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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 12
vom 15. Dezember 2011

CARGO 12 Cover, CARGO 11 Cover,

Container vom 9. November 2009 von Ekkehard Knörer

Super To Be Number One
Blindlings.

Ah, Haneke-Soundbite der Woche:

It’s super to be number one, I’m very happy. I am surprised Caché was a success because it wasn’t an easy film. Perhaps audiences aren’t as stupid as mainstream film-makers often think.

Nee, klar. Gute Gelegenheit, auf Carsten Zorns Kommentar zur Haneke-Debatte beim Perlentaucher hinzuweisen, dem ich sehr zustimme, was jetzt niemanden wundern wird, der mir aber so prinzipiell wichtig scheint, dass ich ihn länglicher zitiere:

Ich meine den Umstand, dass es ja zunächst so scheint, als könnten beide sich im Grunde auf einen gemeinsamen Grundsatz, Anspruch und Ausgangspunkt einigen. In den Worten von Wolfram Schütte: "Ich gebe zu, dass ich mich … in der Kultur besser aufgehoben und animiert sehe, wenn ich mich als (Mit)Produzent … angesprochen sehe & fühle." Tatsächlich kann man unter dieser allgemein gewünschten, und immer wieder gern geforderten Möglichkeit zum 'Mitproduzieren' aber eben sehr Unterschiedliches verstehen. Nimmt man seine Ausführungen zusammen, so meint etwa Wolfram Schütte damit, so fürchte ich, eigentlich nicht viel mehr, als dass ein Film, ein Werk, ein Produkt der Popkultur dem Rezensenten ein bisschen Arbeit abverlangen sollte – und darunter dann vor allem die Rekonstruktion der darin waltenden Konstruktionsprizipien sozusagen. Oder böse gesagt: Es geht dann allein um die Bestätigung gelungener Bildungsbürger-Biographien – dadurch dass man immer wieder erfährt und erlebt, dass man den Herausforderungen gerecht wird, die ein Werk an sein 'Verstehen' stellt.

Der Anlass ist aber ein anderer, besondererer: Die Londoner Times hat mal wieder eine Liste gemacht, und zwar der hundert wichtigsten, besten oder wasauchimmer Filme der Nuller Jahre. Auf Platz eins landet, eben, Michael Hanekes Caché ("It's Super to be Number One"). Der Rest ist die erwartbare Mainstream-Arthouse-Kacke. Ein paar tolle Filme drunter, viele okaye und noch mehr bescheuerte. Aber von den wirklich wichtigen Sachen natürlich nichts, insbesondere ist das natürlich eine kapitale Asien-Blindheit: kein Apichatpong, kein Hong, kein Tsai, kein Lav Diaz, kein Jia, aus Deutschland nur, auch klar, Das Leben der Anderen, Der Untergang, aus Österreich nur Haneke, dafür mehrfach, das französische Kino ist in seinen relevanten Teilen völlig weggeblendet, von Gus van Sant ausgerechnet Milk etc. etc. Das Traurige ist nur, dass sich in dieser Liste etwas wie justament der Konsens zusammengerottet findet, gegen den Projekte wie CARGO oder natürlich auch Revolver auf sehr peripherem Posten stehen. (Wobei es zugegebener Maßen bei Revolver mehr Haneke-Fans gibt als hier.)


16 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Christoph Hochhäusler, 09.11.2009 13:13

    Hallo Ekkehard,

    die Times-Liste ist wirklich Dreck. Was Haneke betrifft: ich kann deine Probleme nachvollziehen, gleichzeitig ist mir die Debatte zu polar. Haneke scheint nicht nur für deinen Diskurs schon als Markierung notwendig --- manchmal denke ich, unsere Kultur funktioniert wie ein Rollenspiel --- Abweichungen werden bestraft oder einfach nicht wahrgenommen. Denn auch wenn Haneke nach einebnender Perfektion streben mag und er die Rolle des kalten Meisters in der Öffentlichkeit mit Gusto spielt, folgen seine Filme durchaus nicht alle einem Muster. usw. Grüße!

  • kai m., 09.11.2009 13:22

    Bin ja mal gespannt, wie das "catch 22" der steadycam im vergleich zu der Times-liste aussieht (hab' ich gerade mal 2-3 meiner 22 darin wiedergefunden...). Gruß, k.

