Container vom 24. Oktober 2009 von
Bamboozled
Drunk Shopping.
Sehr schön finde ich, wie das Bioscope-Blog auch, von wo ich den Hinweis habe, diese Stummfilmversion des Überwachungsvideos mit dem schwer angeschlagenen Bierkäufer, das gerade alle Welt guckt. Schon, weil der arme trunkene Mann da auf seltsame Weise sehr viel mehr seine Würde behält:



8 Kommentare. Kommentar hinzufügen
kai m., 24.10.2009 22:27
Ist dieser "drunk" nicht sowieso 'n fake?
Ekkehard Knörer, 25.10.2009 10:05
Weiß nicht - ich hab den Verdacht schon gehört, aber gibt's da abschließende Erkenntnisse dazu? Das Schöne an dem Stummfilm ist ja, dass der Mann da so oder so zum Darsteller gemacht wird, der er im wirklichen Youtube-Leben ist oder nicht. Und interessant ist dann nicht der (gut gemachte) Stummfilm selbst, sondern die rettende Verwandlung, die ihm gelingt. Keine große Sache, aber doch notierenswert.
goncourt, 25.10.2009 15:26
Der Stummfilm verwandelt ein sehr fragiles Originalvideo in einen typischen "Stummfilm", eine durch das Genre standardisierte Arabeske (nebst Beschleunigung der Balance-Akte zu Zappelbewegungen), das ist, was mir an dieser Stummfilmversion nicht gefällt.
Nebenbei, wenn der Film kein Fake ist (der Originalfilm sieht eigentlich nicht danach aus — ich glaube, sonst wäre er wesentlich pointierter, geschlossener, bei aller Geschicktheit der Parodie), stellt sich mir noch eine weitere Frage: wieso stellt ein Supermarkt seine Überwachungsvideos bei Youtube ein?
So gesehen hat die Würde des Mannes im Originalfilm noch eine dialektische, mir als Zuschauer gegenüber ziemlich abgründige Dimension: es ist seine Würde meinem Voyeurismus gegenüber und gegenüber dem Übergriff auf seine Hilflosigkeit, den die Veröffentlichung doch darstellt.
Ekkehard Knörer, 25.10.2009 16:22
Sehr fragil finde ich an dem Original eigentlich nichts. Das ist doch eine sehr klare voyeuristische Struktur, wie sie die ganzen einschlägigen Videos auf Youtube und in Fernsehsendungen dieser Art immer bestimmt. Ohne mich da jetzt wirklich groß aufregen oder als Moralapostel aufspielen zu wollen (ich finde das oft ja auch sehr komisch), lässt sich an der Tatsache, dass das eben die Struktur ist, kaum rütteln.
Und das heißt eben, dass der Blick hier rettungslos entwürdigend ist: der Mann vor der Kamera kann gar nicht mehr zum Subjekt werden, das nicht meinem Blick ausgeliefert wäre. Ich sehe nicht recht, wie da seine Würde bewahrt werden sollte. (Vielleicht höchstens darin, dass er so sagenhaft und superlativisch sehenswert sein Betrunkensein vorführt?) Daher empfinde ich den Stummfilm - und weniger noch den Film selbst als eben die "Überführung" des vorgeführten Individuums ins Darsteller-Subjekt - als Schutzakt.
(Falls es echt ist, wovon ich vorderhand weiter ausgehe. Dass jemand aus dem Supermarkt, der das toll fand, das einfach ins Netz stellt, verwundert mich dabei gar nicht.)
goncourt, 25.10.2009 16:56
Ja, darf man nicht (wie ich) durcheinander bringen: Würde des Mannes (Fragilität seines Gleichgewichts) vs. Entwürdigung durch das Video.
thomas, 25.10.2009 19:56
so ein bissel stellt sich mir bei solchen anlässen immer die frage nach dem maßstab, bzw. dessen gültigkeit. der supermarkt, als durch und durch funktional gestalteter raum, ordnet die menschen, die sich durch diesen bewegen, schon immer qua raumkonzeption klaren, also eigenen, interessen unter und ist somit ein, wenn im alltag auch beinahe zur unmerklichkeit verdeckter, disziplinarapparat. die würde, wenn man an diesem begriff festhalten will, genommen wird da doch schon demjenigen, der sich dem fügt, gerade noch da, wo er meint, besonders geschwind und selbst-funktional sich durch dieses mäuselabyrinth (die "gottesperspektive" der überwachungskamera betont diesen charakter) zu bewegen. frivol könnte man vielleicht sagen: der entdisziplinierte körper, der im rausch als rauschen auftritt, besorgt gerade im umkehrschluss, nach eigenmächtiger eigen-entmächtigung, so eine art würde-rückgewinn insofern, da er sich gerade dem disziplinierenden zugriff durch völligen funktionalitätsverlust im rahmen einer an sich sehr rigorosen funktionalitäts-koordination der körperbewegungen entzieht. wer käme schon schließlich überhaupt nur noch auf die idee allein, sich im supermarkt hinzusetzen oder gar: zu legen!
