• Cargo  
  • Abonnieren
  • Einzelheft bestellen
  • Back Issues
  • Verkaufsstellen
  • Jahresrating
  • Newsletter
  •   13. Dezember 2018  





Aktuelle Print-Ausgabe:
CARGO Film/Medien/Kultur 39
vom 21. September 2018
CARGO 40 erscheint am 14. Dezember 2018

CARGO 39 Cover, CARGO 38 Cover,

Anderes Kino
Container vom 1. März 2009 von Ekkehard Knörer

Anger Management
Zur Kenneth-Anger-Retro in New York. Reisenotizen aus den USA, zweite Folge.

Vom anderen Ende der USA, Seattle nämlich, nochmal zurückgeblickt auf New York. Im P.S. 1, der Spielstätte für Zeitgenössische Kunst in Queens, habe ich nicht nur Yael Bartanas "Summer Camp" gesehen, sondern auch die am Sonntag dort eröffnete Kenneth-Anger-Retro besucht. Sie ist von Susanne Pfeffer kuratiert, die auch für die gerade in den Berliner Kunstwerken gezeigte Vorspannkino-Ausstellung zuständig war - in der taz hatte ich darüber geschrieben. (Seit Klaus Biesenbach von den Kunstwerken ans P.S. 1 gewechselt ist, gibt es da eine enge Zusammenarbeit.) Ich mochte das Vorspannkino gar nicht, weil es ganz auf die Mimikry des Kunstraums ans Kino setzte, ohne damit mehr als nur eine vage kulinarische Idee von Präsentationskunst zu verbinden. 

Die Kenneth-Anger-Ausstellung macht nun restlos klar, dass das kein Zufall, sondern ein Konzept ist. Beim Vorspann wurde etwas, das als Kunst für sich begreifbar zu machen ist - das in den Film selbst hineinragende Stück Nicht-Diegese, das eben der Vorspann ist -, als pars pro toto genommen, um damit das Kino anzueignen. Darum wurde ein Kinosaal nachgebaut, in dem am Stück und ohne präzise benennbare Auswahl- und Ordnungsprinzipien in Reihe geschaltet und als Rolle der schönen Vorspänne vorgeführt wurde. In anderen Räumen funktioniert es anders, aber immer nur auf der Seite der Präsentation. Die einzige Frage, auf die die Austtellungsmacherin eine Antwort sucht, ist offenbar: Wie zeige ich möglichst effektvoll das, was dem Kino angehört, auf dem Boden der Kunst. 

Den Effekt sucht auch die Anger-Ausstellung in New York. Am augenfälligsten: durch Einkleidung. Der große Raum, der ein kleiner Kinosaal wäre, wäre er einer, ist ganz in roten Zeltstoff ausgeschlagen. Auch die Sitzgelegenheiten sind rot, Quader vor im Raum hängenden Leinwänden für die Beamer-Projektion einzelner Filme. Die Leinwände werden reihum bespielt, die ZuschauerInnen wandern von einem Quader zum andern und lassen sich nieder für den folgenden Film, zum Beispiel "Lucifer Rising". Diese Leinwände gibt es auch in Berlin, das Prinzip ist dasselbe: Nur auf einem spielt die Musik, auf den anderen ist derweil Ruhe. Das Bewegtbild wird vorgehalten, aber nur der Besucherkörper wird aus seiner dauerhaften Stillstellung, das Bewegtbild aber nicht aus seiner Linearität gerissen. Keineswegs brutal ist dieser Zugriff aufs Kino.

Die Frage, die sich stellt, ist aber: Was bringt, über die schiere Aneignungsgeste hinaus, diese Übernahme des Films in die Räume der Kunst? Nun ist das in Sachen Kenneth Anger eher plausibel, schließlich bewegt sich seine dezidiert schwule Bilderfindungs- und Montage-Ästhetik in offensichtlicher Nähe zu Verfahren der Kunst. Es ist für die Vorführung der Filme das Kino aber doch der passende Ort. Die Gewalt, mit der das Werk als DVD-Projektion in den Ausstellungsraum umgesiedelt wird, ist auf den ersten Blick sanft, aber es ist doch Gewalt. Und wie zur Wiedergutmachung sind auch hier wieder zwei Räume abgetrennt, diese in grauen Zeltstoff eingekleidet, die sich an der Mimikry ans Kino versuchen. Ein großer Bildschirm jeweils in der Mitte des Raums, darauf läuft etwa Fireworks. Natürlich aber dringt durch die vordere, nur mit Zeltstoff abgehängte Wand, der Lärm, den die Filme draußen im Rotraum machen. Am entscheidenden Punkt wird die Konzentration, die das Kino will, auch und gerade das Spektakel-Kino des Kenneth Anger, gestört. Und zwar, ohne dass dabei wirklich etwas zu gewinnen wäre. 

Die Zerstückelung der Kino-Erfahrung wird durch die Mimikry camoufliert; es kommt aber kein zusätzlicher Gedanke, keine Einordnung, auch kein Erkenntnisgewinn durch Dekontextualisierung hinzu. Nur die Beliebigkeit einer anderen Präsentation, gesteigert noch durch weitere Ideen, die halt so Ideen sind: Man kann auch Fernseher auf den Boden stellen, auf denen nun ebenfalls Anger läuft. Davor liegen Kopfhörer: Lieber Besucher, sagt die Installation, leg dich dazu. Ich habe aber keine Lust, mich dazuzulegen. Ich wüsste auch nicht warum. Da sehe ich mir die Anger-Werke, wenn sie schon im Kino nicht laufen, doch lieber in aller Ruhe auf DVD an. Das ist ein Medium, das weiß, was es kann und was nicht. Das nicht über seinen Gegenstand verfügt, sondern ihn verfügbar macht. Die Ausstellungen zum Vorspannkino und Kenneth Anger unterstellen implizit, dass die Filme allein nicht genügen. Dass sie auf einen kuratorischen Einfallsreichtum angewiesen sind, um dem Museumspublikum zu gefallen. Das sind sie, mit einem Wort gesagt: nicht.

P.S.: Eine Art Rückaneignung der Ausstellung ins Video-Format ist dieser Youtube-Clip, der einen interessanten, wenngleich arg dunklen, verwackelten, vagen Eindruck von der Ausstellung im P.S. 1 vermittelt. James Kalm ist einfach mit der Kamera durch die Räume gegangen und filmt, was zu sehen ist:


1 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • j, 10.04.2009 03:59

    Vielen Dank für die Besprechung. Ich hatte bei beiden Ausstellungen zugegeben ähnliche Eindrücke...