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CARGO Film/Medien/Kultur 40
vom 14. Dezember 2018

CARGO 40 Cover, CARGO 39 Cover,

Serie
Container vom 17. September 2009 von Cargo

Bon Temps: True Blood
Eine Würdigung.

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Von Nikolaus Perneczky

Die zweite Staffel von True Blood fand letzten Sonntag zu einem Ende, was ich zum Anlass einer kritischen Würdigung nehmen möchte. Was bisher geschah: Die Vampire dieser Welt haben, nach Jahrtausenden des Schweigens, den Schritt «out of the coffin» gewagt. Grund dafür ist die Erfindung des synthetischen «True Blood», das es – zumindest in der Theorie – ermöglicht, ein Auskommen ohne menschliche Opfer zu finden.

In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter, die Vampire haben, wie die Menschen, in deren Mitte sie leben, ein eigenes quasi-feudales Kastensystem herausgebildet, das aus unterschiedlichen, teils konfligierenden Interessensgruppen zusammengesetzt ist und sich seit dem großen Outing auch in die Sphäre politischer Stellvertretung verzweigt. Nicht alle waren mit dem Vorhaben einverstanden, den Vampirismus publik zu machen, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Vertreter dieser Spezies  allen nur erdenklichen Epochen der Menschheitsgeschichte entstammen: Ein (womöglich skandinavischer) Ureinwohner, der vor Christi Geburt zum Vampir wurde, bringt eine ganz andere Perspektive bei als ein konföderierter Soldat im amerikanischen Bürgerkrieg – und blickt anno 2009 auf einen ganz anderen Erfahrungsschatz zurück, der mit seinem Über- und Durcheinander inkommensurabler Zeitalter jede normalsterbliche Vorstellungskraft übersteigt.

Die Unterschiede zwischen Vampiren und Menschen rühren dementsprechend weniger von ihrem Ernährungsplan oder biologischen Besonderheiten – sie haben keinen Herzschlag, zerfallen bei Sonnenlicht zu Staub und weinen schwarzes Blut, während Knoblauch und Kreuze ihnen nichts anhaben –, als daher, dass ersteren in ihrer Zählebigkeit der Vorlauf zum Tode nichts mehr sagt (oder nur noch eine schwache Erinnerung ist), während letzteren die geschichtliche Tiefe ermangelt und darum bei anderen unheimlich vorkommen muss.

Eine andere Irritation, die gleichzeitig Anreiz zur Interspezies-Anbandlung sein kann, ist die um einige Koordinaten erweiterte Begehrensstruktur der Vampire, die neben den herkömmlichen Weisen, Sex zu haben, mit ihren bei Erregung angespitzten Zähnen auf deinen Hals oder deine Beinschlagader schielen. Fang bangers, wie Menschen, die sich mit Vampiren einlassen, despektierlich gerufen werden, sind, so ihr Partner seine Diät nicht auf True Blood umgestellt hat, daher auf Blutergänzungsstoffe angewiesen.

Dass die Vor- und Nachteile eines anders gearteten Begehrens zu den zentralen Themen von True Blood rechnen, wird im Fortgang der 2. Staffel, wenn weitere Fabelwesen in Erscheinung treten, immer deutlicher. Alan Ball, der die Serie auf der Grundlage von Charlaine Harris’ southern gothic Buchreihe Sookie Stackhouse entworfen hat, zeichnete davor für eine andere HBO-Serie verantwortlich, die zumindest in dieser Hinsicht eine ähnliche Agenda verfolgt: Six Feet Under.

Statt überkomplexer Netzwerkerzählmodelle steht in True Blood die Besinnung auf eher klassische Serientugenden. Das Geschehen spielt sich im Kleinen und Ganzen in einer verschlafenen Ortschaft in den Sümpfen Louisianas mit dem sprechenden Namen Bon Temps ab, die von etwas bescheuerten, aber im Grunde harmlosen Rednecks und den letzten Residuen der einst großmächtigen Südstaatenbourgeoisie, nunmehr in Eintracht mit ihren ehemaligen Sklaven, bewohnt wird. Bon Temps besteht aus einer sofort überschaubaren Anzahl von Schauplätzen und Personen, deren narrativen Anziehungspunkt die mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattete Kellnerin Sookie markiert. Bald verschaut sie sich in den Vampir Bill, der seiner nomadischen Existenz ein Ende bereiten und sich als so genannter Mainstreamer mit einem Vorrat True Blood zur Ruhe setzen will. Außerdem sind da noch Sookies schwarze Freundin, die auf den unglücklichen Namen Tara hört, deren flamboyant schwuler Cousin Lafayette und Sam Merlotte, in dessen Bar sich die ganze Ortschaft versammelt, um ins trübe Bier zu stieren und dabei ihre diversen Konflikte auszutragen.

