gute Nacht, Diskurs! Aber in einem Land, in dem alles zu Tode synchronisiert wird, ist es mit der Cinephilie nicht weit her. Tatsächlich kann man im urbanenen Raum jenseits von Berlin, Hamburg und München kaum aktuelle Filme in der Originalsprache anschauen. Das Bréhat-Zitat finde ich grandios, da es gerade diese Problematik aufgreift, denn was gibt es Absurderes, als einen Film zu übersetzen und damit einen Teil seines Ausdrucks totzuschlagen wie eine lästige Fliege? Ach ja, ihm einen dämlichen Titel wie "Zeiten ändern dich" zu verpassen.

  • Jean-Luc, 10.02.2010 18:25

    In Deutschland zählt ein Film beim gebildeten, kulturinteressierten Publikum doch meistens nur dann, wenn entweder ein bekanntes Buch verfilmt wird, eine historische Begebenheit oder Persönlichkeit bebildert wird.
    Typisch fand ich, wie Herr Schirrmacher in der FAZ vor einigen Jahren die beiden läppischen Filme "Speer und Er" sowie "Der Untergang" unangemessen breit würdigte, weil angeblich zum ersten Mal(?) im deutschen Kino Hitler als Hauptfigur vorkäme. Na und ?




© Cargo Verlag GbR 2008-2010 / Impressum / Anzeigen, Mediadaten / RSS / Hosting: classlibrary.net / www.cargo-film.de is a Django powered site.
    ISSN 1867-8750 (Website) ISSN 1867-8742 (Print)