Container vom 15. Juni 2009 von
Bataville
Zlin.
In der taz heute ein Bericht von Ronald Berg über eine Konferenz in der tschechischen Stadt Zlin, auf der es um das Schuh-Imperium Bat'a ging. Schuh-Imperium klingt harmlos, aber Bat'a war eher eine Vision als eine Firma. Allerdings eine in die Wirklichkeit umgesetzte Vision. (Die Firma existiert noch immer; es gibt Filialen in Europa, produziert wird da, wo es billig ist. Der größte Markt für Bata-Schuhe ist interessanterweise allerdings Afrika. Dort, habe ich gelesen, ist Bata allgegenwärtig.) Ich habe schon mal aufgeschrieben, was das filmgeschichtlich Erstaunliche an dieser Vision war, die irgendwo zwischen Le Corbusier, Brave New World und Metropolis angesiedelt war:
Binnen weniger Jahrzehnte wuchs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht nur das nach den neuesten tayloristischen, fordistischen und fayolistischen Prinzipien geführte Unternehmen selbst, sondern auch die Stadt Zlín, in der es angesiedelt war. Die Firma war in jeder technischen (und sozialtechnischen) Hinsicht immer an vorderster Front. Sie installierte eine riesige Telefonzentrale, baute ins Zentrum der vorwiegend von Mitarbeitern bewohnten Stadt ein 2.500 Zuschauer fassendes Riesenkino (seinerzeit das größte Mitteleuropas), gründete ein Werksradio und entwickelte schon in den Dreißigern Pläne für ein Betriebsfernsehen. Im firmeneigenen Filmstudio entstanden mit Bat'a-Werbung durchsetzte Wochenschauen, die in der ganzen Tschechoslowakei mit großem Erfolg gezeigt wurden. Sie standen aber - dies die eigentliche Innovation - auch den Kunden in den Schuhgeschäften während der Pediküre in eigens dafür entwickelten Kabinen auf Knopfdruck zur Verfügung.
Dem Text von Ronald Berg entnehme ich nun, dass es noch in diesem Jahr eine Möglichkeit geben wird, sich die Bat'a-Historie mit eigenen Augen anzusehen:
Eine im kommenden November zu Teilen in die Pinakothek der Moderne nach München wandernde Ausstellung betrieb eine Art ästhetische Bestandsaufnahme des "Fenomen Bata". Bata-Schuhe, Bata-Reifen, Bata-Spielzeug, Bata-Häuser, das Bata-Filmstudio und seine Filme und schließlich die Bata-Stadt Zlín als Idealstadt vom Reißbrett, all das waren Bata-Produkte. Kurzum: Bata organisierte das ganze Leben. Die Ausstellung kam in Prag außerordentlich gut an, der Katalog war schnell vergriffen. Die Bata-Planungen für Zlín erscheint den Tschechen heute wie eine paradiesische Utopie.
Es gibt mehrere Filme zu Bat'a. Einen kenne ich, er ist vom britischen Performer/Filmerinnen-Duo Pope & Guthrie. Die beiden sind mit ehemaligen Bat'a-Angestellten nach Zlín gereist, das ganze ist eine faszinierende Gratwanderung zwischen Dokumentarfilm und Performance-Experiment. Immerhin gibt es den Trailer bei YouTube:
Und einen weiteren Film gibt es, von Francois Caillat, Bienvenue à Bataville, von 2008, hier die Website, auch dazu ein Trailer:



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