Container vom 18. April 2010 von
Cannes: Tavernier
Princesse de Montpensier.

Im Wettbewerb von Cannes wird Bertrand Taverniers Verfilmung von Madame de La Fayettes erster Erzählung "La Princesse de Montpensier" (1662) zu sehen sein. In den Hauptrollen Mélanie Thierry (Babylon A.D.), Lambert Wilson (Coeurs, Matrix 2 & 3) und Gaspard Ulliel (Hannibal Rising). Ich habe die Erzählung gelesen, ein Lektüreeindruck:
Eine historische Erzählung in groben und in feinen Zügen. Die groben Züge sind die historisch verbürgten, in der Ferne, im Hintergrund, gelegentlich näherkommend: der Kampf gegen die Hugenotten, der in der Bartholomäusnacht grausam endet. Zu diesem Pol, dem des historisch Verbürgten, zieht es die erzählte Geschichte in "Princesse de Montpensier" kaum. Madame de La Fayette entdeckt ein anderes Zentrum: das Innere ihrer Figuren. Eine simple Konstellation, die im Rahmen der Adelsgesellschaft eines vor allem in Bewegung hält - das Begehren. Princesse de Montpensier hat das Unglück, außerordentlich attraktiv zu sein, so dass ihr jeder Mann, der in ihre Nähe gerät, mehr oder minder auf der Stelle verfällt. Eine frühe Liebe zum Duc de Guise gibt sie auf, heiratet stattdessen den Prinzen de Montpensier. Der Duc verschwindet kurz aus dem Bild, steht eines Tages aber an einem Ufer und erblickt auf dem Wasser und erkennt auf der Stelle die Geliebte von früher. Geständnisse, Entsagung, der Geliebte, der Mann - und ein Dritter, ein Vierter. Der Dritte ist Konkurrent des Duc und möglicher Feind. Der Vierte ist Freund des Ehemanns, väterlicher Vertrauter von der Prinzessin und doch ihr und seinem Herzen ausgeliefert: dagegen ist er machtlos. Er bleibt eine (vielleicht notwendige) Blind- und Leerstelle in der Gefühlsökonomie der Geschichte, an der sich kein Pathos und keine Tragik aufbauen lassen. Nur Mitleid. Seltsam passiv bleibt auch die Heldin, wird schuldig durch Zulassen eher als Tun, während sich die Konflikte zwischen den Männern kaum entfalten. Es ist, als würde hier noch vorsichtig ein eng gesteckter Bezirk der Gefühle ausgeschritten. Der weltberühmte Roman der Madame de La Fayette, "Die Prinzessin von Clèves", sechzehn Jahre später, ebenfalls unter Pseudonym erschienen, macht aus einer ähnlichen Konstellation dann eine ganze Innenwelt in der Außenwelt. Hier aber kulminiert alles in einer großen nächtlichen Szen, von der aus die Erzählung gen Tod, gebrochenes Herz, resigniert-zynisches Fügen und Blut der Bartholomäusnacht stürzt. Der letzte Satz trifft, wie ein Fallbeil, die Titelfigur als Urteilsspruch über ihr Handeln.



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