Container vom 22. Oktober 2009 von
Nationalpsychose
Ob Herr Knörer unter einer «deutschen Psychose» leide, fragt Wolfram Schütte in seiner Replik auf den Haneke-Text des Kollegen beim Perlentaucher - nachlesen und mitdiskutieren kann man hier.
Update: hier



3 Kommentare. Kommentar hinzufügen
Axel, 22.10.2009 21:18
Ist ja schon ein wenig gemein wenn der Herr Knörer noch mal die Geschichte mit dem "Stuhl und so" erklären muss…
Ekkehard Knörer, 23.10.2009 08:54
Schien ja nötig zu sein.
Denis, 23.10.2009 10:25
"Der Mensch an sich ist feige, Und schämt sich für sein Gefühl. Das es nur keiner zeige, Weil die Moral es so will."
So singt die olle Knef und in diesen Zeilen schwingt der protestantische Ton jener Dorfgemeinschaft mit, die Haneke mit seinem "weißen Band" porträtiert.
Wir werden von einem erst auktorialen, sich dann aber als subjektiv entpuppendem Erzähler durch die "Kindergeschichte" geführt, die etwas über seltsame Geschehnisse am Vorabend des ersten Weltkrieges beinhalten soll.
Dass Knörer hier von Trier im allgemeinen und "Dogville" im Besonderen erwähnt scheint zuerst treffend zu sein: beide Filmemacher sind für ihre starke, sichtbare Handschrift bekannt, überall spürt man die Präsenz des alles überwachenden Regisseurs, der über jedes Detail die vollkommene Kontrolle hat und durch eine starke Bild- und Schnittsprache seine Sichtweise durchpaukt.
Schütte empfindet diese Art des Regieführens als eine Meisterschaft des Handwerks, während Knörer an ihr das Totalitäre bemängelt (zumindest bei Haneke; während Von Trier durch seine Unordnung noch Freiräume zum Widerspruch lässt). Ihn stört die kühle Präzision, mit der Haneke seine Geschichte und vor allem seine Ideen transportiert und damit eben jenes Totalitäre, das Haneke mit seinem Film in erster Linie "anprangern" will; die autoritäre, protestantisch-wilhelminische Erziehung und die daraus resultierenden Folgen (hier: die seltsamen Ereignisse im besonderen und das Aufkommen des Faschismus im allgemeinen). Bei Haneke gibt es keinen Freiraum zum Widerspruch, alles fährt auf genau auf den Gleisen die er persönlich ausgelegt hat.
Nun wird Knörer vorgeworfen, dass er in einen Kanon von Haneke-Kritik miteinstimme, die den Regisseur schon seit jeher begleitet: Dass nämlich Haneke den Missbrauch von Dingen "anprangert" (ich kann dieses Wort nicht loswerden), indem er diese Dinge gleichzeitig benutzt (seiner Meinung nach so, wie sie benutzt werden sollen). Während "Funny Games" war es noch die Gewalt, jetzt ist es nun der Totalitarismus.
Ich hingegen halte gerade die Werkzeugkiste Hanekes als seine eigentliche Stärke; wie er Gewalt auf den Bildschirm bringt, wie er seine Figuren führt, wie er schneidet, was er zeigt und was er ausblendet (Haneke im Kluge Interview: "Eigentlich stiehlt der Film ja dem Menschen die Bilder.") Gerade die Kraft seiner Bilder, die Haneke sicherlich bei Riefenstahl gelernt hat, macht ihn zu einem außergewöhnlichen Filmemacher und viel weniger die Inhalte, die er transportiert, die ehrlich gesagt ein wenig dröge sind wie z.B. "Gewalt wird in dem bösen Medien verharmlost, da muss man dagegenwirken" oder aber "die böse Erziehung damals hat unsere Kinder zu diesen Monstern gemacht und alles was wir als Eltern machen, überträgt sich auf unsere Kinder, die uns nur imitieren". Diese Form von einfacher Didaktik bedient jene Schicht von Bürgern, die wir gerne als "Bildungsbürger" titulieren und die schon immer Hanekes am liebsten porträtierte Kaste waren, sind doch seine allermeisten Filme über Menschen aus aus jener Schicht und ich wage zu behaupten dass deswegen auch Cannes wieder ihn zum Gewinner der Goldenen Palme gemacht hat, da er an den kleinen Unwohlheiten dieser Menschen rüttelt, die dadurch angenehm schockiert sind und das ausreichende Maß an Betroffenheit erfahren haben - und die auch die Preise vergeben (behaupte ich mal).
Einen Widerspruch gibt es bei Haneke aber doch: genau seine Zwiespältigkeit zwischen dem was er anklagt und der Art wie er genau dieses Angeklagte auslebt, ist der Widerspruch, in dem man bei Haneke bohren sollte (wie man es bei Von Trier macht) und ich denke, dass es genau da noch einiges zu entdecken gibt. In seinen Filmen herrscht neben der kühlen Prazision nämlich eben dieser Kampf des Regisseurs mit seinem Thema: er will es exorzieren, während es gleichzeitig die Sprache dieses seinene Exorzismus' ist.
Soviel zum positiven und allgemeinen über Hanekes Stil.
Im Besonderen ist das "weiße Band" aber meiner Meinung nach leider trotzdem ein großer Fehlgriff und gleichzeitig das ehrlichste Werk über den Regisseur selbst.
