Ein anderes Deutschland
Georg Diez über Mad Men.
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Es ist vermutlich völlig normal, dass einem die Zeitung, die man im Abonnement bezieht, zuweilen auf den Keks geht wie keine zweite. Die peinliche Zeitdiagnostik, die Georg Diez gestern unter dem Titel «Die Jamaika-Fraktion» in der Wochenendbeilage der SZ auf der US-Serie Mad Men geparkt hat, ist dann aber doch ein besonders schlagendes Beispiel für einen Text, der Ideen für 1000 Zeichen hat, in der Zeitung aber eine ganze Seite füllen muss und unter den großgeschriebenen Lettern ESSAY eine äußerst unglückliche Figur macht. Diez versucht in verzweifelten Bewegungen, die jedenfalls keine des Denkens sind, irgendwie herauszufinden, was Mad Men mit der deutschen Gegenwart zu tun hat. Da hilft, wie so oft in der SZ, ein Blick in die eigenen Nymphenburger Verhältnisse: «Junge, urbane Singles, Paare in kreativen Berufen, Eltern mit kleinen Kindern, die sich dem Treck in die Vororte verweigern» werden als bundesdeutsches Kernpublikum der Serie bestimmt, um messerscharf zu schließen: «Mad Men ist fürs Fernsehen, was Jamaika für die Politik ist. GEZ und ZDF und SPD: das klingt schon wie BRD. Schwarz-Gelb-Grün ist ein anderes Deutschland, postideologisch, pragmatisch, diffus progressiv, so wie sich ja eben auch die Menschen beschreiben würden, die Mad Men anschauen, die sich zwischen Karriere und Kuscheln bewegen...». Am Ende dieser so zwanghaften wie argumentfreien Eindeutschung im total anheimelnden NEON-Jargon landet Diez denn auch folgerichtig bei der Frage, die für neoliberale Zeitdiagnostiker mit kulturellem Distinktionswillen wirklich derzeit die zentrale ist: «Don Draper ist nicht Guido Westerwelle. Aber wieviel Draper steckt in Karl Theodor zu Guttenberg?» Die Antwort darauf ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift 11 FREUNDE nachzulesen, die in ihrer SPIEGEL-Ulk-Rubrik «Welcher Trainer soll auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen?« Lothar Matthäus souverän auf die Pole Position setzt - in Verbindung mit einem Bild des adeligen Bald-Kanzlers und dem Hinweis: «Repräsentative Umfrage im CSU-Kreisverband Oberammergau». Provinzfürsten unter sich.


1 Kommentare. Kommentar hinzufügen
David Weber, 19.10.2009 11:55
DEAR <strong>GEORG</strong> DIEZ, THIS IS NOT AN INSULT, IT'S JUST THE WAY IT IS: THE SWITCHBOARD.
Montag Morgen, Sterling Cooper Munich, Donald Draper ruft Georg Diez in sein Office:
- Georg. Close the door. Sit down. No, stand.
I'd like to find a way not to be cruel, but I don't think it would be serving either one of us.
- Are you firing me? Oh, no---
- It's nice to know that you care about something.
Are you trying to think of what you could possibly say to make up for what's happened here?
- What happened?
- I think you're not suited for this job.
- What did I do?
- In addition to being incompetent, you threatened my reputation.
- Mr. Draper, German people around me really like Mr. Guttenberg, and I try to cover for you all the time.
- You do not cover for me. You manage people's expectations. Maybe German people's expectations.
- Can you be more specific?
- You really want that?
- No, I guess not.
- You're not suited for this job. It's not an insult. It's just the way it is.
Stick to the switchboard.
Please tell Miss Holloway on your way out.
- Yes, Mr. Draper.
[cf. MM S02E03, The Benefactor]