Container vom 2. Oktober 2009 von
Die Vergangene Woche
Rückblick.

Szenenfoto aus: Roman Polanski The Ghost - der Film ist abgedreht, aber die Postproduction liegt erst mal auf Eis
(Ich nehme mir vor - sage ich ganz vorsichtig -, ab sofort am Freitag jeder Woche einen Blick zurück zu werfen auf das, was in den vergangenen sieben Tagen wichtig war. Mal kürzer, mal länger, je nachdem, wie viel Stoff - und wie viel Zeit - ich dafür finde, je nachdem auch, was in den Tageseinträgen jeweils hinten runter gefallen ist.)
Das Thema, das alles andere in den Hintergrund gedrängt hat in der vergangenen Woche war natürlich die Verhaftung Roman Polanskis. Die Schweizer Polizei griff am letzten Samstag zu, als Polanski gerade in Zürich gelandet war, um sich auf dem dortigen Festival für sein Lebenswerk feiern zu lassen. Die Fakten sind in der Angelegenheit, ich fasse nach bestem Wissen zusammen, diese: Vor mehr als dreißig Jahren hat Polanski ein dreizehnjähriges Mädchen im Haus des abwesenden Jack Nicholson betrunken gemacht und hatte dann Sex mit ihm. Einzelne Umstände des Geschehens hat Polanski damals vor Gericht geleugnet, den Sachverhalt insgesamt aber zugegeben. Alles sah damals danach aus, dass er sehr glimpflich davon kommt (vgl. diesen Spiegel-Artikel). Den gefundenen Deal hat der Richter dann allerdings aufgekündigt - angeblich, als er ein Zeitungsfoto des unterdessen fröhlich auf dem Oktoberfest zechenden Regisseurs sah (die Umstände sind wiederum umstritten). Daraufhin flüchtete Polanski und hat nie wieder einen Fuß in die USA gesetzt, auch Länder gemieden, die ihn mutmaßlich ausgeliefert hätten. Darüber, warum die Schweiz, in der Polanski sogar eine Villa besitzt und deshalb oft gewesen ist in den letzten Jahren, ihn nun gerade jetzt verhaftet hat, gibt es Spekulationen. Dass das rechtlich in Ordnung ist, scheint freilich unumstritten.
Im letzten Jahr hatte ein HBO-Dokumentarfilm mit dem Titel Wanted and Desired (auf DVD in den USA, als Torrent überall) die ganze Angelegenheit noch einmal neu aufgewirbelt, auch weil das damalige Opfer - inzwischen in einem Zivilprozess mit einer Summe in unbekannter Höhe entschädigt - dafür plädierte, die Sache endlich ruhen zu lassen. Polanskis Hoffnung, das Verfahren würde auch in seiner Abwesenheit stillschweigend beerdigt werden, erfüllte sich nicht. (Inzwischen hat der wohl wichtigste Zeuge dafür, dass es bedenkliche Verfahrensfehler gegeben hat, eine entscheidende Aussage, die er im Film machte, zurückgezogen.) Das 36 Seiten umfassende Protokoll der Grand Jury ist inzwischen öffentlich und findet sich hier.
Die Faktenlage ist also eigentlich recht klar: Polanski hat ein dreizehnjähriges Mädchen vergewaltigt und sich dem Gerichtsurteil durch Flucht entzogen. Umso erstaunlicher, dass der darauf losbrechende Sturm zunächst einhellig diesen Zugriff verurteilte und Polanski in Schutz nahm. Mit Argumenten, die eigentlich wenig zur Sache tun: Er sei ein großartiger Regisseur, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet, seine zweite Frau Sharon Tate von der Manson-Sekte getötet. Alle Welt schien sich zu solidarisieren. Lang ist die Liste der KünstlerInnen, die eine Petition unterschrieben, die die seltsame Idee verbreitet, Filmfestivals seien "extraterritoriale" Ereignisse und der Zugriff mithin illegitim. Hier ist die Liste, auf der von Olivier Assayas bis Michael Mann, von Fatih Akin bis Wim Wenders, von Woody Allen (autsch) bis Tom Tykwer wenig fehlt, was Rang hat und Namen in der Szene. Auch Bernard-Henry Lévy präsentiert namhafte Polanski-Verteidiger, von Paul Auster bis Salman Rushdie.
