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CARGO Film/Medien/Kultur 41
vom 22. März 2019

CARGO 41 Cover, CARGO 40 Cover,

Container vom 29. Juni 2009 von Ekkehard Knörer

Michael Jackson: Analysen
Von links.

Wie nicht anders zu erwarten, kommen jetzt die ersten wirklich interessanten Analysen zur Bedeutung von Michael Jackson. Es versteht sich von selbst, dass sie einzig als Diagnosen einer Zeit, die unsere war und wurde, funktionieren können. Diedrich Diederichsen, heute in der FAZ (!), ordnet Jackson ein in die jüngere Geschichte einer spezifisch postmodernen Arbeit am Selbst und begreift den Jackson-Weg als exemplarischen Abweg:

Genau das hat die Postmoderne oft vergessen: dass man sich nicht frei, sondern gegen etwas erfindet, gegen etwas, dessen Macht nicht von alleine nachlässt, sonst hätte man ja zu dieser Erfindung wenig Grund. Die selbstreflexiv gewordene Popmusik bot semiologische Kniffe und Kabinettstückchen an, aber Jackson kannte nur die Arbeit am Körper.  (...)  Auf die vielbeschworene Erkenntnis von der kulturellen Konstruiertheit von Rasse, Geschlecht, sozialen Positionen wurde nicht mit deren kultureller Kritik reagiert, sondern voluntaristisch materiell mit dem Skalpell und stählernen Fitness-Programmen schon mal bei sich selbst begonnen.

Diederichsen Analyse bleibt ganz auf der Linie seiner Zeitdiagnosen aus dem jüngsten - brillanten - Buch "Eigenblutdoping", das unterschiedliche Ausprägungen eines zeitgenössischen kapitalistischen Imperativs beschreibt. Eines neoliberalen Markt-Imperativs, der von Individuen nicht Anpassung fordert, sondern fortwährende Selbst-Verbesserung und sogar Selbst-Originalisierung (mein Begriff). Michael Jackson ist genau daran freilich gescheitert. Es bliebt auf Dauer nur das leere Ethos übrig:

Auch darin ist Jackson symptomatisch für die historische Verschiebung der vergangenen Jahrzehnte: An die Stelle des väterlichen Befehls ist der getreten, den wir uns selber geben - du sollst nie aufhören, dich zu optimieren! Selbstdisziplin ist gnadenloser als Gehorsam. Sie kennt kein protestierendes Gegenüber, kein Aushandeln, kein Verweigern. Der Verfasser der größten hedonistischen Hymne, "Don't Stop Till You Get Enough", hat Hedonismus nie gelernt, er konnte sein eigenes Programm nur als Gnadenlosigkeit gegen sich selbst durchsetzen.

Noch sehr viel weiter holt Steven Shaviro in seiner sehr, sehr ausführlichen Analyse aus. Gegen den "ultimativen Hipster" Greil Marcus, dessen Geringschätzung des Jackson-Phänomens Shaviro als borderline-rassistisch verurteilt, sieht Shaviro in Jackson den nicht ein-, aber wohl letztmaligen Inbegriff eines kulturellen Universalisierungsphänomens. Jackson wird so einerseits eingespeist in jüngere linksradikale Theoriebildung, die um die Möglichkeit der "Utopie" im Neoliberalismus, um den Begriff des "Ereignisses" (Badiou) kreist. Shaviro betont einerseits das race-gender-utopische Moment des Phänomens Jackson, seine "ästhetische Singularität", um im nächsten Zug darauf hinzuweisen, dass der Kapitalismus nichts lieber verwertet als Utopien - wobei die Verwertung selbstverständlich den revolutionären Charakter der "Singularität" wieder löscht:

The intensified commodification of all aspects of life in the last thirty years (to a degree, as I have already noted, that I couldn’t have imagined in 1979 or 1982) did indeed start at the moment of Jackson’s triumph (though I think that Marcus’ implicit association of it with Jackson’s blackness is unconscionable). And it did have to do with the fact that utopias are especially marketable in the neoliberal era. Without that flash of greatness and genius, that moment of aesthetic singularity, there would in fact be nothing for the marketers to market (not that such a lack would have stopped them; many successful marketing campaigns have been based on nothing at all). And the way that aesthetic singularity can resonate universally, the way that an entirely novel Truth can become a condition of fidelity, is itself a necessary condition for ubiquitous commodification as well. Michael Jackson both benefited from marketing as no pop celebrity had before him; and became its victim in a manner as gruesome as it was exemplary.

