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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 39
vom 21. September 2018
CARGO 40 erscheint am 14. Dezember 2018

CARGO 39 Cover, CARGO 38 Cover,

Thema/Reihe Filmkritik
Container vom 24. April 2010 von Bert Rebhandl

Das starke Band
Es regnet Lola (wie Manna) (Deutscher Filmpreis 2010)

Was war das für eine Farbe, die Angela Merkel bei der Gala zur Verleihung der deutschen Filmpreise 2010 trug? Mauve? Blazer und Brille der Bundeskanzlerin waren jedenfalls auf die ungewohnte Umgebung abgestimmt, an einem Abend, am dem durch das Finanzhilfeansuchen Griechenlands (45 Milliarden Euro von EU und IWF!) die künftige Staatsausgabenpolitik deutlicher denn je abzusehen war. Es klang denn auch schon ein bisschen wie Gerangel am Futtertrog, als Iris Berben kurz vor Ende der Zeremonie den Kulturstaatsminister für den deutschen Film (und damit implizit gegen die restliche förderungswürdige Kultur) vereinnahmte als "einen von uns".

Die deutsche Filmakademie blieb auch 2010 bei ihrem Sonderweg, das Bündnis (das starke Band) mit der Politik besonders auch zum Jahreshöhepunkt öffentlich immer noch eherner zu schmieden. Am Ende standen Angela Merkel, Barbara Schöneberger, Michael Haneke, Bernd Neumann, Iris Berben, Bruno Ganz und ein paar andere Vertreter der Zunft auf der Bühne, die ganze deutsche Kulturnation mit einem österreichischen Zampano inmitten, der längst größer ist als diese (global gesehen) Regionalbranche unter der Schirmherrschaft von Bernd Eichinger.

Michael Haneke gewann fast alles, nur in der Kategorie beste Hauptdarstellerin hatte Susanne Lothar aus Das weiße Band das Nachsehen gegenüber Sibel Kekilli aus Die Fremde. Die zog sich flugs die Schuhe aus, lief barfuß auf die Bühne und rief mit überwältigender Blauäugigkeit in den Friedrichstadt-Palast: "Ich will arbeiten." Wer in diesem Moment nicht an die Pornobranche dachte, hat ein wahrlich reines Herz. Sibel Kekilli muss dorthin nicht mehr zurück, und auch sonst muss niemand Hardcore drehen, der auch für Hartz IV in Frage kommt.

Aber auch die Arbeitsmöglichkeiten für Schauspieler, Cutter, Requisiteure, ... hängen ja gar nicht so entfernt mit den Finanzdefiziten der Staaten zusammen. Und dann ist da ja auch noch die Sache mit den "guten Stoffen". Sibel Kekilli will nicht nur arbeiten, sie will auch mit guten Stoffen arbeiten - das größte Geheimnis der Filmindustrie, denn wer hätte gedacht, dass so viele Menschen auf dieser Welt "eine deutsche Kindergeschichte" aus Meck-Pomm für einen guten Stoff halten?

Barbara Schöneberger hatte zwischendurch auch einen schwachen Witz über die "Berliner Schule" auf Lager; das allein könnte Grund genug sein, das Label aus dem Verkehr zu ziehen, aber dazu ist es nun zu spät, es hat längst das andere UIfer der Häme erreicht. Die beste Dankesrede kam von Hans-Christian Schmid, der Karl Valentin zitierte: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." Dass ich diesen Satz heute intuitiv auch fast schon so lese, wie die Kanzlerin die Filmwirtschaft sieht (nämlich als Standortfaktor mit Beschäftigungseffekt und Umwegrentabilität), sagt fast schon alles über unser dürftiges Epocherl.


5 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Denis K., 24.04.2010 09:57

    Dass Bernd Eichinger und Merkel beinander sitzen konnte ich überraschenderweise mit viel Humor nehmen, ebenso die Laudatio von Senta Berger auf den Turnbeschuhten, aber dass "eine deutsche Kindergeschichte" jeden Preis mitnimmt, nicht.
    Und bezüglich Sibel Kekilli muss ich zugeben: ich habe wohl kein reines Herz.

  • Marco Abel, 24.04.2010 18:41

    Darf man fragen, was die gute Barbara genau über die Berliner Schule gewitzelt hat?

  • malt, 25.04.2010 02:56

    Sie nannte die diversen kuriosen Kategorien des Deutschen Filmpreises in den Fünfzigern, unter anderem: "Programmfüllende Filme ohne Spielhandlung", und fügte dann hinzu: "Ich sage nur: Berliner Schule..."

  • Schwanenmeister, 25.04.2010 12:00

    Die versuchte Parodie ist eben auch eine Form der Anerkennung. Anstatt darüber nachzudenken, ein sowieso weitgehend unbekanntes Label loszuwerden, sollte man Schönebergers zugegebenermaßen sehr plumpen Seitenhieb nicht feindlich begegnen. Ist schon der zweite Blog, der sich über diesen doch vollkommen harmlosen Gag echauffiert. Was soll denn dann erst Til Schweiger sagen? Außerdem hat der deutsche Filmpreis als Quotensorgenkind und dass er so peinlich ist, dass ihn eh keiner am Stück genießen kann, ganz andere Sorgen! ;)

  • kaim, 26.04.2010 22:19

    Ich fand den Gag ziemlich lustig. Fast noch lustiger aber die gereizten Reaktionen mancherorts.