Die Serie True Blood ist sichtlich darum bemüht, ihr Szenario ernst zu nehmen und in allen seinen Konsequenzen am Beispiel dieses Nussschalenuniversums durchzuspielen. Es gibt überaus prosaische Vampire, die es vorziehen, die Ewigkeit vor dem Fernseher herumzubringen, und sehr exaltierte, die ihren literarischen und filmischen Vorbildern nacheifern, und es gibt Vampire, die als Jungfrauen dazu gemacht wurden und deren Hymen nach jeder Penetration wieder zuwächst: Wie gestaltet sich unter solchen Voraussetzungen das Beziehungsleben?

Noch nicht überzeugt? True Blood gewährt tiefe Einblicke in das Milieu christlicher Fundamentalisten, die den Vampiren im Namen Gottes auf den Leib rücken, hängt den Himmel in zerdehnten melodramatischen Momenten voller Geigen, ohne dass man darob aus seinem immersiven Schlummer gerissen würde, und verpflichtet Gewerkschaftsboss Andy Sobotka aus The Wire (gespielt von Chris Bauer) als Polizeibeamten. Das muss fürs erste reichen, see you next season!

True Blood läuft auf HBO... und im Internet.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen auf Überbau.


4 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • thomas, 17.09.2009 16:17

    ohne den - in der tat ja auch ansteckenden - enthusiasmus stören zu wollen, mit "true blood" wurde ich bislang nicht richtig warm. ich empfinde die serie - ich kenne bislang aber auch nur die 1. season (allerdings wird die 2. wohl, einer verlässlichen aussage einer person zufolge, die mit mir das selbe problem bei der 1. hatte: nicht besser) - bislang vor allem als anhäufung von potenzialen, auf deren erfüllung ich aber fortwährend vertröstet werde. sicher schon etwas erwachsener als der, nicht unwillkommene, teen-fluff von "buffy", im wahnwitz, den der stoff aber hergeben könnte (und den du im letzten absatz skizzierst), nicht konsequent genug. irgendwie schon schick, aber ich saß schon weit enthusiastischer vor dem Media-Player... ... dem tv-gerät.

    nee, mir fehlt das letzte, entscheidende, quentchen awesomeness, bislang. und ich weine noch immer der viel zu früh abgesetzten - und um soviel fantastischeren! - serie "carnivale" hinterher. hbo, have mercy on us carnies, grand us a third season!

  • neuronal, 17.09.2009 20:25

    Muß ich thomas zustimmen, allerdings mit der Einschränkung, dass die zweite Staffel anders scheitert: in der ersten wird die Latte nicht hoch genug gehängt, die zweite geht viel ambitionierter ran und läuft dann leider in den Auflösungen der beiden Hauptstränge glatt unter der Latte durch, die bisher letzte Folge ist da dem lahmen Ende von "Battlestar Galactica" nicht unähnlich.
    Andererseits fehlt mir in dem Text eine Würdigung der großzügigen Mengen von cheese, camp und pulp (wobei Männer und Frauen gleichberechtigte Sexobjekte sind), mit denen Alan Ball das vermutlich (kenn die Bücher nicht) von den Romanen vorgegebene Korsett auflockert. Da riskiert die zweite Staffel schon erheblich mehr und macht dann in Momenten doch unverantwortlich viel Spaß.

    Nebenbei: wenn True Blood wirklich Einblicke ins Fundamentalistenmilieu bietet, dann muß man Inglourious Basterds wohl eine Dokumentation jüdischen Widerstands im besetzten Frankreich nennen.

  • Nikolaus Perneczky, 18.09.2009 10:54

    @thomas: "Carnivale" kenn ich leider noch nicht, habe aber auch schon viel Gutes darüber vernommen. Ich gebe dir recht, ein bisschen ist die Lobhudelei da mit mir duchgegangen.

    @neuronal: Die "tiefen" Einblicke meinten kein Authentizitätsversprechen, sondern sollten auf die eigentümliche Hypersexualisierung dieses Milieus in "True Blood" anspielen, klimaktisch verdichtet in der Handjob/Badewannen-Szene zwischen Jason Stackhouse und der Frau des Pastors. Aber einen Kalauer, der einer Erläuterung bedarf, muss man wohl als gescheitert ansehen...

  • thomas, 18.09.2009 19:41

    @neuronal

    was du da skizzierst macht zumindest mir umgehend lust auf die zweite season. ja, die "pulpiness" empfand ich bislang auch am reizvollsten - aber auch am nicht ausgereiztesten.

    @nikolaus

    bitte, bitte - nichts gegen ehrlich gemeinten enthusiasmus. ich lese dreimal lieber gut verfasste "lobhudelei" als protestantisch-vernünftiges brosamenzählen mit abwägendem gestus. dafür bin ich im herzen dann doch viel zu katholisch (evangelische kirchen sind einfach nicht schön).