  • Ekkehard Knörer, 09.11.2009 17:06

    @christoph: Ja, Du hast mit Haneke völlig recht, das räume ich so auch ein in der Perlentaucher-Diskussion. Jedenfalls für andere seiner Filme (Cache, Klavierspielerin); und man muss ihm auch fast schon wieder dankbar sein, dass sich an seinen Filmen doch immerhin ein markanter Punkt (vielleicht nicht - weil zu polar - "Endpunkt") ausmachen lässt, eine Konzeption des Kinos, die sozusagen gerade da, wo sie zu hundert Prozent aufgeht, ästhetisch, wenn nicht sogar auch ethisch, begründbar abzulehnen ist. Dass eine Konzeption niemals zu hundert Prozent aufgeht, dass sich jedes Werk seinem noch so kontrollfreakig veranlagten Schöpfer entwinden, dass sich eigene Interpretationsansprüche machen lassen: eben. Darauf will auch Carsten hinaus. Ein Film ist immer ein Text, über den niemand Kontrolle hat, der jederzeit lesbar bleibt.

    Mein Vorwurf gegen Haneke ist eher, dass er da etwas abdichten will und dass diese Abdichtung im schlechteren Fall selbst noch nicht einmal wieder wirklich Interessantes bzw. interessant Lesbares produziert. Lustigerweise argumentiert Michael Sicinski in einem Text für die nächste Cargo auf ziemlich haargenau dieselbe Weise gegen Martels La mujer sin cabeza. (Nicht ihre früheren Filme - und auch den jüngsten findet er toll, aber eben problematisch.) Ich habe ihn noch nicht gesehen, wird aber so schnell wie möglich nachgeholt.

  • Andreas, 09.11.2009 18:39

    @Kai
    Ist denn überhaupt absehbar, wann die nächste Steadycam erscheint? Da hat sich ja seit über zwei Jahren nichts getan, und vor einiger Zeit hieß es, dass wegen der prekären Anzeigen-Situation vorerst keine neue Ausgabe machbar sei. Mache mir daher momentan nicht viel Hoffnung auf eine baldige nächste Ausgabe, würde mich aber natürlich über gegenteilige Aussichten freuen.

  • Bert Rebhandl, 09.11.2009 21:38

    Ich betrachte die Peripherie, die diese Liste offen lässt, als eine Marktlücke (nicht nur für Cargo, aber eben auch). Die Times ist ihrerseits übrigens sehr marginal geworden, intellektuell nämlich, und zwar schon seit Jahren. Beim Guardian sähe die Liste ein wenig anders aus, Haneke wäre dort aber sicher auch vorn dabei.

  • kai m., 10.11.2009 00:42

    @Andreas: nein, meines wissens ist keine printausgabe in sicht. Leider. Ein riesenverlust für die deutsche filmpublizistik. (Auch Cargo bedient ja ein anderes segment, als die bande von der steadycam es im blick hatte). Aber man kann sich trotzdem auf was freuen. Lass dich überraschen. Grüße!

  • Helmut Montag, 10.11.2009 06:22

    ja genau, STEADYCAM.
    kann man da nichts machen, spendenaktion vielleicht, um eine neue ausgabe zu finanzieren ......

  • Ekkehard Knörer, 10.11.2009 08:58

    @Bert: Die intellektuelle Marginalität der Times ist dieser Liste schon daran anzumerken, wie sie populistische ihre Schäfchen ins Trockene bringt. Und Haneke figuriert da als der populismustaugliche Ernst-Künstler und Intellektuelle; das Kulturzeit-Symbol für Seriosität sozusagen. Was ihm selbstredend schmeichelt. (Was in Wahrheit aber eher wieder nur zeigt: Haneke ist derzeit fast mehr eine Diskursposition als ein Filmemacher.)

    Eine andere Liste - via David Hudsons auteursdaily - gibt es beim Daily Telegraph:
    http://www.telegraph.co.uk/culture/film/65011...

    Diese Liste umfasst manches, das der der Times fehlt. Dafür ist sie dann auch ein komplett eklektizistisches Durcheinander ohne jeden erkennbaren Qualitätsmaßstab. Was seinen Grund darin hat, dass sie den auch gar nicht suchte, sondern nur die "einflussreichsten" Filme zusammenstellt. Was immer das dann bedeutet.

    Und dass es de facto eine Nische bzw. Marktlücke für Cargo gibt: klar. Nur ist unser Anspruch, von dieser Lücke aus die ganze Welt des Kinos bzw. sogar des bewegten Bildes in den Blick zu nehmen. Wir interessieren uns ja gerade nicht nur für die Filme, die in der Times-Liste nicht vorkommen, sondern wir glauben doch verallgemeinerbare Maßstäbe dafür zu haben, warum sie darauf vorkommen sollten - und anderes nicht. Die Times-Liste widerspricht uns da diametral, und zwar, indem ihr etwas zugrunde liegt, das schlimmer ist als nur Mainstream; nämlich der populistische Wille zum Mainstream.

