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CARGO Film/Medien/Kultur 13
vom 15. März 2012

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Thema/Reihe Geld schläft nie
Container vom 18. Dezember 2010 von Simon Rothöhler

Oikodizee
Des hommes et du capital.

«Darum mag es gerechtfertigt erscheinen, im Kern dieser Auseinandersetzungen und im diskursiven Passepartout finanzökonomischer Krisen eine Wiederkehr von gewissen Problemlagen zu erkennen, denen sich nur ältere Versuche der Theodizee ähnlich systematisch stellen mussten. Sofern nämlich kapitalistische Ökonomie Schicksal geworden ist, sofern Gewinnerwartung und ökonomisches Wachstum zur Hoffnung auf einen Restbestand an irdischer Providenz gehören, kann auch moderne Finanztheorie der Rätselfrage nicht ausweichen, ob und wie scheinbare Irregularitäten und Anomalien mit einer vernünftigen Einrichtung ihres Systems korrespondieren, welche Ereignisse mit welchen anderen Ereignissen gemeinsam möglich und kompossibel erscheinen, ob, wie und welche Gesetzmäßigkeiten sich darin artikulieren und wie die bestehende ökonomische Welt die beste aller möglichen sein kann.

(...)

Wie einmal das Erdbeben in Lissabon aus dem Jahr 1755 die Grundlagen neuzeitlicher Theodizeen erschütterte, so geht es auch angesichts der Finanzbeben der letzten zwanzig Jahre umd das wissenschaftliche Format ökonomischen Wissens. Es geht um nicht weniger als um die Geltung, die Möglichkeit und die Haltbarkeit einer liberalen oder kapitalistischen Oikodizee: um die Frage nach der Konsistenz jener ökonomischen Glaubenssätze, für welche die Zweckwidrigkeiten, Übel und Pannen im System mit dessen weiser Einrichtung vereinbar erscheinen; oder eben nicht.»

(aus: Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, Diaphanes 2010, S. 27ff.)

P.S. Geld schläft nie


4 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Bert, 19.12.2010 09:52

    Interessant, aber auch seltsam, dass Vogl sich diesen Begriff auflädt: Denn wer könnte denn das Subjekt einer solchen Oikodizee sein? Ein Super-Leibniz, der nachweist, dass die unsichtbare Hand zittert? Oder ein Epi-Marx, der die historischen Gesetzlichkeiten auf den neuesten Stand bringt? Oder doch nur wir alle, die wir Teilnehmer und Beobachter zugleich sind, und durch Erfolg oder Verarmung, Spekulation oder Kritik "Recht" sprechen über das, was uns in der Selbsterhaltung unweigerlich verbindet? Wenn Vogl darauf hinaus will, dass das wissenschaftliche Format ökonomischen Wissens aus dem Systemdenken herkommt, das in den Theodizeen einen wesentlichen Ausdruck gefunden hätte, macht er uns dadurch zu "Theologen" unserer Sparbücher oder unseres Dispos? Oder will er nur die Religionskritik wiederbeleben?

  • Ekkehard, 28.12.2010 11:57

    Ich komme ein bisschen late to the party, aber was soll's. Ich find das auch hochgradig seltsam. Gerade die Ökonomie scheint mir doch längst von allen ernstzunehmenden Seiten von jedem Restverdacht auf quasigöttliche Endvernunft befreit und komplett auf die Idee einer Kontingenz umgestellt, in der die Sachen systematisch so lange gutgehen, bis sie nicht mehr gutgehen, was dann aber auch kein Fehler des Systems ist, sondern ein systemischer Fehler, der sich mit etwas Glück und Peer Steinbrück wieder ausbügelt, bis zum nächsten Mal, bis dann eines Tages halt wirklich mal nicht.

    Es scheint mir nachgerade reaktionär, da jetzt mit so einem theologisch inspirierten Oikodizee-Quatsch hinterm Berg vorzukommen, als wär nicht auch und gerade das fake-theologumenon der "unsichtbaren Hand" längst komplett auf höchst diffizile mathematische Modelle umgestellt, die ihr Aufgehen und ihre Beschreibungs- und Prognosepotenz im besten (oder schlechtesten) Fall erfolgreich simulieren. Und im schlechteren (oder besseren) Fall nicht, aber das ist dann auch eher egal angesichts des fröhlichen Weiterprozessierens ökonomischer Systeme. Aber gut, wir haben sie alle so geliebt, unsere Theologie, Sam Weber hantiert ja auch mit mancherlei Unfug dieser Art.

  • simon rothöhler, 28.12.2010 12:21

    holzweg. vogl geht es, soweit ich da bisher hineingelesen habe, um eine (meta-/kultur-)theorie des ökonomischen wissens, der "gespenster", die in den wirtschaftswissenschaften seit dem achtzehnten jahrhundert unterwegs sind, in der ein oder anderen form heute immer noch gelehrt werden und anwendungshorizonte abstecken. unvernunft, die sich als ökonomische rationalität ausweist. vogl ist kein neo-(geld)theologe, sondern der ghostbuster - who u gonna call? terrified beyond the capacity for rational thought: http://www.youtube.com/watch?v=d-sALU_hveA&fe...

  • Ekkehard, 29.12.2010 08:20

    Okay, ich kenne ja nur die beiden Zitate. Dann stehe ich auf Vogls Seite und kucke mit ihm auf die Gespenster, die er ruft und bannt.