ok, ist jetzt alles vielleicht auch etwas punkig gedacht (so 'nen zeugs haben wir früher ja gerne mal selbst auch gemacht, haha). da komm ich wohl nicht mehr aus meiner haut. aber wenn ich zu solchen videos lache - und ich lache sehr, sehr gerne dazu - dann eben nicht über den, im vorfilmischen ja wirklich armen, tropf, sondern über das ausmaß der absurdität dieser vollkommenen inkompatibilität zwischen einerseits der eigentlichen kulturellen grammatik des raums und andererseits dem darin über die stränge schlagenden individuum, das gerade erst durch eine solche, wenn man will, katastrophe, fesseln und disziplinierungen dringlich vor augen stellt (drunk shopping is the new farocki?). der stoische machtblick der überwachungskamera gerinnt dabei glatt zur resignativen lakonie.
Ekkehard Knörer, 26.10.2009 09:20
@thomas: Das leuchtet mir alles durchaus ein, ganz im Ernst. Und Deine Analyse zeigt nicht zuletzt, dass es sehr verschiedene Dinge gibt, über die man da lachen kann. Oder, dümmlich verallgemeinert: Man kann es so oder so sehen. Und ich glaube, dass das die Wahrheit ist. Ein Film wie dieser widerspricht nicht wirklich - oder jedenfalls nicht sehr entschieden - dem rein schadenfreudigen Blick, unter dem der trunkene Tropf seine Würde schlicht und einfach verliert.
Der von Dir herausgearbeitete Kontrast-Aspekt von Verhaltenserwartung (Disziplin) und Erwartungsdurchbrechung (virtuoses Suff-Getaumel) ist aber auch sehr komisch und auch sehr real existent. Das seh' ich glatt als ziemlich gelungene Szene in einer neueren Hollywoodkomödie vor mir; da geht es ja ganz oft nur grad noch so komisch um gegenwärtige Konsum-Disziplinapparate wie Malls etc. und deviante Tröpfe auf beiden Seiten dieses Apparats. (Wenn einer nackt durch die Mall flitzt wie im "Shopping Center King", dann ist das im Grund genau der Punkt. Und ich denke Punk ist so eine Aneignungsgeste: Ja, ich bin ein devianter Tropf! Seid auch deviante Tröpfe! Entwürdigt euch und werdet dadurch Subjekt! Aber der trunkene Mann wird unterm Blick der Überwachungskamera halt nicht wirklich zum Punk. Lakonie dieses Blicks hin oder her.)
Aber gerade deshalb bleib ich dabei, dass die "Entschärfung" des Stummfilms - als Entschärfung sowohl das Punk-Moments als auch der Entwürdigung - summa summarum in einer Bilanz, die Ethik und Komik und Ästhetik gegeneinander rechnet, besser abschneidet.
Aber grundsätzlich, klar: Tanz den Michel de Certeau in den Disziplinarräumen des Spätkapitalismus!
goncourt, 26.10.2009 10:47
Bleibt für mich, dass der Stummfilm das, was an Widersprüchen vorhanden war, einfach zum "klassischen Stummfilm" umschreibt, mit allen Vorgaben, wie man eben über einen lustigen Stummfilm lachen kann.
Was Sie schrieben: der (vielleicht?) unfreiwillige Darsteller wird zum regulären Darsteller, damit ist die problematische Situation, in der der Film entstanden ist (und gegen die ich den Gleichgewichtskünstler gedanklich in Schutz nehme), in einem Nur-noch-Artefakt aufgelöst, also ausgeblendet.
(Vielleicht absurd, über derart beiläufige Youtube-Videos so weit auszuholen. Aber es hat was Exemplarisches, weil man bei dem Filmmaterial, das etwa auf Youtube zur Verfügung steht, immer wieder mit seiner eigenen voyeuristischen Rolle konfrontiert wird, und damit, indirekt an dem ganzen CCTV-Verwertungskreislauf beteiligt zu sein. Ein bisschen in Anlehnung an ein einschlägiges Zitat: diese Geschichte passierte zweimal, einmal als nächtliche Tragödie, einmal als Farce.)