  • Ekkehard Knörer, 10.11.2009 09:24

    Wenn es mit der STEADYCAM nicht weitergehen sollte, fände ich das wirklich schade. Das ist eine Zeitschrift mit Leidenschaft fürs und klar identifizierbarer, dabei recht weit offener Konzeption vom Kino. So wie die Steadycam-Leute CARGO ganz sicher zu "verkopft" finden (eines der hässlichsten und dümmsten Wörter der deutschen Sprache, ich werde es auch nie wieder verwenden), ist sie mir immer zu "verbaucht" gewesen. Aber es ist doch eindeutig ein- und derselbe Körper des Kinos, von dem wir da reden. Sehr gern gelesen habe ich sie immer und den sich steigernden Wahnsinn der ausufernden Tagebuch-Notizen fand ich geradezu grandios. (Bei heftiger Nicht-Zustimmung im einzelnen.)

  • kai m., 10.11.2009 10:48

    Ein kleiner nachtrag zu Haneke: Im New Yorker mit datum 5.10.09 (erschienen also 1 woche vorher) findet sich ein größeres Haneke-Porträt von Anthony Lane. Durchaus lesenswert (und Lane hält sich mit seinen "witzigen" wortspielereien glüklicherweise zurück).
    Wenn ich schon dabei bin: in der ausgabe vom 26.10. wird James Cameron porträtiert (und in der vom 9.11. der Pulitzer-Preisträger Jonathan Gold - äußerst lesenswert...hat auch viel mit "Kopf" und "Bauch" zu tun...). Grüße!

  • Andreas, 10.11.2009 11:06

    Erwähnenswert an dieser Stelle dann vielleicht auch die Liste der Mike D'Angelo-Posse:

    http://enchantedmitten.blogspot.com/2009/11/s...

    Zwei Filme davon kenne ich (immer) noch nicht, und "In the Mood for Love" mochte ich nie so richtig, aber sonst ist da in meinen Augen immerhin kein Mist dabei...

  • Lukas, 10.11.2009 11:22

    Die Telegraph-Liste finde ich nicht uninteressant. Der "Einfluss" ist für eine Mainstreampublikation vielleicht sowieso ein geeigneterer Maßstab als die Qualität; was "Qualität" erscheint dort oft selbstevident, über den "Einfluss" muss man sich dann selbst da den einen oder anderen Gedanken machen. Und eine Liste, auf der "West of the Tracks" exakt zwischen "Amelie" und "Saw" platziert ist: gefällt mir.

  • kai m., 10.11.2009 11:28

    ...noch ein nachtrag:
    Vergangene woche war haneke bei kluge, als interviewgast. Habs nur kurz geschaut, da ich zu müde war, jedenfalls wurde er mir da richtig sympathisch, weil er so unprätentiös und amüsiert auf kluges fragen reagierte.

  • chip, 10.11.2009 16:02

    Ich beziehe mich auf die Liste von Mike d'Angelo, um zu verdeutlichen, dass bei 20 Einträge die Möglichkeit, Mist rauszulassen viel größer ist als bei hundert, und wenn man für sich und seine höchstpersönliche-ach-so-differenzierte meinung schreibt.
    bei einer nicht maßgeschnittenen leserrschaft halte ich die 100er liste der times für gar nicht so schlecht, immerhin ikonische filme, wenn man sie so bezeichnen kann, sind dabei, wenn auch in der je nach ansicht etwas falschen reihenfolge.

  • Christoph Hochhäusler, 10.11.2009 19:00

    Listen sind natürlich immer fragwürdig, aber sie umreissen im besten Falle so etwas wie ein Spielfeld. Manchmal bedeutet dieses Spielfeld auch nur: welche Filme sind verfügbar / welche Filme wurden sichtbar. Die enchanted-Liste finde ich ungefähr so beschränkt wie die der Times - beschränkt im direkten Sinn des Wortes - denn wer die besten Filme des Jahrzehnts benennen will, zwanzig Titel auflistet und 13 davon kommen aus den USA --- tja, der muss wohl Amerikaner sein. „Region Code” sozusagen. Hinzu kommt, dass alle nicht-amerikanischen Filme gefeierte „sure bets” aus Cannes & Co sind: Dogville, Yi Yi, Silent Light, Werckmeister Harmonies, Irreversible, Trouble Every Day --- klingt wie der Katalog von Celluloid Dreams.

  • Dominik Kamalzadeh, 11.11.2009 17:25

    "super to be number one", find ich als aussage aber schon super. das hat fast hermann-maier-qualität. wer hätte das von haneke gedacht. ansonsten ist das interessanteste an listen die diskussion darüber.