Der Hintergrund, dass die Erwachsenen kaum Namen haben sondern nur noch in ihrer Funktion als Pfarrer,Lehrer, Arzt, Hebamme existieren ist an sich ja ein gutes, technisch scheinbar funktionierendes Stilmittel, doch auf der Leinwand wirken die Figuren leider nicht als Menschen die in ihre jeweileige Rolle reingepresst wurden und darunter leiden, sondern eher als Stereotypen und Stellvertreter für ihren gesamten Stand und somit meiner Meinung nach eine verpasste Chance. Auch die Tatsache dass man die Kinder so gut wie nie alleine agieren sieht (aus dem Stegreif fallen mir nur 3 Szenen ein: als die aufwachen, weil das Feuer brennt, als der Junge über das Brückengeländer im Wald spaziert und als sich die Kinder aus der strammstehenden Haltung entspannen, sobald die Erwachsenen das Zimmer verlassen haben) verhilft dem Film nicht, uns diese Figuren als Menschen zu betrachten. Und genau das ist mein persönliches Anliegen und meines Erachtens auch das Grundproblem des Films: Hätte er aus diesen hölzernen, toten Pappfiguren richtige Menschen gemacht, mit Leidenschaften, Gefühlen, Widersprüchen, etwas das sie uns näher und damit auch das Thema in die Gegenwart bringt, hätte der Film außerordentlich werden können und würde die Aussage auch nicht mehr wie eine lapidare Theorie, sondern wie ein Aufruf an unser Leben wirken: dass es nämlich nicht so sehr um etwas Vergangenes geht und um den Faschismus, sondern dass wir immer unsere Kinder beeinflussen und unsere Kinder uns immer kopieren werden und wir eine Verantwortung für ihre zukünftigen Aktionen tragen.
Ich denke dass der Missgriff des Films genau die Wahl des Tons war, der tote, stille Ernst, der auf den augengeränderten Gesichtern der Kinder zu sehen ist, erscheint so bedrohlich wie die Kinder in "Children Of The Corn" oder "Village Of The Damned". (In Paranthese darf ich einen ausgezeichneten spanischen B-Horrorfilm empfehlen, der alles diesbezügliche in den Schatten stellt: "Who can Kill a Child?" von Narciso Ibanez Sarrador) - nämlich nur in unfreiwillig komischer Form.
Dieser verbissene Ernst, der dem Inhalt des Filmes nicht zugute kommt, ist das Dilemma Hanekes, das in immer wieder in Diskussion bringt.
Zugegeben, ich reite deswegen auf der Kühle des Films und der verpassten Chance herum, weil ich gesehen habe, dass es auch anders geht:
Im Jahr 1980 hat der britische Schreiber Dennis Potter ("The Singing Detective") ein einstündiges TV Play verfasst mit dem Namen: "Blue Remembered Hills" (ich nenn das jetzt nur noch BRH).
Jedenfalls war das Außergewöhnliche an BRH, dass es von Kindern handelte, die aber komplett von Erwachsenen verkörpert wurden (u.a. Helen Mirren). Diese Idee war insofern nicht neu, dass Potter schon in den 60ern damit experimentiert hat ("Stand Up, Nigel Barton"), aber dass ein Stück ausschliesslich mit diesem Stilmittel arbeitet, war vorher noch nicht in dieser Radikalität da.
In Bezug auf "Das weiße Band" kann man sagen, dass BRH genau jene Momente zeigt, die "Das weiße Band" unterbunden hat, nämlich die Momente in denen die Kinder unter sich sind. Im gesamten BRH kommt kein wirklicher Erwachsener vor, wir verbringen die Zeit ausschließlich mit den "Kindern" und dadurch sind wir Zeuge davon, was Kinder tun, wenn sie mal nicht vor den Eltern strammstehen müssen oder den Hintern versohlt bekommen oder als kleinstes Mitglied der Gesellschaft von jedem herumkommandiert werden: sie tun nämlich genau das, was die Erwachsenen mit Ihnen tun, sie sagen das, was sie zu Hause gehört haben ("come here, you little devil!") und sie unterdrücken jene, die sich nicht wehren können.
Es gibt z.B. eine Szene, in der 4 Jungen ein Eichhörnchen jagen und es dann mit Stöcken zu Brei schlagen, die herzzereissender ist, als alles was im "weißen Band" angedeutet wird. Es greift hier meiner Ansicht nach nicht das Argument, dass andeuten besser sei, als zeigen, sondern das lebendige Charaktere ein Gefühl hervorrufen, das Holzfiguren missen lassen.
Das akkurate Setting von Hanekes Film, das uns unbedingt in jene Zeit katalputieren will scheint mir artifizieller als der Anaturalismus von Potters Stück, in dem Erwachsene Kinder spielen und wir uns offenkundig in einem künstlichem Rahmen bewegen. Kieslowski z.B. hat es aufgegeben, Dokumentarfilme machen, da es ihm in einem fiktionalen Rahmen möglicher war, etwas auszudrücken, was in der Dokumentation ausgedrückt werden kann (sondern dort nur "Zur Schau gestellt wird").
BRH spielt nun nicht am Vorabend des 1. Weltkrieges sondern während dem zweiten Weltkrieg, und doch zeigt uns Potters energische, voller Leben sprudelnde Darstellung ohne jeden erhobenen Lehrerfinger und ohne Belehrungsansatz mehr über unseren Einfluss auf nachfolgende Generationen, als es Haneke mit sein Film konnte.
Auf youtube kann man sich das komplette BRH in 8 Teilen ansehen: http://www.youtube.com/watch?v=ZTUevqw0lvI
Gruß