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Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 13
vom 15. März 2012

CARGO 13 Cover, CARGO 12 Cover,

Container vom 27. Mai 2009 von Ekkehard Knörer

Iranische Winde
Albert Lamorisse.

Das berühmteste Werk von Albert Lamorisse ist kein Film. Der 1922 geborene Regisseur war der Erfinder eines Spiels, das, als er es 1955 im Selbstverlag herausbrachte, den Titel "La Conquête du monde" trug, bald darauf aber unter dem Titel "Risiko" selbst die Welt eroberte. Die Wikipedia meint, es sei das erste Strategie-Brettspiel der Neuzeit und als solches auch das Vorbild eines in ungezählte Exemplare differenzierten Computerspiel-Genres.

Der berühmteste Film von Albert Lamorisse trägt den Titel Le ballon rouge, er entstand 1956 und ist gut dreißig MInuten lang. Zu sehen ist darin, neben dem sehr großen, sehr roten Ballon des Titels Lamorisse' Sohn Pascal auf seinem Weg durch ein regnerisches Paris, den Ballon in der Hand, vom Ballon verfolgt. Das Paris, das man sieht, ist ein nicht allzu strahlendes Paris, in dem freundliche Menschen zu Musik ihrem Alltag nachgehen und Jacques Tati, denkt man, jeden Moment um die Ecke biegen könnte. Der Film gewann eine Goldene Palme in Cannes und geriet in Vergessenheit, bis im letzten Jahr Hou Hsiao-hsien seine Hommage auf das Werk drehte, Le voyage du ballon rouge. Dazu mehr in Cargo #1 von Lukas Foerster. Le ballon rouge gibt es komplett bei YouTube.

Seinen letzten Film Baadeh Sabah / The Lovers' Wind / Vent Des Amoureux hat Lamorisse nicht mehr vollenden können, weil er 1970 bei den Dreharbeiten ums Leben kam. Es handelte sich um ein außergewöhnliches Projekt. Im Auftrag des iranischen Kultusministeriums drehte er einen Dokumentarfilm, für den er mit dem Helikopter atemberaubende Luftaufnahmen des Iran filmen ließ, um sie dann zu einem poetischen Bewegungsbild des Landes, fast vollständig vom Hubschrauber gefilmt, zu montieren. Er war eigentlich fertig, das Ministerium monierte jedoch, dass vom modernen Iran, von der Industrialisierung zu wenig zu sehen sei in dem Film. Also kehrte er zurück, wollte weitere Luftaufnahmen drehen, der Hubschrauber stürzte ab. Dabei starb auch Lamorisse. Fertig gestellt wurde der Film Jahre später, von seiner Witwe.

Heraus gekommen ist dabei ein Werk mit wirklich atemberaubenden Bildern, die Kamera fliegt, gleitet über das Land, verlassene Städte, Ruinen, Wüsten, Tiere und Menschen im Wasser, sie stößt herab, schwebt über die Dächer der Stadt Isfahan, zeigt moderne Gebäude, Menschen im Anzug mit Buch in der Hand und Neonschwäne und das Bayer-Kreuz in der Stadt und das ganz Alte, das Menschenverlassene auf dem Land. Dazu spricht der Wind selbst, sprechen die vier Winde des Iran, Prosopopoie dieses Landes. Ich, sagt der Wind, ich fliege nach hier und nach da und die Bilder des Films tun es ihm nach. (Dieser Off-Kommentar ist nicht per se eine schlechte Idee, im allzu salbungsvollen Tonfall mindestens der englischen Version jedoch ganz sicher nicht jedermanns, auch nicht unbedingt meine Sache. Auch über die Musikauswahl kann man, wie bei Le ballon rouge, streiten.) Bei UbuWeb, das ist der Anlass zu diesem Eintrag, kann man Baadeh Sabah nun in voller Länge sehen. Die Bildqualität der VHS-Aufzeichnung lässt anfangs sehr zu wünschen übrig, das geht aber rasch vorbei, danach ist sie vergleichsweise in Ordnung.

So großartig wie unheimlich ist ein Postskript zum Film. Lamorisse' Witwe Claude hat, als eine Art Nachruf auf ihren verstorbenen Mann, einen rasant geschnittenen Kurzfilm aus dem nachträglich entstandenen Material erstellt. Er endet mit Aufnahmen vom Karaj Damm, bei dem Lamorisse beim Absturz ums Leben gekommen war.


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