Shaviros Deutungen sind hier auf die Schnelle nicht rekapitulierbar - im Grunde projiziert er da einige Jahrzehnte poststrukturalistischer Theoriebildung auf Jackson. Vielleicht nicht durchweg überzeugend, aber jede einzelne These gibt doch ein Reflexionsniveau vor, auf das man erst mal kommen muss. Hier noch Überlegungen zu Jacksons Hautfarbenwechsel:

Jackson wanted to become generically normative: which is to say, in a white supremacist society he wanted to become white. But in doing so, he only became something even more singular: a kind of grotesque parody of whiteness, a zombiefied, living-dead simulation of whiteness. ... Only racists actually “believe in” whiteness as being anything more than a marker of privilege and control; and only someone as delirious and demented as Michael Jackson ultimately became, and as wounded by not being able to take its privileges for granted, would ever seek to achieve it in so literalistic a way.

5 Kommentare. Kommentar hinzufügen

  • Aleph, 29.06.2009 09:55

    Die Projektion dieses ganzen postmodernen Theorienarsenals auf Jackson könnte irgendwo auch als recht obszön empfunden werden, wo doch die Suche nach Ordnung und Logik innerhalb der Theorienwelt mit ihren oftmals reichlich inhaltsleer anmutenden Begriffen bestenfalls nur einen Schatten von dem zu treffen vermögen, was einmal ein Menschenleben war.

  • simon rothöhler, 29.06.2009 10:02

    wenn shaviro wirklich einmal ein gutes reflexionsniveau erreichen wollte, müsste er an irgendeiner stelle darüber nachdenken, wie lange er eigentlich noch als zombie seiner eigenen theoriebildung umherirren möchte - please stop, we got enough

  • neuronal, 29.06.2009 12:44

    Das sind aber jetzt komische Vorwürfe, Shaviro sticht unter den Theoretikern gerade durch Flexibilität, Offenheit und eine gewisse Beeindruckbarkeit durch die eigenen affektiven Reaktionen hervor. Dass er bei einem doch schon relativ historischen Phänomen wie Jacko sein ganzes Begriffsarsenal aus dem Fenster wirft, kann man doch wohl nicht erwarten.
    Oder wie genau wird das Ende von Shaviros Essay von Euren Vorwürfen abgedeckt?

    "There is an obvious psychological way to account for the misery and self-mutilation of Michael Jackson: it resulted, undoubtably, from the harshness of his childhood, in which he was driven, by his father and his family, to perform and to become a star so intensively, and from such an early age, that he never got to know any other sort of life. But such an interpretation, even if true, is inadequate to Jackson’s genius, to the way he created pleasure and hope and utopian aspirations in the lives of so many, and to the ways that his sufferings and his strangeness are quintessential expressions of American life and society in this neoliberal age."

    DiDi Analyse fühlt sich da schon eher an, als hätte er ne alte Theoriekonserve aufgemacht. Jacksons Tragödie liegt ja nun nicht in seiner Selbstdisziplinierung, sondern in einem Unverständnis, wo die akzeptierten Grenzen der "Selbstoriginalisierung" liegen.

  • Ekkehard Knörer, 29.06.2009 12:52

    @simon: ich sehe das nicht so negativ. das sind die begriffswelten, in denen sich sein denken bewegt. und shaviro hält die begriffe beweglich und damit lebendig (komischer vitalismus hier in den beiden reaktionen übrigens), was man auch daran merkt, dass er an vielen stellen aspekte am phänomen jackson trifft, die ich so vorher nicht gesehen hätte. mich hat shaviros suada um einiges schlauer gemacht, trotz seiner gewiss unübersehbaren tendenz, immer mal wieder in richtung selbstparodie davonzudriften.

  • Ekkehard Knörer, 29.06.2009 12:54

    @neuronal: unsere kommentare haben sich überschnitten. ich stimme ihnen im wesentlichen zu.