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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 38
vom 22. Juni 2018

CARGO 38 Cover, CARGO 37 Cover,

Film
Container vom 11. Dezember 2010 von Simon Rothöhler

Wir sind bei uns zuhaus
FHvD

«Sehen Sie sich den Widerstand gegen Hitler an - in dieser Gruppe gab es natürlich auch viele sogenannte Bürgerliche, aber eben doch überproportional viele Adlige. Und das hat nichts damit zu tun, dass Adlige per se anständig wären, sondern dass sie einfach wissen, wie sie geprägt wurden, welche Werte und Maßstäbe in ihren Familien seit Generationen gelten.» (S. 62)

6 Seiten hatte das Magazin der Süddeutschen Zeitung gestern für ein großaufgemachtes Interview mit Florian Henckel von Donnersmarck reserviert, in dem sich der Regisseur eine Blöße nach der anderen gibt. Vielleicht hätte es SZ-Redakteur Max Fellmann in Passagen wie der oben zitierten geholfen, wenn er zur Vorbereitung auf ein Gespräch über den «Ehrenkodex» des deutschen Adels mal einen Blick in Stephan Malinowskis Studie Vom König zum Führer (Akademie Verlag 2003) geworfen hätte. Andererseits ist es natürlich faszinierend, wie ungebrochen sich hier ein Standesbewusstsein nicht nur artikuliert, sondern auch recht deutlich der Selbstdesavouierung zuführt. Widerworte sind bei allein schon von der Wortwahl her bezeichnenden Anekdoten übers Anständiggebliebensein einer gesellschaftlichen Schicht und adoptierte Neffen, die niemals ein echter Donnersmarck werden können («Die Donnersmarcks sind ja die Erben Goethes»), vielleicht gar nicht unbedingt nötig. Was da alles an «deutscher Semantik» (Dirk Baecker) in FHvDs Oberstübchen abgeht («Wie deutsch ich bin, habe ich erst in Los Angeles gemerkt»), lässt an einen nicht nur touristischen Schlüsselsatz aus Karmakars Manila denken («Ein Deutscher im Ausland ist immer eine kleine offene Wunde») - oder eben gleich an Elfriede Jelineks Wolken.Heim-Paraphrasen:

«So zu fahren, das macht uns einzigartig. Da können sich noch so viele Schienen überkreuzen, wir liegen übersichtlich vor uns und den anderen Wanderen, gute, markierte Wege. Jetzt sind wir zuhaus und erheben uns ruhig.»


9 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Ekkehard, 11.12.2010 13:20

    Ich will mir über diese aufgeblasene Null überhaupt keine Gedanken machen müssen. Der eigentliche Tort ist, dass die Welt mich nicht lässt. Außer ich sperr den Fernseher und die Zeitungen und das Netz zu und mich ein. Bliebe das Sauwetter draußen als vergleichsweise freundlicher Anblick.

  • Denis K., 11.12.2010 15:26

    Als Florian damals zu seinem Oscar-gekrönten Filmschatz in einer dieser 3nach9 Sendungen im Interview gefragt wurde, ob denn nun das deutsche bzw. bayrische Kino wieder eine Bedeutung hätte, hieß es aus seinem salomonischen Munde: "MEINE FAMILIE hat schon seit 500 Jahren Bedeutung!" (so ungefähr)
    Ach wenn man doch nur Ambosse bestellen könnte, die vom Himmel fallen...

  • thomas, 11.12.2010 17:18

    es ist eh seltsam, mit was der mann in interviews gerade durchkommt. kommt es keinem seltsam vor, dass zwischen seinem vorherigem und diesem film fast 5 jahre liegen, er aber in interviews locker behauptet, in hollywood eine wohnadresse zu haben bedeutet ein besserer regisseur zu werden, während derzeit fast die gesamte kritikerschaft ob seines neuen werks die hände über dem kopf zusammenschlägt, ganz einfach auch, weil sein film auch handwerklich, naja, eher untere kante ist? dass er schwadroniert und erzählt, wie supertoll das in hollywood doch alles ist, mit wem er dort auf "du" ist, wieviele drölf millionen stoffe er durchgearbeitet hat, er dann aber nur ein europudding-movie vorlegt, dessen look hollywood eben gerade nicht ist? dass es auch ein bissl befremdlich nach "jetzt muss aber endlich mal was kommen" wirkt, wenn er nach vier jahren hektisch einen film runterdreht, weil johnny depp gerade zwischen zwei produktion steht und er ansonsten nicht dabei sein kann?

    und trotzdem ist die type "unser mann in hollywood"? was läuft denn da an wunschdenk-fantasien schief, dass man das wahre bild nicht sieht?

  • Ekkehard, 11.12.2010 18:38

    Fairerweise muss man dazusagen, dass Lars-Olav Beier im Spiegel doch nur von einem "Genieverdacht" geschrieben hat. Irgendwie schwant Beier, der vor langer Zeit übrigens mal ein Filmkritiker war, vielleicht doch was. </sarkasmus-modus>

  • goncourt, 11.12.2010 23:07

    Der Name Donnersmarck ist doch nichts gegen den Namen <a href="http://www.genealogie-mittelalter.de/visconti/familie_der_visconti.html">Visconti…</a>

  • Gregor, 11.12.2010 23:51

    In diesem Zusammenhang auch interessant: Das Interview mit Nora von Waldstätten, ebenfalls zum Thema Adel, in der SZ vor einigen Wochen, vielleicht noch etwas schlichter als Herr Von Donnersmarck , falls das möglich ist, mit Zitaten wie diesen: "Man erbt Biedermeiermöbel von seinen Großeltern. Dann steht man in der Pflicht, diese auch zu hegen und zu pflegen, um sie dann irgendwann weiter zu vererben. Man muss sich erst der zugeteilten Ehre erweisen, bevor man sich ihrer sicher sein kann. Nicht die Theorie ist entscheidend, sondern das gelebte Leben. Ich würde zum Beispiel nie ein Wasserglas einfach so auf einen Holztisch abstellen. Zu groß wäre meine Sorge, dass es einen Ring hinterlassen würde."

  • kaim, 12.12.2010 13:15

    @Gregor: Sehe da keine Schlichtheit, im Gegenteil. Waldstätten bringt sehr schön die Zwänge und absurden Prägungen einer adeligen/großbürgerlichen Erziehung auf den Punkt.

    Was den Donnersmarck betrifft, kann man ihm bei aller Schlichtheit (wobei ich nicht mal sicher bin, ob der Begriff passt) einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen. Und dass ein "deutscher Star" mal nicht nett und freundlich und demütig sondern ganz selbstverständlich selbstgefällig und arrogant ist (egal ob begründet oder nicht), hat auch was. Besser passen würds natürlich, wenn sein Filme gut wären.

  • Denis K., 12.12.2010 20:03

    @ kaim

    Also "Unterhaltungswert" kann ich bei diesem dummschwätzenden Stangenpudel wirklich keinen erkennen.
    Arroganz hab ich gern, aber dann bitte nur "von außen herein" anstatt von "oben herab".

  • jumbo, 16.12.2010 22:19

    Der Vollständigkeit halber nachgereicht: Für die, die in den Clip erst zu Babybel eingestiegen sind oder denen die Moderation zu den Spirit Awards entgangen ist. Hier übersetzt Sarah Silverman Florian Henckel von Donnersmack.

    http://www.youtube.com/watch?v=ivSvkLc4WAo#t=...