Inzwischen formiert sich allerdings auch Widerstand gegen den Widerstand, formuliert etwa von Kate Harding im amerikanischen Online-Magazin Salon. Nicht dass es viel zur Sache tut, aber ich neige zur Ansicht, die Cristina Nord in der Angelegenheit in der taz so zusammenfasst:
Es gibt vieles, was an Polanskis Verhaftung merkwürdig ist. Warum erfolgte sie erst jetzt? Verhielt sich der Richter 1978 in Los Angeles korrekt oder voreingenommen? Wem nützt der internationale Haftbefehl, und wem, außer Polanski, schadet er? Das ändert nichts daran, dass man zwei Dinge in seinem Kopf zusammenbringen muss: Roman Polanski ist ein herausragender Filmemacher. Aber 1977 hat er etwas getan, wofür er sich bisher nicht verantwortet hat und wofür er sich verantworten muss.
Kurz zusammengefasst ein paar weitere Hinweise::
Beim New York Film Festival ( NYFF), das in diesem Jahr für seine sehr cinephile Auswahl kritisiert und gefeiert wird, war auch Maren Ades Berlinale-Erfolg Alle Anderen zu sehen. Der Village Voice gab sie ein Interview, bei Indiewire gibt es eine Kritiker-Notenübersicht zu allen Filmen des traditionsreichen Festivals, das sich als Best-of des bisherigen Jahres versteht - und Alle Anderen gehört zu den am besten kritisierten Filmen. (Übrigens gibt es beim NYFF auch eine Retro - und die ist in diesem Jahr dem großen indischen Regisseur Guru Dutt gewidmet.)
Mein bisheriger Lieblingsfilm 2009, Jacques Rivettes 36 vues du Pic Saint-Loup ist auch zu sehen und Daniel Kasmans Kritik bei The Auteurs kann ich Wort für Wort zustimmen. (Der Rivette-Film wird insgesamt allerdings kaum beachtet. In Deutschland wird er vermutlich nie ins Kino kommen. Schlimmer noch, selbst in Frankreich interessiert sich das Publikum für dergleichen kaum noch. In der ersten Woche, las ich, sahen ihn gerade mal rund 6000 Leute.)
Und zuletzt noch Links zu ein paar lesenswerten Texten der Woche (Ergänzungen in den Kommentaren hoch willkommen):
Thomas Wörtche (epd film) über Kriminalliteratur und Kriminalfilm (mit der mir sehr einleuchtenden Beobachtung, dass Public Enemies sich stark an die Ästhetik des Comic anlehnt)
Dazu passend: Ignatiy Vishnevetsky folgt einer Michael-Mann-Retrospektive in Chicago und hat dort als ersten Film Thief gesehen (Auteurs)
Mark Siemons (FAZ) über den panchinesischen Historienversöhnungsschinken Die große Leistung der Gründung (über diesen und andere patriotische Jubiläumsfilme auch Matthias Messmer in der NZZ)
Interview mit Bruno Dumont über seinen neuesten, von Cannes und Venedig offenbar abgelehnten, in Toronto aber recht freundlich aufgenommenen Film Hadewijch (Auteurs)
Updates:
Die neueste Ausgabe des australischen Online-Filmmagazins Senses of Cinema ist online (neues, deutlich verbessertes Design!). Unter anderem mit einem spannenden Terry-Gilliam-Interview und einem arg umständlichen, aber verdienstvollen Großtext zu den Left-Bank-Filmemachern Marker, Resnais, Varda, Demy.



1 Kommentare. Kommentar hinzufügen
Akos Gerstner, 02.10.2009 14:03
...Kommentar eines SZ-Lesers zu Polanski: "Die Schweiz liefert aus und setzt ihn in ein Flugzeug, das in Paris zwischenlandet."
...mit Rivettes letztem Streifen, Ne touchez pas la hache, war das auch schon so. Gleich ab zum WDR, 22:30. Breillats Une vieille maîtresse hat, glaube ich, dasselbe Schicksal erlitten. DVDs sind nur als FR-Import zu haben...