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Neue Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Film
Container vom 29. April 2010 von Ekkehard Knörer

Pro Dutschke
Haltungsfragen.

Krohmer, Nocke: Dutschke

Kaum jemand hat ihn gesehen, aber Dutschke von Stefan Krohmer und Daniel Nocke, der am Dienstag gegen die Bayern antrat, war gar nicht schlecht, war mit ziemlicher Sicherheit die beste aller teamworx-Produktionen, wozu jetzt allerdings nicht viel gehört. Eine Dokufiktion, aber Film nutzt das dokufiktionale Format nur auf den ersten Blick ganz ähnlich wie Breloer. Anders als Breloer, der die Spielszenen und die Talking Heads einander tendenziell stützen und auf eine einzige Wahrheitsversion zielen lässt, bringt Krohmer die Interviews untereinander und dann auch die Spielszenenbilder noch einmal in andere als einheitliche Stellung zueinander.

Es wird nie kriegerisch, was erstens daran liegt, dass Gaston Salvatore und Bernd Rabehl nicht direkt aufeinander losgelassen werden; wie Rabehl, die rechte Sau, Salvatore immer nur als Chauffeur tituliert, hat etwas auf Dauer freilich fast erheiternd Absurdes. Es liegt aber überhaupt eine Sanftheit über dem Film, die zum Gegenstand (Leidenschaft, Glaube, Hass, Mord und Totschlag) auf den ersten Blick gar nicht passen will. Diese Sanftheit ist Krohmers und Nockes Eigenart, nicht nur in diesem Film, und ich muss sagen, dass ich sie grundsätzlich mag. Vielleicht eine Spur zu hippiesk in der Haltung fürs studentenbewegte deutsche Volk; es ist aber doch immer auch eine Klarheit im Blick, im Gegeneinanderschneiden der Positionen, eine Klarheit, die durchaus etwas mit dem Aushalten von Widerspruch zu tun hat. Eine Rücknahme eher als der Verzicht auf einen eigenen Standpunkt. Krohmer und Nocke wählen eine Form von kluger Zurückhaltung, vor deren Hintergrund die Figuren umso deutlicher agieren. 

Das gilt nicht nur auf der Ebene der Gesamtkomposition. Auch die Schauspielerführung funktioniert ähnlich; nie wird outriert, stets eher nur hingestellt als mit dem Hinstellen gleich noch etwas behauptet. Irgendwo zwischen behaupteter So-war's-Wirklichkeit und Verfremdungseffekt: in dieser Mitte liegt stets die Krohmer-Ästhetik, einer Mitte also auch zwischen, sagen wir, Nico Hofmann und Berliner Schule und weil die Mitte immer, aber nicht immer zu recht, als uncool gilt (dabei ist sie oft das, was am schwersten auszuhalten ist und von wo man dann doch am nächsten an widerstreitenden Positionen steht), gelten Krohmer und Nocke oft nicht recht viel.

Die Mittelposition, die Dutschke (der Film) impliziert, ist nicht nur eine der Offenheit für verschiedene Seiten. Sie verhält sich etwa auch zur Haltung eines Claudius Seidl, der als talking head ein paar Mal zu Wort kommt, diametral. Er ist ein beinharter Ideologe der Ironie und damit einer Meta-Positionalität, die sich zwar in Äquisdistanz zu anderen Haltungen wähnt, in Wahrheit aber einfach zerfressen ist von einer Unfähigkeit, etwas auf der Welt außer der Ironie ernst zu nehmen. Überzeugungs- und haltungslos ist Claudius Seidl - und damit das Gegenteil natürlich von Dutschke. Im Seidl-Relief wird aber umso klarer, wie offen und interessiert Krohmer und Nocke sind, offen dafür jedenfalls, Überzeugungen gelten zu lassen, oder jedenfalls das Geltenlassen von Überzeugungen für eine Option zu halten, ohne immer gleich dazusagen zu müssen, dass der Ironie aber auch gar nichts standhält.

Der Film ist noch ein paar Tage in der ZDF Mediathek zu sehen, außerdem ist die DVD bereits im Handel (Amazon-Link).


5 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Christoph, 29.04.2010 11:06

    Übrigens: Teamworx hat neben weiteren Krohmer-Filmen (ENDE DER SAISON, FAMILIENKREISE, EIN TOTER BRUDER, MITTE 30) auch zwei Filme von Christian Petzold (TOTER MANN, WOLFSBURG) produziert.

  • kaim, 29.04.2010 13:24

    Leider verpasst... danke für den Mediathek-Hinweis! Und was ich mal loswerden muss: Respekt für die Direktheit, mit der Ihr immer mal wieder auch "große" (im Sinne von: renommierte) Kollegen kritisiert bzw. abwatscht, egal ob man das immer teilen mag oder nicht. Das kennt bzw. "macht man" in Deutschland ja eigentlich gar nicht. Grüße

  • Ekkehard Knörer, 29.04.2010 19:47

    @Christoph: Das mit Petzold hatte ich in der Tat zwar mal gewusst, gerade aber nicht mehr auf dem Schirm. Sieht man mal wieder, was ich für Vorurteile habe. Ist schon ein Mischbetrieb, Teamworx, und ich bin sofort bereit anzuerkennen, dass Nico Hofmann neben dem Eventmüll, der die Kassen füllt, immer wieder was riskiert. Eigentlich würde ich gerne mal so ein richtig ambivalentes Hofmann-Porträt schreiben. In ihm kreuzt sich doch sehr vieles an Gutem und Schlechtem in der deutschen Produktionslandschaft.

  • Ekkehard Knörer, 29.04.2010 20:17

    @kaim: In der Tat stoße ich bei solchen kritischen Äußerungen immer wieder auf Ablehnung, Unverständnis und genau diesen Hinweis, dass man sowas nicht macht. Ich habe das, in aller Naivität, noch nie verstanden. Opportunismus als Argument leuchtet mir da dem Prinzip nach noch eher ein (sogar Paranoia: Weiß man, wen der Seidl so alles kennt und so Sachen. Wahrscheinlich ist das trotzdem meistens Quatsch.)

    Aber das Argument, das ich zu hören bekomme, geht eher in die Richtung von wegen, dass man über Kollegen nichts Schlechtes sagt oder so. Aber bitte: über wen denn sonst? Mit wem soll man sich denn auseinandersetzen, wenn nicht mit denen, die mit derselben Leidenschaft auf dem Gebiet arbeiten und schreiben und den Kopf in die Öffentlichkeit strecken, auf dem man das selbst auch tut. Gerade weil es mir um eine Haltung geht und Überzeugungen, weil ich für Sachen kämpfe und was der pathetisch formulierbaren Dinge mehr sind. Und wenn es um Überzeugungen geht, dann lässt sich manchmal - und in dieser Angelegenheit ganz exemplarisch - das "Persönliche" vom "Sachlichen" aus im Argument selbst liegenden Gründen nicht trennen. (Wobei es nur um die öffentliche Persönlichkeit gehen kann: ich bin Seidl nie begegnet.)

    Ich fand das zum Beispiel total erfreulich, dass Wolfram Schütte damals so gegen meinen Haneke-Text gewettert hat. Würde ich mir viel öfter wünschen, dass es so hart zur Sache geht - solange es um die Sache geht.

  • m, 04.05.2010 23:09

    Aus dem Mischbetrieb kommen auch (zu meinem Erstaunen) finanziell nicht sehr reizende Projekte wie "Berlin: Die Sinfonie einer Großstadt" (ein Dokumentarfilm, gedreht auf 35mm!), die neuen Kinodokumentarfilme von Heidi Specogna und ca. zwei dutzend inoffiziell geförderte Studentenfilme (ja, ich weiß, Amigoszene Ludwigsburg)... Ein Portrait der Cargo über Nico Hofmann als Gegenüberstellung zu diversen Gala, Bunten und Spiegel Portraits wäre sehr spannend!